Lin Bflegekind aus königlichem Blut.
Hierzu das Bild auf Seite 5.
Allerdings, aus königlichem Blute war das Kind, welches am 7. Januar 1864 im zoologiſchen Garten zu Dresden geboren wurde, und das der geniale Stift Robert Kretſchmers nach ſeinem ſrühen Tode des Fortlebens im Bilde für würdig gehalten hat. Sein Vater iſt Sr. Majeſtät Felis leo, König der Wüſte und Selbſtbeherr⸗ ſcher aller Thiere, ſeine Mutter heißt Betti und iſt eine der ſchönſten Prinzeſſinen eines der älteſten Löwengeſchlechter aus Nubierland.
Zwar hat ſchon manche exilirte Löwenfamilie auf Europa's un⸗ gaſtlichen zoologiſchen Gefilden Nachkommenſchaft erzielt, wenn auch ſeltener aufgebracht, aber das kurze Leben dieſes Thieres bietet ſoviel reizend menſchliche Momente, ſoviel zoologiſch Intereſſantes, ſein Zuſammenſein mit Pflegemutter und Milchſchweſtern hat ſoviel treu Familienhaftes, daß es trotzdem den Freunden der Thierwelt und der Thiergärten vorgeführt werden mag.
Von jeher war das Hauptintereſſe des Dresdener Publikums an ſeinem zoologiſchen Garten auf das prächtige junge Löwenpaar gerichtet geweſen, deſſen eheliches Leben allerdings derart voll von Eiferſucht, Kindsmord und anderm Skandal war, daß es mit Recht die Aufmerkſamkeit und das Aergerniß einer ſo ehrſamen Stadt erre⸗ gen konnte.
Schon im Auguſt 1863 hatte die damals vierjährige Löwin ihrem Gemahl die erſten Vaterfreuden durch zwei wohlgeborne Junge bereitet, jedoch zeigte ſich ſchon damals die Unzuverläſſigkeit ihres
mütterlichen Charakters, indem ſie dieſelben, allen bisherigen Angaben
der meiſten Naturgeſchichten zum Trotz, blind und nicht ſehend zur
Welt brachte. Als mildernder Umſtand kann gelten, daß wenigſtens
die Tragzeit mit der gewöhnlichen Angabe von 108 Tagen überein⸗ ſtimmte.
Nach den Mittheilungen des um den Dresdener Garten hoch⸗ verdienten Herrn Inſpektor Schöpff trat mit Beginn der Brunſtzeit beim männlichen Löwen eine Wildheit ein, welche ein grandioſes Schauſpiel gewährte und um ſo mehr überraſchen mußte, als ſonſt die Thiere ſo zahm waren, daß ſie Herrn Schöpff die Hände leckten und ihn auf alle Weiſe durch das Gitter zu liebkoſen ſuchten. Alle Zei⸗ chen waren dafür da, daß es Eiferſucht war, welche die Natur des königlichen Thieres ſo veränderte, denn es zeigte ſchon mit grimmigem Knurren die Zähne, wenn der Inſpektor nur den Namen der Löwin (Betti) rief, zur völligen Raſerei aber kam es, wenn jemand ſich ihr nähern wollte.
Bei der’ Geburt des männlichen Jungen war der Löwe noch in einem und demſelben Käfige mit der Löwin zuſamnien und leckte dieſelbe unaufhörlich. Dennoch wurde es für zweckmäßig erachtet, Beide zu trennen, und man öffnete daher die Thüre,
welche nach einem dunkeln Raume im Nebenkäfige führte, worauf die Löwin ſogleich das Junge mit größter Vorſicht faßte und hinüber⸗ Da nun aber beide Thiere ſich über die Trennung mißmuthig zeigten, hielt man es doch für ge⸗ rathen, ſie wieder zuſammen zu laſſen, und als dies geſchah, ſchien die Löwin ſichtlich erfreut darüber, ermunterte ihren Gemahl, indem
trug; hier gebar ſie daun das zweite.
ſie ihn mit der Tatze nach der Thüre hinſchob, ſeine kleinen Nach⸗ kommen zu beſehen, vertrat ihm aber den Weg, als er wirklich her⸗ überkommen wollte, worauf er auch ruhig in ſeinem Käfige blieb. Schon am dritten Tage theilte er jedoch die Wohnung ſeiner Familie öfters, er wurde immer dreiſter und am ſechſten Tage erlaubte er ſich, das junge Weibchen zu faſſen und triumphirend im Käfige herumzutragen, ſichtlich aber ohne dem Thierchen etwas zu Leide thun zu wollen. Kaum ſah dies aber die Mutter, als ſie grimmig auf ihn losſtürzte und nach ihm ſchlug, worauf er wahrſcheinlich das Junge feſter packte und nicht eher losließ, als bis ihm ein Kaninchen vorgehalten wurde. Von nun an blieben die Alten getrennt; das Kleine aber ſtarb ſchon am dritten Tage darnach, trotz aller Verſuche ihm Nahrung beizubringen. Das andere Kleine wurde nun ebenfalls auffallend von der Löwin vernachläſſigt, im Käfig hin⸗ und hergeſchleudert und ſtarb ſchon am 12. Septbr.
So war denn der erſte Wurf trotz Mühe und Verdruß verun⸗
glückt. Auch dem Dresdener Garten waren die ſchlimmen Erfahrun⸗
gen nicht erſpart worden, die man aller Orten mit der Fortpflanzung
der größeren katzenartigen Raubthiere in der Gefangenſchaft macht, aber ſchon war die Löwin wieder trächtig, und diesmal gedachte man, geſtützt auf die bisherigen Erfahrungen, ihr Wochenbett auf das Schärfſte zu überwachen, alle Zufälligkeiten abzuſchneiden und bei der geringſten Wiederholung der mütterlichen Streiche die Jungen fortzunehmen.— Am 7. Januar 1864 gebar die Löwin wieder drei und zwar weib⸗ liche Junge, von denen zwei nach vier Tagen ſtarben. Das dritte, un⸗ ſere Heldin, das am neunten Tage vollkommen ſehen konnte, pflegte die Mutter zehn Tage lang, ſie ſäugte es willig, wurde durch nichts ge⸗ ſtört und alles ſchien in beſter Ordnung; dennoch begann ſie plötz⸗ lich auch dieſes Kleine zu mißhandeln und es wurde daher von der Mutter getrennt; leider waren ihm aber ſchon die zwei letzten Schwanz⸗ wirbel abgebiſſen und in den Weichen hatte das arme Thier eine 3¼ Zoll tiefe Wunde. Herr Schöpff nahm nun das Junge in ſeine Wohnung und da es durchaus keine Milch annehmen wollte, gelang es ihm endlich, eine ſäugende Hündin von dem treuen Geſchlecht der Affenpinſcher aufzutreiben und jetzt, nachdem die junge Löwin 26 bis 30 Stunden ohne Nahrung geweſen, begann ſie glücklicher Weiſe an der Hündin zu ſaugen. Zuerſt mußte der Hund feſtgehalten werden, aber ſchon am dritten Tage war dies nicht mehr nöthig, und das Kleine lag nun mit der Pflegemutter in einem langen Transportkorbe auf Decken und Stroh. Beide hatten ſich der beſten Pflege, beſonders von der Toch⸗ ter des Herrn Schöpff, einer großen Thierfreundin, zu erfreuen; die Wunden der kleinen Löwin, von der Hündin geleckt, waren bald geheilt, auch hielt Letztere das Lager ſtets von Unrath rein, indem ſie, nach Art aller Hündinnen, ſofort die Loſung wegleckte. Mit 24 Tagen hatte die junge Löwin 12 Backenzähne und am 36. Tage waren auch die Eckzähne völlig durchgebrochen. Bis hierher war alles gut gegan⸗ gen. Sechszehn Tage alt kletterte ſie ſchon aus dem Korbe. Drei Wochen alt begann ſie etwas Fleiſch zu freſſen, und im Februar fing ſie bereits an zum Sprunge auszuholen, mit Schnelligkeit auf das Sopha zu ſpringen, ſich da feſtzuhäkeln oder von da auf den Tiſch zu ſetzen. Die Hündin ſpielte mit ihr auf das Lieblichſte und zeigte ſich überhaupt voll Zärtlichkeit gegen das Kleine. Leider litt a die junge Löwin gar ſehr an⸗dem Zahnen, man ſah genau, wie viele Schmerzen es ihr mache, namentlich beim Durchbrechen der zwei letz⸗ ten Backenzähne am 6. April. Dabei litt das arme Thier ſehr an Verſtopfung und trotz der angewendeten Mittel mußte man für ſein Leben fürchten; ſtundenlang lag es bewegungslos da und von Springen und Spielen war nicht mehr die Rede. Zwar erholte es ſich wieder etwas, auch fraß es immer dabei, wenn auch weniger im geſunden Zuſtande, aber trotz aller Mittel, die mit Umſicht ge⸗ braucht wurden, zehrte es immer mehr ab, ging langſamer, mußte oft ausruhen und zeigte überhaupt nur noch Freude, wenn Herr Schöpff, beſonders aber ſeine Gattin und Tochter ſich ihm nahten, oder wenn die Hündin längere Zeit weggelaufen war und dann wie⸗ der zurückkam. Letztere brachte in dieſer Zeit wieder fünf Junge zur Welt, von denen man jedoch nur zwei am Leben ließ. Die junge Löwin und die Hündin waren nur durch ein Gitter getrennt, das leicht zu öffnen war, und einen Tag, nachdem die Hündin geboren hatte, wurde die Löwin zu dieſer gelaſſen, die durchaus keine Angſt zeigte, ihren Pflegling vielmehr gleich wieder liebkoſte, indeß die die jungen Hundchen leckte. Ganz Dresdeu wußte davon zu erzäh⸗ len, wie die jungen Hunde au der Löwin zu ſaugen ſuchten, ſie fü ihre Mutter haltend, wie ſie ſie zupften und neckten und dabei nicht ſanft zu Werke gingen. Dieſe Zärtlichkeit dauerte fort, ſelbſt als die jungen Hunde größer wurden, und dennoch zeigte ſich das kranke Thier immer liebevoll und zärtlich gegen die balgenden, tölpel⸗ haften Quälgeiſter und drückte ſie oft ſanft mit einer gewiſſen Innig⸗ keit an ſich. Um zu ſehen, ob die Löwin wohl einen Unterſchied zwi⸗ ſchen Hund und Hund machen, überhaupt ihre Raubgierde zeigen würde, hielt man ihr einen ähnlichen jungen Hund vor. Auf dieſen aber ſprang ſie ſo drohend und grimmig zu, daß er gleich wieder ent⸗ fernt werden mußte. Ein junges, ihr vorgehaltenes Kaniuchen wurden ſogleich von ihr gepackt, zerriſſen und mit Haut und Haar verzehrte Trotz aller angewandten Müſhe, trotz der treueſten Pflege,


