Jahrgang 
7 (1867)
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ſehr neugierig, aber ich habe ihr jedesmal geſagt, daß Sie in Geſchäften verreiſt ſeien und bald zurückkehren würden.

Nun, Ellen, ſagte der alte Mann mit Nachdruck, höre mich aufmerkſam an, es iſt das Beſte, in allen Fällen auf das Schlimmſte, was eintreten kann, vorbereitet zu ſein. Wenn es einmal vorkommen ſollte, daß ich länger als einen Monat ausbliebe, ohne Dir Nachricht zu geben, ſo darfſt Du annehmen, daß ſich etwas Ernſtes zugetragen hat.

Theuerſter Vater! 4

In dieſem Falle, Ellen, ſuche in demSchreibtiſche meines Zimmers. Du haſt die Schlüſſel dazu. Du wirſt in demſelben ein verſiegeltes Paquet finden, in welchem ich Verhaltungsregeln für Dich aufgezeichnet habe. Sollte Dein Vater nicht mehr zu Dir zurückkehren, mein armes Kind, ſo wirſt Du finden, daß ich Dich nicht ohne Vermögen zurück⸗ gelaſſen habe.

Dics war der einzige Anlaß, bei welchem der alte Mann in Gegenwart ſeiner Tochter auf ſeine Reiſen anſpielte. Still⸗ ſchweigend ging er fort und ſtillſchweigend kehrte er zurück. Die Bewohner des Dorfes kümmerten ſich wenig um ihn. Einige hielten ihn nur für excentriſch, andere ſogar für wahn⸗ ſinnig. Sie hatten Mitleid mit ſeiner hübſchen Tochter, welche innerhalb der Mauern von Clavering⸗Park eingeſchloſſen war; Niemand aber wagte es, dem einzigen Kinde des ruinirten Edelmanns einen Dienſt anzubieten, denn wenn er auch, wie man glaubte, arm war, ſo beſaß er doch den Stolz ſeines alten Geſchlechts, und er wies jede Einmiſchung in ſeine Privatverhältniſſe mit hochfahrenden Worten und kalten zornigen Blicken zurück.

Mittlerweile wurde Ellen Clavering mit jedem Tage reizender. Ihre Schönheit war aber von ſo eigenthümlicher und zarter Natur, daß ein gewöhnliches Auge ſchwerlich daran Gefallen finden konnte. Ihre Geſichtsfarbe war blaß wie Marmor. Ihr Haar von goldenem Braun fiel in ſchweren wogenden Maſſen an ihrem ovalen Geſichte herab. Ihre

Augen waren dunkelbraun, ihre Züge ſehr weich und fein.

Die Purpurfarbe ihrer ſchwellenden Lippen bildete einen leb⸗ haften Contraſt mit der unveränderlichen Bläſſe ihres Geſichts und verlieh ihrer Schönheit einen eigenthümlichen Reiz. Sie war ein Geſchöpf, wie es ſich ein Maler als das Modell einer Madonna träumt. Tiefſinnig, ſanftmüthig und furcht⸗ ſam, ſchien ſie der Gegenſtand einer jener das ganze Gemüth beherrſchenden Leidenſchaften werden zu wollen, welche ihren verderblichen Einfluß über ein ganzes Leben verbreiten. 4 Im December, gerade um die Zeit, wo unſere Erzählung beginnt, hatte Ellen Clavering gerade ihr achtzehntes Jahr erreicht. Sie hatte die Weihnachtsfeiertage allein in ihrem Häüänuschen zugebracht, denn ihr Vater war am 19. auf vier⸗ zehn Tage verreiſt. Sie befand ſich indeß doch nicht ganz allein. Um aber zu erklären, wie es kam, daß ihre Einſam⸗ keit geſtört wurde, müſſen wir auf den vorhergegangenen Sommer zurückgreifen und ein Ercis erzählen, das, obſchon blos zufällig, eine vollſtändige Veränderung in den Lebensver⸗ hältniſſen von Ellen Clavering hervorbrachte. Eines Abends im Juli, als ſie von einem langen Spaziergange im Parke langſam nach Hauſe zurückkehrte, wurde ſie durch den Hufſchlag eines Pferdes in der ſchattigen Allee hinter ihr aufgeſchreckt. Als ſie ſich darauf umwandte, ſah ſie, daß der Reiter des Thieres ein ſchlanker Mann von beiläufig fünfunddreißig Jahren war. Er hatte lebhaft ſchwarze Augen und goldbraunes Haar. Sein Hut war tief in das

Geſicht gedrückt, als ob er wünſchte, nicht erkannt zu werden. ... 2 Ellen erröthete, als ſie ſeinen Blicken begegnete, denn ſie

fühlte, daß ihre Neugierde ſeine Aufmerkſamkeit auf ſie ge⸗ oßen habe, aber Clavering⸗Park wurde ſo ſelten von Fremden

eſucht, daß es wohl verzeihlich war, wenn ſie nach dem hübſchen Reiter umblickte. Zu ihrer Ueberraſchung beugte er ſich über den Hals ſeines Pferdes herab, um mit ihr zu ſprechen.

Die ſchwarze Bande. Roman von Lady Caroline Lascelles.

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VWollen Sie wohl die Güte haben, redete er ſie an,

mir zu ſagen, ob hier irgendwo in der Nähe ein Herr Namens Clavering wohnt?

Herrn Clavering's Haus befindet ſich am Ende dieſer Allee, ſagte Ellen.Ich kann Ihnen den Weg zeigen, wenn Sie mir folgen wollen. Herr Clavering iſt mein Vater. Ihr Vater, rief der Fremde.Ich hatte nicht gewußt, daß Lucas Clavering eine Tochter und noch dazu eine ſo reizende Tochter beſitzt, ſetzte er mit einem Blicke der Be⸗ wunderung auf das junge Mädchen hinzu.

Ellen eilte voraus, und der Reiter hatte keine Zeit mehr,

eine Unterhaltung anzuknüpfen, da ſie in wenigen Minuten an dem Hauſe waren. Als⸗Gnen in der epheuumrankten Thüre verſchwand, ſprang der Fremde vom Pferde, band es an den nächſten Baum und folgte ihr in däs kleine Wohn⸗ zimmer. 4 Der alte Mann ſaß an ſeinem Tiſche und ſchrieb. Er hatte eine Lampe angezündet, welche einen ſchwachen Schimmer auf die wurmſtichigen eichenen Möbel des niedrigen Gemachs warf. Lucas ſprang beim Anblick des Fremden von ſeinem Sitze auf und mit zornigem Stirnrunzeln rief er in barſchem, drohendem Tone:

Was ſoll dieſer Beſuch bedeuten? Ich dachte, mein Haus wäre ſicher und unverletzlich.

Der Fremde lachte verächtlich.Sie dachten, ſagte er höhniſch.Ich ſage Ihnen, Lucas Clavering, kein Platz iſt ſicher und unverletzlich, möge er noch ſo hoch oder noch ſo niedrig ſein. Vom Palaſt bis zum Armenhauſe herab, wo immer ſich Einer von uns befindet, da iſt der Platz für uns Alle zugänglich. Ich bin in Geſchäften hieher gekommen.

Ellen, ſagte der alte Mann in gebieteriſchem Tone, (perlaſſe uns. Dies iſt kein paſſender Ort für Dich.

Ellen ſah mit unruhigem Blicke erſt ihren Vater, dann den Fremden an und verließ darauf ſtillſchweigend das Gemach. Lucas verriegelte hinter ihr die Thür.

Sie hüten Ihren Edelſtein mit großer Sorgfalt, Clavering, ſagte der Fremde.Wer hätte ſich träumen laſſen, daß Sie eine ſo liebenswürdige Tochter beſitzen?

Ihre Geſchäfte, Capitän! ſagte der alte Mann kalt.

Sie wünſchen nicht, daß von Ihrer Tochter geſprochen wird. Sei es darum, wir wollen den Gegenſtand ändern. Man bedarf Ihner in London.

Schon wieder?

Ja, ſchon wieder. Sie haben gewiſſe Talente, wie ſie Andere nicht beſitzen. Sie ſind uns von Nutzen, und wir haben ein Recht, darüber zu verfügen, wenn wir derſelben bedürfen.

Der alte Mann ſtieß einen tiefen Seufzer aus, gab vbeß keine Antwort. Er ſtützte ſeine Ellbogen auf den Tiſch un verbarg ſein Geſicht in den Händen. 1

Sie ſind ein ſonderbarer Me ch, Lucas Clavering, ſagte der Fremde, ſich in dem kleinen düſtern Gemach um⸗ ſehend,es giebt gewiß Wenigi in Ihrer Lage, die in einem ſolchen Platze leben möchten.

Es geſchieht für ſie, erwiderte der alte Mann,nur allein für ſie. Sie wird reich ſein, wenn ich in meinem Grabe faule.

Sie iſt würdig, eine Herzogin zu ſein, ſagte der Fremde mit Enthuſiasmus.

Der alte Mann blickte ihn ſcharf an.

Was wiſſen Sie von ihr? ſagte er argwöhniſch.Was iſt ſie Ihnen?

Sie iſt für mich daſſelbe, was mir jedes liebenswürdige Weib iſt, Lucas Clavering, ein Gegenſtand der Bewunderung und Verehrung. Ich bin kein Wüſtling. Fragen Sie in der luſtigen Welt, der ich angehöre, nach. Man wird Ihnen keine dunkeln Geſchichten über meinen Charakter zu erzählen wiſſen.

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