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„um mit der Mutter und Lucy zu ſprechen. Die Mutter hatten dieſen Abend eine Geſellſchaft, und ich bin deshalb ge⸗ wiß, daß ſie noch auf ſind.“
Die Lucy, von der er geſprochen, war ſeine Couſine, ein
Mädchen von achtzehn Jahren, deren Eltern geſtorben waren und ſie ganz der mütterlichen Sorgfalt ihrer Tante hinter⸗
laſſen hatten.
Angus' Vermuthung war, was ſeine Couſine betraf, ge⸗ gründet, ſeine Mutter aber hatte ſich einige Minuten zuvor zur Ruhe begeben. Er traf Lucy Malden in einem kleinen Gemach neben dem Wohnzimmer. Sie war noch in die leichten Gewänder gekleidet, die ſie in der Abendgeſellſchaft getragen hatte. In ihrem ſchönen Haar hatte ſie einen Kranz von Vergißmeinnicht. Sie las beim Lichte einer Lampe, ſah aber erröthend empor, als ſie die Tritte ihres Couſins vernahm.
„Angus,“ rief ſie,„biſt Du es wirklich? Ich dachte, Du würdeſt in dieſer Nacht nicht nach Hauſe kommen.“
„Lucy,“ ſagte der Marquis, indem er die Hand des jungen Mädchens ergriff,„ich verlaſſe auf einige Tage die Stadt, und da meine Abreiſe ganz unerwartet und ſchnell er⸗ folgt, ſo habe ich nur zwei Minuten übrig, um Dir Lebewohl zu ſagen.“
Es lag etwas in ſeinem Benehmen, was ſie, trotz ſeiner Ruhe, heftig erſchreckte.
„O Angus, Angus!“ rief ſie mit zitternder Stimme, ich weiß es, daß etwas nicht in Ordnung iſt. Wie blaß Du biſt, blaß wie der Tod. O Angus, Angus! Ich bin über⸗ zeugt, daß etwas Schreckliches vorgeht.“
„Nein, nein!“ ſagte der junge Mann, heftig bewegt durch den Kummer ſeiner anmuthigen Couſine, die er von Jugend auf geliebt hatte und demnächſt zum Altare zu führen beab⸗ ſichtigte.„Nein, Lucy, es iſt nichts zu fürchten. Ich bin eilends an das Lager eines kranken Freundes gerufen worden, und dies iſt der Grund dieſer plötzlichen Reiſe.“
Ehe ſie ihn weiter befragen konnte, hatte er das Zimmer verlaſſen. Mit klopfendem Herzen lauſchte ſie auf ſeine Fuß⸗ tritte, und als dieſelben auf der Stiege erſtarben, eilte ſie in ihr Schlafzimmer, vertauſchte ihr Ballkleid mit einem dunklen Winteranzug und hüllte ſich in einen weiten Mantel, welcher ihre Geſtalt unkenntlich machte. Durch Benutzung einer Hin⸗ tertreppe und einer Nebenthür gelang es ihr darauf, unbe⸗ merkt die Straße zu erreichen, wo ſie ſich unter dem Portal des benachbarten Hausthores verbarg. Ihre Abſicht war, ihren Couſin abreiſen zu ſehen und ihm wo möglich zu folgen. Die Dunkelheit der Nacht und der noch immer herabſtrömende Regen begünſtigte ihren Plan.
Sie hatte nicht lange zu warten, denn in weniger als fünf Minuten trat er, gefolgt von ſeinem Bruder Lionel, aus dem Hauſe. 4. 4
„Lionel bei ihm,“ dachte Lucy,„dann hatte ich doch recht, es muß ſich etwas Beſonderes zugetragen haben.“
Deutlich hörte ſie, wie der Marquis den Kutſcher be⸗ äuftragte, nach der London⸗Bridge⸗Station zu fahren, und ſo⸗ bald der Wagen ſich entfernt hatte, eilte ſie nach einem be⸗ nachbarten Stand, ſprang in ein Cab und befahl dem Kutſcher unter Zuſicherung einer Belohnung, ſie ſo ſchnell als möglich nach demſelben Platze zu bringen.
7. Das Duell am Meeresufer.
Die kalte graue Dämmerung des Frühlingsmorgens brach langſam an, als vier Männer die Eiſenbahnſtation von Dover verließen und der Stadt zuſchritten. Sie gingen geradezu in einen der erſten Gaſthöfe, wo ſie ein eigenes Zimmer ver⸗ langten. Einer von ihnen beſtellte ein Frühſtück, während deſſen Zubereitung Lord Lionel Montfort und Lieutenant Saun⸗ derſon an einem Seitentiſch Platz nahmen und ſich über einige
Die ſchwarze Bande. Roman von Lady Caroline Lascelles.
26 untergeordnete Anordnungen Duells beſprachen.
Kein muthigeres Herz ſchlug jemals in der Bruſt eines Mannes, als das von Angus Marquis von Willoughby; doch konnte er ſich in dieſer feierlichen Stunde gewiſſer ernſter Be⸗ trachtungen nicht ganz entſchlagen. Vielleicht regte ſich auch ein Gefühl des Schmerzes in ſeinem Herzen, wenn er an ſeine geliebte Couſine Lucy dachte. Er hatte keine Ahnung davon, daß Lucy ſelbſt in einem andern Theile des Gaſthofs an einem Fenſter ſtand, an welchem ſie die Hauptthür des Hauſes im Auge hatte.
Sie hatte die London-Bridge⸗Station noch zur rechten Zeit erreicht, um zu ſehen, wie Angus für ſich und ſeinen Bruder Billets nach Dover nahm. Als ſie hierüber, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, Gewißheit erlangt hatte, nahm ſie ebenfalls ihr Billet und ſetzte ſich in die Ecke eines Wagens, nachdem ſie ſich davon überzeugt hatte, daß der Marquis und Lord Lionel in einen andern geſtiegen waren.
Bei der Ankunft in Dover hatte ſie mit derſelben Vor⸗ ſicht gehandelt, und ſo war es ihr gelungen, den vier Herren in hinlänglicher Entfernung, um nicht geſehen zu werden, zu folgen. Sie hatte dieſelben in den Gaſthof gehen ſehen und war nach zehn Minuten ebenfalls dort eingetreten. Sie hatte den Aufwärtern geſagt, daß ſie mit dem Achtuhrboot nach Ca⸗ lais wolle, und ein Frühſtück beſtellt, wovon ſie indeſſen keinen Biſſen anrühren konnte.
Die vier Herren hatten den Aufwärtern dieſelbe Geſchichte erzählt, deren ſich Lucy als Ausrede für ihre Anweſenheit in Dover zu dieſer frühen Morgenſtunde bedient hatte. Die Leute des Gaſthofs ſahen darin nichts Beſonderes, da Aehnliches alle Tage vorkam. Sie konnten freilich nicht ahnen, daß der kleine Reiſeſack, den Lieutenant Saunderſon ſo leicht trug, nichts weiter enthielt als Duellpiſtolen.
Der Oberſt und ſein Secundant frühſtückten an einem Tiſche, die beiden Brüder an einem andern. Weder der öſter⸗ reichiſche Officier noch Mr. Saunderſon ſchienen im gering⸗ ſten von der ſchrecklichen Scene, an der ſie theilnehmen ſollten, ergriffen zu ſein. Sie ließen ſich Speiſe und Trank vortreff⸗ lich ſchmecken, und ihre Unterhaltung, die in leiſem Tone ge⸗ führt wurde, ſchien ſehr lebhaft zu ſein.
Angus war dagegen, wenn auch vollkommen, ruhig, ernſt und ſchweigſam. Er hatte nichts von den vorgeſetzten Ge⸗ richten angerührt, ſondern ſchien, den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, in Nachdenken verſunken. Lord Lionel war weit auf⸗ geregter als der Marquis. Seine Hände zitterten ſo heftig, daß er die Taſſe mit ſchwarzem Kaffee kaum zum Munde zu führen vermochte.
„Lionel,“ ſagte der Marquis nach einer langen Pauſe, „wenn ich dieſen Morgen fallen ſollte, was ſehr wahrſcheinlich iſt, denn der Oberſt iſt ein zehnmal beſſerer Schütze als ich, ſo wirſt Du Marquis von Willoughby werden.“
„Angus, Angus! um Gottes willen ſprich nicht ſo zu mir,“ rief Lionel mit Schaudern.
„Ich muß davon ſprechen,“ antwortete der Marquis, „denn ich habe eine Bitte an Dich zu richten, die Du einem ſterbenden Bruder nicht abſchlagen wirſt.“
„Ich werde ſie nicht vergeſſen, Angus, was es auch ſein mag,“ rief ſein Bruder.
„Wenn ich falle, Lionel, ſo mußt Du meine Stelle nicht nur bei der Mutter, ſondern auch bei Lucy Malden einneh⸗ men. Sie iſt eben ſo gut und unſchuldig wie liebenswürdig. Wenn ich am Leben bliebe, würde ſie Marquiſe von Willoughby werden. Vergiß das nicht, Lionel, und laß es ihr niemals an einem Freund oder an einer Heimath fehlen.“
„Sie ſoll meine zärtlichſte Sorge ſein, Angus. Doch Du mußt nicht ſo kleinmüthig ſprechen, Du kannſt ja dieſen Kampf überleben.“.
„Nein, Lionel, das werde ich nicht. Eine innere Stimme
in Betreff des bevorſtehenden


