chen Wangen jeder Blutstropfen entwichen war, ihre Arme ſchlaff herabhingen und die ganze Körperlage der Kranken ſchon eine Sterbende zu verrathen ſchien, in der ſelbſt nicht einmal ein Zucken der geſchloſſenen Augenlider das Leben verrieth, war die Seele nicht unthätig.
Jedoch die jetzige Thätigkeit des Geiſtes der Armen war ihrem erſchlafften Körperzuſtande analog, ängſtlich, kleinmüthig und zerknirſcht. Nanny fühlte ſich elend und verlaſſen, wie vor⸗ hin, aber ohne die Energie ihres Charakters, zugleich als bedürftige Leidende, welche von den milden Spenden gütiger Menſchen exiſtirte. Sie fühlte den Drang der Liebe zu Robert, wie bis⸗ her, den Zug ihres Herzens eben ſo ſtark, denn früher, aber milde, ſanft und unterwürfig.
Dieſen Empfindungen angemeſſen waren auch Nanny's augenblickliche Gedanken, und das un⸗ glückliche Mädchen empfand eine ſchmerzliche Luſt darin, ſich als die Dienerin Roberts und der⸗ jenigen zu ſehen, welche er beglückte. Oh, ſie wollte und würde gern Alles ertragen, könnte ſie nur ſo glücklich ſein, neben Robert zu leben.
Schmerzlich waren dieſe Gedanken dem Mäd⸗ chen, doch ſie waren ſo ſüß, verſetzten daſſelbe in eine ſolche Seeligkeit, daß ſie mit Luſt und Entzücken dabei verweilte, bis ſie ſich in eine Art von Halbſchlummer hineinträumte.
Wer kann ſagen, ob nicht vielleicht dieſe Stimmung bei dem armen Kinde die vorherr⸗ ſchende geblieben ſein würde, wenn für jetzt nichts dieſelbe geſtört hätte, denn das Mädchen träumte in ihrem Traume, und die Namen„Robert— Conſtance,“ welche die Lippen deſſelben flüſter⸗ ten, verriethen ein ſanftes Gefühl, und ein leich⸗ tes Lächeln verbreitete ſich dabei über Nanny's Antlitz. Doch der gute Engel mochte ſich an⸗ ſtrengen, ſo ſehr er wollte, die finſteren Mächte, welche den Untergang dieſes Hauſes wollten, waren zu ſtark, als daß er ſie hätte beſtegen können.
Nanny's Halbſchlummer dauerte fort, bis der Schlaf wirklich ihre Augen ſchloß, und ſo fanden ſie Robert und Conſtance, welche die Erſten waren, die nach der Leidenden ſahen.
Die Abendmahlzeit der Familie hatte unter den Eindrücken, welche die Glieder derſelben em⸗ pfangen, nicht freudig oder belebt ſein können. Die Stimmung blieb gedrückt, und kein lebhaf⸗ tes, munteres Geſpräch, kein heiterer Scherz würzte das Mahl. Niemand wagte ſeine Ge⸗ danken laut zu äußern, und der das Schloß umtoſende Sturm brachte daher ein unheimliches Gefühl hervor.
— Die arme Nanny! flüſterte Conſtance.
— Ich bedaure ſie ſehr, antwortete Robert. Was ihr nur heute Abend begegnet ſein mag?
— Ich begreife es nicht, die Krankheit hat jedenfalls ſehr nachtheilig auf ihren Gemüths⸗ zuſtand eingewirkt.
— Dies mag bei nervöſen Leiden nicht ſel⸗ ten ſein, denn ich habe auch die Erſchütterungen derſelben gefühlt und mich nach meiner Geneſung in einem ähnlichen Zuſtande befunden.
— Robert! lispelte Conſtance nach einigem Schweigen.
— Was willſt Du, Geliebte?
— Sollten wir nicht nach dem Kinde ſehen? Vielleicht bedarf Nanny etwas, und unſere Dienſte möchten der Armen erfreulicher ſein, wie die der Dienſtboten.
— Du haſt Recht, meine Conſtance. Ich danke Dir herzlich, daß Du meine Wüͤnſche aus⸗ geſprochen.
— Oh, fühlen wir nicht immer gleich, mein Robert?
Der junge Mann drückte die Hand der Ge⸗ liebten zärtlich und ſagte, zu dem Baron und deſſen Gemahlin gewendet:
— Verzeihen Sie mir, daß ich, oder eigent⸗ lich das edle Herz meiner Conſtance einer Lei⸗ denden gedenkt, welche wir wohl ſchon nicht ſo lange hätten vergeſſen ſollen.
— Du meinſt Nanny, Robert?
— Ja, Madame, ich meine unſere arme Schweſter!
— Geht, Kinder! ſagte der Regierungsrath.
Robert und Conſtance erhoben ſich freudig, um nach Nanny's Zimmer zu eilen.
Nanny hatte nicht daran gedacht, die Thür zu verſchließen, und leiſe traten die Liebenden in das Gemach; aber Beide erblaßten, und zit⸗ ternd ſchmiegte ſich Conſtance an den Geliebten, als ſie das Mädchen erblickte, in deren ſtarren Zügen bereits der Tod ſich abzuſpiegeln ſchien.
— Mein Gott, welch eine Thorheit! ſagte Robert, als er das geöffnete Fenſter bemerkte, durch das der Wind ſtoßweiſe die Regen⸗ und Schneeſchauer warf und durch welche ſich bereits ein See auf den Dielen bildete.
— Wo iſt denn Marie geblieben?
Noch einen Augenblick betrachtete Robert das Mädchen. Nanny lag mit dem Kopfe über die Lehne des Seſſels zurück, die Arme herabhän⸗ gend, und nur eine ſchwache Bewegung des Buſens zeigte an, daß das Leben noch nicht aus dem Körper entwichen.
— Nanny, liebe Nanny! ſagte der junge Mann, indem er mit ſeiner Hand den Kopf der Kranken ſanft emporhob.
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