Kleines Roman⸗Magazin.
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werfen und die Verzweiflung, welche ſie umnachtet hatte, hinaus⸗ rufen in die ſtillen Bäume. Und dieſe bewegten und regten ihre Zweige wie rieſige, ſchützende Arme; der Wind aber ſäuſelte über ihr und berührte ihr Ohr wie die Stimme ſchmerzlichen Mitleids.
Der Tag neigte ſich und der Wald hüllte ſich in Dämmerung, doch ſie wanderte weiter und weiter. Mitten im Herzen des For⸗ ſtes und unter dem verſchlungenem Geäſt entblätterter Bäume lag ein kleiner See. Bertie ſtand an ſeinem Ufer und ſah ihr Geſicht in ſeinem ruhigen Spiegel. Eine ſeltſame Unruhe regte ſich in ihrer Bruſt; es war ihr, als winke und lächle ihr eigenes Bild ihr weh⸗ müthig entgegen und die Sehnſucht in Frieden dort unten zu liegen, den Blick zum blauen Himmel oder in die Aeſte hinauf gerichtet, ergriff ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt. Ihr Kopf brannte. Wie kühl mußte es dort unten ſein! Ihre Seele ſeufzte nach Ruhe; dort in dem See war es ſo ſtill und heimlich!
So ſah ſie voller Unruhe und Sehnſucht in's Waſſer und hob den Fuß zu einem letzten verzweifelten Schritt, als ſie ſich an allen Gliedern gelähmt und das Blut in ihren Adern erſtarren fühlte. Neben ihrem eigenen Geſicht im See erblickte ſie ein zweites. Sie hatte in dem gefallenen, welken Laube keinen Tritt gehört und kein Zeichen verkündete ihr ſeine Nähe, ehe er neben ihr ſtand. Eine Hand umklammerte mit feſtem Griff ihren Arm und ein Blick zeigte ihr, daß Lard Warrenden's Geſicht vor Wuth leichenfarbig war. Wollte er ſie tödten? Sie hatte von ähnlichen Fällen gehört! Ein Stoß in das Waſſer und es ſchloß ſich auf immer über ihrem Haupte. Wer konnte wiſſen, weſſen Hand ſie in den See verſenkt hatte?“
„Sie ſind alſo hieher geeilt um ihn zu treffen? fragte Mylord. Er deutete mit ſeiner freien Hand in den Wald und Bertie ſah James Douglas unter den Bäumen hervortreten und auf ſie zu⸗ kommen. Sie kämpfte, um ſich von der Hand, die ihren Arm wie eine Schraube gefaßt hielt, loszureißen und der laute, verzweifelte Schrei:„James, mein James, errette mich!“ entrang ſich ihrer Bruſt.
Bertie erwachte. Eine dunkle Geſtalt, die Geſtalt eines Mannes ſtand vor ihr an Mrs. Walſinghams halbverloſchenem Kaminfeuer. Er kam näher— beugte ein Knie vor ihr und flüſterte ihren Namen.—„Bertie, Geliebte! vor wem ſoll ich Dich erretten?“
Doch Bertie holte unter Schluchzen tief und ſchaudernd Athem und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen.
„Was ſehlt Dir, theuerſte Bertie? Verſuche mir's zu ſagen!“
„Ein Traum— nur ein Traum, ein entſetzlicher! Heil mir, daß ich daraus erwache! Gottlob, daß Du gekommen biſt! Er nahm ihre Hände von ihrem Geſicht und umſchloß ſie liebevoll mit den ſeinen, doch Bertie machte ſich von ihm los und ſtand auf, um einen Brief von dem marmornen Kaminrand zu nehmen und ihn James zu reichen. Bei der Bewegung glitt etwas von ihrem Schooß auf den Teppich. Der prächtige Amethyſtſchmuck lag funkelnd am Bo⸗ den.„Nicht doch,“ ſprach ſie als James Douglas ſich bücken und die Edelſteine aufheben wollte;„lies dieſen Brief!“ Ein Blick voll
innigen Vertrauens und treuer Liebe antwortete ihr, als er die erſten
Zeilen überflogen hatte.
„Ich bin gekommen, um mir meine Gattin zu holen, Bertie.“
Sie warf den Brief in's Feuer und legte wie ein müdes aber glückliches Kind den Kopf auf ſeine Schulter.
„James, bringe mich nach Hauſe, zu den Meinen. Mir iſt's, als müßte ich ſterben, wenn ich länger hier bliebe. Du wirſt mich nicht wieder verlaſſen?“
„Nie theuerſte Bertie— Nie!“
Engliſche Charakterköpfe.
Einer Zuſammenſtellung von intereſſanten Skizzen über England, betitelt„Weiter und Weiter“, im Verlag bei Hermsdorf in Jena, ent⸗ nehmen wir dem Sinne nach folgende Stelle: Bulwer wohnt in ſeiner ſchönen Villa in Fulham, einem friedlichen, einſamen Dorfe oberhalb Lon⸗
ein tiefes Gemüth unter dieſer beweglichen Oberfläche! Wenn man
dons. Eine durch Nichts geſtörte Ruhe herrſcht über das Haus. Er ſitzt trotz
des warmen Frühlingstages unweit ſeines Kamines, in welchem ein helles Kohlenfeuer lodert. Draußen hängen die mit Blüthen über⸗ ſäeten Zweige eines Kirſchbaums bis an das Fenſter und ein leiſes Vogelgezwitſcher dringt herein. Der berühmte Dichter, eine große, ſchlanke Geſtalt in einen himmelblauen, ſeidnen, weichwattirten Rock gehüllt, der von einer ſtarken Schnur um den Leib zuſammengehalten wird, ſitzt an ſeinem großen, leeren Tiſch, nur ein Buch vor ſich, in das er ſeinen neueſten Roman einſchreibt. Er blickt ſehnſüchtig hinaus mit ſeinen großen, matten blauen Augen. Das röthliche Haar hängt ihm in Locken über die hohe ſchmale Stirn, die große ſchmale Naſe hängt über ſeinen ſchmalen Mund herab und der rothe Bart hängt von dem ſchmalen, langen Kinn auf die Bruſt. Das ganze Geſicht hat etwas ungemein in die Länge Gezogenes. Er ſieht krank aus und iſt zerſtreut. Die Hauptſchuld an dieſem ſo klar zu Tage tretenden Unglücklichſein tragen ſeine Familienverhält⸗ niſſe. Sein Töchterchen ſtarb, ſein Sohn(der Erbe der Baronetſy) iſt fern und ſein Weib, Lady Bulwer, lebt getrennt von ihm in der Stadt. Wir treten zu ihr ein. Sie ſitzt an ihrem Schreibtiſch, denn auch ſie arbeitet an einem Roman. Ihre corpulente Figur, ihr rundes Geſicht, ihr leuchtendes, tiefblaues Auge, ihre glänzend⸗ ſchwarzen Haare, Alles ſteht im Gegenſatz zu dem Weſen ihres Gemahls. Sie betrachtet das Bildniß ihres Sohnes, ſie klagt ihren Ehegenoſſen als einen zweiten Lovelace an, er bezahle ihre Schulden nicht. Ihr großes Auge blickt uns ſchmachtend an, ihre vollen Wangen zeigen zahlreiche tiefe Grübchen, wie ſie Rubens ſo gern malt, ihre Lippen ſchwellen noch friſch und roth(wie bei Tizians Töchtern) und doch ſind ſchon vierzig Jahre an ihr vorüberge⸗ ſchlichen, da erwachen Bedenken in uns, das Roth iſt zu duftig auf dieſen Wangen, das in einem Kranz über der Stirn laſtende Haar iſt zu ſchwarz, es glänzt in's Bläuliche— ihr Weſen iſt zu freund⸗ lich, um wahr zu ſein,— wir fliehen von der Stelle und denken an das blutende Herz des ſchwermüthigen Gemahls und an das laſtende Leid in ſeinen Romanen. 7
Doch wir gehen weiter. Wieder ein ruhiges Dörſchen, Chelſea. Auf einem Raſenplätzchen im Garten ſitzt der Dichter, der berühmte Schotte, Carlyle. Er hat ſein Buch auf den Knieen und blickt tief ſinnend in die Ferne. Eine hagere Geſtalt in Schlafrock und Mütze mit der kurzen Thonpfeife im Munde, der oft dicke Wolken entſteigen— der Diogenes von Chelſea. Er iſt anfangs trocken in der Unterhaltung und führt uns hinein zu ſeinem Weibe in ein zierliches Zimmer. Sie iſt ſelbſt ein lebensvolles, zierliches Weſen, aus ihren tiefdunklen Augen ſchaut eine Welt von Gedanken. Sie hat viel gelernt, ihr Vater erzog ſie zu allen Wiſſenſchaften, und ſie hat ein treffendes aber mildes Urtheil, vor dem ſich ſelbſt ihr Gemahl fürchtet. Aber da ſitzt ſie jetzt, mit ihren zierlichen Händen dem Diogenes eine neue Cravatte nähend, im eleganten Morgen⸗ kleid. In dieſer Umgebung wird uns wohl. Die Bilder Goethe's, jung und alt, unſer Jean Paul ſchauen uns an, und Carlyle wird geſprächig, witzig und entfaltet ſeine ganze, ſo berühmte Eloquenz. Aber er iſt einſeitig, man lauſcht ihm gern, doch darf man ihn nicht unterbrechen, nicht ihm widerſprechen. Er gleicht einer helltönenden Glocke, man berührt ſie, und ſie tönt; aber nur ſich ſelbſt. Dennoch wird es einem Deutſchen bei ihm wohl, denn wenn ein Engländer uns achtet, unſere Dichter verehrt, ſo iſt es Carlyle.
Wieder gehen wir weiter zu Dicken s. Vor ſeinem eleganten Hauſe halten Carroſſen und Droſchken, eine zahlreiche Geſellſchaft iſt beiſammen. Der Romandichter iſt von einer längeren Reiſe aus der Schweiz und Genua zurückgekehrt und giebt heute eine Soiree, wie ſie in ſeinem gaſtlichen Hauſe an der Tagesordnung ſind. Auch er iſt blond, ſein Auge hellblau, ſein Geſicht geröthet vom Wein, nicht hager, nicht rund, aber reich an Humor und Gutmüthig⸗ keit. Er unterhält zwei Damen, die nicht umhin können laut zu lachen. Wir kennen dieſes an und für ſich nicht ausdrucksvolle
Geſicht, wenn es ſchildert, darſtellt, karrikirt, ſo wie er ſchreibt, ſo
iſt er. Lebhaft und ſanguiniſch, lebensluſtig, bald dichtend, bald beobachtend, bald mimiſch darſtellend, alles obenhin, und doch welch
behauptet, es ſchade dem Talent das Strömen der Welt— hier
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