Kleines Roman⸗Magazin. 696
„A la bonne beure!“ das iſt etwas anderes! Es hätte mich wirklich geſchmerzt, einen ſo tüchtigen Künſtler zu verlieren. Doch zu wann wünſchen Sie dieſes Zimmer, Meiſter Chriſtian?“
„Zu dieſem Abend.“
„Unmöglich, es iſt beſetzt!“
„Der Herr kann ſogleich eintreten,“ ließ ſich eine Stimme hinter uns vernehmen,„ich bleibe keine Minute mehr hier.“
Ueberraſcht ſahen wir uns um. Es war der Bauer aus Naſſau, ſeinen großen Dreimaſter auf dem Kopf, ein Packet unter dem Arm und einen Reiſeſtock in der Hand. Er zitterte vor Zorn, als er die Geſchichte von den drei Erhängten hörte.
„Solche Zimmer haben Sie!“ ſchrie er ſtammelnd.„Aber... das iſt ja ein Mordverſuch, die Leute da wohnen zu laſſen. Das iſt verbrecheriſch. Sie verdienten auf die Galeere geſchickt zu werden!“
„Gemach, gemach, beruhigen Sie ſich,“ nahm der Wirth das Wort,„trotzdem haben Sie doch ſehr gut geſchlafen.“
„Glücklicherweiſe hielt ich mein Abendgebet,“ ſchrie der Andere wieder,„wo würde ich ſonſt ſein, wo würde ich ſein?“
Und er entfernte ſich mit zum Himmel gehobenen Händen.
„Nun wohl,“ rief Meiſter Schmidt ganz verdutzt,„das Zimmer iſt frei, doch ſpielen Sie mir keinen ſchlechten Streich!“
„Das wäre für mich bei weitem ſchlimmer, mein lieber Wirth.“
Ich übergab mein Packet der Dienſtmagd und unterhielt mich einſtweilen mit den Gäſten. Lange Zeit hatte ich mich nicht ſo ruhig, ſo glücklich gefühlt. Kam ich doch nach ſo vieler Unruhe end⸗ lich meinem Ziele näher; der Himmel klärte ſich mir auf und es war, als verbände ſich eine geheime Kraft mit mir! Ich rauchte meine Pfeife und, den Ellbogen auf den Tiſch, meinen Schoppen Wein vor mir, hörte ich dem Chor aus dem Freiſchütz zu, von einer Zigeunertruppe aus dem Schwarzwalde aufgeführt. Die Töne der Trompeten, Jagdhörner und Baßpfeifen verſetzten mich in tiefe Träumereien, und zuweilen, mich mit Gewalt erweckend, fragte ich mich, ob Alles, was ſich zugetragen, nicht ein Traum ſei. Als jedoch der Wächter uns bat, den Saal zu räumen, beſchäftigten ernſtere Gedanken meine Seele und nachdenkend folgte ich der kleinen Charlotte, die mir mit einem Licht voranging.
III.
Wir ſtlegen die drei Treppen hinauf. Dann gab ſie mir das Licht und zeigte mir die Thür.
„Hier iſt es!“ rief ſie, indem ſie ſich beeilte wieder hinunter⸗ zukommen.
Ich öffnete die Thür. Das grüne Zimmer war wie alle andern Gaſthausſtuben beſchaffen, die Decke ſehr niedrig und das Bett ſehr hoch. Mit einem Blick überſah ich die ganze Einrichtung und ging zum Fenſter.
Nichts ließ ſich von Fledermaus ſehen. Nur ganz hinten, am Ende einer langen dunklen Zimmerreihe brannte ein Licht, ohne Zweifel eine Nachtlampe.
„Das iſt gut,“ ſagte ich, den Fenſterladen ſchließend,„ich habe noch die nöthige Zeit.“
Dann öffnete ich mein Packet, ſetzte einen Frauenhut mit langen Frangen auf, und da ich mich mit Reißkohle verſehen, trat ich vor den Spiegel, mir das Geſicht zu bemalen. Dies dauerte eine gute Stunde. Dann, nachdem ich das Kleid angezogen und den großen Shawl umgethan, erſchrak ich vor mir ſelber, Fledermaus ſtarrte mich aus dem Spiegel an.
In dieſem Augenblick verkündete der Wächter die elfte Stunde. Ich nahm lebhaft die Gliederpuppe, die ich mir mitgebracht hatte, hüllte ſie in Kleider, ähnlich denen der böſen Hexe, und öffnete von ne den Laden. ach Allem, was ich von der Alten geſehen hatte, konnte mich
fliſche Liſt, ihre Schlauheit und Geſchicklichkeit ſicher nicht überraſchen und dennoch hegte ich Furcht. Das Licht, das ich am Ende der Zimmer geſehen, jenes unbe⸗ wegliche Licht, warf einen gelben Schein auf die Gliederpuppe, die den Naſſauer Bauer darſtellte, und an das Bett angelehnt, den
Kopf auf die Bruſt geſenkt, das Geſicht von dem Dreimaſter ver⸗ deckt, die Arme ſchlaff herabhängend, ein vollkommenes Bild der Verzweiflung bot.
Der Schatten mit einer ſataniſchen Kunſt zu Rathe gezogen, ließ nur das Ganze der Figur erſcheinen! Nur allein die rothe Weſte und ſechs runde Knöpfe löſten ſich von den dunkeln Schatten los.
Sei es nun durch die Stille der Nacht oder durch die voll⸗ kommene Starrheit der Perſönlichkeit, kurz, dieſer Anblick übte auf den Zuſchauer eine unerkannte, ergreifende Macht aus. Ich ſelbſt, obgleich das Alles vorher wiſſend, fühlte einen Schauer in den Gliedern. Einen wie viel ſchrecklicheren Eindruck mußte daher dies auf einen argloſen Landmann hervorbringen, der ſo unvorhergeſehen davon überraſcht wird. Er würde zu Boden ſinken, ſeinen freien Willen verlieren und die Einbildungskraft hätte dann das Weitere geſchaffen.
Kaum hatte ich die Gardine zurückgeſchoben, als ich Fledermaus, hinter ihren Scheiben auf der Lauer ſtehend, bemerkte. Sie konnte mich nicht ſehen. Ganz leiſe öffnete ich das Fenſter... das Fenſter gegenüber öffnete ſich gleichfalls; der Gliedermann ſchien ſich lang⸗ ſam zu erheben und gegen mich vorzuſchreiten, ich ſchritt von ſelbſt vor und mit der einen Hand das Licht faſſend, öffnete ich mit der andern ſchnell das Fenſterkreuz.
Das alte Weib und ich ſtanden uns gegenüber, dann, ſtarr vor Beſtürzung, ließ ſie die Gliederpuppe fallen. Unſere Blicke kreuzten ſich mit gleichem Schrecken.
Sie ballte die Hand, ich auch, ihre Lippen bewegten ſich, die meinigen ebenfalls, ſie ſeufzte ſchwer und lehnte ſich mit dem Ellbogen auf, ich that daſſelbe... Zu beſchreiben, wie furchtbar dieſe Scene war, iſt mir unmöglich. Sie enthielt Wahnwitz, Tollheit und Raſerei.
Es war ein Kampf zwiſchen zwei Seelen, zwei Willen, zwei Leben. Jeder wollte den Anderen beſiegen und mein Vortheil war in dieſem Kampfe größer, denn die Opfer ſtanden mir zur Seite! Nachdem ich einige Secunden alle Bewegungen von Fledermaus nachgeahmt, zog ich einem Strick unter meinen Rock hervor und befeſtigte ihn an der Schildſtange. Die Alte betrachtete mich mit weitgeöffnetem Mund. Ich nahm den Strick um meinen Hals. Ihre falſchen grünen Augen leuchteten unheimlich, ihre ganze Geſtalt ſchwankte.
„Nein, nein!“ rief ſie mit gellender Stimme,„nein!“
Ich fuhr mit der Kaltblütigkeit eines Henkers fort. Da ergriff Fledermaus die Wuth.
„Alte Verrückte,“ heulte ſie, ſich aufrichtend, die Hände auf den Querbalken krampfhaft ballend,„alte Verrückte!“
Ich gab ihr zum Fortfahren keine Zeit.
Plötzlich mein Licht ausblaſend, beugte ich mich haſtig herunter, gleich als wollte ich ein wildes Thier packen, ergriff den Glieder⸗ mann und ihm den Strick um den Hals bindend, ſtürzte ich ihn in die Tiefe hinab. Ein ſchrecklicher Schrei ertönte in der Straße.
Nach dieſem Schrei trat die vorige Stille wieder ein. Der Schweiß rieſelte von meiner Stirn... lange Zeit horchte ich... Nach Verlauf einer Viertelſtunde hörte ich weit, weit in der Ferne die Stimme des Wächters, der rief...„Bürger Nürnbergs... Mitternacht... Mitternacht— geſchlagen...“
„Jetzt iſt die Gerechtigkeit geübt,“ murmelte ich,„die drei Opfer ſind gerächt... Herr, vergieb mir...“
Dies war mein Gebet, als ich ungefähr nach dem letzten Ruf des Wächters die Megäre ſah, die durch ihr eigenes Bild angezogen, auf das Fenſter geſtiegen war, den Strick um den Hals gelegt hatte und an der Schildſtange ſich erdroſſelte. Ich ſah ihre Glieder im Todesſchauer zucken und der ſtille, geiſterhafte Mond, der hinter dem Dach hervortrat, goß über ihre ſtarre Geſtalt, über ihr ver⸗ wirrtes Haupt ſeine kalten, bleichen Strahlen aus.
So hatte ich den armen jungen Menſchen geſehen, ſo ſah ich jetzt Fledermaus.
Am folgenden Tag wußte ganz Nürnberg, daß die alte Frau im einſamen Haus ſich erhängt hatte.
Doch war dies Ereigniß das letzte in ſeiner Art in der Minne⸗ ſängerſtraße.


