Kleines Roman⸗Magazin.
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Die Wärterin Brown, welche ſich von dem Geheimniß ſchwer gedrückt fühlte, ſchrieb an Anna und entdeckte ihr Alles; aber ſie unterzeichnete den Brief nur mit ihrem Geburtsnamen Brown und erwähnte nicht, daß ſie ſchon ſeit vielen Jahren verheirathet war und einen Sohn hatte. Hätte ſie ihr mitgetheilt, daß ihr dermaliger Name Jones ſei, ſo würde Anna ihre Segel beſſer zu ſpannen gewußt haben, als die Zeit der Gefahr kam. Allein ein Brief von der Wärterin Brown zu Gunſten einer Ortsarmen, welche angeblich ihre Mutter ſein ſollte, brrührt Anna nicht. Sie empfand keine Luſt, Jane aufzuſuchen und die Welt über ihre eigentliche Herkunft aufzuklären, weshalb ſie den Brief in das Feuer warf, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.
Als die alte Wärterin zwölf Jahre ſpäter dem Tode nahe war, entdeckte ſie das Geheimniß ihrem Sohne, dem Advokaten Jones, welcher Nutzen daraus ziehen zu können glaubte, wenn er Lorenz zum Mitwiſſer machte. In dieſer Abſicht brachte er die Nachricht nach Grantley⸗Hall und legte damit, ſeiner Meinung nach, den Grundſtein zu ſeinem künftigen Glücke.
Jetzt war er durch hinzugetretene neue Ereigniſſe noch enger mit Lorenz verbunden worden und hatte eine ſolche Macht erlangt, daß er ſeine Hand nach Allem ausſtrecken durfte.
So kam es, daß Lorenz ihm als eine Art vorlänfiger Vergün⸗ ſtigung die Sorge ſür Jane Gilbert's Verpflegung übertrug. Jones bewahrte auch tiefes Schweigen über das zu Grunde liegende Sach⸗ verhältniß, deun er ſpielte um einen höheren Preis als das bloße Vergnügen, ſchwatzen zu dürfen.
VII.
Lorenz fand ſich recht gut in ſeine Stellung. Wenn Jones nicht der Mann war, einen gewonnenen Halt wieder fahren zu laſſen, ſo war auch Lorenz nicht der Mann, die Welt merken zu laſſen, daß er ſich unter einem Drucke befinde. Nie verrieth er, daß er Zwang leide. Er würde Handſchellen getragen haben, als wären es Zierrathen, und ſtets ein Verdienſt daraus gemacht haben, da nachzugeben, wo Widerſtand unmöglich war, nur um ſich den Schein des freien Willens zu bewahren.
Selbſt Jones durfte nicht ſehen, daß er den Druck ſeiner Macht empfand, ſo daß Letzterer nie volle Gewißheit darüber erlangte. Jones mochte ihn auf die Probe ſtellen, wie er wollte, keine Muskel zuckte in ſeinem Geſichte, nicht der leiſeſte Blick verrieth, daß er der Macht des Advokaten bewußt ſei. Gewandt, freundlich, herzlich, ſchien er eher die Geſellſchaft deſſelben zu ſuchen, als ſich unter dem
Zwange der Verhältniſſe darin zu fügen. Alles, was er that, ge⸗ ſchah ſo offen und frei, mit ſo vielem Anſtande und ſo herablaſſen⸗ der Vertraulichkeit, daß Jones irre wurde und nicht zu unterſcheiden vermochte, was in Lorenz Grantley's Benehmen wahr, und was erheuchelt war. So gern er dies gewußt hätte, ſo lagen ihm doch andere Vortheile näher am Herzen,— diejenigen nämlich, welche er aus ſeiner Kenntniß der zwei Geheimniſſe zu ziehen gedachte. Mit dieſem Ziele vor Augen, ging Jones an das Werk und legte ſeine Minen, bis er Lorenz Grautley's Exiſtenz völlig untergraben und ſeine eigenen Taſchen gefüllt hatte. Er erlangte Alles, was er wünſchte, indem Lorenz ſtets ſeinen Anträgen zuvorkam und ſchein⸗ bar aus eigenem Antriebe das gewährte, was ſonſt von ihm ver⸗ langt worden wäre.
Jones trug z. B. Gellüſte nach der Verwaltung der Grant⸗ ley'ſchen Güter, und Lorenz hatte nichts Eiligeres zu thun, als den bisherigen Verwalter, Deedham, einen alten und treuen Diener, der ihn wie einen Sohn liebte, zu einer anſcheinend höheren Stel⸗ lung mit verbeſſertem Gehalte zu erheben, und dann an Jones die Aufforderung ergehen zu laſſen, die Verwaltung der Güter zu über⸗ nehmen.
Eine Sache nach der anderen ging in die Hände des Advokaten über, welcher ſie trefflich zu nutzen wußte, und Alles ſo natürlich, daß ihm nie der Vorwurf gemacht werden konnte, indirekten Zwang zur Erreichung ſeiner Abſichten angewendet zu haben.
So wohl es Lorenz aber auch verſtand, ſich mit dem Scheine
äußeren Anſtandes in die Verhältniſſe zu ſchicken, ſo empfand er
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nichts deſto weniger den furchtbaren Druck derſelben. Ein fortwäh⸗ rendes Gefühl der Erniedrigung erfüllte ihn und übermannte ihn in einſamen Augenblicken zuweilen gänzlich, wenngleich er vor der Welt ſeine Ketten mit ſeidenen Binden zu umwickeln wußte, damit ihr Raſſeln nicht hörbar werde.
Die vornehmeren Familien in der Nachbarſchaft ſprachen viel von dieſer auffallenden Vertraulichkeit zwiſchen dem gebildetſten und dem gemeinſten Manne der ganzen Gegend. Auch die Mutter er⸗ laubte ſich Vorſtellungen dagegen, allein Lorenz preßte die Lippen zuſammen und antwortete nur, daß er recht wohl wiſſe, was er thue, daß er ſeine Gründe dazu habe, u. ſ. w., worauf ſie den Punkt nicht wieder berührte.
So trieb Jones einen einträglichen Handel mit beiden Geheim⸗ niſſen und gewann Geld auf jede mögliche Weiſe. Außerdem ließ er ſich von Lorenz überall einführen und ſchuf ſich eine geſellſchaft⸗ liche Stellung, die er unter anderen Umſtänden nie erreicht haben würde.
Der Wechſel in den Gebieterinnen von Grantley⸗Hall war in gewiſſer Beziehung nicht ohne Vortheil. Die alte Mrs. Grantley war zwar ſtolz und verſchwenderiſch, aber doch eine ganz andere Perſon, als die ſchmutzige Anna geweſen, welche ihre Goldſtücke wie Bluts⸗ tropfen gezählt und alle etwas loſtſpieligen Vergnügungen für ſünd⸗ liche Thorheiten erklärt hatte. Das Haus nahm wieder ſeinen frü⸗ heren Glanz an, Gaſtmäler, Bälle und Dejeuners folgten in paſſen⸗ der Ordnung auf einander, und die Familie Grantley wurde wieder der Mittelpunkt der vornehmen Welt.
Auch Marie Sefton war dort ein häufiger Gaſt,— Marie, mit ihren jetzt vollern Wangen und den blauen, vom reinſten Lichte ſtrahlenden Augen,— Marie, die mit der ſchon lange in der Bruſt keimenden und jetzt zum klaren Bewußtſein gelangten Liebe ſich ganz der Wonne ihres neuen Glückes hingab. Lorenz liebte ſie, und ſie wußte es. Was bedurfte ſie mehr, um den Himmel auf Erden zu genießen?
Aber Lorenz, obgleich er liebte und in dieſem Gefühle glücklich war, hatte viel von der Ruhe verloren, die ihm früher und ſelbſt in jener Zeit eigen geweſen war, als er, von Anna gemartert, ein qualvolles Leben geführt hatte. Aeußerlich ſchien er zwar immer noch derſelbe zu ſein, aber ein ſcharfer Beobachter würde bemerkt haben, wie die Linien ſeines Geſichtes tiefer und ſchärfer wurden, der Blick ſeiner Angen ängſtlich und bohrend, als ſuchte er fort⸗ während etwas, oder als horchte er auf fremde Laute, und wie ſein glänzend braunes Haar ſich in kurzer Zeit mit Grau miſchte.
Niemand wußte, daß Marie und Lorenz Liebende waren, als ſie ſelbſt. Mrs. Grantley mochte es vielleicht ahnen, aber war diskret und hatte jetzt, nachdem alle Schulden bezahlt waren und Lorenz bei einer zweiten Heirath nicht mehr auf Geld zu ſehen brauchte, nichts dagegen einzuwenden, wenn er eine Verbindung aus Liebe ſchloß. Außer ihr konnte Niemand in das zwiſchen den Lie⸗ benden beſtehende Verhältniß dringen, denn öffentlich zeigte Lorenz ſich ſo kalt und zurückhaltend gegen Marien, als wenn ſie ihm völ⸗ lig gleichgültig wäre.
Dagegen drückte der dreiſte und anmaßende Advokat Jones um ſo offener und wärmer ſeine Bewunderung für ſie aus. Lorenz ertrug dieſes, wie jetzt alles Andere, mit eiſerner Selbſtbeherrſchung, ließ nie eine Regung von Eiferſucht oder Unwillen ſehen und ver⸗ rieth ſich durch nichts, als zuweilen durch eine zuſammengepreßte Lippe oder eine glühende Wange. Aber nicht geringe Pein verur⸗ ſachte ihm der Gedanke, daß Jones ohne das vertrauliche Verhält⸗ niß zu ihm und ohne den von ihm genoſſenen Schutz nie gewagt haben würde, die Augen zu Marien zu erheben. Und wik viel weiter konnte der Menſch noch gehen! Gegen ihn aufzuſtehen wagte er nicht, denn ſeine Hände waren gefeſſelt, und jenes entſetz⸗ liche Geheimniß ſtand wie ein Geſpenſt zwiſchen ihm und Jones. Geiſtige Qualen ſind oft ſchrecklicher als das ſchmerzhafteſte körper⸗ liche Leiden, und gern hätte Lorenz dieſe Seelenpein gegen die ärg⸗ ſten Martern vertauſcht, denen ſein Fleiſch unterworfen werden konnte.
Was Marien betraf, ſo war ſie theils zu glücklich, theils zu


