Jahrgang 
7 (1867)
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Die ſchwarze Bande. Roman

von Lady Caroline Lascelles. 28

ſagt mir, daß ich fallen werde, dieſe Stimme ſagt mir auch, daß Du ebenſo denkſt.

Die Augen der beiden Brüder begegneten ſich, und Lord Lionel ſchlug die ſeinigen vor dem durchdringenden Blicke des Marquis nieder.

Es iſt keine Zeit zu verlieren, meine Herren, ſagte Mr. Saunderſon, das feierliche Zwiegeſpräch zwiſchen Marquis und ſeinem jüngeren Bruder unterbrechend.Wir haben eine halbe Meile zu gehen, ehe wir die Stelle erreichen, welche Oberſt Bertrand vorgeſchlagen hat.

Die vier Herren bezahlten ihre Rechnung und verließen mit einander das Haus, indem ſie dem Kellner ſagten, daß ſie nur einen Spaziergang machen wollten.

Als Lucy Malden ſah, daß ſie den Gaſthof verließen, klingelte ſie und verlangte ihre Rechnung. Während ſie die⸗ ſelbe bezahlte, ſagte der Kellner:

Es ſind vier Herren da, Miß, die mit demſelben Boote wie Sie gehen. Sie haben ſoeben gefrühſtückt und machen jetzt einen Spaziergang am Strande.

Durch dieſe Nachricht wurde Lucy wieder einigermaßen beruhigt. Vielleicht hatte Angus alſo doch die Wahrheit ge⸗ ſagt. Es war ja doch möglich, daß er zu einem kranken Freund jenſeit des Kanals gerufen wurde. Aber warum war er von Lionel und den beiden anderen Männern begleitet, die ſie

nicht kannte? Und warum er ſo ungewöhnlich aufgeregt ge⸗ weſen, als er von ihr Abſchied nahm? Auf jeden Fall war ſie entſchloſſen, ihnen nachzugehen.

Sie verließ den Gaſthof und folgte ihnen in einiger Entfernung, bis ſie die Stadt hinter ſich hatten und am Ufer hingingen.

Es war kein lebendes Weſen in der Nähe, und in der Beſorgniß, daß ſich einer der Herren umdrehen und ſie ſehen möchte, blieb ſie ſo weit als möglich hinter ihnen zurück.

Es muß doch ſo ſein, wie der Kellner ſagte, dachte ſie,ſie gehen nur ſpazieren, um bis zur Abfahrt des Bootes

die Zeit zu vertreiben. Was würde die Welt von mir denken, wenn es bekannt würde, daß ich meinem Conſin bei Nacht und Nebel an dieſen Ort gefolgt bin? Wie würde man ſich wegen meiner Thorheit über mich luſtig machen?

Der Gedanke daran trieb ihr das Blut in's Geſicht, und ſie begann ſich ihrer Anhänglichkeit, die ſie zu einer ſolchen Reiſe veranlaßte, ordentlich zu ſchämen.

Der Regen hatte aufgehört, und als die Sonne aufging, legte ſich der Wind, und die See war ſpiegelglatt. Die vier Männer gingen jetzt ſo raſch, daß Lucy weit hinter ihnen zurückblieb und ſie zuletzt ganz aus dem Geſichte verlor.

In dieſem verhängnißvollen Augenblicke erreichten ſie den Ort, den der Oberſt ausgewählt hatte. Eine halbe Meile von der Stadt entfernt und von hohen Felſen umgeben, war er in dieſer frühen Stunde vollkommen vor Störung ſicher.

Mr. Saunderſon traf ſogleich die nöthigen Anordnungen zum Aufſtellen der Kämpfer, während Lord Lionel vollkommen unfähig war, ſich dabei zu betheiligen. Der Marquis ſtellte

ſich deshalb ſelbſt ſeinem Gegner gegenüber. 5

In dieſem Augenblicke kam Lucy, welche, ſo viel es ihre Kräfte zuließen, den Männern nachgeeilt war, nahe genug, um zu ſehen, was vorging.

Sie ſah, wie Oberſt Bertrand und der Marquis, be⸗ leuchtet von der Morgenſonne, einander gegenüberſtanden. Sie ſah, wie ein weißer Handſchuh, von Lieutenant Saunderſon in die Höhe geworfen, zur Erde fiel. Sie hörte den ſcharfen Knall von zwei Piſtolen und ſank bewußtlos auf den Sand nieder.

8.

Elleu. Die Todten verrathen keine Geheimniſſe.

Kehren wir nun zu Ellen Clavering, oder vielmehr zu

Ellen Darcy zurück, die wir zum letzten Male in der Nacht

ihrer geheimen und geheimnißvollen Trauung in dem ein⸗ ſamen Gemache der verfallenen Abtei von Clavering⸗Park geſehen haben. Wir finden ſie jetzt in dem glänzend ausge⸗ ſtatteten Bondoir eines eleganten Hauſes, das etwa zehn Meilen von London entfernt liegt. Koſtbare Gemälde in vergoldeten Rahmen ſchmücken die Wände des kleinen Gemachs. Im Marmorkamin brennt ein helles Feuer, denn die März⸗ nacht iſt kalt und unfreundlich. Ueber dem Kamin hängt das Portrait von Philipp Darcy, dem Herrn des Hauſes. Die durchdringenden ſchwarzen Augen ſcheinen Blitze zu ſchießen, und Ellen ſelbſt denkt zuweilen, wenn ſie in ihrem ein⸗ ſamen Gemache ſitzt, daß etwas Uebernatürliches in dem Ge⸗ mälde liege. Sie mag es anblicken, wie ſie will, immer ſcheinen die Augen den ihrigen zu begegnen. Zuweilen bildet ſie ſich ſogar ein, daß ſie einen zornigen und drohenden Aus⸗ druck annehmen, und ein Schauder überläuft ſie dann, wenn ihr Blick auf das hübſche Geſicht fällt.

Das Leben des jungen Mädchens ſeit ihrer Heirath war kein glückliches. Alles, was Reichthum vermag, war geſchehen, um ſie mit Annehmlichkeiten und Luxus zu umgeben. An ihren Fingern glänzen Diamanten und Rubinen. Ihr köſt⸗ liches Seidenkleid enthält das neueſte Muſter aus der erſten Lyoner Fabrik. Die kleine Uhr an ihrer Seite iſt über und über mit Edelſteinen beſetzt. Sie hat eine eigene Kammer⸗ frau und ein halbes Dutzend Bediente in reichen Livréen zur Bedienung. Philipp hat ihr einen kleinen eleganten Brougham mit prächtigen braunen Pferden gekauft, und ein ſchönes lamm⸗ frommes Reitpferd ſteht zu ihrer Verfügung. Er hat Alles gethan, was zu ihrem Glück beitragen kann, und doch i*ſt ſie nicht glücklich.

Ihr Gatte, den ſie mit der tiefen und reinen Zuneigung eines edlen Herzens liebt, iſt für ſie heute noch ein eben ſo großes Geheimniß als an dem Tage, wo ſie ihn zuerſt unter dem Schatten der Eichen in Clavering⸗Park geſehen. Obſchon er ſie innig liebt, und obſchon ſie keine Urſache hat, Zweifel in ſeine Liebe zu ſetzen, ſo iſt er doch nur ſelten bei ihr. Wenn er kommt, iſt ſein Aufenthalt nur kurz, und er ſieht zuweilen ſo in ſich gekehrt und trübſelig aus, daß ſie es kaum wagt, ihn anzureden. Seine Beſuche ſind unerwartet und geheimnißvoll, ſie weiß niemals, wann ſie ihn zu er⸗ warten hat, wie lange er bleibt, und wann er ſie wieder ver⸗ laſſen wird.

Er hat für ſich ein kleines Zimmer im unteren Stock eingerichtet, das er ſein Büreau nennt, und er iſt ſelten eine Stunde im Hauſe, ohne daß er durch die Ankunft irgend eines Boten geſtört wird, mit dem er ſich dann oft Stunden lang in dem unteren Gemache einſchließt.

Umſonſt befragt ihn Ellen über das Geheimniß, in das ſein Leben gehüllt iſt. Er ſagt ihr nichts, als daß er reiche und mächtige Verwandte beſitzt, welche ihn verſtoßen würden, wenn ſie ſeine Verheirathung mit einem armen, wenngleich ſchönen Mädchen in Erfahrung brächten. Deshalb ſei er ge⸗ nöthigt, ſein Weib in der ruhigen Nachbarſchaft, in der ſie lebten, verborgen zu halten, bis der Tod eines reichen Onkels, von dem er ein großes Vermögen zu erwarten habe, ihm erlauben werde, ſeine Heirath vor der Welt bekannt zu machen.

Geduld, meine Ellen, ſagte er zuweilen,harre aus und vertraue auf mich, meine Geliebte! Der Tag wird kommen, wo ich meine reizende Gattin vor der Welt anerkennen kann. Bis dahin habe Geduld und vertraue auf mich 8

Und ſie vertraute ihm; aber die lange und häufige Lren nung von ihm, den ſie ſo zärtlich liebte, ſtellte ihr gefühlvolles Herz auf eine harte Probe. Auch war es ihr ſeit ihrer Ver⸗ heirathung nicht ein einziges Mal geſtattet worden, mit ihern Vater in Verbindung zu treten. Philipp Darcy verſicherte ihr, daß er an Lucas Clavering geſchrieben hahe, daß Alles, ſo weit dies gegenwärtig geſchehen könne, aufgeklärt ſei, und daß der alte Mann keine Urſache habe, ſich über das Schick⸗