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212 An und auf der See.
Mädchen in ihrem weißen Gewande wie ein drohendes Geſpenſt erſcheinen.
— Nanny, Nanny! rief Robert, während die Mädchen aufſchrieen und die Baronin er⸗ bleichte.
— Nanny! rief auch der Baron, was giebt es, mein Kind?
Doch Nanny antwortete nicht; ſie ſchritt auf Conſtance zu, nahm derſelben das Diadem vom Haupte, betrachtete es und ſagte dumpf:
— Ein ſchöner Kranz! Wohl Derjenigen, welche ihn tragen darf! und ſank ohnmächtig zu Boden.
Der Kranz aber zerſprang in zwei Theile.
XL. Die Mörderin.
Nanny's Erſcheinung im Saale hatte eben ſo ſehr Staunen als Theilnahme bei den Mit⸗ gliedern der Familie erregt, ihre Ohnmacht er⸗ ſchreckte die Damen bis auf den Tod, und durch das Zertrümmern des Kranzes war jedenfalls die Freude des Feſtes verdorben; denn obſchon Conſtance wie Robert ſchnell zuſprangen, ſo ließ ſich der Schmuck, von dem Jeder eine Hälfte in Händen hielt, dadurch nicht wieder in den vorherigen Zuſtand verſetzen.
Conſtance brach in Thränen aus, und Ro⸗ bert blickte einen Moment unwillig auf die Störerin ſeines Glücks; jedoch es war dies bei der Blitzesſchnelle, mit welcher alle hier zuletzt erzählten Thatſachen vor ſich gingen, eben nur ein Augenblick, und nach demſelben ſprang der junge Mann hinzu, der Schweſter beizuſtehen.
Nanny erwachte aus ihrer Ohnmacht und ſträubte ſich dagegen, die Kleider zu wechſeln oder ſich in das Bett bringen zu laſſen, ſie ſträubte ſich, wie ſich ein eigenſinniges Kind gegen alle zuredenden Worte, gegen alle Rath⸗ ſchläge Erwachſener aufzulehnen pflegt.
— Ich bin nicht krank! war ihre einzige Antwort, während der Blick ſich immer wieder zu dem zerbrochenen Kranze wendete; dieſer Blick aber war glühend und verſengend.
Der Regierungsrath hielt es für nöthig, nach einem Arzte zu ſchicken, und gab deshalb die betreffenden Anweiſungen, indem er endlich im Ernſt das Mädchen aufforderte, wenigſtens die durchnäßten Kleider abzulegen. Daſſelbe folgte jetzt zwar, jedoch nur widerſtrebend. Die mit demſelben geſchickte Dienerin kehrte indeſſen nach einiger Zeit mit der Anzeige zurück, daß Nanny ſich zu Bette gelegt.
— Ich bin ernſtlich ihretwegen beſorgt, meinte die Baronin. Das Kind hat ſeit ſeiner Geneſung ſo etwas Unheimliches, Düſteres und Furcht Erweckendes; es ſcheint immer noch ſehr leidend zu ſein.
— Nanny iſt auf jeden Fall ſehr krank, ſagte der Regierungsrath, und Ihr Leiden ſcheint mir mehr der Seele, wie dem Körper anzugehören.
— Der Seele? fragte Robert erſtaunt. Nanny iſt ein Kind; zwar hat ſie der ſchreck⸗ haften Eindrücke viele gehabt, indeſſen möchten ſie kaum jetzt noch auf die Seele des Mädchens wirken. 4
Der junge Mann ahnte nicht, daß er es gerade war, welcher die Leiden Nanny's her⸗ vorgerufen.
Während noch verſchiedene Bemerkungen über den Zuſtand der Kranken gemacht wurden und man zugleich lebhaft bedauerte, daß die Freude des Weihnachtsfeſtes auf ſo unange⸗ nehme Weiſe geſtört worden, nahm Robert ſchweigend den zertrümmerten Schmuck zurück; es ſchien ihm faſt, als ſei mit demſelben auch ſein Glück zerbrochen.
Er hatte den Kranz in Hamburg geſehen, und ohne damals eine beſondere Abſicht zu ha⸗ ben, nach dem Preiſe gefragt. Als nun aber Conſtance die Seine werden ſollte, ſprach er zu ſeinem Vater von dem Werthſtücke, welches ein ſo ſinnreiches Geſchenk abgeben mußte, und der Major war trotz ſeiner Sparſamkeit ſofort be⸗ reit, die enorme Summe zum Ankauf deſſelben herzugeben. Beglückt, ſeiner Verlobten ein ſol⸗ ches Geſchenk machen zu können, war es Ro⸗ bert vollkommen, als er Conſtance's Freude über daſſelbe merkte, und nun— Alles war dahin; denn außerdem, daß das Diadem zer⸗ brochen, außer dem Ruin des todten Gegen⸗ ſtandes, welcher ſich noch hätte verſchmerzen laſſen, blieb ja die ominöſe Bedeutung eines zerriſſenen Myrthenkranzes, und ſelbſt der vor⸗ urtheilsfreieſte Menſch vermag ſich nicht immer eines leiſen Anfluges von Aberglauben zu er⸗ wehren.
Robert und Conſtance wechſelten einen Blick und verſtanden ſich. Das Gefühl, welches ſie ergriffen hatte, überkam auch die Eltern.
Thränen in den Augen blickte die Mutter auf Conſtance, indem ihre Jugendzeit an ihrer Seele vorüberzog, und der Regierungsrath ſprach in ſich hinein:
— Sollte es wirklich möglich ſein?— Das Schickſal ſcheint noch nicht verſöhnt!
Die Geſchenke, welche noch gemacht und


