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An und auf der Ser.
das Antlitz Nanny's vor Augen hatte. Daſſelbe war weißer, wie Marmor, und ihre Züge ſtarr.
— Verzeihe, liebe Conſtance, ſagte das Mädchen, daß ich Dich ſtöre; aber ich habe mit Dir zu ſprechen.
— Armes Kind, erwiederte Conſtance zit⸗ ternd, Du wirſt Deinen Zuſtand verſchlimmern. Du hätteſt Dein Lager nicht verlaſſen ſollen!
— Armes Kind! murmelte Nanny. Ich bin ihnen nichts Anderes und danach glauben ſie mich behandeln zu müſſen!
— Wie ſagteſt Du, Schweſter? fragte Con⸗ ſtance.
— Ich meinte, wir wollen uns ſetzen, denn was ich Dir zu ſagen habe, iſt lang.
Die beiden Mädchen ſetzten ſich auf ein Sopha, Conſtance nicht ohne ängſtliche Blicke auf Nanny zu werfen, welche ihrerſeits ebenfalls aufmerkſam Jene betrachtete.
— Conſtance! hob Nanny an, Du haſt liebe, gute Eltern, deren Edelmuth ich nicht genug rühmen kann, und ich glaube auch, daß ein Theil deſſelben auf Dich uͤbergegangen iſt; nicht wahr, liebe Couſine?
— Aber, Nanny, welche Frage legſt Du mir vor?
— Es iſt die Einleitung zu dem, was ich ſagen will, Schweſterchen, und Du wirſt ſehen, daß dieſelbe nicht umſonſt von mir gethan. Du liebſt außerdem einen hochherzigen, braven, jun⸗ gen Mann, den man nur zu ſehen braucht, um ihn zu lieben. Ihr Alle ſeid Menſchen, wie ich ſie ſo oft in den Erzählungen Eurer Dichter ge⸗ ſchildert gefunden, und deshalb gewiß auch einer ſo großmüthigen Handlung fähig, wie ich ſie mir von Euch erbitten will!
— Oh, Nanny, iſt es nur dies, ſo ſei ver⸗ ſichert, daß ich Dir Deine Bitte im Voraus ge⸗ währe und mich für Robert mit verpflichte!
— Gemach, gemach, Schweſterchen, es möchte Euch doch nicht ſo leicht werden!
— Du kannſt noch daran zweifeln, Nanny?
— Nun gut, ſo tödtet mich; aus Barmher⸗ zigkeit tödtet mich!
— Nanny— hrief Conſtance, zurückprallend.
— Oder, Schweſterchen! fuhr Jene fort, überlaß mir den Geliebten!
Conſtance konnte abermals nur das einzige Wort„Nanny!“ hervorbringen.
— Ja, ja, Couſinchen, ich verlange viel, ich weiß es; aber ich muß es thun. Du glaubſt Robert zu lieben; es mag ſein, aber ſo wie ich ihn liebe, liebſt Du ihn nicht; ich, die er ge⸗ ſäugt, und mit ſeinem Blute geſäugt, ich, die er gerettet, die Niemand auf der Welt hat, als
ihn, ich liebe Robert zum Wahnſinnigwerden, und ich bin es ſchon geworden. Du mußt ihn mir laſſen, oder nochmals, nimm mit ihm auch mein Leben!
— Nanny! rief Conſtance entſetzt, um Got⸗ teswillen beruhige Dich, laſſe es bis morgen! Oh, wir wollen morgen weiter darüber ſprechen; will es Robert— mein Gott, welches Unglück!
Conſtance war jetzt eben ſo blaß, wie Nanny, deren Augen im Laufe des Geſpräches einen unheimlichen, fieberhaften Glanz angenommen hatten.
— Neinl! entgegnete ſie, nicht bis morgen, heute, hier mußt Du mir eine beſtimmte Ant⸗ wort geben; nicht von Robert darf die Ent⸗ ſcheidung dieſer Angelegenheit abhängig gemacht werden. Robert darf ſogar nicht einmal wiſſen, daß dieſe Zuſammenkunft zwiſchen uns ſtattge⸗ funden. Sprich, Schweſter, Du liebſt Robert wohl ſehr?.
— Großer Gott! Nanny, Du wirſt mich tödten!
— Wie, Du weißt—? Ach ja, Du ſiehſt es mir an, daß ich entſchloſſen bin. Nun gut, ſo antworte mir, Schweſterchen. Du liebſt ihn ſehr?
— Oh, mein Gott, mein Gott— ja, ich liebe ihn!
— Und willſt ihn mir nicht laſſen? forſchte Nanny mit einer eiſigen Kälte in dem Tone ihrer Stimme.
— Ich Robert laſſen? antwortete Conſtance in Todesangſt. Nie, nie! Lieber mein Leben!
— Du willſt es! rief Nanny und griff mit der rechten Hand in den Buſen; im nächſten Augenblicke blitzte die Klinge ihres Meſſers bei dem matten Schimmer der Nachtlampe.
— Gott ſei mir gnädig! ſchrie Conſtance. Sie will mich tödten! Barmherzigkeit! Robert, zu Hülfe! zu Hülfe!
Nanny hatte ausgeholt und ſtieß mit aller Kraft, welcher ſie Herr war, zu. Die dünne, feine Klinge glitt leicht durch das Korſett und in Conſtance's weichen Buſen. Ein rother, war⸗ mer Strahl beſpritzte das Geſicht und Kleid der wahnwitzigen Mörderin.
— Zu Hülfe, zu Hülfe! Robert, Mutter! ſchrie Conſtance nochmals und ſank zu Boden.
Das Mordinſtrument immer noch in der Hand, eilte Nanny nach der Thür.
Der erſte Schrei, welchen Angſt und Schmerz dem angegriffenen Mädchen ausgepreßt hatten, war auch bis zu dem Zimmer gedrungen, in welchem ſich die beiden den Arzt erwartenden Männer befanden.
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