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ſeines Wortes:„Vergeßt die treuen Todten nicht!“ Sie wallte zu ſeinem Grabe, und dann wußte ſie hienieden nichts Lieberes mehr
zu thun, als ſich in das Bild des Bruders zu verſenken, in die Schön⸗ heit ſeines geiſtigen Weſens, die Züge ſeines Antlitzes und das liebe
Bild immer wieder zu malen. So that ſie, bis ſie ein Nervenfieber ergriff. Noch oft rief ſie in ihren Phantaſien des Bruders Namen. Sie ſtarb und ward neben dem Bruder unter der Eiche von Wöbbe⸗ lin begraben. Eine Menge Elends, das der Krieg zurückgelaſſen, bedurfte der Linderung. Die Frauen verrichteten ihren Dienſt an den
Verwundeten. Chriſtliche Männer traten zuſammen, um die Waiſen
zu verſorgen. Ungeheuer waren die Verluſte an Hab und Gut, un⸗
geheuer mußten die Anſtrengungen ſein, um den Ackerbau, das Hand⸗
werk, den Handel wieder in Betrieb zu ſetzen. Aber eine wunder⸗ bare Werdeluſt ließ ſich überall ſpüren. Der Bauer konnte ſeinen Acker wieder beſtellen, ohne Furcht, daß ein feindliches Heer die reifen Garben als Streu unter die Pferde werfen werde. Der Handwerker
konnte wieder am goldenen Boden ſeines Handwerks ſich freuen. Die
Flüſſe und Meere waren wieder frei für den Verkehr. Der Buch⸗ handel mußte ſich eilen, um den geiſtigen Bedürfniſſen der Na⸗ tion genügen zu können. Und in den Hörſälen ſammelte ſich eine Jugend, die durch ſtrenge Sittlichkeit und ernſte Wiſſenſchaftlich⸗ keit des deutſchen Vaterlands ſich würdig zu machen ſuchte.
Unter ſolchen Stimmungen kam der 18. October, der Jahrestag der Leipziger Schlacht, heran. Arndt ließ bei Zeiten„ein Wort über die Feier der Leipziger Schlacht“ ausfliegen. Gab ſeine Poſaune den deutlichſten Ton, ſo war er doch nicht der Einzige, welcher dem deut⸗ ſchen Volk ein Nationalfeſt zu ſchaffen verſuchte. Auch andere ſuchten der friſchen Fülle des Lebens, welche über das Land wieder ausge⸗ goſſen war, zum feſtlichen Ausdrucke, zum gemeinſamen Jubel zu verhelfen. So hat Friedrich Kohlrauſch in demſelben Jahre in„ſechs Reden über Deutſchlands Zukunft“ den Vorſchlag gemacht, Deutſch⸗ land möchte alle drei Jahre drei große deutſche Lager bilden, ein öſtreichiſches in Prag, ein preußiſches in Magdeburg, ein bairiſches, zu dem ſich das übrige Deutſchland ſammeln ſollte, in Nürnberg, alle zwölf Jahre aber ſollten ſich die drei Lager bei Leipzig in eins ver⸗ einigen und die Grundlage zu einer nationalen Feier bilden, in wel⸗ cher alles ſchönſte Leben des deutſchen Volks ſich feſtlich zuſammen⸗ drängen ſollte. Neben den kriegeriſchen ſollten geiſtige Wettkämpfe auf dem Gebiete der Kunſt gekämpft werden und gipfeln ſollte das nationale Feſt in der religiöſen Feier. Indeß waren Arndts Vor⸗ ſchläge weniger abhängig von der Zuſtimmung der regierenden Ge⸗ walten, einfältiger an die kirchliche Sitte augeſchloſſen und darum, wie es ſich bald zeigte, ausführbarer. Der Grundton der Feier ſollte der Dank ſein, der aus allen Kirchen zum Herrn der Heerſchaaren für die durch ſeine Gnade vollbrachte Befreiung aufſteigen ſollte, das freu⸗ dige Gemeingefühl des ganzen deutſchen Volks in dieſem Danke. Arndt ſchlägt vor, den 19. October als den großen und ſtehenden Feſttag, den 18. October als Vorabend des Feſtes anzuſehen. Mit dem Schlage zwölf Uhr wird am 18. October Sorge und Arbeit bei Seite geſtellt und das feſtliche Kleid und Gemüth angezogen. Geſang und Klang laſſen ſich hören, Kanonen und Raketen verkünden am Abend das Feſt. Aber der Hauptträger der Siegsbotſchaft iſt das Feuer. Von Stralſund bis Trieſt und von Memel bis Luxemburg werden auf Bergen, Hügeln, Thürmen, Feuer angezündet. Sie ſind Warnungs⸗ zeichen für die Feinde, über deren Grenzen ſie hinüberleuchten, Erinnerungszeichen alter Brüderſchaft für die Deutſchen, die noch unter franzöſiſcher Herrſchaft ſtehen, Liebes⸗ und Freudenzeichen für alle in den deutſchen Landen. Um die Feuer her verſammeln ſich die Menſchen in feſtlichen Kleidern, die Hüte und Locken mit Eichen⸗ laub, die Herzen mit grünen Gedanken umkränzt, ſie erzählen einan⸗ der, was geſchehen iſt, ſie halten Reigen und Gaſtmahl und dann läuten die Glocken mit hellen Klängen den morgenden Feſttag ein. Am Vormittag des 19. October gibt's prangende Aufzüge, feierliche Verſammlungen zum Gottesdienſt in der Kirche, am Nachmittag Feſt und Freude in mancherlei Weiſe, nur daß das Vaterländiſche und Gemeinſame überall hervortritt. Kriegeriſche und Leibesübungen, Gaſtmähler und Sammlungen für die verwundeten und verkrüppel⸗ ten Krieger werden veranſtaltet. Hochzeiten, an dem Siegstag der Deutſchen gefeiert, gewinnen eine gute Vorbedeutung. Den Kindern wird die Geſchichte des Kriegs und Siegs erzählt. Selbſt die Haus⸗
thiere ſollen, wie's bei den Altvätern Brauch geweſen, an dieſem Tage beſſer gehalten werden und empfinden, welch eine Freude im Lande iſt.
Die Feier fand denn Statt, im Ganzen und Großen, wie Arndt ſie vorgeſchlagen. Namentlich in den Gebirgsgegenden des weſtlichen, ſüdlichen, mittleren Deutſchlands flammten viele Tauſende von Sie⸗ gesfeuern, das Schönſte an der Feier war das Gemeingefühl, das
vaterländiſche und das religiöſe. Regierungen und Unterthanen kamen, mit geringen Ausnahmen, nicht in Widerſtreit. Wo die Trä⸗ ger der Regierung und des kriegeriſchen Commandos leuchtende Namen aus der Kriegszeit waren, konnte ihr Vortritt die Begeiſterung nur mehren. Der General Hünerbein in Düſſeldorf gab dem Volke ein kriegeriſches Spiel, ein Bild der Leipziger Schlacht. Juſtus Gruner, der General⸗Gouverneur, veranſtaltete ein Vogelſchießen und Maſt⸗ baumklettern und ließ Preiſe von patriotiſcher Bedeutung austheilen. Beſonders erfreulich war bei der Feier eine Einigkeit und Brüderlich⸗ keit unter den Ständen, wie ſie die vergangenen Jahrhunderte nicht gekannt. Alle waren Schuld an Deutſchlands Erniedrigung geweſen, alle hatten ſich gegen den Feind erhoben, alle wollten nun an der Sie⸗ gesfeier Theil nehmen. Der ehemalige reichsunmittelbare Adel ſtand überall in vorderſter Reihe. Er hatte unter dem Einfluß der Napo⸗ leonſchen Herrſchaft ſich unter die Fürſten des Rheinbunds beugen müſſen, mit denen zuſammen er ſonſt unmittelbar unter dem deutſchen Kaiſer geſtanden hatte. Wie Stein, der ſeinen Unwillen darüber in dem berühmten Briefe an den Fürſten von Naſſau ausgeſprochen, waren ſeine Standesgenoſſen zur Bereicherung der Stammesfürſten kein Opfer zu bringen geneigt, wohl aber für die Größe und Einheit des Vaterlandes. Aber der Adel überhaupt nahm mit ganzem Herzen an der Feier Antheil. Aus Göbrichen bei Bretten gibt ein Bericht⸗ erſtatter Kunde von der Octoberfeier. Eine Mutter von Stande, er⸗ zählt er, begegnete ihm, mit einem Säugling auf dem Arm, auf dem Wege zum Feſtplatze. Er drückte ſeine Beſorgniß aus, daß ſie das zarte Kind mitgenommen.„Das ſei die Weihe meines Sohnes,“ ant⸗ wortete ſie,„um für ſein ganzes Leben ein Deutſcher zu bleiben.“ Zu Ziegenberg in Heſſen ſchritt die verwittwete Freifrau von Löw inmitten ihrer Gemeinde, die ſie nachher feſtlich bewirthete, zu der Höhe hinan, auf welcher das Feuer angezündet werden ſollte. In Neuwied, aus deſſen Fürſtenhaus jener von Arndt beſungene, im Kampfe gegen Napoleon in Spanien gefallene Prinz Victor ſtammte, ſtellte ſich die fürſtliche Familie an die Spitze der Feier unter freudig⸗ ſter Zuſtimmung der Bevölkerung. In Berleburg erhebt ein Graf Witgenſtein die Sammlung für die Armen, in Laubach gehen zwei hübſche junge Gräfinnen, wie der Bericht erzählt, mit Tellern unter dem Volke umher und ſammeln für die Bedürftigen. Der Rittmeiſter von Degenfeld⸗Ehrſtadt, ein badiſcher Freiwilliger, brachte ein Hoch auf„die deutſchen Frauen, welche durch wohlthätige Vereine die lei⸗
denden Krieger gepflegt haben, insbeſondere die preußiſchen, als
Muſter der deutſchen Frauen.“ Der Graf Albert von Erbach⸗Fürſtenau trank, nachdem er die Monarchen und Feldherrn hatte leben laſſen, auch auf die„gekrönten neueren deutſchen Volksbildner, Arndt und Jahn.“ Es war nicht wenig Ueberſchwängliches bei dieſer erſten Feier des Leipziger Siegestags. Aber wenn wir der Stammes⸗ und Standeseiferſucht uns erinnern, welche vorher in Deutſchland ge⸗ herrſcht, welch ein hoffnungsreiches Zeichen war dann das ſchöne deutſche Gemeingefühl!
Und auch ein chriſtliches Gemeingefühl war vorhanden und gab der Feier die ſchönſte Weihe. Seit Jahrzehnten hatte die herrſchende Gleichgiltigkeit in religiöſen Dingen den Werth der Unterſcheidungs⸗ lehren faſt auf nichts herabgeſetzt und die Grundwahrheiten des apoſtoliſchen Glaubensbekenntniſſes auf's Aergſte abgeſchwächt, aber die Glieder verſchiedener Kirchen, da denn doch die trennenden Mauern gefallen ſchienen, in Einer Kirche zu vereinigen, dazu bedurfte es eines Aufſchwungs, deſſen die religiöſe Gleichgiltigkeit nicht fähig war. Nun verſammelte bei der Octoberfeier die deutſche Einigkeit die geſammte Bevölkerung der Städte und Dörfer auf den Bergen. War man aber draußen Eine Gemeine geweſen, ſollte man im Heiligthum ſich trennen? Sollten vor den Kirchthüren die Menſchen, die um die Feuer auf den Bergen ſich verbrüdert, auseinander gehen? Das ſchien unmöglich. Wo darum verſchiedene Confeſſionen an einem Orte zuſanimen wohnten, ward auch häufig nur Eine kirchliche Feier veranſtaltet. Und ein nie geſehenes Bild bot den Augen ſich dar, daß in derſelben Kirche nicht bloß der Lutheraner und Reformirte,


