Jahrgang 
7 (1867)
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7⁰⁵ Kleines Roman⸗Magazin. 7⁰6

wird's zur Lüge, denn ſeine Geſtaltungen gehen aus der lebendigen Anſchauung hervor, er wäre Nichts, ohne zu ſehen, zu beobachten,

mit zu leben. Ihm gegenüber, am Kopf des Tiſches, ſitzt ſeine Der Gemahl vergißt

Gemahlin, die in Stattlichkeit die Honneurs macht und repräſentirt. Ihr ſchwarzes Auge, ihre hohe Geſtalt, ihr abgemeſſenes Benehmen ſticht grell ab gegen das des Gemahls, und leider müſſen wir be⸗

klagen, daß auch in dieſer Ehe nach ſo vielen Jahren des Glücks ein Zerwürfniß eingetreten. Sie leben nicht mehr miteinander. ſein Leid in thätiger Arbeit, im Trei⸗ ben der Welt. Seine Household-Words nehmen viel ſeiner Zeit weg, er zerſplittert ſeine Kraft als Feuilletoniſt, doch zu gutem Zweck.

Mittheilungen über Tagesbegebenheiten, Culfur, Natur, Literatur, Kunſt, Muſik und Theater.

Frankreich.

Ein Bariſer Café. Das Cafsé, welches wir hier vorführen, iſt ein Haus, wo man ißt, was man will und wann man will, al⸗ lein oder in Geſellſchaft, wo man ein einfaches Gericht oder ein wohl aſſor⸗ tirtes Mahl in allen beliebigen Variationen über das ThemaNah⸗ rungsmittel zu ſich nehmen kann, früh Morgens oder ſpät Abends, je nach Belieben und je nachdem es der Geldbeutel erlaubt. Ein ſolches Reſtaurant hat allen Anſprüchen vom gourmandiſtiſchen Stand⸗ punkte aus zu genügen; wenn z. B. ein Chineſe um Mitternacht ankommt und ein Schwalbenneſt fordert, ſo muß es ihm gerade ſo oder doch ganz ähnlich ſo geboten werden, wie er es in Hongkong ſelbſt erhalten würde; wenn ein Türke kommt und Pilau verlangt, ſo muß er ihm in ſpecifiſch türkiſcher Weiſe zubereitet geboten wer⸗ den, und ſo fort. Ein ſolches Reſtaurant iſt eine ganz bedeutende Anſtalt, denn man muß in derſelben Alles wiſſen, Alles können und Alles haben; dazu gehört nicht blos Geld, ſondern auch Verſtand, ausgebreitete Kenntniſſe und Phantaſie. Hier wollen wir uns mit einer dieſer großen Pariſer Anſtalten, dem Café Riche an der be⸗ rühmten Ecke des Boulevard und der Straße Lepeletier beſchäftigen. Dieſes Café wurde 1785 durch einen genialen Kopf gegründet, deſſen Namen es erbte; es ging dann über auf den Sohn, dann auf den Enkel, und ſpäter auf einen Monſieur Bellanger, und zuletzt wurde es für den ſelbſt in Paris enormen Preis von 800,000 Francs nebſt 200,000 Francs für die Weinkannen und Zubehör acquirirt. Zu dieſem Kaufpreiſe von einer Million Franes kommen noch 300,000 Franes ſür Reparaturen und Verſchönerungen, Completirung des Mobiliars, das zu dem prächtigſten gehört, was dergleichen Etabliſſements aufzuweiſen haben; ferner ſind 400,000 Francs in den Kellern in koſtbaren und ausgeſuchten Weinen aufgeſpeichert. Zu 5 Procent verzinſt erhält man ſo jährlich eine Intereſſenſumme von 85,000 Francs, die um 200,000 Francs für Hausmiethe, Unterhalt, allgemeine Unkoſten und Amortiſation des Anlagecapitals vermehrt, jährlich 285,000 Francs oder täglich über 700 Francs ergiebt, wobei die Küche, Speiſekammer u. ſ. w. noch gar nicht mitgerechnet ſind.

Die franzöſiſche Bijouterie. In der Bijouterie ſtehen die Franzoſen unbeſtritten obenan und können den Vorrang behaupten, weil ſie in Paris den Weltmarkt haben. Sie ſind unerſchöpflich in der Erfindung, raſch in der Ausführung und bemühen ſich, dem Augenblick Rechnung zu tragen. Noch nicht 4 Wochen nach der Schlacht von Sadowa boten alle JuweliereZündnadelgewehre von Gold und Silber als Buſennadeln zum Verkaufe aus; das Schwert, mit dem Franz Joſeph den Krönungshügel in Peſt ge⸗ ſchlagen, hat gleiche Nachbildung erfahren, und ſelbſt die bijoux 6lectriques ſind ein Tribut an eines der wichtigſten Tagesintereſſen. Um die Augen dieſer Köpfe leuchten, die Emaillippen ſich öffnen, die Naſen klingeln zu laſſen, braucht man die Tuchnadel nur mit einer kleinen Weſtentaſchen⸗Volta'ſchen⸗Säule in Verbindung zu bringen. Wie bequem! In einem Tullerienconcert während der Faſtenzeit trug die Fürſtin Metternich einen Blumenhalter, von deſſen obern, in Zacken auslaufenden Ende mittels feiner, dunkel⸗ farbiger Drähte anf dem friſchen Veilchenſtrauß eine Anzahl Brillan⸗ ten wie Thautropfen ſpielten. Zwei Tage nachher waren bei dem Bijoutier der Rue de la Paix, welcher das Modell geliefert hatte, für Damen der Demi⸗Monde 21 Beſtellungen auf genau ſolche

Roman⸗Magazin des Auslandes. 1867. Lief. 9. 15.

Blumenhalter eingegangen. Wo anders konnte ähnliches geſchehen? Noch mehr: in der Seineſtadt glauben ſelbſt die Damen des Beau⸗ Monde nicht länger als eine Saiſon hindurch ihre echten Steine in derſelben Faſſung tragen zu dürfen, und daraus erwächſt den Bi⸗ joutiers ein nicht zu unterſchätzender Antrieb, neue Modelle herzu⸗ ſtellen. Ein anderes Motiv findet ſich in dem Umſtande, daß ſo viele Bijouterien verliehen werden, namentlich in der Zeit der Mas⸗ kenbälle, wo es darauf ankommt, reichen Schmuck zu zeigen, doch nicht durch denſelben ſich kenntlich zu machen; und das Leihgeld be⸗ trägt ſo erkleckliche Summen, daß der Vierteljahrsgehalt manches höhern Beamten kaum zur Bezahlung ausreicht, und deckt doch eben nicht viel mehr als die Koſten des unvermeidlichen Anders⸗ faſſens der Steine.

Der Handel mit Menſchenhaaren in Frankreich. In den Monaten April und Mai pflegen die pariſer Haarſchneider alle Märkte, beſonders in der Bretagne, Auvergne und der Normandie zu beſuchen. Dort ſammeln ſie jährlich über 2000 Centner Haare, welche ſie auf dem Kopf mit 5 Francs das Pfund bezahlen. Dieſe Haare, welche ſonach ein Kapital von einer Million Franes reprä⸗ ſentiren, werden in Paris und in den übrigen großen Städten zu 10 Francs das Pfund bezahlt, ſind alſo in den Magazinen ſchon auf das Doppelte geſtiegen. Nachdem ſie gereinigt worden, gelangen ſie in die Hände der Haarkünſtler, welche das Pfund mit 40 Francs bezahlen, ſo daß das Kapital ſich ſchon auf 8 Millionen Francs erhöht. Nimmt man nun an, daß alle dieſe Haare zu Perrücken verarbeitet werden, ſo giebt dies mindeſtens eine Million, die, im Durchſchnitt mit 25 Francs berechnet, eine Summe von 25 Millionen Francs ergeben. Viele Haare werden indeß zu werthvolleren Ar⸗ beiten verwendet, ſo daß die Einträglichkeit dieſes Gewerbes eine ganz enorme iſt.

Großbritannien.

Londons Größe. London hatte im Jahre 1801 eine Be⸗ völkerung von 864,845 Seelen, 1811: 1,009,545, 1821: 1,225,694, 1831: 1,474,069, 1841: 1,873,676, 1851: 2,363,141, 1861: 2,803,034. Wenn ſich der Zuwachs der Bevölkerung während weiterer 50 Jahre in dieſer Weiſe erhält, ſo wird London dann ungefähr eine Be⸗ völkerung von mindeſtens 8 Mill. Seelen haben. Gegenwärtig hat London 350,000 Häuſer, und wenn man ſich ſeine Straßen zu einer geraden Linie verbunden denkt, ſo haben dieſelben eine Länge, welche zur Verbindung von Liverpool mit Newyork ausreichen würde. Zur Beleuchtung der Stadt dienen 350,000 Gaslaternen, welche täglich 13,000,000 Kubikfuß Gas conſumiren. Der tägliche Waſſerverbrauch beträgt 44,383,328 Gallons(die Gallon circa 8 Pfund). Zur Be⸗ förderung des Publikums werden 5000 Droſchken(Cabs) und 1500 Omnibuſſe unterhalten, außerdem eine Unzahl aller Arten von an⸗ derm Fuhrwerk.

Zahl der Condoner Photographen. Der amtliche Katalog der Pariſer Ausſtellung, britiſche Abtheilung, enthält folgende ſtati⸗ ſtiſche Angaben über die Zahl der im Photographie⸗Gewerbe zu London beſchäſtigten Perſonen, mit Ausſchluß der Handlanger: Pho⸗ tographen 284, Apparat⸗Verfertiger 38, Album⸗Verfertiger 38, Che⸗ miker 17, photographiſche Buchbinder 6, Papiermacher 15, photo⸗ grapiſche Verleger 16 und Materialien⸗Händler 28.

Die armen Jungen Londons. Nach einer zuverläſſigen Schätzung beträgt die Zahl der allein ſtehenden jugendlichen Armen

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