Jahrgang 
7 (1867)
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Kleines Roman⸗Magazin.

Während der nächſten ſechs Wochen konnte ich nichts entdecken, ſie fort. Ein Geräuſch an der Thür ließ ſich vernehmen, die Alte

was auf die geheime Macht der Alten hindeutete. Bald ſchälte ſie Kartoffeln, bald begoß ſie ihr Leinen, zuweilen auch ſpann ſie, doch niemals ſang ſie dazu, wie andere gute alte Frauen, deren zitternde Stimmen ſich ſo wohlklingeud mit dem Schnurren des Rädchens vereinen.

Immer herrſchte Stille um ſie her. Sie beſaß keine Katzen, die doch ſonſt die Lieblingsgeſellſchaft alter Jungfern ausmachen... kein Sperling flog herbei, aus ihrer Hand Futter zu empfangen, und wenn Tauben über den Hof flogen, ſo ſchien es mit größerer Eile als ſonſt zu geſchehen. Es war, als fürchtete Alles ihre Nähe. Nur allein die Spinne gefiel ſich in ihrer Geſellſchaft.

Ich kann jetzt ſelbſt meine Geduld in jenen langen Stunden der Beobachtung nicht begreifen, nichts entging mir, nichts war mir gleichgültig. Hörte ich das leiſeſte Geräuſch, ſo hob ich meinen Schiefer auf. Es war eine Neugierde ohne Grenzen, durch eine unerklärliche Furcht gereizt.

Tonbac beklagte ſich.

Meiſter Chriſtian, ſagte er mir einſt,wo zum Teufel laſſen Sie denn Ihre Zeit? Früher erhielt ich jede Woche eine Bild von Ihnen, jetzt kaum alle Monate. O! die Maler. Wohl iſt es wahr, wenn man ſagt: Faul wie ein Maler. Sobald er nur wenige Kreuzer hat, ſteckt er die Hände in die Taſchen und ſchläft ein.

Ich ſelbſt begann den Muth zu verlieren. Was nüttzte alles Schauen, Forſchen, wenn ich niemals etwas entdeckte? War die

Alte vielleicht beſſer, als es mir deuchte und hatte ich Unrecht, ſie

zu beargwöhnen? Kurz, ich wurde irre. Da, eines ſchönen Abends, als ich wiederum ausſchaute, veränderte ſich die Scene auffallend.

Fledermaus huſchte über die Galerie mit der Schnelligkeit des Blitzes. Sie war nicht mehr ſie ſelbſt. Aufrecht, mit ſtierem Blick, zuſammengepreßten Kinnbacken und vorgeſtrecktem Hals eilte ſie mit großen Schritten, während ihre langen grauen Haare verwirrt hinterher flatterten.

O, o, ſagte ich mir,es ereignet ſich etwas Merkwürdiges! Doch allmälig breiteten ſich Schatten aus, das Geräuſch der Stadt begann aufzuhören und vollkommene Ruhe trat ein.

Ich wollte mich auf mein Lager werfen, als ich, noch immer durch die Luke ſchauend, das Fenſter mir gegenüber erleuchtet ſah: ein Fremder bewohnte das Zimmer des Erhängten. Alle meine Befürchtungen tauchten mit verdoppelter Macht auf, die Aufregung der Fledermaus erklärte ſich, ſie witterte ein neues Opfer.

Ich konnte dieſe Nacht nicht ſchlafen, das Knittern des Strohs, das Nagen einer Maus unter dem Fußboden beunruhigte mich. Ich erhob mich, ſetzte mich an's Fenſter und horchte. Das Licht von vorhin war erloſchen. In einem ſolchen Augenblicke durch⸗ dringender Angſt, mochte es nun Illuſion oder Wirklichkeit ſein, glaubte ich die alte Hexe zu ſehen, wie ſie auch ſah und lauſchte.

Die Nacht verging, der Tag erhellte meine Scheiben. Allmälig drang das Leben da unten zu mir herauf. Von Ermüdung und Unruhe bewältigt, ſchlief ich ein, doch nur kurze Zeit, und um acht Uhr nahm ich meinen Beobachtungspoſten wieder auf.

Es ſchien, als ſei Fledermaus die Nacht auch nicht ruhiger ver⸗ gangen, wie mir. Als ſie die Galeriethür aufſtieß, bedeckte Leichen⸗ bläſſe ihre Wangen. Ein Hemd und ein kurzer Wollenrock war ihre Bekleidung und kleine Strehnen röthlich⸗grauen Haares fielen auf ihre Schultern. Sie war ganz in Gedanken verſunken und ſtarrte vor ſich hin. Plötzlich ſtieg ſie hinunter, ihre Schlappſchuhe oben laſſend, ohne Zweifel um ſich zu verſichern, daß die Thüre gut geſchloſſen ſei. Ich ſah ſie eilig wiederkommen, denn ſie überſprang drei oder vier Stufen und entfernte ſich in das nächſte Zimmer; ich hörte ein Geräuſch, als würde ein Kofferdeckel zurückgeſchlagen und plötzlich erſchien Fledermaus mit einer Gliederpuppe, die die Kleider des Heidelberger Studenten trug.

Mit bewunderungswürdiger Geſchicklichkeit hing ſie dieſen gräß⸗ lichen Gegenſtand an den Balken des Wagenſchuppens, dann ſtieg ſie ganz herunter, um ihn vom Hof aus zu betrachten.

Ein heftiges Lachen erſcholl aus ihrem Mund... dann wie eine Verrückte Trepp' auf Trepp' ab ſpringend, ſchrie und lachte

dem Geſicht.

ſprang auf, ergriff die Gliederpuppe, trug ſie fort, kam wieder zurück und ſich über das Geländer beugend, lauſchte ſie mit hervorgeſtrecktem Hals und weitgeöffneten Augen. Der Lärm entfernte ſich... ihre Geſichtsmuskeln löſten ſich von ihrer Erſtarrung und ſie that einen tiefen Athemzug... ein Wagen fuhr vorüber.

Die Megäre hatte Furcht gehabt.

Dann trat ſie von Neuem in ihr Zimmer, und ich hörte ſie den Koffer ſchließen.

Dieſer bizarre Auftritt erregte eine förmliche Revolution in meinem Innern, was bedeutete dieſer Gliedermann? Ich wurde aufmerkſamer als je. Fledermaus ging nun mit dem Korb am Arme fort. Ich ſah ihr nach ſo lange ich konnte. Sie hatte die Miene einer zitternden alten Frau wieder angenommen und ging mit kurzen Schritten, ſich von Zeit zu Zeit halb umwendend, um hinter ſich zu ſehen. Fünf lange Stunden blieb ſie fort. Ich ging hin und her, dachte nach, die Zeit wurde mir unerträglich lang, dazu ſchien die Sonne heiß auf die Schiefer und die Wärme brannte auf mein Gehirn.

An ſeinem Fenſter ſah ich den guten Mann, der das Zimmer der drei Erhängten bewohnte. Es war ein braver Bauer ans Naſſau, mit großem Dreimaſterhut, ſcharlachrother Weſte und luſtigem, lachendem Geſicht. Ruhig rauchte er ſeine Ulmerpfeife und ſchien ſich an nichts zu kehren. Schon hatte ich Luſt ihm zuzurufen:Braver Mann, nimm Dich in Acht! Laß Dich nicht durch die Hexe bethören. Vertheidige Dich! Doch er würde es nicht verſtanden haben.

Um zwei Uhr trat Fledermaus wieder ein. Der Klang der zufallenden Thür hallte dumpf im Flur nach. Dann erſchien ſie allein, ganz allein im Hof und ſetzte ſich auf die innere Treppe nieder. Ihren großen Korb vor ſich ziehend, nahm ſie aus vem⸗ ſelben zuerſt einige Packete Kräuterwerk, dann eine rothe Weſte, einen zuſammengelegten Dreimaſter, eine Jacke von braunem Sammet, kurze Plüſchhoſen, eine paar grobe Wollenſtrümpfe, kurz, das ganze Coſtüm des Naſſauer Bauern.

Ich war wie geblendet. Flammen zuckten vor meinen Augen. Ich erinnerte mich der Abgründe, die mit unwiderſtehlicher Macht locken, der Brunnen, die zugeſchüttet werden mußten, weil man ſich in ſie hineingeſtürzt hatte, der Bäume, welche umgehauen wurden, da ſich Unglückliche an ihnen aufgehangen hatten, dieſe ganze Peſt von Mord, Diebſtahl zu gewiſſen Zeiten durch beſtimmte Mittel, dieſes merkwürdige ſich vom Beiſpiel hinreißen laſſen, zu weinen, weil man weinen ſieht, zu leiden, weil man leiden ſieht, zu tödten, weil Andere es thun... und meine Haare ſträubten ſich vor Schrecken empor!

Wie hatte Fledermaus, dieſe ſchändliche Creatur, ein ſo tiefes Naturgeſetz ahnen können? Wie hatte ſie die Mittel geſunden, das⸗ ſelbe zu Nutzen ihres eigenen blutdürſtigen Weſens auszubeuten? Das konnte ich nicht begreifen, es ging über meinen Verſtand, doch ohne weiter über dieſes Geheimniß nachzudenken, entſchloß ich mich, dieſe verhängnißvolle Kraft gegen ſie ſelbſt zu wenden und die Alte in ihrer eignen Schlinge zu fangen.

Wie viel unſchuldige Opfer ſchrieen nach Rache!

Ich machte mich alſo auf den Weg, lief zu allen Trödlern Nürnbergs und am Abend gelangte ich, mit einem großen Packet unter dem Arm, an der Herberge der drei Erhängten an.

Niklas Schmidt kannte mich ſchon ziemlich lange. Hatte ich doch ſein Weib, ein appetitliches Frauchen, abconterfeit.

He, Meiſter Chriſtian, rief er mir, die Hand ſchüttelnd, zu, was für glückliche Umſtände führen Sie hieher? Was verſchafft mir das Vergnügen, Sie zu ſehen?

Mein lieber Herr Schmidt, ich habe den größten Wuunſch, dieſe Nacht in dieſem Zimmer zu ſchlafen. 35

Wir ſtanden auf der Schwelle des Gaſthauſes und nach dem grünen Zimmer hin. Der brave Wirth zuckte

O, fürchten Sie nichts. Ich habe durchans keine Luſt mich

zu erhängen!