Jahrgang 
4 (1867)
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Kleines Roman⸗Magazin.

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gleichgiltig, um Jones ihre Abneigung fühlen zu laſſen. Ahnungs⸗ los ſetzte alſo der Advokat in ſeiner Selbſtgefälligkeit die plumpen Aufmerkſamkeiten fort, obgleich ſie unbeachtet blieben; und wenn er zuweilen auch die unfreundliche Aufnahme derſelben bemerkte, ſo ließ er ſich dadurch nicht irre machen und hegte keinen Zweifel über die endliche Erreichung ſeiner Abſichten.

So verſtrich mehr als ein Jahr nach Anna's Tode, und der liebliche Frühling, mit deſſen Erſcheinen die Natur aus langem Schlummer erwacht, kehrte zurück.

VIII.

Der ſtarre, unfreundliche Winter, mit allen ſich daran knüpfenden

ſchrecklichen Erinnerungen, war geſchwunden wie der Schnee auf den Bergſpitzen, und an ſeiner Stelle kamen Lenzblumen, ein ſon⸗ niger Himmel und neues Leben.

War Lorenz jetzt glücklich? Mariens Hand in der ſeinigen

begraben und ſich der glücklichen Stunde hingeben? In manchen Augenblicken, ja; doch waren es nur Augenblicke, die wie einzelne goldene Tropfen dem Regenbogen entfielen, der ſich über ſchwarze Wolken ſpannt. Allein wenn auch nicht glücklicher, war er jetzt wenigſtens etwas ruhiger geworden, denn er hatte einen Plan für die Zukuuft entworfen, der ihn jener ſchrecklichen Nachbarſchaft des ſchwarzen Moors entziehen ſollte. Er wollte Grantley⸗Hall ver⸗ kaufen und nach der Vermählung mit Marien England für immer verlaſſen. In einer ſonnigen italieniſchen Villa gedachte er mit Marien die Verbannung leicht zu ertragen; und was ſie betraf, ſo würde ihr jede Wüſte zum Paradies geworden ſein, in der ſie mit ihm leben konnte.

Die Vögel zwitſcherten fröhlich in den Bäumen, und die Lerche

Ohne Einleitung erklärte er ihr in ſeiner rohen Weiſe, daß er Gefallen an ihr gefunden habe und ſie zu heirathen wünſche, und daß ſie nichts Beſſeres thun köune, als ſeine Hand annehmen. Er habe zwar keinen ſo vornehmen Mann wie Lorenz Grantley, ſagte er, aber einen ehrlicheren, und Letzterer könne nie ihr Gatte werden.

Marie, auf dieſe Weiſe aus dem Himmel der Wonne geriſſen, fühlte ihr Blut aufwallen. Obgleich ſonſt immer ſanft, bemeiſterte ſich ihrer in dieſem Augenblicke eine aus der Liebe zu Lorenz ent⸗ ſpringende unbegrenzte Wuth. Mit der tieſſten Verachtung wieß ſie ihn von ſich und ließ eine Fluth bitterer Worte über ihn los, die ſelbſt Jones einige Augenblicke in Verwirrung ſetzte.

Aha, ſagte er endlich, tief Athem holend,das kommt daher, daß Sie Mr. Grantley lieben! Aber ein Wort von mir, Miß, und er iſt verloren! Ein elender Schurke iſt er, ein ſchleichender Hund, der ſich ganz in meiner Gewalt befindet, den ich zermalmen könnte,

4 wie dieſen Wurm. Ja, fügte er hinzu,mit einem Worte könnte haltend und ihr zärtliches Geſicht an ſeine Bruſt drückend, konnte

er noch nicht vergeſſen? Konnte er nicht ſeine Todte für immer

ich ihn zermalmen, und wenn Sie mich dazu treiben, bei Gott, ſo ſoll es geſchehen! Wie können Sie es wagen, mich ſo zu beleidigen? rief

Marie in höchſter Leidenſchaft.

ſang auf Feldern und Wieſen; milde Blüthendüfte wehten in der Luft, und die ganze Natur trug ein ſo heiteres und glänzendes

Gewand, als wenn Sünde, Kummer und Tod nie in die Welt ge⸗ kommen wären.

Lorenz und Marie ſollten in kurzer Zeit verbunden werden, aber ihr Verhältniß, außer ihnen nur den beiden Müttern bekannt, wurde noch geheim gehalten, und die Hochzeit ſollte in aller Stille ſtattfinden.

Marien war dies gleichgiltig. Ihr Lebensquell war ſeine Liebe, ihr Stolz, ihr Glück, Alles bezog ſich nur auf ihn, und die übrige Welt galt ihr nichts.

Ja, an jenem Morgen war Lorenz glücklich. Er vergaß den Schatten hinter ſich und lebte nur im Sonnenſchein. Im Waſſer des ſchwarzen Moores war kein Blut mehr ſichtbar, und keine Kette drückte ihn mehr als den Sklaven eines Andern.

Ich beleidige Sie nicht, Miß. Iſt es eine Beleidigung für Sie, wenn ich von Mr. Grantley die Wahrheit ſage? Es iſt weit gekommen, wie es ſcheint. Ich glaube, dieſer Schuft hat gewagt, auf meinem Reviere zu jagen! Hat er das, beim Himmel, ſo! Miß, Sie kennen meine Stellung und

Ihre Stellung? unterbrach ihn Marie.Ihre Stellung iſt tief unter der des niedrigſten Bedienten von Mr. Grantley! Sie entweihen ſeinen Namen, wenn Sie ihn erwähnen, und ſind nicht werth, ihn ausſprechen zu dürfen!

Nach dieſen Worten entfloh ſie und begegnete in geringer Ent⸗ fernung ihrem Verlobten. Sich in ſeine Arme werfend, rief ſie:

Lorenz, Lorenz, ſchütze mich vor jenem Ungeheuer!

Ihre Angſt und Aufregung, ſo wie die offene Unverſchämtheit

des Advokaten, ließen Lorenz Alles errathen, was geſchehen war.

Er ſchob ſie ſanft bei Seite und rieth ihr, in das Haus zu ſeiner Mutter zu gehen. Dann ſich umwendend, ergriff er Jones und begann, ihn mit der ſchweren Hundepeitſche zu bearbeiten.

Der Advokat wehrte ſich, aber Lorenz war ihm an Kräften weit überlegen, und die lange unterdrückte, jetzt mit Gewalt hervor⸗ brechende Erbitterung verdoppelte dieſelben. Hieb folgte auf Hieb,

ſein ganzes Herz ergoß ſich in Mißhandlungen durch Wort und That, bis er endlich, erſchöpft von ſeiner eigenen Leidenſchaft, den

Elenden zu Boden ſchleuderte und in das Haus zurückkehrte. Jones kroch gleichfalls nach Hauſe und blieh während der

nachſten vierzehn Tage unſichtbar, ſehr krank, wie das Gerücht

Die Vergangen⸗

heit mahnte nicht an Kummer und Verbrechen, und die Zukunft

brachte keine Zweifel, keine Beſürchtungen; das Leben, die ganze Erde, Alles war hell und ſchön!

Lorenz, genieße die kurze Stunde der Wonne mit Marien unter den uralten Lindenbäumen Deines Gartens! Gott und die

ſagte. Inzwiſchen nahte der zur Hochzeit beſtimmte Tag. Grund zur

Geheimhaltung war jetzt nicht mehr vorhanden, und Lorenz prahlte

Menſchen können Dir nicht mehr gewähren. Nach langen, traurigen

Jahren wird jener ſonnige Lenzmorgen noch vor Deinem Gedächt⸗

niſſe ſtehen und an einen verlorenen Himmel erinnern!

Jones bemerkte nicht, daß Lorenz Marien liebte, und ahnte nur entfernt, daß Letztere, welche von Natur lebhafter und leiden⸗ ſchaftlicher war, Neigung zu ihm empfinde.

Lorenz verbarg ſeine Gefühle ſorgfältig vor Jones, und zwar aus guten Gründen, und Jones war ſeines Erfolges zu gewiß, als daß er Nebenbuhlerſchaft irgend einer Art hätte fürchten ſollen. Er war ſo ſehr daran gewöhnt, Alles ſeinen Wünſchen nachgeben zu ehen, daß er auch bei Marien keinen Widerſtand für möglich hielt.

Am Nachmittage jenes Lenztages, des ſchönſten in ihrem ganzen Leben, während ſie, getrieben von innerer Wonne, ruhelos in einer Allee des Gartens auf und ab ging und ſich jedes Wort, jeden Blick, jede Bewegung des Geliebten in jener glücklichen Stunde der Verlobung in das Gebächtniß zurückrief, ſchlich Jones ihr nach und trat plötzlich vor ſie.

faſt mit ſeinem Glücke.

Aber bei Allem dem war ſein Weſen ſehr verändert. Früher ſtolz, kalt und ſchweigſam, war er jetzt fortwährend ſehr aufgeregt, ſprach viel und ſchnell, gab alle ſeine Abſichten und Gefühle öffent⸗ lich kund, und ſchien eine Art von Hoffnung und Troſt in der häu⸗ figen Wiederholung deſſen zu finden, was er thun wolle und werde.

Während der Vorbereitungen zur Hochzeit lag Jones krank in ſeinem Hauſe, in Folge der erlittenen Mißhandlungen, wie es hieß. Aber am Morgen des Hochzeitstages, als Marie in ihrem bräut⸗ lichen Schmucke darauf wartete, zur Kirche abgeholt zu werden, machte Jones ſich auf und hinkte, einen Arm in der Binde und

das Geſicht mit Pflaſtern bedeckt, nach ihrem Hauſe.

Die Magd durch ein Geſchenk beſtechend, gelangte er uach dem Zimmer, in welchem Marie allein ſaß.

Miß Sefton! ſagte er, plötzlich eintretend.

Marie ſprang empor und ſchrie laut auf.

Ruhig, kein Geſchrei! befahl er in frechem Tone. ſind Sie endlich in meiner Macht! Hören Sie mich an!

Indem er ſich hierauf dichter zu ihrem Geſichte niederbeugte, fuhr er fort:

Jetzt