Die ſchwarze Bande. Roman von Lady Caroline Lascelles. 8
„Von den zwanzig oder vierzig Männern, die Sie in dieſer Nacht ſehen,“ ſagte der Oberſt,„kennt keiner den Namen oder das Geſicht des andern. Verlarvt kommen ſie zu⸗ ſammen und verlarvt verrichten ſie die ihnen aufgetragene Arbeit. Sie begegnen ſich in den Straßen und gehen als Fremde an einander vorüber. Unverbrüchliches Schweigen iſt eine der Regeln des Ordens. Sie können einander nichts zu ſagen haben, und wenn ſie etwas ſagen wollen, ſo müſſen ſie es mir ſagen. Ihre Aufgabe wird ihnen vorgeſchrieben und ſie haben ſie ſchweigend auszuführen. Ich kenne ihre Namen, ihre Beſchäftigungen, die Namen ihrer Freunde, und weiß genau, zu was ſie zu gebrauchen ſind. Ich bin der
ooberſte Lenker und Befehlshaber des Ordens..“. 4„Beim Himmel,“ rief Lord Lionel,„Sie müſſen etwas mehr als Menſch ſein.“
Oberſt Bertrand lächelte über die Worte des jungen Mannes.
„Ich bin Oberſt in der öſterreichiſchen Armee,“ ſagte er, „ſo denkt wenigſtens die Welt. Soll ich Ihnen ſagen, was ich wirklich bin, Lord Lionel?“
„Ja,“ rief der junge Mann lebhaft.
„Ich bin Capitän der ſchwarzen Bande, der Ge⸗ noſſen der Mitternacht.“
8 2. Das Centralbüreau.
Nach Lord Lionel's Berechnung mochte etwa eine halbe Stunde verfloſſen ſein, ſeit ſie auf Leiceſter⸗Square angekom⸗ men waren, als der Wagen plötzlich anhielt und die Thüre deſſelben geöffnet wurde. Er fühlte ſich von zwei Männern aus dem Cab gehoben und eine Treppe hinauf, über einen Vorplatz und durch mehrere Gänge geführt, welche von end⸗ loſer Länge zu ſein ſchienen. Endlich ließen ihn die Männer los und er hörte aus einer ziemlichen Entfernung die Stimme des Oberſten, welcher den Befehl ertheilte, die Binde von ſeinem Geſichte zu nehmen. Ein Strom von Licht blendete den jungen Mann, als ſeine Augen frei waren.
.Er fand ſich in der Mitte eines großen, nach Art eines Amphitheaters gebauten Saales, welcher glänzend mit Gas erleuchtet var. Ringsum an den Wänden liefen drei Reihen Bänke hin, auf denen etwa hundert Männer ſaßen, welche, im Aeußern und Kleidung verſchieden, ſämmtlich Larven trugen und einen ſchwarzen Kreppſtreifen um das linke Handgelenk gebunden hatten.
. Ihm gegenüber auf einem erhöhten Platze bemerkte er einen Tiſch, welcher mit ſchwarzem Sammet behängt war, und einen Armſtuhl mit hoher Lehne, deſſen Polſterung die⸗ ſelbe dunkle Farbe trug. In dieſem Stuhle ſaß ein Mann, welcher allein in der ganzen Verſammlung ohne Larve war. Sein rabenſchwarzes Haar war dicht an ſeinem Haupte abge⸗ ſchnitten, was ſeinem blaſſen Geſichte und ſeinen brennenden Augen einen unheimlichen Ausdruck verlieh. Einen Augenblick
ebte Lord Lionel zurück, weil er glaubte, einen Fremden vor
ſſiich zu haben. Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber, daß es der Oberſt Bertrand ſei. Sein röthliches Haar, das ſo viel
„Seit Ihr Willens, ihn in Eure Mitte aufzunehmen, obſchon Ihr nach den unverletzlichen Regeln der Geſellſchaft niemals ſein Geſicht ſehen und niemals ſeinen Namen kennen werdet? Genügt es Euch, daß ich ihn für vertrauenswürdig und für ein paſſendes Werkzeug im Dienſte unſerer Verbin⸗ dung halte?“
Die maskirte Verſammlung gab durch eine Verbeugung ihre ſchweigende Zuſtimmung zu erkennen.
„Sie ſehen, Bruder,“ ſagte der Oberſt,„die Genoſſen der Mitternacht nehmen Sie auf. Iſt es nicht ſo, Brüder 27
Die Verlarvten hoben zum Zeichen der Zuſtimmung ihre Hände empor. Lord Lionel bemerkte, daß viele der auf⸗ gehobenen Hände rauh und groß, viele aber auch nicht nur weiß und klein, ſondern auch mit koſtbaren Ringen geſchmückt waren.—
„Vollſtrecker des Ordens, tretet hervor!“ ſagte der Oberſt.
Zwei Männer erhoben ſich und traten auf Lord Lionel zu. Beide waren ganz ſchwarz gekleidet und trugen ein langes Dolchmeſſer an der Seite. Jeder ergriff eine Hand des jungen Mannes und hielt ſie, während der Oberſt die folgenden Worte ſprach:
„Vollſtrecker des Ordens, der Bruder, deſſen Hände Ihr haltet, wird von Euch nie ein Leid erfahren, ſo lange er der Geſellſchaft die Treue bewahrt, die er in dieſer Nacht durch einen Eid angelobt. Sollte er dagegen dem Orden treulos werden, ſo wird es Eure Pflicht ſein, ihn, wann und wo Ihr wollt, unſchädlich zu machen. Erbarmen iſt Euch unbekannt, Ihr ſeid die blinden und mitleidsloſen Werkzeuge der Geſell⸗ ſchaft, der Ihr angehört. Wenn der neue Bruder zu ſchwach iſt, um den Eid des Ordens zu leiſten, ſo möge er ſeine Hände von den Eurigen freimachen, während ich dieſe Worte ſpreche. Hält aber Eure Hände nach dieſen Worten, ſo wird angenommen, daß er den Eid geleiſtet habe. Schweigen iſt die Regel des Ordens. Noch einmal, wenn er ſich uns nicht anzuſchließen wünſcht, ſo möge er die Hände der Voll⸗ ſtrecker loslaſſen.“
Ein Schauder durchlief den Körper des jungen Mannes, aber er zog ſeine Hände nicht zurück, ſondern hielt die der Vollſtrecker mit krampfhaftem Griffe feſt. 1
„Der neue Bruder ſchreckt nicht vor dem Eide des Or⸗ dens zurück,“ ſagte nach einer Pauſe der Oberſt.„Er iſt jetzt Einer von uns. Brüder, empfangt ihn und nehmt ihn auf 14
Die Vollſtrecker zogen ſich zurück. Die verlarvten Brüder ſtiegen nach einander von ihren Sitzen herab, gingen auf Lord Lionel zu, ergriffen ſeine Hand und kehrten dann nach den Bänken zurück. Bei dieſer ſonderbaren Begrüßung konnte er abwechſelnd die harten, hornigen Finger der Arbeit und feine ariſtokratiſche in den ſeinigen fühlen.
Nach Beendigung dieſer Förmlichkeit ſtieg der Oberſt von ſeinem erhöhten Sitze herab und ging mit einem ſchwar⸗ zen Kreppſtreifen in der Hand auf ihn zu.
„Bruder,“ ſagte er,„ich muß jetzt das Erkennungszeichen des Ordens der ſchwarzen Bande um Ihre linke Hand be— feſtigen. Es iſt mit einer Schleife geknüpft, welche die Schlinge vorſtellt, deren ſich das Geſetz bei der Hinrichtung der Ver⸗ brecher bedient. Die Brüder der ſchwarzen Bande bieten dem
Aufſehen in der faſhionablen Geſellſchaft gemacht, war demnach eine Perrücke.
Als Lord Lionel ſich in dem ſonderbaren Gemache ge⸗ nauer umſah, wunderte er ſich darüber, daß er nirgends einen Ein⸗ oder Ausgang entdecken konnte. Die Wände waren ſchwarz behängt, und er ſuchte vergebens nach der Thür, durch die er eingetreten war. Wie er ſo darüber nachdachte, hob der Oberſt zu ſprechen an.
„Brüder,“ ſagte er mit feierlicher Stimme und in einem Tone, der ganz von ſeiner gewöhnlichen Sprechweiſe verſchieden war,„ich bringe Euch einen Bruder.“
In der Verſammlung herrſchte eine todtenähnliche Stille.
Geſetze und ſeinen Vollſtreckern Trotz, und die Kreppſchleife tragen ſie als Zeichen der Verhöhnung des Geſetzes und ſeines Strafwerkzeugs. Sie tragen ſie auch als ein Erkennungs⸗ zeichen für den Fall, daß das Intereſſe der Geſellſchaft ihr gemeinſames Handeln verlangt. Und nun, Bruder, muß ich Ihnen noch einmal die Augen verbinden, und dann will ich Ihnen Ihre Inſtructionen ertheilen.“
Kaum hatte der Oberſt die Binde um die Augen des jungen Mannes befeſtigt, als dieſer zu ſeinem Erſtaunen fühlte, wie er durch den Boden des Gemachs langſam hinab⸗ ſank. Dieſe abſteigende Bewegung ſchien faſt fünf Minuten zu dauern. Als ſie endlich inne hielt, wurde ihm die Binde *.
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