Jahrgang 
7 (1867)
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Ruhe.

19 Die ſchwarze Bande.

Roman von Lady Caroline Lascelles. 20

Er deutete, während er dies ſagte, auf eine offene Thür des Conſervatoriums, welche mit einem Nebenzimmer des Ballſaales in Verbindung ſtand. Da das Feſt zu Ende ging, ſo war es in dieſem Augenblicke ziemlich leer; aber in einer tiefen Fenſterniſche, halb verdeckt von den ſchweren ſeide⸗ nen Vorhängen ſtanden Lord Lionel und Lady Edith in vertraulicher Unterhaltung beiſammen. Der Obefſt lächelte boshaft.

Sie müſſen ſich ſelber ein Urtheil bilden, ſagte er und verließ das Conſervatorium.

Robert Merton warf ſich auf das Sopha, auf dem er und Lady Edith geſeſſen hatten, verbarg das Geſicht in den Händen und gab ſich ſeinen bitteren Gedanken hin.

Edith, ſagte Lord Lionel, als er an der Seite des reizenden Mädchens ſtand und ihre Hand feſt in der ſeinigen hielt.Wie kommt es, daß ich Dich ſoeben neben dieſem Manne ſitzen ſah? Warum erſchrakſt Du und wurdeſt bleich, als Du meiner anſichtig wurdeſt?

Sie lachte verächtlich.Mein lieber Lionel, ſagte ſie ſorglos,ich dachte, dergleichen Fragen wären bei unſerer

letzten Zuſammenkunft auf dem Maskenballe im Drurylane⸗

Theater ein⸗ für allemal zwiſchen uns abgemacht worden. Ich ſagte Dir damals, daß ich, ſo ſehr ich Dich liebte, nie⸗ mals einen armen Mann heirathen werde.

Ich erinnere mich noch jedes Wortes, das Du damals geäußert, antwortete ihr Gefährte.Seit jener Nacht hab' ich meine Maßregeln getroffen. Es iſt jetzt drei Monate her. Manche Männer brauchen ihr ganzes Leben dazu, um ein Vermögen zu erwerben. Das meinige wird in einem Tage errungen ſein. Nicht blos ein Vermögen, Edith, ſondern auch Titel, Ehren und ein Landſitz. Ehe noch die Woche zu Ende geht, werde ich alles dieſes Dir zu Füßen legen. Dann haſt Du keine Urſache mehr mich abzuweiſen.

Mit dieſen Worten erhob er ihre Hand zu ſeinen Lippen, küßte ſie leidenſchaftlich und eilte davon.

Lionel, Lionel! rief ſie, ihm nach der Thür des Ballſaales folgend. Sie wollte ihm ihre beabſichtigte Heirath mit dem reichen Kaufherrn ankündigen, denn bei aller ihrer Falſchheit hatte ſie keinen Grund, ihm ein Hehl daraus zu machen. Aber in dieſem Augenblicke war gerade eine Qua⸗ drille zu Ende, und die Tänzer ſtrömten in's Nebenzimmer. In dieſem Gedränge verſchwand Lord Lionel Montfort und ſie hatte dieſen Abend keine Gelegenheit mehr ihn zu ſehen.

Nachdem ſie vergebens im Ballſaale nach ihm geſucht, kehrte ſie nach dem Conſervatorium zurück, wo ſie Robert Merton noch in derſelben Stellung traf, die er nach ſeiner kurzen Unterhaltung mit dem Oberſt Bertrand angenommen hatte. Sie war einen Augenblick beunruhigt, weil ſie dachte, er habe ihr Geſpräch mit Lord Lionel belauſcht.

Robert, ſagte ſie in ihrem ſüßeſten Tone,was iſt Ihnen, Theuerſter?

Der Fabrikherr ſprang empor. Er war bleich wie der

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Tod, und in ſeinem Benehmen herrſchte eine eigenthümliche Edith, ſagte er,ich habe Urſache zur Annahme, daß Sie mich hintergehen. Ich will Sie nicht fragen, ob dies gegründet iſt oder nicht. Nur ſo viel ſage ich Ihnen: Denken Sie zweimal nach, ehe Sie einen Mann verrathen, deſſen Verſtand und Thatkraft durch ein Leben redlicher Arbeit ge⸗ ſtählt worden ſind. Bedenken Sie ſich zweimal, ehe Sie einen Mann hintergehen, der niemals in ſeinem Leben eine Lüge geſagt und niemals eine ſolche an einem Andern vergab. Be⸗ denken Sie dies und entſcheiden Sie ſich in dieſer Nacht, ob Sie die Meinige werden wollen oder nicht.

Robert Merton, ſagte ſie, feierlich ihre Hände faltend, ich habe Sie nicht hintergangen und werde es auch niemals thun. So wahr ein Himmel über uns, werde ich Ihr treues und liebendes Weib ſein. Hätte ihr Geliebter in der Tiefe ihrer Seele leſen

können, ſo würde er mit Schauder vor dem falſchen und mein⸗ eidigen Geſchöpfe zurückgeſchreckt ſein. So aber konnte er nur in ihr ſchönes Geſicht ſehen, welches die liebliche Maske für ihre Schuld war, und mit tiefer Bewegung ſchloß er ſie in ſeine Arme.Meine innigſt geliebte Braut, rief er leiden⸗ ſchaftlich,Sie haben heute das Gelübde, das Sie in der glücklichen Zukunft zu meinem Weibe machen wird, beſiegelt. Was treue Liebe und unbegrenzter Reichthum beitragen kann, um Ihr Leben zu erheitern, ſoll geſchehen. Ich lebe fortan nur, um ihr Sclave zu ſein.

Als Lady Edith ſich in dieſer Nacht in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, warf ſie ihre Diamanten mit fieberhafter Ungeduld von ſich.

So habe ich alſo die Höhe meines Ehrgeizes erreicht, ſagte ſie. Verkauft, verkauft für Edelſteine und Gold, für ſchöne Häuſer, Möbel, Equipagen und Landſitze. Gewiß, ich ſollte glücklich ſein. Armer Lionel, wie hübſch ſah er dieſen Abend aus! Und was konnte er mit ſeinem unſinnigen Gerede, daß er in wenigen Tagen ein reicher Mann ſein werde, ſagen wollen? Armer Burſche, ich fürchte, die Liebe hat ihm den Kopf verrückt. Dieſer Mancheſter⸗Mann iſt zwar ein ſchrecklicher Menſch, aber eine Million eine Million dieſe Worte tanzen mir in goldener Schrift fortwährend vor den geblendeten Augen herum.

6. Mitternacht im Spielhauſe.

Der Tag nach den im vorigen Capitel geſchilderten Ereigniſſen war trüb und nebelig, und als die Nacht herein⸗ brach, goß der Regen unaufhörlich in Strömen herab. Die Straßen im Weſtend von London waren verlaſſen, und nur ſelten ſah man einen einſamen Fußgänger, der mit geoffnetem Regenſchirm gegen den heftigen Wind ankämpfte.

Als die Uhren der Kirchen in der Nachbarſchaft von Piccadilly Elf ſchlugen, bog ein elegantes Cabriolet aus der Nachbarſchaft von Albany in die St. James⸗Straße ein, wo es an der Ecke eines kleinen Quergäßchens anhielt. Ein hochgewachſener Mann, deſſen Geſtalt gänzlich durch einen langen weiten Mantel verhüllt war, ſprang heraus und gab dem Bedienten die Zügel.

Bringe den Wagen um ein Uhr wieder hieher, Jarvis, und warte an dieſer Ecke, bis ich komme.

Mit dieſen Worten entfernte ſich der Herr durch das kleine Gäßchen, während ihm der Diener neugierig nachſah.

Ich möchte nur wiſſen, murmelte er,was der Oberſt zu dieſer Stunde in dieſem Winkel da zu thun hat. Etwas Gutes gewiß nicht. Darauf ſtieg er auf den Bock und fuhr nach Hauſe. r

Der Eigenthümer des Cabriolets ging indeß bis an's Ende der Gaſſe, wobei ſer ſich von Zeit zu Zeit vorſichtig um⸗ ſah, ob er nicht beobachtet würde, dann klopfte er an der

Thüre eines großen, anſtändig ausſehenden Hauſes, das man

hier nicht geſucht hätte. Bemerkenswerth war, daß man in den zahlreichen Fenſtern nirgends ein Licht wahrnehmen konnte. Es ſchien, als ob die Bewohner ſich ſämmtlich ſchon zur Ruhe begeben hätten, denn die Fenſterläden waren offen, und hinter den Scheiben ſah man die herabgelaſſenen weißen Vorhänge. Dies ſchreckte aber den Fremden nicht ab, zweimal leiſe zu klopfen.

Die Hausthür wurde ſogleich von einem jungen Manne, der ein Diener zu ſein ſchien, geöffnet. Ohne daß zwiſchen beiden ein Wort gewechſelt wurde, ſchritt der Fremde an demſelben vorüber durch die matterleuchtete Hausflur. Ein Mann, welcher halb ſchlafend in einem Seſſel ſaß und der Portier zu ſein ſchien, ſah beim Tone der nahenden Schritte empor und fragte:

Wer iſt da?

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