Jahrgang 
1865
Seite
12
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anlaßt, mit Freund H. den Hamburger Courierzug beſtieg. So dunkel und geſtaltlos, wie die Nacht, in die wir hineindampften, war die Vorſtellung, die ich mir von der nächſten Zukunft machte.

Als die Unterhaltung darüber, ſo wie die letzte abendliche Ge⸗ wohnheitscigarre verglüht, der Körper durch jene ſanft regelmäßige Schaukelbewegung des Wagens zu kümmerlichem Einnicken gebracht war, begannen denn auch die wirreſten Phantaſiegebilde von blutigen Schlachtfeldern, platzenden Granaten, zuckenden Leichnamen und was alles das arme Hirn eines ehrſamen Bataillenmalers von jung auf

durchwirbelt hat, ihren dämoniſchen Reigen in meine halbwachen

Träume zu weben. Dazwiſchen fuhren wie Irrlichter Shakeſpeareſche Citate umher. Bald war ich mitten im Schlachtgewühl:ein Pferd,

Mörder mich wie den armen Clarence im Malvaſierfaß erſticken, bis ich mich, auf⸗ fahrend aus den Krallen des Alp, erwachend wiederfand in einer von etwa fünfzehn glühenden Cigarren erzeug⸗ ten Atmoſphäre des feſt⸗ geſchloſſenen Hannöverſchen Salonwagens, die an die Aktiencompagnie in Immer⸗ manns Münchhauſen ge⸗ mahnte, deren Hoffnung, endlich doch noch die Luft zu Quaderſtein verdichten und verwerthen zu können, hier erneute Nahrung gefunden haben würde. Aus dieſer der erſten und drohendſten Lebensgefahr er⸗ löſte mich Lüneburg bei Mor⸗ W gengrauen mit einer Taſſe ächten Cichorienſaftes und S weiter ging's nach Harburg, aufs froſtig nüchterne Ver⸗ deck des Elbdampfers gen Altona, wo in Wietzels Hôtel bei Holſteiner Auſtern und Porter nach den Leiden der Nachtfahrt geraſtet wurde. Da der nächſte Bahnzug nach Flensburg erſt Nach⸗ mittag um 5 Uhr abgehen ſollte, ſchlenderte ich durch Altona, wo ich, als bedeut⸗ ſamen Prolog zu meinem bevorſtehenden Drama, die

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erſten Opfer des Krieges G

ſah: einen verſtümmelten Oeſterreicher an Krücken da⸗. her humpelnd, ſo wie bleiche. verbundene Köpfe hinter den Fenſtern des dortigen Spitals. In Hamburgs Straßen ſah's ſchon leidlich kriegeriſch aus. Neue Zufuhr ſchwerer preußiſcher Geſchütze, in jugendlichem Bronzeglanz in der Sonne funkelnd, wurden von harmloſen Civilfuhrknechten auf Leiterwagen über das dröhnende Pflaſter zur Bahn transportirt. Große Züge zu ihren Regimentern ſtoßender Reconvalescenten oder periodiſch Abkommandirter aller Waffengattungen durcheilten mit ihren Quartierzetteln die Straßen in allen Richtungen. Bei Schwager W. und den lieben Seinigen fand ich, wie immer, Herz und Körper ſtärkende Aufnahme bis zur Stunde der Abfahrt. Unterwegs, je weiter, je mehr häuften ſich die Kennzeichen des nahenden Kriegstheaters: die noch von den Bundestruppen aufgeworfenen Rendsburger Flügelſchanzen, Reſte des Dannewerks, lange Convois Leichtbleſſirter, nachrückenden Opfern des Kampfes den Platz räumend.

In Flensburg Abends um 11 Uhr angekommen, wurden wir durch eine Ordonnanz unſeres verehrten Fürſten von Hohenzollern am Bahnhof in Empfang genommen und in das vom Kronprinzen

für uns beſtimmte Quartier, bei dem gemüthlichen Weinhändler Juhl, vis à vis Hötel Raſch befördert, eine um ſo freundlichere Ueber⸗ raſchung, als wir uns, nach Mittheilungen der Mitreiſenden unter⸗ wegs, ſchon mit Reſignation in die Ausſicht ergeben hatten, in der überfüllten Stadt, wenn nicht auf der Straße, doch beſten Falles auf einem Stuhl im Wirthsſaale die Nacht durchkampiren zu müſſen. Statt deſſen fanden wir bei der bekannten Madam Raſch, die un⸗ geachtet ihrer däniſchen Sympathien aus der preußiſchen Invaſion recht gut Capital zu machen verſteht, im großen Speiſeſaal, dem per⸗ manenten Verſammlungsort der Offiziere des Hauptquartiers, präch⸗ tige Holſteiner Auſtern zu ſtärkendem Nachtimbiß. Dazu ergötzten wir uns zum erſten Male an dem kriegeriſchen Ausſehn der anweſen⸗

ein Pferd, ein Königreich für'n Pferd, bald wollten König Richards den Marsſöhne, die in einigen wahrhaft rieſigen Exemplaren mit

Vollbart, raſſelndem Korb⸗ ſchleppſäbel und hohen Rei⸗ terſtiefeln vorhanden waren.

Am andern Morgen nach erquicklicher Ruhe im natio⸗ nalen weichen Daunenbett beſahen wir uns zunächſt die Stadt mit ihrer lang ge⸗ ſtreckten Hauptſtraße, ihren alterthümlichen Giebelhäu⸗ ſern, dem ſtattlichen Hafen, an dem wir, in langen Zügen die friſche Seeluft athmend, auf und nieder wandelten. Dann machten wir dem Für⸗ ſten von Hohenzollern unſere Aufwartung, der uns mit gewohnter Liebenswürdig⸗ keit empfing, zur vorläu⸗ figen Orientirung mit höchſt beachtungswerthen Notizen verſah und uns zu Mittag zu ſoldatiſchem Gabelfrüh⸗ ſtück einlud. Bis dahin be⸗ ſahen wir uns den hoch über der Stadt gelegenen Kirchhof mit ſeinen Denkwürdigkeiten, den Gräbern der damals bei Idſtädt gefallenen Dänen, den kürzlich zerſtörten Fun⸗ damenten des berüchtigten Bronze⸗Löwen und die köſt⸗ liche Ausſicht auf den Hafen und die ferne tiefblaue See.

In nichts weniger als hof⸗ mäßiger Toilette der Frack gehört hier zu den Unge⸗ heuerlichkeiten einer vorwelt⸗ lichen Schöpfungsperiode wurden wir dann wieder durch unſern Fürſten zum Kronprinzen geleitet und prä⸗ Welch bezaubernde, herzgewinnende Liebenswürdigkeit, vor

ſentirt. deren erwärmendem Hauch das Eis jeder conventionellen Gemeſſen⸗

heit ſchwindet! Dazu die hohe, ritterliche Erſcheinung mit der breit⸗ gewölbten Bruſt, dem ſtattlichen blonden Vollbart, ſtrotzend in Manneskraft, ein ächter Hohenzoller.

Dann begaben wir uns zu dem dienſtthuenden Adjutanten des Prinzen, dem Major v. S., der uns mit den nöthigen Legitimationen, ſowie mit einer Autoriſirung verſah, zu unſerer Beförderung auf dem Gefechtsterrain nach Bedürfniß Bauerfuhrwerk requiriren zu dürfen, eine Vergünſtigung, deren hohen Werth wir bald ermeſſen ſollten.

Um Mittag fanden wir uns wieder bei dem Fürſten von Hohen⸗ zollern ein, trafen dort unſern Düſſeldorfer Hauptmann v. O. und Lieutenant und Adjutant v. L. und wurden vortrefflich bei feurigem Markobrunner bewirthet, bis die Meldung kam, ein muntres Zwei⸗ geſpann harre drunten unſer zur Abfahrt. Uns verabſchiedend, rollten wir nun dahin über Flensburgs berüchtigtes Pflaſter, ein dem ge⸗ füllten Magen nicht ganz paſſender Genuß, dabei aber in dankbarſter

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