29 Die ſchwarze Bande.
Roman von Lady Caroline Lascelles.
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ſal ſeiner geliebten Tochter zu beunruhigen. Aber ſelbſt dieſe Verſicherung konnte die ängſtlichen Gefühle, von denen ſie ge⸗ quält wurde, nicht immer zum Schweigen bringen.
Sie dachte an ihren Vater, der für immer von ſeinem Kinde getrennt war, das er mit ſolcher Zärtlichkeit erzogen hatte, und ſie weinte, wenn ſie ſich ſeinen Kummer vorſtellte, bittere Thränen. Es war ja nur zu wahrſcheinlich, daß er ſie der Undankbarkeit beſchuldigte. Wenn ſolche trübe Ge— danken ſich ihrer bemächtigten, erhob ſie den Blick zum Bild⸗ niſſe ihres Gemahls und murmelte in ſich hinein:
„O Philipp, Philipp! Du haſt wirklich Urſache, mich recht innig zu lieben, denn ich habe Alles für Dich geopfert.“
Es war in der Nacht nach dem Duelle an dem Strande von Dover. Ellen ſaß in ihrem einſamen Zimmer. Sie hatte das Buch, in dem ſie zu leſen verſucht, bei Seite gelegt. Sie konnte die Augen nicht von den Zeigern der Uhr ab⸗ wenden. Wie langſam ſchienen ſie vorzurücken.„Zwei!— Halb Drei!— Drei!— Nein, nein,“ flüſterte ſie,„er wird dieſe Nacht nicht mehr kommen.“
In dieſem Augenblicke ließ ſich ein vorſichtiges Klopfen an der Hausthür vernehmen. Da die Dienerſchaft ſich nieder⸗ gelegt hatte, ſo ſtieg ſie ſelbſt die Stiege hinab, um zu öffnen. Auf der Schwelle ſtanden zwei Männer, ſo in weite Mäntel gehüllt, daß ſie anfangs fürchtete, ſie habe die Thür Fremden geöffnet, welche in ſchlimmer Abſicht Einlaß begehrt. Aber ein weiterer Blick überzeugte ſie, daß der ſchlankere der beiden Männer derjenige ſei, auf den ſie ſo ſehnſüchtig gewartet hatte.
„Philipp, Philipp!“ rief ſie mit freudiger Erregung aus.
Er ſchloß ſie in die Arme und küßte ihr liebliches Geſicht.
„Meine geliebte Ellen, habe ich Dich durch meine ſpäte Ankunft erſchreckt?“
„Nein, Theuerſter, nein. Ich kann niemals die Hoff⸗ nung aufgeben, daß Du noch kommen werdeſt, und ſelbſt in
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dieſer Nacht, wo ich ſelbſt daran verzweifelte, Dich noch zu
ſehen, war ich nicht überraſcht, als ich Dich klopfen hörte. Doch komm herauf, Philipp, es iſt ſo kalt hier unten, und in meinem Zimmer brennt ein helles Feuer. Komm!“
In dieſem Augenblicke erinnerte ſie ſich erſt der Gegen⸗ wart eines Fremden, und mit tiefem Erröthen ſagte ſie zö⸗ gernd:„Aber Dein Freund, Philipp— er muß ebenfalls ermüdet ſein und frieren.“*
„Ganz gewiß,“ ſagte Philipp Darcy lachend,„der arme Burſche und ich hatten ein ſchweres Tagewerk, und keiner von uns hat ſeit vierundzwanzig Stunden ein Auge geſchloſſen. Aber laß ihn mich Dir vorſtellen. Mr. Montague— meine Frau,“ ſetzte er nachläſſig hinzu.
Der Fremde, welcher ſeinen Hut abgenommen hatte, als er in's Haus trat, verbeugte ſich höflich vor Ellen. Er war ein hübſcher Mann mit ſchwarzen Augen und Haaren, aber todtenbleich.
„Nun gehe voraus, Ellen,“ ſagte Philipp,„und gieb uns eine Flaſche Wein in Deinem Zimmer.“
Philipp und ſein Freund folgten Ellen Darcy in das glänzende Boudoir, wo, wie ſie geſagt hatte, ein helles Feuer brannte und das kleine Gemach mit freundlichem Lichte be⸗ leuchtete. Ellen entfernte ſich darauf, um den Wein zu holen, den ihr Gemahl verlangte hatte. Philipp Darcy dagegen warf ſich in den mit Sammet überzogenen Lehnſtuhl an der Seite des Herds.
„Komm ie, Montague,“ ſagte er,„ſetzen Sie ſich, und ſtehen t dort und ſtieren Sie mit einem ſo fin⸗ ſtern Geſichte in's Feuer, als ob Sie einen Mord begangen hätten.“
Der junge Mann ſchauderte beim Tone dieſer ſchreck⸗ lichen Worte.
„Es werden auf dieſer Welt ſchwarze Thaten begangen,“
mmurmelte er,„welchen man den rechten Namen zu geben ſich
ſcheut. Das geſtrige Werk war eine ſolche That.“
„Das geſtrige Werk!“ rief Philipp Darcy mit höhni⸗ ſchem Lachen.„Man ſollte glauben, Sie ſeien über das Ge⸗ ſchehene betrübt.“
„Der Himmel weiß, daß ich es bin,“ antwortete der junge Mann, auf einen Stuhl am Tiſche niederſinkend und ſein Geſicht mit den Händen bedeckend.„Der Himmel weiß, daß ich es bin.“
„Thor, Feigling, erbärmliche Memme! Sie ſind kein paſſender Genoſſe für mich, und ich habe unrecht gethan, Sie zu meinem Freund und Vertrauten zu machen. Sie haben zwar den Muth, einen Plan auszuſinnen, aber nicht Kühn⸗ heit genug, ihn durchzuführen. Ihr feiger Sinn ſchreckt vor der Ausführung Ihres Vorſatzes zurück. Ich verachte Sie und entſage Ihnen.“ 1
Der Mann, zu dem Philipp Darcy dieſe Worte ge⸗ ſprochen hatte, ſprang von ſeinem Sitze auf, erfaßte den Stuhl, als wollte er ihn gegen den Sprecher ſchleudern, und rief in wüthendem Tone:
„Das mir von Ihnen, mir, dem Sprößling einer der erſten und älteſten Familien des Landes! Bedenken Sie, wer ich bin, und bedenken Sie auch, wer Sie ſind.“
Philipp Darcy lachte verächtlich.„Was,“ rief er,„Sie
rücken mir Ihre Geburt, Ihr Vermögen und Ihre Stellung vor? Bah! So wiſſen Sie denn, daß ich zu einer Klaſſe von Menſchen gehöre, die keinen Rang und kein Vermögen aner⸗ kennt. Genie und Muth, eine kluge Zunge, ein kühnes Herz und ein heller Kopf, das ſind die Eigenſchaften, vor denen wir uns beugen, und wenn Sie dieſe nicht beſitzen, ſo ſind Sie nicht werth, Einer von uns zu ſein. Vergeſſen Sie dies nicht, und vergeſſen Sie auch nicht, daß ich das Ver⸗ ſprechen gehalten, das ich Ihnen am 20. December gegeben abe.“ 1 Der Sprecher war niemand Anderes als der Mann, welcher dem Leſer unter dem Namen Oberſt Bertrand bekannt iſt. Sein Gefährte aber war, wie ſich leicht errathen läßt, Lord Lionel Montfort.
In dieſem Augenblicke kehrte Ellen mit einem ſilbernen Teller, auf dem zwei Caraffen mit Wein und zwei prachtvoll geſchliffene Gläſer ſtanden, zurück. Philipp Darcy(wir wollen dieſen Namen, unter dem er ſeiner ſchönen jungen Frau be⸗ kannt iſt, auch ferner beibehalten) ſchenkte ſich ein Glas Ma⸗ deira ein, und die Flaſche dem Lord Lionel, der ſich wieder in ſeinen Stuhl geworfen hatte, hinſchiebend, erhob er ſein Glas und ſagte mit einem Lächeln:
„Laſſen Sie uns auf das Wohl des ſehr edeln Marquis von Willoughby trinken.“
Schaudernd fuhr Lionel Montfort zuſammen. Ja, die⸗ ſer Titel gehört jetzt ihm. Sein edler Bruder, deſſen Herz niemals einen falſchen oder ſelbſtſüchtigen Gedanken hegte, war durch die Hand eines Mörders gefallen, und Lionel, der vermögensloſe jüngere Sohn, der verſchmähte Geliebte der Lady Edith Vandeleur, war jetzt Marquis von Willoughby, der Beſitzer eines fürſtlichen Vermögens und eines herrlichen Gutes in einer der reichſten Grafſchaften Englands.
„Sagen Sie mir,“ ſagte Philipp Darcy, als er ein zweites Glas Madeira getrunken hatte,„habe ich mein Wort gehalten? Ja oder Nein.“
„Ja,“ rief Lionel,„Sie haben dieſes verhängnißvolle Verſprechen leider nur zu gut gehalten.“
Ellen begab ſich jetzt zur Ruhe und ließ die beiden Män⸗ ner allein in ihrem Boudoir. Es war heller Tag, als Phi⸗ lipp Darcy ſeinen Gaſt in eins der feiernden Zimmer des oberen Stocks führte.
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Am folgenden Tage bildete das plötzliche und unerklär⸗ liche Verſchwinden des Marquis von Willoughby und ſeiner Couſine Lucy Malden das allgemeine Tagesgeſpräch in London.


