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210 An und auf der See.
wagt, Herr Regierungsrath! und er ſagte erſt ſelbſt: Robert, Du wirſt wohl während des Feſtes bei mir bleiben müſſen; doch dann meinte er: Nein, gehe nur hinüber, es wäre zu ſelbſt⸗ ſüchtig von mir altem Burſchen, Euch die Freude zu verderben, weil meine Beine nicht mehr ge⸗ horchen wollen.
— Der liebe Großonkel! riefen die Mäd⸗ chen. Robert fuhr fort:
— Er ſcheint nun das Feſt auf ſeine Weiſe feiern zu wollen; denn ich habe während eini⸗ ger Tage nur eingekauft, und zwar mehrere Erntewagen voll von Geſchenken für Wendts, Martha und unſere Leute. Das muß ein Jubel werden, wie ihn Schloß K. noch nie geſehen; ich möchte ſelbſt gegenwärtig ſein.
— Oh! meinte Conſtance faſt ſchmollend, dergleichen kannſt Du hier auch hören und ſehen, mein Verehrter!
— Davon bin ich überzeugt, Theure! aber keinen Major von Kamenz dabei, und es wäre mir die Hauptſache, meinen Wohlthäter wohl⸗ thun zu ſehen. Seine Manier, zu geben, hat ſo etwas Herzliches, Erquickendes, daß den Em⸗ pfänger die Handlung des Gebers mehr erfreut, als die Gabe.
— Robert hat Recht, ſagte Herr von B. Der Major iſt der vortrefflichſte Menſch, den ich je geſehen!
— Auch ich würde Dir beiſtimmen, lieber Alfred, ſprach die Baronin lächelnd, wenn man darin nicht eine Familien⸗Eitelkeit ſehen könnte.
Unter ſolchen Geſprächen waren die Kerzen an Nanny's Chriſtbaum entzündet, und von ih⸗ rem ſtrahlenden Lichte übergoſſen, umſtanden Alle den Tiſch. Nanny dankte, aber kalt und mit Worten, die nicht aus dem Herzen kamen.
Da ertönte zum erſten Male der Ruf:
— Julklapp! auf dem Korridor welcher heute, um Jedermann Gelegenheit zu geben, daß ſein Geheimniß bewahrt bleibe, nicht erleuchtet worden. Bei der dadurch entſtandenen Aufregung verließ Nanny das Zimmer, ohne daß es Je⸗ mand bemerkte.
Wie es ſich gebührte, eröffnete ein Geſchenk für den Hausherrn die Reihe, und lächelnd blickte der Baron zu ſeiner Gattin hinüber, als die Mädchen alle zugleich geleſen hatten:
An das Oberhaupt der Familie.
— Was wirſt Du mir beſcheert haben? fragte der Regierungsrath.
Das Päckchen enthielt ein Lichtbild ſeiner Gemahlin in der Umgebung ihrer Kinder. Ro⸗ berts Antlitz ſchaute ebenfalls aus dem Hinter⸗ grunde hervor.
— Ei vortrefflich! rief der Baron, aber warum ſo ſchüchtern, lieber Robert?
— Zum nächſten Jahre darf ich dreiſter ſein, lieber Oheim!
— Nun, ich bins zufrieden. Meinen Dank, liebe Hedwig, und dieſen Kuß!
Der erneuerte Ruf: Julklapp! verhinderte weitere Bemerkungen.
Von nun an ging es ſchnell hintereinander fort. Da entſtiegen den zum Theil ſehr verviel⸗ fachten Umhüllungen Mäntel, Pelze, Boa's, Tücher, Shawls, kurz vollſtändige Wintergar⸗ deroben; ferner Nähzeuge, Mappen mit Zeich⸗ nen- und Stickmaterialien, Büchern, Kupfern, Karten und andern wiſſenſchaftlichen oder nütz⸗ lichen Gegenſtänden, da zeigten ſich Ringe, Broches, Buſennadeln, Spangen, Armbänder, und der Major hatte ſogar für Conſtance ein Paar Pantoffeln geſandt, welche auf ſeiner neueſten Perrücke ſtanden, die er ſich jedoch in einem ſehr freundlichen Schreiben, in welchem er der jungen Braut den Rath ertheilte, den Pantoffel ſtets ſo auf dem Haupte ihres Man⸗ nes zu haben, wie er hier die Form der Per⸗ rücke zerknitterte, höflichſt zurückerbat. Das Ge⸗ ſchenk erregte Lachen und rief einie Scherꝛ⸗ hervor.
Alle dieſe Gaben kamen theils von dem Major, theils von dem Regierungsrath und ſeiner Gemahlin, und waren für die Kinder beſtimmt, oder ſie kamen umgekehrt von dieſen und waren für die Eltern beſtimmt.
Zwei Mal ſchon hatte ſich eine Adreſſe Nanny vorgefunden.
— Nanny, Nanny! riefen die Schweſtern; doch das Mädchen war nicht da, und immer zogen neue Geſchenke die Aufmerkſamkeit wie⸗ der von dem Kinde ab.
Bei dem dritten Geſchenke aber, welches anlangte, fragte Robert beſorgt:
— Aber wo iſt denn meine Kleine?— Sie
ſcheint überhaupt ſo merkwürdig verändert zu ſein.
Doch bevor man ihm noch antworten konnte, ertönte zum ſo und ſo oft wiederholten Male der Ruf: Julklapp! und die Stimmen der Mäd⸗ chen ſchrieen zu gleicher Zeit:
— An Robert, an Robert!
Die dem jungen Manne beſtimmten Ge⸗ ſchenke waren von der Verlobten. Sie hatten wenig Geldwerth, aber ein anderer Umſtand machte ſie ihm theuer: alle waren von Con⸗ ſtance's Händen ſelbſt gefertigt. Da fand ſich ein Schreibzeug von Pappe, ein Haarſchnur, zwei Etuis, eine Börſe und andere Kleinigkei⸗ ten, von welchen der zur Gewohnheit gewordene


