Jahrgang 
6 (1851)
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eine Stunde ſeit der Zeit verfloſſen, zu der die Dame ihre Augen geſchloſſen, als er bereits an den Ufern der Klara⸗Elf hintrabte.

Wie ihm befohlen, hatte Lorſen, der Diener, dieſen Moment abgewartet, um aus ſeinem Ver⸗ ſteck, in welchem verborgen er ſehr gut das Rufen des Jünglings gehört, hervorzukommen.

Aber kaum war der Hufſchlag des Pferdes des jungen Mannes verhallt, als ein ähnliches Geräuſch aufs Neue an ſein Ohr ſchlug und ihn, der ſeine traurige Pflicht zu erfüllen beginnen wollte, ſtutzig machte.

Einen Moment glaubte der alte Mann nicht anders, als daß der Jüngling zurückkehre, und ſein erſter Gedanke war, ſich abermals zu ver⸗ ſtecken.

Doch bald überzeugte ſich Lorſen, daß die Töne, welche durch die helle, klare Atmoſphäre zu ihm drangen, von der entgegengeſetzten Seite kamen und wohl von mehreren Reitern herrühren mußten.

Ein einſam gelegenes Haus auf einer Grenze, die ſeit Jahrhunderten die Kämpfe der beiden venachbarten Völker ſah und welches zehn Mei⸗ len in der Runde kein Nachbargebäude hatte, gebietet ſtets Vorſicht und Wachſamkeit, und von der letzteren, die ihm ſchon zur zweiten Natur

geworden war, getrieben, ſchritt der alte Mann

durch das Haus, um von der hinteren Seite des Gehöſtes in das Thal zu blicken.

Lorſen hatte ſich nicht getäuſcht. Auf der weißen, weit gedehnten, unebenen Fläche des hartgefrorenen und mit einer Cisdecke überzoge⸗

nen Schnees ſprengte zuvörderſt ein Reiter aus

dem Grunde des Thals herauf, nach dem Ge⸗ höfte zu.

Hinter dieſem Reiter aber jagten vielleicht zehn oder zwölf andere daher, und es blieb ihm keinen Augenblick zweifelhaft, daß dieſe Letztern Jenen verfolgten, der ſich dagegen anſtrengte, ſeinen Verfolgern zu entrinnen.

Lorſen mochte wohl einen Moment auf Sicher⸗ heitsmaßregeln ſinnen, denn eine ſchnelle Bewegung nach rückwärts und das Aufflammen ſeiner Augen ſprachen dafür.

Doch im nächſten Augenblick ſchon gab er

die Abſicht auf und wartete das Ende jener Jagd an der Stelle ab, die er gerade einge⸗ nommen.

Er ſollte bald befriedigt werden. Denn der Verfolgte kam immer näher und Lorſen konnte bereits den Mann und ſein Koſtüm unterſcheiden, endlich auch ſein Geſicht und die Farbe ſeines Bartes erkennen.

Der Flüchtling, welcher in kurzen hen⸗ räumen ſeinen Blick rückwärts warf u nach jedem dieſer Blicke durch heftige Sporenſtöße ſein Pferd immer aufs Neue zum verſtärkten Laufe antrieb, war ein ſtark gebauter großer Mann in der Uniform von norwegiſchen Reitern.

Er trug einen hohen, breitkrämpigen Hut, welcher tief auf ſeine finſtere Stirn gedrückt war, ein Koller von Büffelleder, lange Handſchuhe und hohe Reiterſtiefeln.

An Haaren und Bart des Mannes, ſowie an den Nüſtern des Pferdes, welches ſtöhnend Dampf⸗ wolken von ſich blies, hingen Eiszapfen, ein Be⸗ weis, daß ihre Anſtrengung ſchon lange angedauert haben mußte, und ihnen trotz der ſtrengen Kälte den Schweiß ausgetrieben hatte.

In ſeiner Fauſt hielt der Reiter ein entblöß⸗ tes Schwert, und ſeine mächtigen Sporen trieſten vom Blute des Pferdes, welches zum Theil in gefrorenen Spitzkegeln daran herabhing.

Als der Mann den alten Diener hinter der niedern Dornhecke gewahr wurde, ſchien er zu erſchrecken, ſtieß einen Fluch aus und parirte das Pferd ſo heftig, daß es trotz ſeines ſcharfen Be⸗ ſchlages faſt zuſammengeſunken wäre.

Aber dies Stutzen währte nur zwei Se⸗ kunden.

Hollah! rief er. Wer ſeid Ihr, Freund?

Ein Menſch, wie Ihr ſeht, antwortete Lorſen ruhig.

Zum Teufel, ja! aber ich will wiſſen, ob Ihr ein Norrmann oder ein Schwede ſeid.

Ein Schwede, mit Eurer Erlaubniß.

Ein Schweder Wäre ich denn ſchon in Schweden?

Dies nicht, aber wenn Ihr Euern Ritt noch o wie bisher eine Stunde fortſetzt, wird ſolches der Fall ſein.