Jahrgang 
7 (1867)
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Kleines Roman⸗Magazin.

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nebeuan die vollkommenſte Stille. Ein oder zwei Mal jedoch öff⸗ nete ſich die ſchwere Thür, um eine kleine, verwachſene alte Frau herauszulaſſen mit langem, ſpitzigen Kinn, mit feſtanliegendem Kleide, einen ungeheuern Korb Arm und die geſchloſſne Hand krampfhaft auf der Bruſt geballt. Die Phyſiognomie dieſer Alten hatte mich mehr als einmal ſtutzig gemacht. Dieſe kleinen grünen Augen, die lange dünne Naſe, die großen Ranken ihres Shawls, der ſicherlich aus einem früheren Jahrhundert ſtammte, das verzerrte Lächeln und die Spitzen ihres Hutes, welche ihr bis auf die Augenbrauen fielen, das Alles intereſſirte mich ſeiner Sonderbarkeit wegen um ſo mehr, je öfter ich darüber nachſann, was wohl dieſes ſonderbare Weib beſtimmte, in einem ſo großen und öden Hauſe zu leben.

Ihr ganzer Lebenslauf ſchien mir nur guten Werken und from⸗ mem Nachdenken gewidmet, doch ſollte mir dieſer Glaube bald be⸗ nommen werden, denn eines Tages, als ich auf der Straße ſtehend ihr nachſah, wandte ſie ſich plötzlich um, ſchleuderte mir einen Blick zu, deſſen ſchrecklichen Ausdruck ich nicht zu ſchildern vermag, ſchnitt mir drei oder vier abſcheuliche Grimaſſen und indem ſie ihren Shawl, deſſen eines Ende ſie auf der Erde nachſchleppte, wieder auf⸗ nahm, öffnete ſie das gewichtige Thor und entſchwand bald meinen Blicken.

Es iſt eine Verrückte, murmelte ich ganz verdutzt,ein böſes hinterliſtiges Weib. Wahrhaftig, es war Unrecht mich für ſie zu intereſſiren. Gern möchte ich ihre Grimaſſen wiederſehen, denn Tonbac gäbe mir gewiß gern fünfzehn Gulden dafür.

Doch flößten mir dieſe ſcherzhaften Worte wenig Muth ein. Der ſchreckliche Blick der alten Hexe verfolgte mich fortwährend und mehr als einmal, wenn ich die ſenkrechte Leiter, die zu meinem Gelaß führte hinaufſtieg, ſchauderte ich zuſammen, ſchien es mir doch, als hänge ſich die Alte an meine Kleider, um mich zum Fallen zu bringen. Tonbac, dem ich dieſe Geſchichte erzählte, weit entfernt zu lachen, ſagte mir mit ernſter Miene:

Meiſter Chriſtian, hüten Sie ſich vor der Alten. Ihre Zähne ſind klein, ſpitz und von wunderbarer Weiße, ihrem Alter nach ſehr unnatürlich. Sie hat einen böſen Blick. Die Kinder fliehen vor ihrer Aunäherung und die Einwohner Nürnbergs nennen ſie die Fledermaus.

Ich bewunderte die ſcharfe Beobachtung des Juden und ſann über ſeine Worte nach, doch da ich in der nächſten Woche der Fleder⸗ maus ohne weitere böſen Folgen begegnete, zerſtreute ſich meine Furcht und ich vergaß die ganze Begebenheit.

Nun begab ſich eines Abends, als ich in den ſüßeſten Träumen ruhte, daß eine wunderſame Muſik mich weckte, die in ſanften melodieenreichen Schwingungen dem Rauſchen des leichten Weſt⸗ windes glich. Die Augen weit geöffnet, lauſchte ich mit angehaltenem Athem, da fiel mein Blick auf das Fenſter, und ſiehe da, zwei Flügel ſchlugen gegen die Scheiben. Mein erſter Gedanke war, es möchte eine in meinem Zimmer gefangene Fledermaus ſein, doch in dem Schein des aufgehenden Mondes bemerkte ich die Flügel eines herrlichen Nachtſchmetterlings, die zarter wie das ſchönſte Gewebe ſich auf der blanken Scheibe wiederſpiegelten. Sie vibrirten zu⸗

weilen ſo heftig, daß ſie meinen Augen entſchwanden, dann ſchienen

ſie ſich wieder auszuruhen, um bald um ſo heftiger gegen das Glas zu ſchlagen.

Dieſe luftige Erſcheinung in der Ruhe der Nacht weckte in meiner Seele die wehmüthigſten Gefühle; mir war, als ſei eine be⸗ ſchwingte Sylphide von meiner Verlaſſenheit gerührt, zu meinem Troſte herbeigeeilt und dieſe Gedanken rührten mich zu Thränen. Sei ruhig, ſanfte Gefangene, ſei ruhig, rief ich aus,Dein Ver⸗ trauen ſoll nicht getäuſcht werden, ich behalte Dich um meinetwillen nicht hier... kehre zum Himmel, zur Freiheit zurück. Bei dieſen Worten öffnete ich mein kleines Fenſter.

Die Nacht war ſtill. Tauſende von Sternen leuchteten in dem unendlichen Raum. Bei der Betrachtung dieſes großartigen Schau⸗ ſpiels entfloſſen unwillkürlich Worte des Gebets meinen Lippen. Doch wer beſchreibt meinen Schreck, als ich beim Hinunterſehen an der eiſernen Stange, an der das Schild des Wirthshauſes zun grünen Ochſen befeſtigt war, einen Menſchen erhängt ſah, ei en Menſchen

Roman⸗Magazin des Auslandes. 1867. Lief. 2. 14.

mit wirrem Haar, ſtraffen Armen und langgeſtreckten Beinen, deren gigantiſche Schatten bis hinunter zur Straße ragten.

Die Lebloſigkeit dieſer Geſtalt in dem Mondlicht hatte etwas ungemein Schreckliches. Meine Zunge verſagte den Dienſt und. meine Zähne klapperten. Da, wie durch eine geheime Anziehungs⸗ kraft wandte ſich mein Blick tiefer und ich ſah deutlich in dem dunkeln Schatten die alte Hexe am Fenſter kauernd, wie ſie mit einer Miene teufliſcher Zufriedenheit den Gehängten betrachtete. Der Schreck war zu mächtig. Ich fühlte meine Kräfte ſchwinden und mich gegen die Mauer anlehnend, wurde ich ohnmächtig.

Ich vermag nicht zu beſtimmen, wie lange dieſer todtenähnliche Schlaf dauerte, doch als ich zum Leben zurückkehrte, war es heller Tag. Die Nebel der Nacht, die in mein Stübchen hereingedrungen, hatten mein Haar mit friſchem Thau befeuchtet. Verwirrter Lärm von der Straße her drang zu mir herauf. Ich ſah hinab. Der Bürgermeiſter und ſein Geheimſchreiber ſtanden an der Thür des Gaſthauſes, wo ſie lange Zeit verblieben. Leute gingen und kamen, blieben ſtehen ihre Neugierde zu befriedigen und ſetzten ihren Weg weiter fort. Die guten Weiber in der Nachbarſchaft, die vor ihren Thüren fegten, ſchauten aus der Ferne zu und plauderten mitein⸗ ander. Zuletzt kamen zwei Männer die Straße hinunter, welche eine Tragbahre trugen, auf der ein mit Leinen bedeckter Körper lag. Die Kinder bogen von ihrem Schulweg ab, um hinterher zu laufen.

Das Fenſter gegenüber war noch geöffnet. Ein Strickende hing aus demſelben heraus. Alſo hatte ich doch nicht geträumt, ſondern wirklich den großen Nachtſchmetterling, den Erhängten und die alte Hexe mit meinen leibhaftigen Augen geſehen. An dieſem ſelben Tage machte mir Tonbac einen Beſuch. Seine große Naſe ſchien noch länger geworden zu ſein.Meiſter Chriſtian, rief er mir zu, Nichts zu verkaufen? Ich ſaß in Gedanken verſunken auf meinem einzigen Stuhl, die Arme ſchlaff herabhängend, mit den Augen in's Leere ſtarrend. Tonbac über meine Lebloſigkeit erſchreckt, wieder⸗ holte noch lauter:Meiſter Chriſtian, Meiſter Chriſtian. Als auch das nichts half, ſchlug er mich unſanft auf die Schulter.

Was zum Teufel iſt Ihnen denn geſchehen?

Ach, Ihr ſeid es, Tonbac.

Na, verſteht ſich! Sind Sie krank?

Nein.. ich dachte.

Na was denn, zum Teufel.

An den Exrhängten!

Ah ſo! rief der Kunſthändler.Haben Sie etwa den armen Burſchen geſehen? Welch ſonderbare Geſchichte! Der Dritte an ein und demſelben Ort.

Wie, der Dritte? 6

Ja freilich! Ich will es Ihnen erzählen, da ich noch Zeit habe. Es wird wohl noch einen Vierten geben, der dem Beiſpiel der Andern folgt...Koſtet es doch nur einen Schritt. Dies ſagend nahm Tonbac auf meinem Koffer Platz, zündete ſeine Pfeife an und ſchleuderte mit träumeriſcher Miene einige Dampfwolken in die Luft.

Wahrhaftig, begann er, ich bin nicht furchtſam, doch müßte ich in jenem Zimmer nur eine Nacht zubringen, hängte ich mich lieber gleich auf. Doch hören Sie, Meiſter Chriſtian. Vor neun oder zehn Monaten ſteigt ein braver Pelzhändler aus Tübingen in der Herberge zum grünen Ochſen ab. Er fordert ein Abendbrod, ißt, trinkt und ſchläft in einem Zimmer im dritten Stock, in dem ſogenannten grünen Zimmer und am folgenden Tag wird er an der Schildſtange erhängt gefunden!

Wohl, das war ein Mal, man kann Nichts Beſonderes dar⸗ über ſagen. Viele Worte werden gewechſelt und ſchließlich begräbt man den Fremden am Ende des Kirchhofs. Sechs Wochen nach dieſem Vorfall kommt ein Militair aus Neuſtadt an. Er hatte ſeinen Abſchied genommen und ſich auf das Wiederſehen ſeines Heimathdörfchens gefreut. Den ganzen Abend über unterhält er ſich bei ſeinem Schoppen Bier nur von ſeiner kleinen Baſe, die ihn zu ihrer Hochzeit erwartet. Dann geht er zur Ruhe und in der⸗ ſelben Nacht bemerkt der Wächter, der die Maneſdnsei te lernut

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