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Die ſchwarze Bande.
Roman
von Lady Caroline Lascelles. 22
* Der Großmeiſter,“ erwiderte der Fremde, der kein Anderer war, als Oberſt Bertrand.
Der Mann erhob ſich und machte eine tiefe Verbeugung. Dann zog er an einer Schnur, worauf ſich eine in die Mauer eingelaſſene Thür, die man beim erſten Blick nicht bemerkte, mit einem Metallton zurückſchob und eine zweite Hausflur zeigte, in welche der Oberſt eintrat. Sie war von geringerem Umfange als die äußere, und es mußte auffallen, daß ſie keine Stiege enthielt. Wenn man empor blickte, ſo konnte man das Dach des Hauſes ſehen, während die einzelnen Stockwerke durch kleine eiſerne Balcone, welche an den vier Seiten der Halle herumliefen, markirt waren.
Aber wie ſollte man zu dieſen Balconen gelangen? Der Oberſt bedachte ſich nicht lange. In der Wand befand ſich eine Reihe mit Nummern verſehener meſſingener Knöpfe. Einen derſelben zog er an, worauf in der Gallerie des erſten Stockes eine Glocke ertönte. Kaum war dies geſchehen, ſo ſenkte ſich wie durch Zauberkraft von der einen Seite des
„Balcons eine leichte eiſerne Leiter herab, während ſich eine Thür im Geländer deſſelben öffnete.
Der Oberſt ſtieg mit leichtem Schritt die Leiter hinan, ſprang auf den Balcon, öffnete eine Glasthür und trat in ein großes Zimmer, wo eine Anzahl Männer an einem grünen Tiſche ſaßen, auf welchem Karten und Haufen von Gold⸗ und Silbermünzen umherlagen.
Oberſt Bertrand befand ſich in einer der geheimſten und berüchtigtſten Spielhöllen von London, einem Platze, welcher
bisher alle Nachforſchungen der Polizei zu Schanden gemacht hatte. Auf der andern Seite munkelte man auch davon, daß einzelnen Polizeibeamten durch das Gold der Eigenthümer Augen und Mund geſchloſſen waren.
Das Haus war ganz wie eine Feſtung verwahrt. Sein äußeres Ausſehen blieb immer daſſelbe, indem die vorderen Zimmer blos zur Schau dienten. Man ſuchte den Glauben zu verbreiten, daß ein achtbarer Kaufmann, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen und von ſeinem Gelde lebe, in dem Hauſe wohne.
Der Oberſt blickte mit ſeinen ſpähenden ſchwarzen Augen in jeden Winkel des Gemachs. Dann ging er, immer ſich umſehend, an den Tiſch, nahm zwiſchen den Spielern Platz und ſetzte eine Hand voll Gold, während er die Herum⸗ ſittzenden aufmerkſam betrachtete. Ein Ausdruck getäuſchter Erwartung zeigte ſich auf ſeinem Geſichte. Offenbar
waren diejenigen, die er zu treffen hoffte, nicht gekommen. 1„Hat dieſer thörichte Knabe es ſchlecht angeſtellt?“ mur⸗ melte er.„Iſt es ihm nicht gelungen, ſeinen Bruder zu be⸗ reden, hieher zu kommen?“
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In dieſem Augenblicke ertönte zweimal nach einander
die Glocke, welche das Zeichen gab, daß die eiſerne Leiter niedergelaſſen werden ſollte.
„Zwei neue Ankömmlinge,“ ſagte ein Mann, der neben dem Oberſt ſaß,„das Zimmer iſt ohnedies ſchon voll und heiß genug.“
„Sie müſſen es ſein,“ murmelte der Oberſt.
Es dauerte nicht lange, ſo öffnete ſich die Glasthür, und Lord Lionel Montford, gefolgt von einem Manne, der iinnige Jahre älter war als er, trat in's Zimmer. Dieſer Mann war Angus Marquis von Willoughby, Lord Lionel's ällteſter Bruder. Er hatte ein ſchönes, edles Geſicht mit einer Fülle blonder Locken und einem blonden Schnurrbart. Seine Geſtalt war hoch und ſchlank, aber dabei kräftig gebaut und oon ſchönem Ebenmaß. Er ſchien etwas zu viel getrunken zu aben und zum Lärmmachen aufgelegt zu ſein.
„So, das iſt der Ort, von dem Du ſo viel Aufheben Vemacht haſt, Lionel,“ ſagte er laut;„was für eine gefäng⸗
Vißartige Höhle iſt es! Ich kann mir nicht denken, weshalb
Dir ſo viel daran gelegen war, mich hieher zu bringen.“ Oberſt Bertrand, welcher bisher ruhig weiter geſpielt
hatte, ſah jetzt von den Karten auf und begegnete den Blicken von Lord Lionel Montfort. Der junge Mann erhob ein Gelächter und brach, den Arm ſeines Bruders ergreifend, mit geheucheltem Erſtaunen in die Worte aus:
„Siehſt Du dies, Angus? Du haſt Dich geweigert, mit mir in dieſe Höhle des Laſters, wie Du es nannteſt, zu kommen. Was denkſt Du davon, daß Du den geſetzten Oberſt, deſſen Solidität, obſchon er der faſhionableſte Mann in London iſt, uns wilden jungen Männern von allen unſeren Müttern als Muſter geprieſen wird, an einem ſolchen Orte findeſt?“.
Die Brüder lachten herzlich über dieſes Zuſammentreffen, und Oberſt Bertrand, der wegen ſeiner guten Laune berühmt war, erhob ſich von ſeinem Sitze, trat zu ihnen hin und lachte eben ſo laut wie ſie.
„Man wird der Bälle und Geſellſchaften müde, Mar⸗ quis,“ ſagte er, als ſie aufhörten zu lachen, und was die hübſchen Mädchen anlangt, ſo glaube ich wirklich, daß heut⸗ zutage kein großer Unterſchied zwiſchen ihnen iſt. Deshalb kam ich, um nur einmal für eine oder zwei Stunden Abwechs⸗ lung zu haben, hieher, wobei ich freilich nicht erwarten konnte, Sie und Lord Lionel hier zu treffen. Wollen Sie rouge et noir ſpielen, Marquis, oder wollen wir uns mit einer Partie Ecarté die Zeit vertreiben, während Lord Lionel uns zuſieht?“
„Jedenfalls Ecarté, Oberſt,“ antwortete der Marquis. „Ich habe in halb Europa rouge et noir geſpielt und bin deſſen herzlich ſatt. Ohne Lionel wäre ich dieſen Abend nicht hieher gekommen. Der junge Wildfang hat in meinem Club mit mir dinirt, und nachdem wir ein paar Flaſchen Wein getrunken, wovon er mir den größten Theil aufge⸗ nöthigt, ließ er nicht ab, bis ich einwilligte, mit ihm hieher zu kommen. Ich kannte den Ort nicht und wäre auch nicht im Stande geweſen, den Weg hereinzufinden, aber Lionel
ſcheint hier vollkommen zu Hauſe zu ſein.“
„Lord Lionel hat, zu meinem Bedauern muß ich es
ſagen, mitunter ſonderbare Geſellſchaft,“ ſagte der Oberſt lachend.„Aber nun zum Ecarté.“
Mit dieſen Worten führte er ſie in ein anſtoßendes Zimmer, in welchem zwei oder drei kleine Tiſche ſtanden. Dieſes elegant möblirte und glänzend mit Gas beleuchtete Gemach war in dieſem Augenblicke ganz leer. Der Oberſt klingelte, worauf ein gut gekleideter Aufwärter erſchien.
„Bringen Sie ein halbes Dutzend Flaſchen mouſſirenden
Moſelwein,“ ſagte Oberſt Bertrand,„und ſorgen Sie dafür, daß er gut in Eiz geſtellt wird.“
Mehrere Spiele nener Karten wurden aufgelegt. und der Marquis ſetzte ſich ſeinem Mitſpieler gegenüber. Der Kellner brachte den Wein in ſilbernen mit Eis gefüllten Kühlern, die er auf Befehl des Oberſt auf ein Seiten⸗ tiſchchen zu ſeiner Rechten ſtellte. Die geſchliffenen Cham⸗ pagnergläſer ließ aber der Oberſt wieder entfernen.„
„Bringen Sie uns große Weingläſer,“ ſagte er,„wir ſind keine Kinder und wollen unſern Wein nicht löffelweiſe zu uns nehmen.“
Mittlerweile hatte das Spiel begonnen. Lord Lionel ſah eine Zeit lang zu, wurde aber deſſen bald überdrüſſig und zog ſich nach einem Lehnſtuhl am Kamin zurück, wo er eine Zeitung aufnahm, ſich damit das Geſicht beſchattete und dem Anſchein nach bald darauf eingeſchlafen war. Ein näherer Beobachter würde aber bald entdeckt haben, daß der junge Mann ſehr aufgeregt war, und daß ſeine ſchwarzen Augen von Zeit zu Zeit über die Zeitung hinweg unruhig nach dem Tiſche blickten, an welchem Marquis Willoughby und Oberſt Bertrand ſaßen.
Der Oberſt ſorgte mit beſonderer Aufmerkſamkeit dafür, daß es dem Marquis nicht an Wein fehlte, und dieſer war, da ſein Glas immer voll gehalten wurde, ganz außer Stand,
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