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Kleines Roman⸗Magazin.
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Ein Traum am St. Valentins⸗Abend. Frei nach dem Engliſchen von Marie Gieſe.
Es war am St. Valentins⸗Abend. Tauſende von Liebesbriefen waren geſchrieben und in die Hände der ſchönen Adreſſatinnen be⸗ fördert worden, tauſende von heimlichen Hoffnungen waren erfüllt oder vereitelt und wer konnte die Bewerbungen zählen, welche heute zu einem glücklichen Ziele gelangten? St. Valentin, der alte Schutz⸗ heilige der Liebesleute Englands, hatte nur noch einige Stunden Zeit über ſeinen Günſtlinggen zu walten, denn ſchon dämmerte es und ſelbſt auf dem ärmſten Herde flammte ein luſtiges Feuer, das Sinnbild der Behaglichkeit eines engliſchen Hauſes.—„Lord War⸗ renden“ war der Name, welcher während des ganzen Tages in den Ohren eines Mädchens geklungen hatte, ohne denſelben, wie man hätte vorausſetzen ſollen, eine angenehme Muſik zu ſein. Die Bilder, welche dieſer Name in ihr heraufbeſchwor, mußten trauriger Art ſein, denn den Kopf geſenkt und in ernſtes Sinnen verloren ſaß ſie da und beobachtete das Spiel der Flammen. Eine ſtattliche, in ſchwarzen Sammet gekleidete Dame, die ihr gegenüber am Kamine ſaß, wandte ſich zum zweiten Male mit derſelben Bemerkung an ſie.
„Ich erwartete es jetzt noch nicht, Bertha,“ ſprach ſie mit einem triumphirenden, befriedigten Lächeln;„obgleich ich natürlich wußte, daß es dahin kommen würde. Laß mich ſeinen Namenszug ſehen, bitte!“
Die Hand des jungen Mädchens griff unwillkürlich nach einem auf der Marmoreinfaſſung des Kamins liegenden Briefe. Welcher Art auch ihre Gefühle gegen den Schreiber ſein mochten, ſein Liebes⸗ geſtändniß war ihr heilig und keine fremden Augen waren berufen es zu leſen.
„Er hat ſich Warrenden, Lord von Dene, unterzeichnet, Tante Grace,“ erwiderte ſie in gleichgültigem Tone und fuhr mit heftigem
Erröthen und etwas lauterer Stimme fort:„wenn Du dies Ereigniß
vorhergeſehen haſt, warſt Du klüger als ich. Ich habe es nie er⸗ wartet und hoffe nicht, daß Du glaubſt, es ſei durch mein Betragen herbeigeführt worden. Nie habe ich Lord Warrenden ermuthigt; ich konnte es nicht, da ich, wie Du weißt—“
„Stille, ſtille!“ unterbrach ſie Tante Grace.„Ich weiß, daß eine thörichte Kinderfreundſchaft zwiſchen James Douglas und Dir in ſentimentale Ideen ausartete, in ein dummes Verhältniß, das nie zu etwas Vernünftigem führen kann. Ueberdies hat er lange nichts von ſich hören laſſen und das Jahr iſt zu Ende.“
Ein weniger weltgehärtetes Herz als das unter dem ſchweren Sammetkleid ſchlagende, wäre durch den ſtillen Vorwurf in des Mädchens Geſicht gerührt worden. Mrs. Walſingham aber verab⸗ ſcheute jede Schwäche und das, was ſie„Sentimentalität“ nannte.
„Das Jahr iſt vorüber,“ wiederholte ſie.„Sei verſtändig, Bertie. Es war mein Wunſch, Dich auf einige Monate in meinem Hauſe zu ſehen, ehe Du einen unwiderruflichen, dummen Streich machteſt. Wenn ich nicht irre, hattet Ihr das Uebereinkommen ge⸗ troffen, Euch ein Jahr lang zu prüfen und wenn bis dahin die Thorheit—“
„Tante Grace,“ unterbrach ſie das junge Mädchen,„ich halte mich nicht weniger gebunden, als wäre ich wirklich verlobt.“
„Doch wenn der junge Mann ſein Verſprechen bereut? Und dies iſt entſchieden der Fall, da er Dich ohne jede Benachrichtigung gelaſſen hat. Es ſetzt mich, wie ich Dir nicht verhehlen kann, ge⸗ wiſſermaßen in Erſtaunen, daß Du ſo wenig weiblichen Stolz beſitzeſt.“
Mrs. Walſinghams Ton hatte eine Beimiſchung milder Nach⸗
ſicht, die das Herz ihrer Nichte peinlich berührte. Bertie wußte,
was dieſe Nachſicht bedeutete; ſie fühlte unbeſtimmt, daß ihre Tante wunderbarer Weiſe eine Art Einfluß über ſie gewonnen hatte, dem es nutzlos ſchien, zu widerſtehen.
Die leichten Runzeln verſchwanden nach obigen Worten von Mrs. Walſinghams Stirne und ſie blickte lächelnd auf die zierlichen Finger des Mädchens, welche unruhig mit dem Schloß eines elegan⸗ ten Lederkäſtchens ſpielten.
„Es war ein romantiſcher Einfall von Lord Warrenden, Dir
ſeinen Antrag gerade heute, am St. Valentinstage zu machen und die anonyme Ueberſendung des Schmuckes— denn er kann in aller Welt nur von ihm kommen— war keine zarte Befürwortung jenes Antrages. Sie ſieht dem reichen Lord Warrenden von Dene ähnlich, der das Alter der Romantik längſt hinter ſich hat und ſich an das Reelle hält. Glaube nicht, Tante Grace, daß der Glanz dieſer koſt⸗ baren Edelſteine meine Augen gegen die Wahrheit blind macht, daß Lord Warrenden ein Fünfziger von häßlichem Aeußern iſt, und was die Güte ſeines Charakters betrifft, ſo hege ich meine Zweifel. Der kalte, forſchende Blick ſeiner Augen flößt mir zuweilen Furcht ein. Er wünſcht, daß ich ſeine Gemahlin werde, weil er glaubt, daß ich—“
„Nun?“ unterbrach ſie Tante Grace,„ich bin begierig es zu erfahren.“
„— weil er glaubt, daß ich das obere Ende ſeiner Tafel paſſend ausfüllen und ſchmücken würde,“ ſprach Bertie mit vollkommener Gleichgültigkeit gegen den Umſtand, daß Tante Grace ſie vielleicht für anmaßend halten könne.
„Er hat recht dies anzunehmen,“ war die ruhige Antwort. „Ich wüßte Niemand, der ihm hierin nicht beipflichten würde. Viel⸗ leicht thäte ich beſſer, es nicht offen auszuſprechen, allein Dein ganzes Weſen, Deine Manieren haben bedeutend gewonnen, ſeit Du in meinem Hauſe biſt. Du mußt Lord Warrenden noch heute ant⸗ worten und das Ereigniß dann den Deinigen mittheilen. Die glück⸗ liche Nachricht wird Deine Eltern einer großen Sorge entheben. Du haſt daheim ſieben Geſchwiſter und die Mittel zu ihrer Er⸗ ziehung ſind beſchränkt.“ Und in heiterm Tone fügte Mrs. Walſing⸗ ham hinzu:„Dene Caſtle iſt freilich ſehr verſchieden von einer ein⸗ fachen Pfarre in Lincolnſhire! Welch' eine Heldin wirſt Du in den Augen der Deinigen ſein!“
Die niedergeſchlagenen Mienen des jungen Mädchens in dem Fauteuil am Kamin erhellten ſich auf einen Augenblick und mit energiſchem Ausdruck rief ſie:„Tante Grace, laß mich in meine Heimath zurückkehren! dies mäßige, üppige Leben hat mich ver⸗ dorben. Ich fühle, daß ich ſelbſtſüchtig und gottvergeſſen bin. Laß mich zu den Meinen gehen!“
„Ich verſtehe Deine Geſühle, und weiß ſie zu ſchätzen,“ er⸗ widerte Mrs. Walſingham.„Du biſt, wie es natürlich iſt, ein wenig erregt und die vielen Feſtlichkeiten haben Dich ermüdet. Ich glaube, es wird Dir wohl thun, heute nicht beim Diner erſcheinen zu dürfen.“
„Beim Diner! Nein, nein! ich bedarf der Ruhe.“
„Und haſt einen Brief zu ſchreiben. Doch zuvor flärke Dich durch ein wenig Schlaf. Ich muß Dich verlaſſen, um meine Toilette zu machen. Himmell welche herrlichen Amethyſte! Wie unvergleich⸗ lich das helle, reine Violett ſich von Deiner weißen Haut abhebt. Welch ein Glanz! Nun adieu auf eine Weile!“
Als die Thüre ſich hinter Mrs. Walſingham geſchloſſen hatte, ſtieß das ſchöne Mädchen am Kamin einen Seußzer der Erleichterung aus. Sie drückte ihre Hände an die Stirn, ſchloß müde die Augen und in ihrer Erinnerung ſtieg ein Bild herauf, das einer— ſo dünkte es ihr— längſt verklungenen Zeit angehörte. Sie hielt einen Strauß Schneeglöckchen in der Hand und Schneeglöckchen ſproßten um ſie her aus dem grünen Raſen des Thales; tauſend Vögel belebten die Luft durch ihre Lieder und an ihrer Seite wan⸗ derte ein alter Spielkamerad, ein Freund— jetzt mehr als beides. Sie gingen dahin wie in einem ſüßen Traum,— doch was hatte ſie mit jenem Bilde zu ſchaffen? Hätte es heute noch denſelben Reiz für ſie gehabt? Ein Jahr in Mrs. Walſinghams Geſellſchaft konnte nicht ohne Einfluß an ihr vorübergegangen ſein und Bertie war von der großen Ausſicht, die ſich ihr eröffnete, geblendet. Sie, die arme Pfarrerstochter, Herrin von Schloß Dene mit unermeß⸗ lichem Reichthum und einem Titel, auf den die erſten Töchter des Landes ſtolz geweſen wären.—
Bertie hielt mit einem ſchmerzlichen Seufzer inne. Ja, ſie war arm; daheim kämpfte man mit ſo manchen Sorgen, mit ſo vielen Entbehrungen. Und ihre Brüder! Was konnte Lord Warrendens Einfluß nicht alles thun, um ihren Lebensweg zu ebnen! Das Geſicht des braven, treuherzigen Seecadetten und das des kleinen,


