Jahrgang 
7 (1867)
Einzelbild herunterladen

9

geht, einen Gegenſtand an der Schildſtange. Er leuchtet mit ſeiner Laterne hinauf und ſiehe... es iſt der Militair, der ſeinen Abſchied in der Taſche hat und deſſen Finger ſich an der Hoſentaſche befinden als ginge es zur Parade.

Dies war ein unvorhergeſehener, außerordentlicher Fall! Der Bürgermeiſter wünſcht die ganze Geſchichte zum Teufel. Das Zim⸗ mer wird unterſucht, die Mauern wieder aufgetüncht und der Todten⸗ ſchein nach Neuſtadt geſchickt.

Der Aktuar ſchreibt an den Rand:An jähem Schlagfluß geſtorben. Ganz Nürnberg war gegen den Gaſtwirth aufgebracht. Es gab ſelbſt Bürger, die ihn zwingen wollten, die Schildſtange zu entfernen, indem ſie vorgaben, ſie flöße den Leuten ſchreckliche Ge⸗ danken ein. Doch Sile können ſich denken, daß der alte Niklas Schmidt dafür taube Ohren hatte.Dieſe Eiſenſtange, entgegnete er,iſt von meinem Großvater angebracht worden und trägt das Schild des grünen Ochſen ſeit fünfzig Jahren. Sie thut Niemand etwas zu Leid, nicht mal den Heuwagen die darunter fahren, denn von der Erde iſt ſie dreißig Fuß entfernt! Endlich beruhigte man ſich, und mehrere Monate hörte man auch Nichts Neues mehr. Unglücklicherweiſe hält ein Student aus Heidelberg, der ſich wieder auf die Univerſität begeben wollte, vorgeſtern hier an und verlangte ein Nachtquartier. Er war der Sohn eines Predigers.

Wie kann man nur vermuthen, daß der Sohn eines Predigers ebenfalls die Idee haben könnte ſich zu erhängen wie vor ihm ein penſionirter Militair und ein corpulenter Kaufmann? Wirklich, Meiſter Chriſtian, iſt das nicht zu unwahrſcheinlich? Mir wenigſtens genügen dieſe Gründe nicht und Ihnen geht es ſicherlich ebenſo. Nun alſo

Genug, genug, rief ich aus,das iſt ja furchtbar! Ich errathe ein ſchreckliches Geheimniß dahinter. Es iſt weder die Eiſen⸗ ſtange noch das Zimmer...Beargwöhnen Sie vielleicht den Wirth, den ehrlichſten Kerl in der Welt, der zu einer der älteſten Familien Nürnbergs gehört?

Nein, nein, Gott ſchütze mich vor ungerechtem Verdacht, doch es giebt Abgründe, die man nicht mit einem Blick zu durchſchauen wagt.

Wohl haben Sie Recht, antwortete Tonbac, erſtaunt über meine Aufgeregtheit, man thut beſſer, andere Geſpräche zu führen.

A propos, Meiſter Chriſtian, was macht unſere Landſchaft von Saint⸗Odile?

Dieſe Frage führte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich zeigte dem Kunſthändler die beinahe vollendeten Sachen. Das Geſchäft war bald abgeſchloſſen und Tonbac, ſehr zufrieden, bat mich, ehe er die Leiter herunterſtieg, nicht mehr an den Heidelberger Studenten zu denken.

Gern hätte ich ſeinen Rath befolgt, doch wenn der Böſe ſich in unſere Angelegenheiten miſcht, iſt es durchaus nicht leicht, ſie wieder in Ordnung zu bringen.

II.

Als ich wieder ganz allein war, ſtiegen dieſe Ereigniſſe mit ſurchtbarer Lebendigkeit vor meinem Geiſte auf.

Die Alte, ſagte ich mir ſelber, iſt an Allem Schuld. Sie allein hat dieſe Verbrechen ausgedacht und vollbracht; aber durch welche Mittel? Nahm ſie zur Liſt ihre Zuflucht oder verband ſie ſich mit unſichtbaren Mächten?

Sinnend auf und abgehend rief eine innere Stimme mir zu:

Nicht umſonſt vergönnt es Dir der Himmel, Fledermaus, den Todeskampf ihres Opfers betrachten zu ſehen; nicht umſonſt kam die Seele des armen jungen Mannes unter der Hülle eines Nachtſchmetterlings zu Dir, Deinen Geiſt zu wecken... nein, nicht umſonſt! Chriſtian, der Himmel ſelber ſchickt Dir eine furchtbare Miſſion! Erfüllſt Du ſie nicht, dann fällſt Du ſelber in die Stricke dieſes boshaften Weibes, die vielleicht in dieſem Augenblick wieder ihre verderbenbringenden Netze webt.

Mehrere Tage verfolgten mich dieſe ſchrecklichen Bilder ohne Aufhören. Mein Schlaf wurde unruhig, meine Arbeitskraſt er⸗ lahmte.

ſtehen, überraſchte ich mich manchmal ſelber, wie ich die Schildſtange

Kleines Roman⸗Magazin

Der Pinfel entfiel meiner Hand und leider muß ich ge⸗

692 mit Wohlgefallen betrachtete. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und eines Abends ſtieg ich die Leiter hinunter, um hinter der Thür der Fledermaus zu hocken und adia ihr verhängnißvolles Geheimniß zu entdecken.

Von nun an verging kein Tag, an welhem ich nicht der Alten auf jegliche Weiſe nachſpürte, doch ſie war ſo ſchlau, ſie hatte eine ſo ungemein feine Spürnaſe, daß ſie auch ohne ſich umzuwenden bemerkte, wie ich ihren Fußtapfen folgte.

Jetzt ſchien ſie mich täuſchen zu wollen. Sie ging auf den Markt, in's Schlachthaus gleich jeder andern einfachen Bürgersfrau, nur mit ſchnellerem Schritt und unzuſammenhängende Sätze vor ſich hinmurmelnd. Nach dem Verlauf eines Monats mußte ich mir ſelber mit tiefer Traurigkeit eingeſtehen, daß ich auf dieſe Weiſe meinem Ziel nicht näher kommen würde.

Was thun? dachte ich bei mir,die Alte erräth meine Pläne und iſt auf ihrer Huth. Alles verläßt mich... Alles! O, bos⸗ hafte Hexe! Du glaubſt mich ſchon am Ende mit meinen For⸗ ſchungen. Beim Wiederholen dieſer Frage:Was thun, was thun? kam mir plötzlich ein lichter Gedanke. Mein Zimmer ſtieß an das Haus der Fledermaus, doch hatte es von dieſer Seite keine Luken. Mit Leichtigkeit entfernte ich eine Schieferplatte und wer kann meine innige Freude beſchreiben, als ich das ganze alte Ge⸗ bäude frei vor Augen hatte.Endlich habe ich Dich! rief ich frohlockend aus,Du kannſt mir nicht entwiſchen. Von hier aus werde ich Alles ſehen, Dein Gehen, Dein Kommen, die Gewohn⸗ heiten des Marders in ſeiner Höhle! Du kannſt dies unſichtbare Auge nicht entdecken... dieſes Auge, welches das Verbrechen in ſeiner Ausführung vernichten wird. O, die Gerechtigkeit kommt langſam, aber ſie kommt!

Nichts war ſchrecklicher anzuſehen als dieſe Höhle, ein tiefer Hof mit großen, bemoosten Steinplatten, in dem einen Winkel ein Ziehbrunnen, deſſen moderndes Waſſer einem ſchon beim Sehen Furcht einflößte; eine ſteile Wendeltreppe; im Hintergrunde eine Galerie mit einem Holzgeländer verſehen, an welchem der Ueberzug eines Strohſacks und altes Leinen trocknete. Am erſten Stockwerk links eine Goſſe und zur rechten Hand, da wo die hohen Fenſter des Gebäudes auf die Straße gingen, einige verwelkte Topfblumen, das Alles machte einen öden, finſtern und verfallenen Eindruck.

Die Sonne beleuchtete nur wenige Stunden dieſen düſtern Ort. Dann kehrten die Schatten zurück, ſpärlich fiel das Licht auf die alten Mauern, auf den wurmſtichigen Balkon und die dunkeln, glanzloſen Scheiben. Staubwolken wirbelten hoch auf. O! es war ein guter Aufenthalt für Fledermaus, es mußte ihr dort gefallen.

Ich war kaum mit meinen Reflexionen zu Ende, als die Alte eintrat. Sie kehrte vom Markt zurlück. Die ſchwere Thür knarrte. Dann erſchien ſie mit einem Korb. Sie war ermüdet und außer Athem. Die Frangen ihres Hutes fielen ihr bis auf die Naſe mit einer Hand das Geländer faſſend erklomm ſie die Treppe.

Es war eine drückende Hitze einer dieſer Tage, an welchem alle Inſekten, Heimchen, Spinnen und Mücken die alten Gebäude mit ihrem Geſumm anfüllten.

Fledermaus ſchritt langſam über die Galerie, blieb länger als eine Viertelſtunde in der Küche und kehrte dann zurück, ihr Leinen auszubreiten. Plötzlich hob ſie ihren Kopf hoch und ſchaute wülthend mit ihren grünen Augen umher, als wollte ſie etwas ſuchen.

Durch welche ſonderbare Eingebung argwöhnte ſie beobachtet zu ſein? Ich weiß es nicht, doch ſchien es mir gerathener, den Schiefer wieder an ſeine frühere Stelle zu rücken und für heute auf weitere Beobachtungen zu verzichten.

Am folgenden Tage ſchien Fledermaus beruhigt. Ein Lichtſtrahl fiel ſchräg auf die Galerie. Sie fing im Vorbeigehen eine Fliege und brachte dieſe einer Spinne, die in der Dachecke ihr Netz wob und ſo groß war, daß ich ſie trotz der Entfernung immer höher klettern ſah, dann glitt ſie wie ein Gifttropfen die Länge eines Fadens hinab, ergriff ihre Beute aus den Händen der Megäre und ſtieg raſch wieder hinauf. Die Alte ſah ſehr aufmerkſam nach, ihre Augen ſchloſſen ſich halb... ſie nieſte und ſagte mit ſpottendem Tone:Gott ſchütze Dich, meine Schöne, Gott ſchütze Dich!