Jedderic von Norrmann.
— Die Mähre wird es nicht leiſten. Ihr ſeht, daß man mich hart verfolgt und mir auf den Hacken ſitzt.
— Ich ſehe es, darum haltet Euch nicht unnütz auf.
— Zum Henker, Ihr habt gut reden! Kann ich mich hier nicht verbergen?
— Nein, Herr; aber wenn Ihr ſo viel Muth beſitzt, wie Ihr Verlangen zu haben ſcheint, jenen Reitern zu entkommen, ſo will ich Euch einen Wink geben, der dies möglich machen wird.
— Ob ich Muth beſitze, Menſch? Sagt, was ich thun ſoll!
— Kommt erft herein!
Der Alte öffnete eine kleine Pforte und der Fremde ritt in den Garten, wo er abſaß und, ſein Pferd am Zügel, dem Manne durch das Haus folgte.
Als ſie auf der andern Seite deſſelben ange⸗ langt waren, wendete ſich Lorſen wieder zu dem Reiter und ſagte:
— Hört Ihr das dumpfe Brauſen?
— Ich höre es.
— Das iſt die Klara⸗Elf, welche ſich über die Felſen ſtürzt. Dieſem Getöſe reitet nach, bis Ihr nach zehn Minuten an einen Weg kommt, dem zur Rechten die Fämund⸗Wand ſteil aufſteigt und dem zur Linken dieſelbe Wand ebenſo ſteil in die Tiefe fällt; der Weg, den Ihr verfolgen müßt, iſt jedoch nur gerade ſo breit, daß Ihr ihn mit Eurem Pferde paſſiren könnt. Habt Ihr nun dieſen Weg fernere zehn Minuten verfolgt, ſo kommt Ihr an eine Erhöhn 3 auf demſelben, hinter welcher der Steig eine jähe Biegung nach links macht, das iſt der Fämundpaß. Vor dieſem Paſſe bleibt halten und verſucht das nachzumachen, was ich vor vielen Jahren auch einſt gemacht. Merkt auf das, was ich erzählen werde: Als vor vierzig Jahren Eure ſchurkiſchen Norweger meinen Fürſten überfallen hatten und ihn ſchon umzingelt hielten, war ich ihr Ge⸗ fangener und ſie hofften auch, daß es Jener bald werden ſollte. Aber Niemand von ihnen wußte genau den zu der Fämundwand führenden Weg, auf welcher ſich der König halten wollte.
Da rief ich den Feinden meines Königs zu: „Gebt mir die Freiheit und ich will Euch führen!“ So geſchah es, man löſte meine Feſſeln und gab mir ein Pferd. Hundertfünfzig Reiter folgten mir auf dem Fuße nach und wir trabten den Weg entlang, welchen ich Euch ſoeben bezeichnet. Als ich aber ganz kurz vor jenem Hügel war, rief ich hinterwärts:„Dort, dort, ſeht Ihr, vorwärts!“ und gab meinem Pferde die Sporen. Die ganze Reihe der folgenden Reiter that nach und nach daſſelbe, ich aber warf mein Pferd, das bereits hinter dem Hügel zum Sprunge anſetzte und, halb über dem tiefen Abgrunde hängend, vor Entſetzen ſchnob, mit einer ſchnellen Bewe⸗ gung links herum, ſprang auf den Boden und riß es mit dem Gebiſſe, daß es ſich bäumend überſchlug. Mein Hintermann verſuchte ebenfalls die von mir vollführte Wendung, aber ſein Roß, welches ohne Haltung war, ſtieß gegen mein rücklings fallendes Thier, Roß und Reiter ſtürzten fünfhundert Fuß hinab in die brauſende Klara⸗Elf und ihnen nach machten noch hundertneunund⸗ vierzig Roſſe und Reiter den Sprung in die Ewigkeit. Ihr habt nun gehört, beeilt Euch, ehe es zu ſpät wird!
Der Reiter, welcher dem Alten mit weit auf⸗
geriſſenen Augen zugehört hatte, rief, als derſelbe geendet:
— Fämund⸗Lorſen— oder Teufel— ſeid Ihr's?
— Ich bin das Erſtere, Herr, antwortete Jener kalt, und ſeht Euch vor, daß der Letztere nicht ſchon jetzt ſein Anrecht auf Euch geltend macht! 3
— Zum Henker, ja, ich werde! Habt Dank, Alter, ich werde Euren Rath befolgen!
Der Flüchtling ſchwang ſich wieder in den Sattel und ſprengte davon.
Aber es war auch die höchſte Zeit, daß dies geſchah, denn hinter dem Gehöfte raſſelten und fluchten bereits ſeine Verfolger, welche ihn ſeit einiger Zeit aus den Augen verloren hatten und deren Zorn das neue Kinderniß vermehrte.
Lorſen ſchritt ruhig und bedächtig wieder durch den Garten und befand ſich bald bei ihnen.
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