707 Kleines Roman⸗Magazin.
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Londons 60,000. Die Verbrecher unter ihnen ſtehen unter polizei⸗ licher Aufſicht; doch hat man von den 3000 jugendlichen Beſtraften, die London im letzten Jahre gezählt hat, nur 200 in die Rettungs⸗ häuſer geſchickt. So bleibt für Tauſende nichts als die Straße. Kürzlich hat man die Straßenjungen zum Thee in das Aſyl der großen Königinſtraße eingeladen, und 150 nahmen die Einladung an. Der Graf von Shafterbury ſetzte ihnen auseinander, daß man den Wunſch hätte, ihnen aus der Noth und Unwiſſenheit heraus⸗ zuhelfen. In Folge deſſen trat am andern Tage eine große Zahl in das Aſyl ein. Zwei Pläne hat man zu ihrem Beſten erdacht: ein ländliches Heim und ein Schulſchiff. Beide fanden ſofort große Theilnahme, und in Liverpool iſt bereits die Fregatte Akbar mit 100 Jungen beſetzt. Das Seeleben iſt das geeignetſte für die be⸗ herzten Jungen, die nichts zu verlieren, Alles zu gewinnen haben.
Die Gärten von Kew. Eine der bedeutendſten Anſtalten in botaniſcher Hinſicht iſt der an das königliche Schloß von Kew ſich anſchließende große Pflanzengarten, der, ſechs engliſche Meilen von London in der Graſſchaft Surrey an der Themſe gelegen, unbedingt der reichhaltigſte botaniſche Garten der Welt genannt zu werden verdient. Der Garten, welcher die ſchönſten und ſeltenſten Pflanzen und Gewächſe aus allen Regionen des Nordens und Südens, namentlich aus Nord⸗ und Südamerika, Indien, Thibet, China, Japan vereinigt, iſt mit großem Geſchmack angelegt und bietet die anziehendſten Spaziergänge. Der große See mit ſeinen Bewohnern bringt Leben und Friſche zwiſchen das herrliche Grün. Hier war es, wo die Victoria regia zuerſt in Europa geblüht. Die Einrich⸗ tung der Treibhäuſer iſt äußerſt ſinnreich; die Heizung wird durch unterirdiſche Gänge bewerkſtelligt und das Kohlenmagazin ſteht durch einen Tunnel mit dem Saale, der die Oefen enthält, in Verbindung; große, auf einer Eiſenbahn rollende Waggons führen das Brenn⸗ material hin und die Aſche zurück. Der Eintritt in dies großartige Etabliſſement, das gewiſſermaßen eine Akademie für unſere Gärtner bildet, iſt frei, und man ſchätzt die Zahl der jährlichen Beſucher auf mehr als eine halbe Million.
Die engliſchen LCebensverſicherungs-Anſtalten. Die bei⸗ den älteſten Lebensverſicherungs⸗Anſtalten in England ſind die„Ami⸗ cable“ und die„Equitable“. Im Jahre 1813 gab es nur fünfzehn derartige Anſtalten; im Jahr 1825 zweiunddreißig, und gegenwärtig beſtehen mindeſtens zweihundert gut geleitete Lebensverſicherungs⸗ Anſtalten in dieſem Lande, die nicht weniger als 2000 Directoren und Geſchäftsführer, mit einer entſprechenden Anzahl Schreiber, be⸗ ſchäftigen. Ferner ſind in allen großen Städten Agenten thätig, und verbreiten in denſelben raſch die Principien, auf welche derartige Unternehmungen gegründet ſind. Der Reichthum einiger von ihnen iſt ungeheuer. Im Jahr 1864 führten die Directoren von ſieben Verſicherungs⸗Anſtalten, als ſie dem Kanzler der Schatzkammer eine Denkſchrift einreichten, mit dem Geſuch, er möge durch Einführung eines Regierungsplans keinen Eingriff in das Gebiet geſetzmäßiger Privatunternehmungen machen, an: daß die Fonds dieſer Geſell⸗ ſchaften ein Capital von 100,000,000 Pfd. Sterl. repräſentiren; die verſicherte Summe betrage 300,000,000 Pfd. St., und neue Ver⸗ ſicherungen würden bewerkſtelligt im Verhältniß von 30,000,000 Pfd. St. jährlich. Einer Schätzung aus derſelben Zeit zufolge verſichert ſich nicht mehr als ein Zehntel der erwachſenen männlichen Bevölkerung.
Holland.
Die Diamanten⸗Schleif-Anſtalt von Coſter in Amſterdam. Dieſelbe beſchäftigt nicht weniger als 450 Arbeiter und iſt als Unicum zu bezeichnen in einer Induſtrie, die ihre Stätte faſt einzig in Holland hat. Bei Coſter wurden der Kohinoor und der„Stern des Südens“ geſchliffen. Alle Welt weiß, was ein Diamant iſt; aber wie man den echten vom falſchen ſchnell und ſicher unterſcheidet, haben die
franzöſiſchen Juweliere noch vor nicht langer Zeit erſt gelernt. Ein walachiſcher Bojar hatte, um Geſchenke für ſeine Braut auszuſuchen, einen pariſer Inwelenhändler nach Bukareſt kommen laſſen. Dieſer brachte eine reiche Auswahl von Steinen mit, zu deren Beſichtigung die jüdiſchen„Collegen“ eifrig ſich einfanden. Beſonders bemerkt
zu wünſchen übrig ließ. Ein Alter, der ihn von allen Seiten miß⸗ trauiſch betrachtet und in der Hand gewogen hatte, ſteckte den Stein plötzlich in den Mund: im Nu packte der Juwelier den Ränber an der Kehle und drohte ihn zu erwürgen, wenn er den Smaragd nicht herausgäbe. Der Angegriffene ſpie ſchleunigſt aus, und das Mißverſtändniß klärte ſich auf: der echte Edelſtein unterſcheidet ſich von den falſchen durch die intenſive Kälte, welche durch die Zunge leichter als mit der Hand herausgefühlt wird. Seitdem wird dieſe Probe von allen Juwelenhändlern in zweifelhaften Fällen nachge⸗ ahmt. Bei den von Herrn Coſter auf der Pariſer Ausſtellung aus⸗ geſtellten Exemplaren iſt ſolches Verfahren überflüſſig und— ver⸗ muthlich deshalb nicht geſtattet. Man ſieht hier Diamanten von verſchiedenen Farben; die ganz weißen werden am meiſten geſchätzt, auch ein dunkelblauer iſt von großer Schönheit. Den größten ſchwarzen Diamant zeigt Herr Bapſt, und zwar mit um ſo ge⸗ rechterm Stolze, als ſchwarze Steine gewöhnlich nicht geſchliffen werden können, ſo daß, um von ihnen Nutzen zu ziehen, nur übrig bleibt, ſie im Mörſer zu zerſtoßen und mit dem gewonnenen Staube andere zu poliren. Dieſer Widerſtand wird erklärt aus der anomalen Kryſtalliſation, deren„Sinn“ bisher nicht aufgefunden war; doch bildet der Stein des Herrn Bapſt eine in jeder Beziehung köſtliche Ausnahme. Die meiſten rohen Diamanten kommen jetzt aus Bra⸗ ſilien; Coſter hat dergleichen aus Rio, Bahia und Cuyaba ausge⸗ ſtellt. In ſolchem Zuſtande koſtet das Karat 110 Frs., der Durch⸗ ſchnittspreis für die geſchliffenen iſt im Mittel 250 Frs., denn der Weg aus der Grube bis in das Schaufenſter des Juweliers iſt weit und beſchwerlich, zumal da bis heutigentags Diamanten wie Men⸗ ſchen nur durch ihresgleichen können geſchliffen werden. Das Schleifen geſchieht ſelten anders denn in Roſen(Roſetten, Rauten) oder Brillanten. Die Roſe hat 31, der Brillant 66 Flächen, d. h. alſo, der Stein muß 31, beziehentlich 66 mal eingelöthet und mittels einer Maſchine, die 2500 Umdrehungen in der Minute macht, auf Diamantenſtaub abgeſchliffen werden. Bei größern Stücken iſt ſo mühſame Arbeit noch zu begreifen; aber man kann ſich überzeugen durch Betrachtung der Thätigkeit wie durch vor⸗ zandene Exemplare, daß es Roſetten gibt, deren 1000, ſage Tau⸗ ſend anf ein Karat= 20 ½¼ Centigramme gehen, d. h. jeder ein⸗ zelne iſt im Durchſchnitt ½, 470,000 Pfd. Kann man dies vielleicht noch eine tour de force nennen, wie ſoll die Arbeit bezeichnet wer⸗ den, welche in einen Diamanten ein Portrait eingegraben hat? Dergleichen hätte man früher für unmöglich gehalten, und nicht etwa blos bei den Alten, denen die Kunſt Diamanten(adamas— der Unbezähmte) zu ſchleifen gänzlich fremd war, ſondern auch in der neueſten Zeit, obgleich ſeit nun gerade 400 Jahren das Ge⸗ heimniß des Schleifens entdeckt worden iſt. Trotz des Gelingens der Probe iſt aber doch zu bezweifeln, daß Porträts in Diamanten gegraben ſo ſehr zur Modeſache und zur Qual werden wie die photographiſchen, obgleich ſchon einige Damen großes Verlangen danach zeigen. Frau v. Sévigné hatte ſchon recht zu ſagen:„Die Diamanten ſind der Speck in der Mauſefalle“(le lard de la souricière).
Italien.
Entdeckungen. Die Entdeckungen auf mineralogiſchem und metallurgiſchem Gebiet auf der italieniſchen Halbinſel mehren ſich. Kaum war im Laufe des Monats April in der Umgegend von Ivrea(Ober⸗Piemont) die wichtige Gold⸗ und Kupfergrube zu Valſoana entdeckt, als in dem Zwiſchenraum weniger Tage die Ent⸗ deckung von zwei reichen Petroleumsquellen angemeldet wurde, von denen die eine bei Voghera, ebenfalls in Piemont, nahe an der lombardiſchen Grenze, die andere bei Pescara in den Abruzzen ge⸗ legen iſt. Jetzt melden nun die Blätter von hochwichtigen und ver⸗ ſchiedenartigen Entdeckungen, welche ein Herr Lattanzino von Avellino in den Bergen des Prinzipato ulteriore gemacht haben ſoll. Man ſpricht von Bergen von Steinkohlen trefflicher Qualität, von uner⸗ ſchöpflichen Höhlen voll des reinſten Petroleums, von mächtigen Blei⸗, Zinn⸗, Zink⸗ und Schwefelminen, welche nicht einmal große Einlagekoſten verlangten, um in Betrieb geſetzt zu werden. Der
wurde ein großer Smaragd, der an Farbe, Größe und Schliff nichts
Bürgermeiſter von Avellino, de Feo, hat der Bevölkerung der Pro⸗


