Jahrgang 
7 (1867)
Einzelbild herunterladen

blaſſen Fred, der ſo fleißig über ſein Schulbuch gebeugt im Studir⸗ zimmer des Vaters arbeitete, ſein künftiger Amtsnachfolger, wie es in der Familie hieß, das Bild dieſer Brüder, wie deutlich trat es vor Bertie's Seele! Und ſo gedachte ſie der Geſchwiſter nach der Reihe. Doch James Douglas? Ach, vielleicht hatte er ſie vergeſſen oder ſeinen Sinn geändert! Doch bei dem Gedanken an den Mann, welchem ſie ihre Hand reichen ſollte, überfiel ſie ein Schauer des Widerwillens.Ich habe ſagen hören, flüſterte das arme Mädchen,daß ein ſeltſamer, unerklärlicher Zug Wahnſinnige zuweilen fortreißt, gerade das zu thun, was ihnen Entſetzen ein⸗ flößt. Mein Kopf ſchwindelt meine Gedanken verwirren ſich wie, wenn ich nicht bei klarer Vernunft wäre? Bertie verbarg ihr Geſicht in den Händen. Sie fühlte ſich unſäglich elend und ver⸗ laſſen. Wäre nicht die Furcht vor ihrer Tante geweſen, ſie hätte laut um Hülfe rufen mögen, den Namen deſſen, dem ihre erſte Liebe gehörte. Wo war er? und warum hatte er ſie ohne ein Zeichen ſeines Andenkens gelaſſen?

Die Glocken in dem Kirchthum zu Dene ließen ein frohes Geläut erſchallen und im Schloſſe waren große Feſtlichkeiten vor⸗ bereitet, denn es galt den feierlichen Empfang ſeines neuvermählten Herrn. An ſeiner Seite im eleganten Wagen ſaß Bertie ſeine Gattin. Sie fürchtete oder haßte ſeine Gegenwart nicht, ſondern war gleichgültig gegen dieſelbe. Wie es dahin hatte kommen können, daß ſie ihm ihre Hand zum ehelichen Bunde reichte, ſie wußte es nicht und konnte es nicht erklären. Nur eines war ihr klar: daß ſie ihn gethan hatte und in alle Ewigkeit nicht wieder rückgängig machen konnte, den furchtbaren Schritt, Lady Warrenden von Dene zu werden. Bertie's Herz war kalt wie Eis in ihrer Bruſt; es ſchien als ob das Blut darin an ihrem Hochzeitstage erſtarrt ſei und nie mehr erwärmt werden könne. Selbſt Lord Warrendens Stimme, dieſe ſcharfe, ſchnarrende Stimme ſtörte nicht die kalte Ruhe und Stumpfheit, welche ſich ihrer bemächtigt hatte.

Ich bin in meinem Eigenthum faſt ein Fremder, ſprach er; ich haſſe das Land, es langweilt mich zu Tode.

Bertie ſah ihn an und bemerkte das ungeduldige Achſelzucken, mit dem er ſeine kalten, verglasten Blicke von ſeinen eigenen Wäl⸗ dern und Feldern und von den Menſchen wandte, die ſich verſammelt hatten, um ihn und ſeine junge Gemahlin zu begrüßen.

Wir wollen unter einem Haufen dummer Tölpel, die ſich von der Wiege bis zum Grabe placken, ohne zu wiſſen, was leben heißt, unſere Zeit nicht lange tödten. Dir wird nichts daran liegen, Dene bald wieder zu verlaſſen, eh?

Dies alte, ſcharfeeh? wie gut ſie es kannte! wie oft war ſie bei ſeinem Tone zuſammengefahren und dem es begleitenden ſtarren Blicke ausgewichen, dieſem Blick, der nichts zu ſehen ſchien und doch alles ſah!

Nicht wahr, Du wirſt keine Neigung haben, hier zu bleiben? wiederholte ſeine Lordſchaft verdroſſen.

Bertie bewegte die Lippen und eine Stimme, deren Klang ihrem Ohre fremd ſchien, antwortete:Wie es Dir gefällt.

Sollteſt Du dennoch Luſt dazu verſpüren, ſo bin ich nicht unzufrieden damit, denn ich habe im Grunde die Verpflichtung, ein wenig mit den Tölpeln hier zu verkehren. Wir müſſen eine Reihe troſtloſer Geſellſchaften geben doch ich werde Dir meine Wünſche über dieſen Punkt ſpäter mittheilen. Biſt Du müde?

Ein wenig, war die leiſe Antwort.

Mylord murmelte einige unverſtändliche Worte zwiſchen den Zähnen und fuhr dann mit lauter Stimme fort:Ueber die Dummköpfe! Was wollen ſie mit dem albernen Schießen ſagen? Doch wir müſſen wohl oder übel freundlich ſein! Erinnere Dich gefälligſt daran. or Bertie's Ohren dröhnte ein verworrenes Geräuſch von und Freudenrufen, gefolgt von einer kurzen Rede, die Lord een entblößten Hauptes hielt, während Niemand, als ſie, , daß ſein Lächeln Spott und ſeine höflichen Worte Lügen waren. Hatte er ihr nicht erſt eben geſagt, daß er dieſe dummen Tölpel haſſe? Hierauf führte er ſeine Gemahlin die Treppe zur

Kleines Roman⸗Magazin. 700

Halle hinauf, trat an ihrer Seite hinein, beugte ſich auf ihre Hand (dieſelbe küſſend) und ſprach:Willkommen auf Schloß Dene!

Dieſe Hand war kalt wie Eis. Er mochte es gefühlt haben, denn er fuhr zurück und murmelte:Den Teufel!

Auch ein alter, bekannter Ausdruck; doch Bertie nicht darauf.

Endlich, allein gelaſſen, durchſchritt ſie die Reihe ihrer Zimmer und lange, unheimliche Galerien, von deren Wänden die Bildniſſe todter Warrendens wie geiſterhafte Wächter auf ſie herabblickten. Plötzlich fiel ihr Auge auf einen Gegenſtand, der das Eis ihres Herzens ſchmolz und ihren Blick mit Thränen füllte. Ein kleiner Strauß Schneeglöckchen! In einer zierlichen blauen Vaſe hingen ſie verſchmachtend die Köpſchen, als mahnten ſie Bertie, ihnen um alter Bekanntſchaft willen einen Blick zu gönnen. Als Bertie's Finger ſie berührten, ſchüttelten ſie ihre Glocken und ein Tropfen Waſſer fiel auf die weiße, matte Hand. Er brannte heiß wie eine Thräne, welche die Blumen um ſie weinten. Da warf ſie ſich auf den Teppich des Fußbodens und weinte ſelber Thränen der Ver⸗ zweiflung. Was hatte ſie gethan und um welcher Sache halber? Sie gedachte eines furchtbaren Tages, wo ſie am Altare ſtand und ſchwur, den Mann zu lieben und zu ehren, deſſen Gegenwart ihr gehäſſig zu werden begann. Sie erinnerte ſich des ſtolzen Triumphes ihrer Tante, der Segenswünſche liebender Eltern und Geſchwiſter Segenswünſche, auf die ſie nichts zu antworten vermochte. Doch was ſtand lebendiger vor ihrer Seele, als dies Alles? Das ernſte, vorwurfsvolle Geſicht eines alten Freundes, James Douglas', der weit ab von der bunten Menge der Hochzeitsgäſte im Halbdunkel hinter dem Altar ſtand! O, daß er eher oder nie zurückgekehrt wäre!

Sie unterdrückte gewaltſam den Ausbruch ihres Schmerzes, um aufzuſpringen und im Spiegel das Geſicht zu betrachten, an dem ein Lord Warrenden Gefallen gefunden hatte. Sie ſah jetzt keine Schönheit darin; die Bläſſe und Starrheit des Todes hatte es eingenommen. Sie ergriff den Schneeglöckchenſtrauß, drückte ihn an ihre Lippen und lehnte ſich aus dem offenen Fenſter. Die Luft war milde und vom Duft der Frühlingsblumen durchhaucht und in den Zweigen, die dann und wann an's Fenſter wehten, ſang ein Droſſel, während ein Geräuſch fröhlicher Stimmen und ſanfter Muſik aus der Ferne zu ihr herüber drang. Ein ſeltſames Gefülhl be⸗ mächtigte ſich ihrer. Es war ihr, als hätte ſie dieſen Angenblick ſchon einmal erlebt, als ſei ſie vor langen, todten Jahren ſchon einmal an dieſem Ort geweſen und habe dies Schloß, die Bilder der War⸗

achtete

rendens und die unbegrenzten Wälder jenſeits des Dorfes geſehen.

Früher hatte ſie das Land und Landleben geliebt, jetzt ihr Herz war vereist, es konnte nichts mehr lieben.

Mylady, wenn's gefällig iſt; Mylord erwartet Ew. Gnaden beim Diner.

Mylady! Bertie fuhr bei dem Klange dieſes Wortes empor, als verſetze es ihr einen heftigen Stich. Sie verbarg die Schnee⸗ glöckchen an ihrer Bruſt, riß ſie aber in demſelben Augenblick hervor, warf ſie mit leidenſchaftlicher Geberde in's Feuer und beobachtete, wie ſie ſich in den Flammen wanden und verzehrt wurden. Was hatte ſie mit dieſen Blumen zu ſchaffen? Wie ſie im Feuer ver⸗ ſchwanden, ſo verließ ſie ihr früheres Selbſt und ward in ein neues, fremdes Weſen verwandelt.

Lord Warrenden wünſchte an dieſem Abend Muſik zu hören und ſie erfüllte ſeinen Willen. Er ging unruhig im Zimmer um⸗ her und beobachtete ſie von Zeit zu Zeit ohne ein Wort zu ſprechen. Sie fühlte, daß ſein Auge auf ihr ruhte und ſchauderte. Endlich hörte ſie, daß er ſtille ſtand, ſich über ihren Stuhl beugte und ſie beobachtete; ſie fühlte ſeinen Athem faſt an ihrer Wange.

Lady Warrenden, es ſcheint mir, daß ich mich mit einem Geiſt vermählt habe. Wollen Sie mir vielleicht mittheilen, wie lange die Sache auf dieſe Weiſe fortgehen ſoll? Ich erwartete von meiner Gattin, ſie würde mir eine unterhaltende Geſellſchaft ſein, ſonſt hätte ich ſie nie gewählt.

Bertie's Lippen öffneten ſich, aber ihr Herz vereiſte ſich mehr und mehr.