Jahrgang 
7 (1867)
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Ich ſah, wie es gleichſam vor Schmerz zuckte. Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, wie um die Spuren der Qual zu verwiſchen, die er nicht zu beherrſchen vermochte.

Wie heiß mußte er ſie lieben, da dieſer Brief jetzt nach Verlauf von mehreren Jahren einen ſolchen Eindruck auf ihn machen konnte!

Eduard faltete den Brief, nachdem er ihn geleſen, mecha⸗ niſch wieder zuſammen und heftete dann, nachdem er ihn weg⸗

gelegt, ſeine Blicke darauf. 8*. 4

Siehſt Du, Eduard, rief ich, indem ich mich ihm näherte,Du haſt die gute Laune verloren.

Ja, das gebe ich zu, ſagte er, indem er ſeine Hand auf mein Haupt legte.Armes, gutes kleines Kind, Du biſt an einen Mann gekettet, welcher niemals im Stande ſein wird, Dich glücklich zu machen.

Wie bekümmert ſah er in dieſem Angenblick aus! Eifer⸗ ſucht und Neid entwichen aus meiner Bruſt und ich empfand nur einen Wunſch, nämlich den, Eduard zu überzeugen, daß mein Glück nur darin beſtand, für ihn und mit ihm zu leben. Ich ſchmiegte mich an ihn; ich ſagte ihm, wie innig er von mir geliebt würde, und ich verſicherte, daß wenn mein Mangel an Glück ſein einziger Kummer wäre, er dann keinen Grund hätte, ſich zu beunruhigen.

Ebnard lächelte, aber ſein Lächeln war ein wehmüthiges.

Ich fand es entmuthigend, daß meine grenzenloſe Hin⸗ gebung nicht im Stande ſein ſollte, ihn zu tröſten oder ihm Erſatz für das zu ſchenken, was er niemals beſeſſen und alſo auch niemals verloren.

Ueber meine ganze Seele legte ſich gleichſam ein Nebel, nicht des Zorns, ſondern des Kummers und des Schmerzes.

Kléines Roman⸗Magazin.

V

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Ich wollte nicht an mich ſelbſt denken, ich wollte nicht nach Dem fragen, was ich empfand, ich wollte nur ihn in Ge⸗ danken haben.

Eduard, ſagte ich und ſchlang Ffine Arme um ſeinen Hals,weißt Du, daß Ella hierherkonitien wird?

Ja, ich weiß es. Mama ſtellte es mir anheim, zu ent⸗ ſcheiden, ob ſie Ella empfangen ſollte oder nicht.

Und Du wollteſt es?

Das Herz pochte mir gewaltig.

Sie mag immer kommen, entgegnete Eduard in gleich⸗ gültigem Tone;ich hege keinen Groll gegen ſie. Sie hat mich lieben gewollt, aber nicht gekonnt; ſie wollte lieber frei und arm bleiben, als frei und unglücklich werden. Sie hat vollkommen recht gehandelt und ich kann keine andern als freundſchaftliche Gefühle für ſie hegen.

Freundſchaftliche Gefühle! flüſterte ich, indem ich mein Antlitz an ſeiner Bruſt barg.

Ja, ſo freundſchaftliche und brüderliche Gefühle, daß ich viel darum gäbe, wenn ich auf irgend eine Weiſe zu ihrer glücklichen Vereinigung mit Patrick beitragen könnte.

Ich ſchwieg und dachte:

Eduard iſt weit edler als ich. Er liebt Ella und iſt trotzdem nicht eiferſüchtig. O, wenn ich auch ſein könnte wie er!

Es war eine ſchlafloſe Nacht für mich, die nun folgte, eine Nacht ohne Ruhe und Frieden.

Ich weinte, nachdem Eduard eingeſchlafen war, ſtill und geräuſchlos. Ich weinte bitterlich darüber, daß ein zweijähriges eheliches Zuſammenleben mit mir noch nicht im Stande ge⸗ weſen war, ihn zu vermögen, die Liebe, die er einmal an Ella verſchwendet, auf mich zu übertragen.

(Schluß folgt.)

Kleines Roman-Muagazin.

Novelletten, Biographien und Skizzen.

Ein verhängnißvoller Blick. Aus dem Franzöſiſchen des Erckmann⸗Chatrian von Mathitde Janke.

I.*

Chriſtian erzählte: Zu einer Zeit da ich ſo arm wie eine Kirchen⸗ maus war, hatte ich mich in die Giebelwände eines alten Nürn⸗ berger Hauſes in der Minneſängerſtraße geflüchtet.

Ich bewohnte grade den Dachwinkel. Die Schiefer dienten mir zu Mauern und der Balken zur Decke. Man mußte einen Stroh⸗ ſack beſteigen, um zum Fenſter zu gelangen, doch da dieſes Fenſter in dem Giebel angebracht war, gewährte es eine herrliche Ausſicht, denn von dort ſah man über die Stadt weit in's Land hinaus. Auch konnte ich von hier den gravitätiſchen Gang der Katzen, die in der Dachrinne ſpazieren gingen, beobachten, wie auch die Störche, die ihrer hungrigen Brut Froſchnahrung brachten und die Tauben, die mit ſchnellem Fittig hoch über dem Abgrund der Straßen kreiſten. Am Abend hörte ich den wehmüthigen Klang der Veſperglocken, die der Welt die Feierſtunde läuteten, ſah die Fenſter ſich allmählig er⸗ hellen, die guten Bürger auf den Straßen ihre Pfeifen rauchen und die jungen Mädchen in rothen, kurzen Röcken den Krug in der Hand am Sanct Sebaldbrunnen lachen und ſcherzen. Erſt wenn die Nacht hereinbrach, entſchwand alles meinen Blicken, die Fleder⸗ mäuſe begannen ihre Wanderung und in ſüßer Ruhe legte ich mich zum Schlummer nieder.

Der ekte Kunſttrödler Toubac kannte meine Wohnung ſo gut wie ſeine eigne und ſcheute ſich vor dem hohen Treppenſteigen nicht. Jede Woche guckte ſein eckiges Geſicht mit einer töthlichen Perrücke umrahmt, aus der Fallthür und während ſeine Finger ſich an den Rand des Hängebodens anklammerten, rief er mit näſelnder Stimme;

Heh, heh, Meiſter Chriſtian, haben wir etwas Neues?

Worauf ich alſo entgegnete:Tretet doch näher, zum Teufel, tretet näher. Ich beendige ſoeben das kleine Landſchaftsſtück, zu dem Ihr mir die Details gabt.

Auf dieſe Aufforderung trat er mit ſtillem Lachen vollends eln und da er ſehr lang und hager war, berührte ſein Kopf faſt die Decke des kleinen Gemachs. Gerechtigkeit muß ich dem Toubac widerfahren laſſen, er handelte niemals mit mir Jedes meiner Bilder bezahlte er mit fünfzehn Gulden und verkaufte ſie mit vierzig per Stück. Er war ein ehrlicher Jude. 4

Dieſer Verdienſt fing an mir zu gefallen, denn jeden Tag ent⸗ deckte ich neue Reize an ihm, als plötzlich die gute Stadt Nürnberg von einem ſonderbaren und höchſt geheimnißvollen Ereigniß beun⸗ ruhigt wurde.

Nicht weit von meiner Dachluke entfernt, ein wenig mehr links, befand ſich die Herberge zum Grünen Ochſen, ein Wirthshaus, das ſtark von der Umgegend aus beſucht wurde. Vor ſeinem Thor hielten beſtändig drei oder vier Wagen, mit Säcken oder Tonnen beladen, denn ehe die Landleute, die Eigenthümer derſelben ſich auf den Markt begaben, nahmen ſie dort, alter Gewohnheit gemäß, einen Frühtrunk. Der Giebel dieſer Herberge zeichnete ſich durch ſeine ſonderbare Form aus, er war ſehr eng und ſpitz und ſeine beiden Seiten wie die Zähne einer Säge ausgezackt. Groteske Sculptur mit ſeltſamen Schnörkeln und Bogen ſchmückten den Karnieß und den Umfang der Fenſter. Am merkwürdigſten jedoch war, daß das Nachbarhaus genau dieſelben Sculpturen, dieſelben Verzierungen trug und daß keiner der eiſernen Schnörkel und Bogen fehlte; nur das Schild allein war nicht nachgeahmt.

Es ſchien, als ſeien dieſe beiden alten Gebäude gleichſam die Schatten von einander, nur erhob ſich hinter dem Wirthshauſe noch eine alte Eiche, deren dunkles Blätterwerk bis an die Kanten des Daches ragte, und während aus dem einen Thor die Gäſte ſingend, ſtolpernd und mit der Peitſche knallend, auseinandergingen, heerſchte