168 Kaiſer Joſeph und der Sekretär.
am Nachmittag des andern Tages raſch den Ab⸗ hang eines Berges hinabrollte, der ſich maleriſch über die ſchönen Donauebenen erhob, die an der Grenze von Ungarn und Oeſterreich fruchtbar und mit ſaftigem Grün bedeckt ſich ausdehnen.
Der Kutſcher beeilte ſich, dem Rathe ſeines Herrn zu folgen. Aber es war zu ſpät. Der Wagen war in Schuß gerathen und die Pferde, von der ſtarken Hand des Kutſchers zurückge⸗ riſſen, bäumten ſich und rannten um ſo wilder den Berg hinab. Bald war an ein Aufhalten nicht mehr zu denken. Die Pferde galopirten und Walther konnte nur noch daran denken, ſich zu retten, im Fall ein Unglück ſich ereignete. Er ſchaute mit ſicherem Blicke um ſich her. Am Abhange des Berges lag ein Dorf, ganz im Grün verſteckt. Kurz vor demſelben machte der Weg eine Biegung, die durch einen Graben be⸗ grenzt wurde. Dort mußte es ſich entſcheiden, ob die Pferde zum Stehen zu bringen waren oder nicht. Es kam, wie Walter es erwartet hatte. Die muthigen Roſſe gehorchten dem Zuͤ⸗ gel nicht. Der Wagen wurde auf die Seite geſchleudert, und in demſelben Augenblick, den Walther benutzte, um aus dem Wagen zu ſprin⸗ gen, ſtürzte dieſer in den Graben. Ein Rad war gebrochen. Aber weder die Pferde, noch der Kutſcher, noch Walther waren verletzt.
— Es wird einige Stunden Aufenthalt koſten, Patron! ſagte Walther. Durch Deine Vorſicht hätten wir das vermeiden können. Nun, bleib bei dem Wagen. Ich werde nach dem Dorfe gehen und Dir den Schmied und den Stell⸗ macher ſchicken, damit der Schaden ausgebeſſert werde. Sorge dafür, daß die Arbeit ſo raſch als möglich gethan werde, und hole mich dann aus dem Wirthshauſe des Dorfes ab. Wir müſſen heut noch eine gute Strecke machen.
Walther ging nach dem Dorfe, das freund⸗ lich zwiſchen Hecken und Bäumen lag, und bald waren der Schmied und der Stellmacher auf dem Wege nach dem zerbrochenen Wagen.
Nicht eben zufrieden mit dieſem Aufenthalt,
beſchloß Walther, die unfreiwillige Muße zu
benutzen, um einen Blick auf die Gegend zu werfen, die ſehr ſchön zu ſein ſchien. Er er⸗
kundigte ſich, ob irgend etwas Sehenswerthes ſich in der Umgegend befinde, und erfuhr, daß einige tauſend Schritte entfernt ein Nonnenkloſter liege mitfeinem reizenden Garten, nur von we⸗ nigen Frauen, meiſt aus den höheren Ständen, bewohnt, die hier ihr Gelübde in der ſchönen Ruhe und Einſamkeit erfüllen wollten.
Walther ging auf dem Wege vorwärts, den man ihm gezeigt hatte. Es war ein ſehr ſchö⸗ ner Herbſttag. Die Luft war beinahe ſommer⸗ lich mild und das Grün der Bäume hatte jenen gelblichen Schimmer— hin und wieder mit zartem Roth vermiſcht— angenommen, welcher der herbſtlichen Natur einen Anſtrich feierlicher Pracht verleiht. Auch die Gegend war ſehr ſchön. Sanfte Berge zogen ſich die Südſeite der Donau hinan, einen weiten Blick auf die Donauebenen gewährend, deren Flächen ſich un⸗ abſehbar in die Ferne ausdehnten.
Der junge Mann war ſchon mit dieſem An⸗ blick zufrieden und dachte wenig an das Kloſter, als er es endlich in einiger Entfernung vor ſich ſah. Es war ein kleines, freundliches Gebäude, mehr einem ruhigen Landſitz, als einem Kloſter ähnlich, rings umgeben von einem wunderſchönen Park, deſſen hohe Bäume in den maleriſchſten Formen die Ausſicht nach allen Seiten begrenz⸗ ten und einſchloſſen.
Der Park war mit einer niedrigen Mauer umgeben, an der Walther entlang ging, bis er eine offene Pforte fand. Eine Tafel an der⸗ ſelben belehrte ihn, daß der Park für gewiſſe Stunden den Fremden zur Beſichtigung offen ſtehe, und da dieſe Stunden noch nicht vorüber waren, ſo trat Walther ein. Freilich hatte er überſehen, daß dieſe Erlaubniß nur für die Sommermonate Gültigkeit hatte und daß der Oktober bereits angebrochen war.
Die Kunſt ſchien wenig bei dieſem Park gethan zu haben, der früher wahrſcheinlich ein Theil eines Waldes geweſen war. Hin und wieder war eine Bank angebracht und ein Blu⸗ menbeet angelegt. Die Gänge waren ſchattig und düſter, ganz überwölbt von hohen Bäumen. Walther empfand ein eigenthümliches Vergnügen, in dieſen Gängen auf und ab zu gehen, die
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