Jahrgang 
4 (1867)
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1471

Kleines Roman⸗Magazin.

1472

Millionen Francs Federn und für mehr als 15 Millionen Francs Knöpfe.

Steigerung der Irrenzahl in Frankreich.Wie Gott in Frankreich leben! ſagt das Sprichwort. Der erſte Chef des ſtati⸗ ſtiſchen Centralbüreaus von Frankreich, Herr Legoyt, giebt eine ganz erſchreckende Erläuterung des Sprichworts, indem er in Zahlen zeigt, wie Viele dieſesgöttliche Leben in Frankreich in die Irren⸗ häuſer führt. Im Jahre 1835 hat man zuerſt angefangen, die Zahl der Irren zu zählen. Damals hatte Frankreich 141 öffentliche (Staats⸗ und Gemeinde⸗) Anſtalten und Privatanſtalten. Dieſe be⸗ herbergten am 1. Januar 1835 10,539; am 1. Januar 1854 ſchon 24,524 Irre. Mit jedem Jahre hat die Zahl der Irren um ein Bedeutendes zugenommen. Nach den in einem Zeitraum von 20 Jahren gemachten Erfahrungen, ſagte Legoyt ſchon vor 5 Jahren, wird es nothwendig werden, alljährlich drei neue Irrenanſtalten zu errichten oder drei der vorhandenen um ſo viel zu erweitern, daß jede derſelben 250 Irre mehr aufnehmen könne. Unter 1000 Irren ſollen bei 572 körperliche Leiden oder Veranlaſſungen den Irrſinn herbeigeführt haben; bei 428 ſchlen er durch moraliſche Urſachen bedingt. Unter körperlichen Veranlaſſungen hat man zu verſtehen: organiſche Fehler im Bau des Schädels, in der Beſchaffenheit des Gehirns, Kopfverletzungen, Gehirnerſchütterungen als Folge, Gehirn⸗ krankheiten akuter und chroniſcher Art ohne vorhergegangene Kopf⸗ verletzungen, anderweitige Krankheiten, wie beiſpielsweiſe: überſtan⸗ dener Typhus, Nervenleiden, Wochenbettkrankheiten, Mißbrauch gei⸗ ſtiger Getränke u. ſ. w. Unter den moraliſchen Urſachen haben Geldverluſt und religiöſe Schwärmerei die größte Zahl von Irren geſtellt. England hat noch immer ſeinen traurigen Ruf, vorzugs⸗ weiſe das Land der Irren zu ſein, bewahrt. Wenn in der neueſten Zeit die Ziffer der Irren Englands abnimmt, ſo geben uns ameri⸗ kaniſche Zeitungsberichte eine ſehr natürliche Aufklärung. England exportirt nämlich einen Theil ſeiner armen Irren. Deutſchland ſteht im Vergleich mit Frankreich und England günſtig da.

Großbritannien.

Der Briefpoſtverkehr in London. Die ungeheuren Dimen⸗ ſionen, die der Brieſpoſtverkehr in London in den letzten 30 Jahren angenommen, finden eine Illuſtration in folgenden, amtlichen Aus⸗ weiſen entnommenen, Zahlen: Im Jahre 1839, dem Jahre vor Einführung des allgemeinen Portoſatzes von 1. d., betrug die Zahl der Lokalbriefe 12,480,000, ſprang aber ſchon im nächſten Jahre auf 20,372,000. Im Jahre 1844 betrug ihre Anzahl bereits 27,000,000. Neun Jabre ſpäter, im Jahre 1853, finden wir 43,000,000 verzeichnet. Das Jahr 1858, das dritte Jahr nach Einführung der Diſtrikt⸗Poſtämter figurirt mit 58,704,000 und 1862 mit 71,961,000 Lokalbriefen. Im Jahre 1865 berechnete man 90,000,000 Lokalbriefe und weitere 90,000,000 Briefe aus der Provinz dem Auslande. Täglich werden im Durchſchnitt 560,000 Briefe und ungefähr 55,000 Zeitungen und Buchpackete durch die Brief⸗ träger abgeliefert.

Wohlthätigkeitsanſtalten in Condon. Ein Herr Low hat darüber ein Buch veröffentlicht, aus dem ſich ergiebt, daß in Lon⸗ don nicht weniger als 640 ſolcher Anſtalten mit Corporationsrechten vorhanden ſind; dazu kommen dann mindeſtens noch eben oder gar noch einmal ſo viele, denen ſolche Rechte nicht zuſtehen. Low be⸗ merkt, daß allein die erſteren eine Jahreseinnahme von 2 ½ Mill. Pfund Sterling haben, alſo reichlich 17,000,000 Thaler! Davon wurden 1866 volle zwei Drittel durch freiwillige Beiträge zuſammen⸗ gebracht. In jenen 2 ½ Mill. Pf. St. ſind aber die Armenſteuern, die Almoſenbeiträge der einzelnen Kirchſprengel, manche Legate und das, was der Straßenbettel in Anſpruch nimmt, nicht mitgerechnet. Man nimmt an, daß an die Armen in London mindeſtens 5 Mill. Pf. St. im Jahre, alſo nicht weniger als 34,000,000 Thaler aus⸗ gegeben werden. Der Nothſtand und das Elend in manchen Schich⸗ ten der Hauptſtadt ſind ungeheuer und werden noch immer be⸗ deutender.

Die Concert⸗Saiſon in London. Neben den beiden Opern ſteht die Concertſaiſon in voller Blüthe. Die großen Sonnabend⸗

conzerte im Kryſtallpalaſte unter der Leitung des umſichtigen Di⸗ rectors Manns, die der alten und neuen philharmoniſchen Geſell⸗ ſchaft, ſowie die Kammerkonzerte der Musical Union, unter dem unermüdlich rühhrigen Direktor Ella, ſind in der Regel überfüllt und legen fortwährend erfreuliches Zeugniß von dem ſich hebenden Ge⸗ ſchmack des engliſchen Publikums ab. Denn in all dieſen Konzerten werden nur gewählte Meiſterwerke aufgeführt und da braucht kaum erſt erwähnt zu werden, daß der Kontinent die Ausführung liefert. Nachdem Joachim London verlaſſen, hat ſein ungariſcher Landsmann, Leopold Auer, den Fidelbogen mit glänzendſtem Erfolge als Quar⸗ tettzepter geſchwungen, und jetzt, wo auch er Abſchied genommen hat, iſt Vieuxtemps, der ſtets willkommene, an ſeine Stelle getreten. Mit ihnen verbunden wirkten als Violoncelliſten: Piatti, der in London angeſiedelt iſt; Grützmacher aus Dresden, ein ernſter trefflicher Künſtler; und in neueſter Zeit Jaquard, der einen guten Ruf aus Paris mitbringt, und Gowa aus Hamburg, ein Schüler Grlltz⸗ machers, üder deſſen ſchönen und ſchwungreichen Vortrag ſich nur Lobenswerthes ſagen läßt. Die Zahl der trefflichen Klavierſpieler iſt Legion, und ſie alle geben eigene Konzerte, oder wirken in den verſchiedenen Vereinskonzerten mit. Wir nennen nur Halle, Pauer, Blumenthal, Kube, Schloeſſer und Benediet unter den bleibend an⸗ geſiedelten, nebſt den Damen Goddard, Martin und Mehlig, Frau Schumann nicht zu vergeſſen, die leider nur das erſte Drittheil der heurigen Saiſon mitgemacht hat. Dann kam Lübeck; Jaell der Liebling aller klavierſpielenden Damen; die Brüder Thern mit ihrem Doppelſpiel; ſchließlich Rubinſtein, der hier zum erſtenmal nach langer Zeit wieder auftrat und großen Eindruck hervorbrachte. Von den ſogenannten Monſtre⸗Konzerten, in denen einige Dutzend Piecen von einigen Dutzend Künſtlern raſch hintereinander abgethan werden, ſei hier nicht weiter die Rede, und ebenſo gerne verſchweigen wir die Namen Vieler, die mit großen Erwartungen herüb ergeſchwommen, wegen der Fülle aber noch nicht im Stande geweſen ſind, ſich Ge⸗ hör zu verſchaffen.

Italien.

Das Weihnachsfeſt der deutſchen Künſtler in Rom. Es iſt wohl das ſchönſte Feſt in Rom. Schon wochenlang zuvor be⸗ ginnen die Vorbereitungen zu demſelben. Schmetterlinge, Vögel, Schlangen, Eidechſen, Blumen, fabelhafte Thiergebilde, rieſige Wickel⸗ kinder, vergoldete Pinienzapfen ꝛc. werden verfertigt, um mit allen denkbaren Confecten den Weihnachtsbaum wohl den größten und ſchönſten in der Chriſtenheit zu zieren. Ein prachtvoller Lorbeer⸗ baum wird zu dieſem Zwecke gewählt und mit Allem ausgeſchmückt, was die rege Künſtlerphantaſie erſinnen kann. Am heiligen Abend um 8 Uhr öffnen ſich die Flügelthüren des Caſinoſaales und heran wallen die frohen Schaaren der Mitglieder, ihre Angehörigen und zahlreichen Gäſte. Ein paſſender Choral mit Orgelbegleitung, wobei ein ſchönes Transparentbild, die Geburt Chriſti darſtellend, gezeigt wird, leitet die Feier würdig ein. Der gewaltige Raum mit ſeinen Kunſt⸗ erzeugniſſen und 100 goldgelben Orangen geſchmückt, von zahlloſen Flammen beleuchtet, macht einen originellen, erhebenden Eindruck. Auf einer am Ende des Saales aufgeſtellten verdeckten Tafel befin⸗ den ſich die Geſchenke. Die Kinder erhalten die Erlaubniß, den Confectbaum zu plündern, Alles glüht vor Freude und Jubel. Da öffnet ſich die Seitenthür, ein ernſter Klang mahnt die Frohen, auch der Armen zu gedenken, die mit ihren Kindern unter die Glücklichen treten. Ein glänzender Abendſchmaus vereinigt nun, nachdem der Pflicht gegen die Armnth und dem Drange des Herzens Genüge

geſchehen, Alle, Inng und Alt, berühmten und dunklen Rufes an

der Feſttafel, wo manches kurze Wort geſprochen, manch' toller Schwank an's Licht gebracht wird.

Die Naturbrücke bei Perona. Unter dem Rieſenbogen der Naturbrücke, welcher, ausgehöhlt im Laufe von vielen Jahrhun⸗ derten, durch das unaufhörliche Andrängen der Bergwaſſer ein weites Stück Himmel durchſchauen läßt, dunkeln zu beiden Seiten des abſchießenden Wildbaches die Eingänge zu mächtigen Höhlen, von denen die links gelegene wegen eines in ihrem Innern gähnen⸗ den Abgrunds unzugänglich iſt, die andere läßt bei Fackelſchein faſt

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