Jahrgang 
7 (1867)
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33 Die ſchwarze Bande. Roman

von Lady Caroline Lascelles. 34

Schlafenden gerichtet, ſaß eine ärmlich gekleidete Frau von mittlerem Alter, in der man leicht die Mutter des jungen Mannes erkennen konnte.

Wie hat er die Nacht zugebracht, Mutter? fragte er, auf den Kranken blickend.

Ohne Aenderung, antwortete die Frau,ruhelos und fiebernd, im Schlafe ſprechend und im wachenden Zuſtande phantaſirend.

Von was ſprach er denn?

Immer von demſelben Gegenſtande. Von einem Ge⸗ heimniſſe, das ihm anvertraut und für deſſen Bewahrung er bezahlt wurde, von einem Geheimniſſe, welches ſchwer auf ſeiner Seele laſtet, und das er gern vor ſeinem Tode ent⸗ hüllen möchte.

Während ſie dieſes ſprach, hatte der alte Mann plötz⸗ lich die Augen geöffnet und ſah, ſich von ſeinen Kiſſen auf⸗ richtend, mit wilden Blicken umher.

Wer ſprach von einem Geheimniſſe? fragte er mit heiſerer Stimme.Wer wagt es von dem Geheimniſſe zu reden? Bin ich nicht ſo viele Jahre lang gut bezahlt wor⸗ den, es zu bewahren? Dreißig Jahre lang habe ich das Geheimniß bewahrt, wer ſagt, daß ich es verkaufen will? Ich habe es dreißig Jahre lang bewahrt, dreißig lange Jahre, und es ſoll in meinem Sarge mit mir faulen.

Lieber Schwager, ſagte die Frau mit ſanftem Tone, in der vorigen Nacht, als Sie ſehr krank und unruhig wa⸗ ren, ſagten Sie, Sie könnten mit einer ſchrecklichen Schuld auf dem Gewiſſen nicht ruhig ſterben. Hat dieſe Schuld et was mit dem Geheimniſſe zu thun?

Ja wohl, ja wohl, antwortete der alte Mann mit Heftigkeit,es iſt ein verbrecheriſches Geheimniß, aber es ge⸗ hört nicht mein. Es iſt ein Geheimniß, das rechtmäßige Er⸗ ben eines fürſtlichen Vermögens beraubt. Es iſt ein ſchlim⸗ mes Geheimniß, aber ich trage die Schuld nicht davon. Ich habe nur das Geheimniß bewahrt, und dafür bin ich bezahlt worden, das iſt Alles.

Antony Verner dies war der Name des anweſenden jungen Mannes trat näher zum Bette, ergriff die abge⸗ magerte Hand ſeines Onkels und ſagte:

Lieber Onkel, um Gottes willen ſterben Sie nicht mit dieſer Sünde auf Ihrer Seele. Es iſt vielleicht noch nicht zu ſpät, um das Unrecht wieder gut zu machen.

Es iſt zu ſpät, zu ſpät, murmelte der alte Mann.

Nein, nein, gewiß nicht. Nur vertrauen Sie auf mich und ſagen Sie mir, wen dieſes Geheimniß betrifft.

Es iſt das Geheimniß eines reichen und mächtigen Mannes, der ſtark genug iſt, ſeine Feinde zu zermalmen, ſagte der alte Mann, deſſen Bewußtſein immer mehr und mehr zurückkehrte.

Aber wer ſind denn diejenigen, die der reiche Mann benachtheiligt hat, fragte Antony Verner.

Es ſind diejenigen, die ihm die Nächſten und Theuer⸗ ſten hätten ſein ſollen, aber er liebte nichts als ſich ſelbft Selbſtſucht war die Wurzel von Allem, murmelte der Kranke.

Sagen Sie mir nur den Namen, drängte der Neffe.

Niemals, niemals. Sie waren Brüder, der Himmel erbarme ſich ihrer, der eine ſo hochſinnig und edel, der andere ſo gemein und niedrig. Wie konnten Sie Brüder ſein? 7

Aber, wenn Sie ſterben ſollten, haben Sie keinen Bericht übe eheimniß hinterlaſſen, kein Zeugniß, wo⸗ durch der B eiligte wieder zu finem Rechte gelangen

kann?

Der alte Mann ſah ſeinen Neffen einen Augenblick mit

wilden und zornigen Blicken an, dann brach er in ein höh⸗ niſches Gelächter aus.Ha, ha, Alle gleich, Alle gleich, Alle nur für ſich, rief er.Weiß ſchon, was Du möchteſt,

Antony, Du bleichſüchtiger Heuchler. Du möchteſt mein Ge⸗

Roman⸗Magazin des Auslandes. 1867. Lief. 7. 3.

heimniß aus mir herauspreſſen, um es zu verkaufen, um es demjenigen zu verkaufen, der das Meiſte dafür bietet. Das iſt's, wonach Du ſtrebſt; aber es ſoll Dir nicht gelingen. Du kannſt es verſuchen, es nach meinem Tode aus mir heraus⸗ zupreſſen, ſo lange ich aber lebe, wirſt Du Dich umſonſt bemühen.

Erſchöpft durch die heftige Aufregung ſank er ſchwer athmend in die Kiſſen zurück. 3

Antony Verner wachte geduldig mit ſeiner Mutter am Bette des kranken Mannes, welcher bald darauf in einen viele Stunden andauernden amaſigen Schlummer verſank. Die Beiden ſprachen nur ſelten ein Wort mit einander. Der junge Mann war ernſt und ſtill, die Frau ſeufzte zuweilen tief, wenn ſie von ihrem Sohne auf den Schlafenden blickte. Der Frühlingsabend ging bereits in Dämmerung über, als der Kranke ſich plötzlich emporrichtete, den Arm ſeines Neffen ergriff und mit keuchender Stimme die Worte hervorſtieß:

Antony, ich kann nicht ſterben mit der Schuld auf meiner Seele. Ich habe ſchwer mit meinem Gewiſſen gekämpft, aber ich kann nicht, ich kann nicht.

Sprechen Sie, lieber Onkel, zuhören.

So merk' denn auf jedes Wort, das ich ſage, wenn Dir das Heil Deiner Seele lieb iſt und Du die Hoffnung hegſt, die meinige zu retten. Hinter einem jener Bücher wirſt Du meine Schlüſſel finden. Einer von dieſen ſchließt die

ich bin bereit, Sie an⸗

Thür des dort dort wo das Geheimniß ver⸗ borgen iſt geſchrieben geſchrieben jedes Wort, und unterzeichnet von mir. Vergiß nicht.

Aber Onkel, rief Antony,welche Thür? Sie haben mir ja das nicht geſagt.

Der alte Mann ſtarrte ihn mit wildem gläſernen Blicke an, indem er mit ſeinem knochigen Finger auf ſeine Lippen deutete, und dann ſtieß er mit einer heftigen Anſtrengung die Worte hervor:Ja, ja, die Thür die Thür iſt

Er war aber nicht im Stande, den Satz zu beenden, denn ein Blutſtrom aus ſeinem Munde ſchnitt ihm das Wort ab. Er hatte ein Blutgefäß zerſprengt, und war nicht mehr fähig zu ſprechen. Drei Stunden darauf ſtarb er in den Armen ſeines Neffen. Der Tod hatte ſein Siegel auf das Geheimniß des alten Mannes gedrückt und das dunkle Grab verſchlang es mit ihm.

10. Der Entſchluß des Millionärs.

Robert Merton ſaß allein in der trefflich ausgeſtatteten Leihbibliothek eines hübſchen Hauſes in Park Lane. Von der Decke bis zum Fußboden waren die Wände des großen Zimmers mit Büchern bedeckt, mit Büchern, deren Inhalt auf die Geiſtesrichtung des Mannes ſchließen ließ.

Robert Merton hatte ſich von Jugend auf ſelbſt er⸗ zogen und keine Gelegenheit verabſäumt, an der Ausbildung ſeines Geiſtes und der Erweiterung ſeiner Kenntniſſe zu arbeiten. Seine glänzenden Anlagen, ſein eiſerner Fleiß und die trefflichen Bildungsanſtalten in Mancheſter unterſtützten ihn in ſeinem ernſten Streben. So kam es, daß mancher der ſtolzen Ariſtokraten, unter denen er ſich jetzt bewegte, ſeine Ueberlegenheit in Bezug auf Kenntniſſe und geiſtige Bildung im Stillen anzuerkennen genöthigt war.

Wollen wir nun einen näheren Blick auf den reichen Fabrikherrn werfen, wie er beim Lichte einer grün beſchatteten Lampe über ſeinem Buche ſitzt. Robert Merton iſt nicht, was die Welt gewöhnlich einen hübſchen Mann nennt. Seine breite Stirne zeugt mehr von Intelligenz, als von phyſiſcher Schönheit. Seine klaren und furchtloſen blauen Augen ſind der Ausdruck eines edeln und aufrichtigen Herzens. Seine

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