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Die ſchwarze Bande. Roman von Lady Caroline Lascelles.
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Die verwittwete Marquiſe, die Mutter des Vermißten, war von Gram und Furcht ganz niedergedrückt. Allerdings blieb ihr noch ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl übrig. Es war ihr nämlich unerklärlich, warum auch Lucy Malden ver⸗ ſchwunden war, die ſanfte und furchtſame Lucy, die ſonſt nie⸗ mals das Haus verlaſſen hatte, außer in Begleitung ihrer Tante.
Die Marquiſe vermochte ſich dieſe Frage nicht anders zu beantworten, als daß zwiſchen Angus und ſeiner Couſine eine Entführung verabredet und ausgeführt worden ſei Bei nähe⸗ rer Ueberlegung ſchien ihr aber dieſe Annahme auch nicht ſtichhaltig. Angus war majorenn, ſein eigener Herr und konnte thun, was er wollte. Lucy aber ſtand bei ſeiner Mutter in ſo hoher Gunſt, daß er von derſelben für ſeine Verbindung mit ſeiner Couſine keinerlei Schwierigkeiten zu beſorgen hatte.
Weder die Dienerſchaft, noch Lord Lionel vermochten einen Aufſchluß über die Sache zu geben.
Nachts einen Fremden eingelaſſen, der auf ſeinen Herrn ge⸗ wartet und dann eine Viertelſtunde mit dem Marquis und Lord Lionel in der Bibliothek eingeſchloſſen war. Der Fremde hatte ſich allein entfernt, während die beiden Brüder etwas ſpäter mit einem herbeigeholten Cab vom Hauſe wegfuhren. Welche Richtung der Wagen einſchlug, wußte der Diener nicht; dagegen konnte er mit Beſtimmtheit behaupten, daß Miß Lucy Malden ſich nicht in der Geſellſchaft ihres Couſins be— funden hatte.
Lord Lionel's Ausſage trug ebenfalls nichts zur Auf⸗ klärung des Geheimniſſes bei. Er ſagte, daß er mit ſeinem Bruder in einem Spielhauſe geweſen, wo der Marquis mit einigen Männern über dem Ecarté Streit gehabt. Einer derſelben habe Angus herausgefordert, er(Lord Lionel) habe ſich aber in's Mittel gelegt, und die Sache ſei dem Anſchein nach beigelegt worden. Als er mit dem Marquis nach Hauſe gekommen, hätten ſie einen Fremden getroffen, der auf Angus wartete. Der Marquis und dieſer Mann hätten ungefähr zehn Minuten lang mit einander geſprochen, ohne daß er(Lord Lionel) etwas von der Unterredung verſtanden habe. Der Fremde habe ſich dann entfernt und der Marquis ſich ge⸗ äußert, nach dem Spielhauſe zurückzukehren, wo der frühere Streit vollends ausgeglichen werden ſollte. Er(Lord Lionel) habe ſeinen Bruder bis nach Albany⸗Street begleitet, wo er bei einem Freund, dem Oberſt Bertrand, abgeſtiegen ſei und dort wegen des ſchlechten Wetters die Nacht zugebracht habe. Alles dies trug nur dazu bei, das Verſchwinden des Marquis noch geheimnißvoller und beunruhigender zu machen. Der⸗ ſelbe war ein Mann von ſehr regelmäßigen Gewohnheiten, und die Marquiſe hegte die Ueberzeugung, daß er London nicht verlaſſen haben würde, ohne ihr davon Nachricht zu geben. Noch unerklärlicher aber war die Abweſenheit von Lucy Malden.—
Sofort wurde die Polizei in Bewegung geſetzt und Alles gethan, was zur Aufklärung des Geheimniſſes dienen konnte, aber ohne Erfolg. Erſt gegen Mittag des zweiten Tages trafen Nachrichten ein, welche nur zu ſehr geeignet waren, die ſchlimmſten Befürchtungen der Marquiſe zu recht⸗ fertigen. Ein Eilbote von Dover brachte die Nachricht, daß die Leiche eines jungen Mannes mit einem Schuß durch das Herz an einem abgelegenen Orte des Strandes worden ſei. Aus den Kleidern und den Schmuckſachen, welche der Verſtorbene trug, zog man den Schluß, daß er den höheren Ständen angehören müſſe. Die Leiche wurde in einen Gaſthof gebracht, damit der Coroner die übliche Unter⸗ ſuchung darüber anſtellen konnte. Die bei derſelben gefunde⸗ nen Viſitenkarten, die Adreſſe eines Briefes und das auf der Uhr eingegrabene Wappen ließen keinen Zweifel darüber, daß der Verſtorbene der Marquis von Willoughby ſei, über deſſen geheimnißvolles Verſchwinden alle Zeitungen voll waren.
gefunden
Der Kammerdie⸗ ner des Marquis konnte blos angeben, daß er um ein Uhr
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Unmittelbar nach dem Empfang der ſchrecklichen Nach⸗ richt eilte die troſtloſe Mutter nach Dover, blos um in den ſtarren Zügen der Leiche das ſchöne Geſicht ihres geliebten Sohnes zu erkennen. 5
Dies war aber nicht Alles. Spät am Abend des Ta⸗ ges, an welchem die Leiche gefunden wurde, hatte man ein junges Mädchen bemerkt, welches auf den Klippen herumwan⸗ derte und gedankenvoll auf den weiten Ocean zu ihren Füßen niederblickte. Ein oder zwei Vorübergehende hatten mit ihr geſprochen und ſie gewarnt, ſich nicht zu weit auf die Kanten des ſchwindelnden Felſens hinauszuwagen. Ihre Warnungen waren aber vergebens, denn am folgenden Morgen fand man unten auf dem Strand ihren zerſchmetterten Körper. Ein zweiter ſchrecklicher Schlag traf das Herz der unglücklichen Marfiſe denn dieſes junge Mädchen war ihre geliebte Nichte Lucy Malden.
9. Oukel und Neſſe.
In der Nähe einer Werfte, am Ufer der Themſe, etwas unterhalb der Londoner Brücke, ſtand im Jahre 1851 ein altes baufälliges Haus, das früher allem Anſchein nach einem City-Kaufmann von einiger Bedeutung gehört hatte. Lange Reihen von hohen, ſchmalen Fenſtern und eine hübſche Thür mit hohen ſteinernen Treppen davor gingen auf die Waſſer⸗ ſeite hinaus; aber die Fenſter, mit Ausnahme einiger der oberen, waren mit Brettern ſämmtlich vernagelt, die Treppen⸗ ſtufen grün von Moder und Moos, und die ſchwere eiſerne Thüre morſch und wurmſtichig.
Es war am Morgen nach der Nacht, in welcher die im vorigen Capitel beſchriebenen Ereigniſſe ſtattgefunden, als man einen jungen Mann in abgeſchabter ſchwarzer Kleidung mit Hilfe eines Schlüſſels in das Haus am Flußufer eintre⸗ ten ſah, während er ſich vorſichtig umſah, ob er beobachtet wurde. Er hatte ein bleiches, ſorgenvolles Geſicht, aber ſeine Züge waren regelmäßig und hübſch.
Die Hausthür führte zu einem großen Vorplatz, der mit ſchwarzen und weißen Marmorplatten gepflaſtert war, und zu einer breiten eichenen Stiege, deren ſchwere Geländer mit Staub bedeckt waren, der ſich wahrſcheinlich ſeit vielen Jahren darauf angeſammelt hatte. Der junge Mann ſtieg die Treppe hinan, bei jedem Schritt eine Wolke von Staub aufwirbelnd.
„Was für eine Spelunke!“ ſagte er, um ſich blickend,„ich wundere mich nur, wie ein menſchliches Weſen hier hau⸗ ſen mag.“
Als er den oberen Stock erreicht hatte, ſtand er an der Thür eines Gemaches, das auf der Rückſeite des Hauſes lag, ſtill und lauſchte. Die Thür ſtand ein wenig offen, aber kein Laut ließ ſich in dem Zimmer vernehmen.
„Er ſchläft wahrſcheinlich,“ murmelte der junge Mann und trat in das Gemach. Es war ein großes mit Eichen⸗ holz getäfeltes Zimmer, mit ſchweren ſchwarzen, aber immer noch hübſchen Möbeln ausgeſtattet. An der einen Wand, in der Nähe der Thür, ſtand ein großer eichener Bücherſchrank, mit ſchweren Folianten gefüllt. Neben ihm befand ſich ein mit grünem Sammet gedeckter Tiſch, auf welchem Papiere und Pergamente herumlagen. An der Wand ſtand eine ſchwere
Bettſtelle von ſchwarzem Eichenholz und
rünen Sam⸗ metgardinen behängt. In dem Bette ur Aen in tie⸗ fen Schlaf verſenkt, ein ſehr alter Mann.— Geſicht war mit Runzeln überzogen, und ſeine Haut pergamentartig. Seine abgemagerte Hand griff von Zeit zu Zeit in der Luft herum, als würde er von einem böſen Traum geängſtigt, und ein dumpfes Stöhnen oder einzelne unverſtändliche Worte fie⸗ len von ſeinen dünnen blaſſen Lippen.
An der Seite des Bettes, ihre Augen ängſtlich auf den
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