Jahrgang 
1865
Seite
6
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4 Als Georg acht Jahr alt war, da kam er, mit ſeinem nagel⸗ neuen Schulranzen auf dem Rücken, um ſich zu verabſchieden, da er nnn in eine lateiniſche Koſtſchule kommen ſollte. Er war beſtimmt, des Vaters Gut zu übernehmen, da er aber gute Anlagen zeigte, ſo wollte der Vater nichts verſäumen, ihmeinen guten Schulſack zu ſichern, da Herr Rau ſelbſt oft mit Beſchämung empfand, daß der ſeine ſehr mäßig ſei. 1 Im Gefühl ſeiner künftigen Würde als Koſtgänger verbiß Georg muthig das aufſteigende Bangen vor der Fremde und that ſchon ſehr groß mit ſeiner künftigen Gelehrfamkeit. Auch Marie nahm den Abſchied noch gar nicht ſentimental, ſie ſchlug die größere Entfernung nicht ſo hoch an und betrachtete den kleinen Geſpielen mit gewiſſem Reſpekt, daß er jetzt Koſtgänger werde, was ihr ſchon wie eine Art von Beruf vorkam. Sie opferte ihm auch ihr ganzesMaugeneſt: den Vorrath von Aepfeln und Birnen, den ſie heimlich vom vorigen Herbſt her in einem leeren Stall im Heu verborgen hatte. Da der Weg gerade etwas ſchmutzig war und die Pferde daheim, ſo ließ ſich's der Müller nicht uehmen, den Gevatter mit dem Kleinen auf dem blauen Bernerwägelchen nach Haus zu führen. Georg erſtieg den hohen Sitz etwas mühſam, die wohlgefüllten Taſchen machten ihn faſt ſoo ungelenk wie eine Boa Konſtriktor, die zum Benefiz des Publikums ſſich vollgegeſſen, als er aber oben war, zog er den ſchönſten ſeiner ge⸗ ſchenkten Aepfel heraus und biß beim Abfahren mit vollen Backen

hinein, es war das, unbewußt, eine Art Huldigung für die kleine Marie, eine Anerkennung ihrer Liebesgabe, auch freute ſich Marie ſehr darüber und kehrte ganz befriedigt ins Haus zurück mit dem kleinen dicken Brüderlein, das kaum anſing zu gehen, Chriſtian hieß, und bis jetzt noch keineswegs zu den vielverſprechenden Kindern gehörte.

Nun war's ein andres mit dem Verkehr der Kinder, und wenn Marie hie und da vielleicht noch des Geſpielen dachte, ſo ſpielte er doch ganz und gar keine Rolle in ihren Träumen. Sie mußte jetzt früh Morgens hinauf ins Dorf zur Schule und nachher gleich mit ihrem Strickkörbchen bei der Frau Schulmeiſterin bleiben, die eine Induſtrieſchule hielt. Damit ſie den mühſeligen Weg nicht wieder zurück machen durfte, war ihr Körbchen ziemlich mit Proviant ver⸗ ſehen, zudem theilte ſie des Schulmeiſters beſcheidnes Mahl.

An ſchönen Tagen war das ein ganz vergnüglicher Tageslauf für die Kleine; kein luſtigeres Leben als ſo ein tägliches Wandern zur Schule an ſonnigen Tagen! Da ging der Weg zwiſchen Hecken, an denen ſich die erſten grünen Blättchen vom Stachelbeerbuſch los⸗ wickelten, bis man ſpäter die rothen Beeren ſchmauſen durfte, da wuchſen die weißen Palmkätzchen, die erſten Frühlingsboten, Weiß⸗ doornblüthe und ſpäter die wunderlich geformte Frucht der Berlenritze, aus der ſich die Mädchen Korallenſchnüre machten, jeden Tag gab mes etwas Neues in die Schule mitzubringen.

8 Dann führte der Weg über Vaters große Wieſe und die Birn⸗ und Apfelbäume ſtreuten im Frühling die weißen Blüthenblättchen und im Herbſt die ſaftigen Früchte auf den Pfad. So ein rother Apfel, der unverſehens im grünen Graſe blinkt, ſchmeckt viel beſſer, als die man daheim bekommt. Und nun ging's durchs Aehrenfeld, da waren im Sonimer die Aehren ſo hoch, daß man Mariechen gar nicht dazwiſchen ſehen konnte; da pflückte ſie blaue Kornblumen, aus denen ſie mit den Mädchen Zöpfe flocht, rothe Stechnelken, die ins 4 Näschen ſtechen, wenn man daran riechen will, purpurrothe Mohn⸗ tuospen, aus denen ſie mit Georg ſchon die ſchönen Prinzeßlein ge⸗ macht, und Ritterſporen, deren innere Blüthen man zu ſo zier⸗ lichen Kränzlein ineinander ſchieben kann. Auf ſeinen ſtillen Schul⸗ pfaden, allein mit dem getreuen Wächter, führte das Kind ſo ein

reiches, wechſelvolles Naturleben voll immer neuer Genüſſe. 4 Zur Gelehrten zeigte ſie wenig Anlage, und lernte mehr dem 3 guten, freundlichen Schulmeiſter zu lieb, als aus eignem Trieb. 3 Viel lieber waren ihr die Nachmittagsſtunden, wo in der großen Schulſtube die Frau Schulmeiſterin ihre Arbeitsſtunden gab, groß⸗

artiger Weiſe Induſtrieſchule genannt.

Da herrſchte minder ſtrenge Disciplin als in den Schulſtunden; wenn man nur ſeineMal rum von dem bunten eingeſtrickten Seidefädlein an ordentlich geſtrickt hatte, ſo war dazwiſchen Lachen, Singen und Plaudern geſtattet; man hielt Wettkämpfe im Stricken: en ählerles wie ſie alle hießen; wenn

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die Frau Schulmeiſterin fyt war, erzählte man mit halbla Stimme ſchauerliche Spuk⸗ und Hexengeſchichten: von dem grü Männlein, das in der Schüe ſelbſt umging, von dem Pfarrtöcht lein, das von einer böſen Hqe das Hexen gelernt hatte, alß, daß aus dem Handtuch Milch makeen konnte, das ſein Vater dann ein ſchläferte mit Mohn, daß es mnmer erwachte, damit er vielleict ſein, Seele noch retten könne. O, das war das ein behagliches Ghſeln, mit dem ſich die kleinen Mädche zuſammendrängten und kaum ehr zu flüſtern wagten, zumal wem es ſchon dämmerig wurde. Dun kam zum Glück oft der alte Sqhlmeiſter ſelbſt dazwiſchen und 8 ihnen ein Geſchichtchen von Chritoph Schmid vor, darin ein klarere und freundlicheres Element ſpelte, von den Oſtereiern oder dem Blumenkörbchen, wo ſie über das Loos der unſchuldig angeklagten

Gemächer verſetzten, wo lauter grundedle Gräfinnen und Grafen walteten.

Mariechen fühlte immer am tiefſten mit.Dui heult gli, bemerkten ziemlich roh die andern Kinder; über Genovefa md Schmerzenreich, namentlich über die rührende Botſchaft der todtkranken Gräfin an ihren ungerechten Gemahl konnte ſie ſich gar nicht tröſen, o Herr Schulmeiſter, nur auch bis ſie wieder beiſammen ſind 44 hat ſie flehentlich, ſo oft er aufhören wollte,ich kann ja ſonſt nicht heim. Dummes Ding, die wären jetzt eineweg geſtorben, all miteinander, ſagte Lammwirths Roſine,um die heulſt jetzt nimmer.Ich kann's eben nicht vertragen, wenn Leute von einander kommen, die einander lieb haben.Mußt noch allerlei lernen, was Du nicht kannſt, ſagte gutmüthig der alte Schulmeiſter...

Bei Sturm, Schnee und Regeuwetter, da durfte Marie nicht zu Fuß in die Schule, da führte ſie der Müllerburſch auf dem Ber⸗ nerwägele hinüber, war's gar zu ſchlimm, ſo blieb ſie daheim und ſetzte ſich mit dem Strickkörbchen zu der ſpinnenden Mutter, dann kam der alte Schulmeiſter wohl am Sonntag Nachmittag herüber, trank ein Schälchen Kaffee mit Müllers und bemühte ſich, mit Marien nachzuholen, was ſie etwa in der Schule verſäumt hatte. Ein Ge⸗ lehrter war der alte Schulmeiſter nicht, in keinem Seminar gebildet, und keineswegs auf der Höhe der Zeit. Aber er war ſo unrecht nicht; er hatte außer der Bibel, aus der er all ſeine Lehren und Grundſätze ſchöpfte, nur Ein weltliches Bildungsmittel, deſſen Früchte auch ſeiner Schülerin zu Gute kamen, er las, wie er ſelbſt ſehr wohlgefällig er⸗ zählte, ſeine Zeitung mit der Landkarte und mit dem Konverſations⸗ lexikon, da ſuchte er alle Länder, alle Fremdwörter und alle hiſtoriſchen Namen und da in ſeinem ſtillen Leben nicht viel Gelegenheit zum Zerſtreuen und Vergeſſen war, ſo hatte er ſich allmälig einen ganz netten Vorrath allgemeiner Kenntniſſe geſammelt und konnte faſt bei allen Gelegenheiten mit einer Notiz aushelfen. Marien ging der alte Schulmeiſter über alles, er war zugleich ihr Freund und Ver⸗ trauter und war als Lehrer nicht eben ſchwer zufriedenzuſtellen.

Es wurden auf beſondern Rath der Frau Pathin Rau ſogar Verſuche mit Muſikunterricht bei Marie angeſtellt. Der Müller erſtand in einer Auktion einStaatsklavier, wie er rühmte, um das Heidengeld von drei Kronenthalern, aber Marieus muſikaliſche Leiſtungen der Ecoſſaiſe und Walzer nebſt der Arie:Schmückt euch, Blümchen auf der Wieſe, die ſie bei Herr Fingerle, dem Proviſor, einſtudirte, waren ſo ſchwach, als der Ton desheidentheuren In⸗ ſtruments. Frau Rau brachte einſt mit großem Staat eine Frau

Pfandkommiſſär, die bei ihr zu Gaſt war, als BeſuchLrassboreenede

Mariechen ſollte eine Probe ihres Talents ablegen.Ver hat denn dies Stück componirt? frug die Frau Pfandkommiſär, die ihre Kenntniſſe zeigen wollte, bei den zweifelhaften Klängn, die Marie hervorbrachte.Ich glaube, der Herr Andante, ſegte Mariechen unſchuldig. Thut nichts, Mariechen, wenn auch die mufikaliſchen Ver⸗ ſuche mangelhaft bleiben! An Harmonie fehlte es dochdem Leben des Kindes nicht, das muntre Rauſchen des Baches, das raſtloſe Getöſe der Räder, die goldnen Frühmorgen allein auf Feld und Wieſe, die ſtillen Abende neben der Mutter mit der großen, alten Familienhibel, das alles waren einzelne Töne, die in der jungen Seele zu lieb⸗ lichem Wohllaut zuſanmmenklangen, um ſo lieblicher vielleicht, weil ſie ihn unbewußt in ſich trug. Georg, der ſehr befriedigende(cchulzeugniſſe nach Haus ſhickte, kümmerte ſich ſehr wenig um den aldungsgrad ſeiner Zukünftigen. Er kam in den Ferienzeiten ineer noch mit ſeinem Vater iu die Mühle herüber, er mochte ſy gern Jreiten auf deu Mühlgäulſn, er

5 3 Ar Bene t Marie bittre Thränen vergoſſen und ſich gar zu gern in die ſchönen G