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„Verzeihen Sie, Mr. Grantley, wenn ich mir eine Frage er⸗ laube. Haben Sie ſchon das ſchwarze Moor unterſuchen laſſen? Es iſt eine Oertlichkeit, an der ſich leicht ein Unglücksfall ereignen kann; und bei dem Gemüthszuſtande Ihrer Frau Gemahlin iſt es durchaus nicht unwahrſcheinlich, daß etwas Aehnliches ſich dort zu⸗ getragen habe.“
Während dieſer Worte blickte er Lorenz feſt an.
„Ich danke Ihnen für diefen Wink, Mr. Jones,“ antwortete Letzterer, ſeinen Blick ebenſo feſt erwidernd.„Ich habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, und doch iſt es ſehr möglich, aber ich werde ſogleich die nöthigen Schritte thun.“
„Wenn ich Ihnen meine Dienſte anbieten kann, ſo geſchieht es mit Vergnügen,“ fuhr Jones in einem ſo nachläſſigen Tone fort, als ſpräche er mit ſeines Gleichen.„Soll ich vielleicht dieſes pein⸗ liche Geſchäft für Sie beſorgen? Sie können ſich ganz auf meine Bereitwilligkeit und Verſchwiegenheit verlaſſen!“ fügte er mit beſonderem Nachdrucke auf das letzte Wort hinzu.
„Sie ſind ſehr gütig, Mr. Jones,“ erwiderte Lorenz und wurde bleich bei dem Gedanken an das, was folgen mußte.„Wenn Sie die Gefälligkeit haben wollten, die Nachſuchung zu veranſtalten,— ein Mann könnte an einem Seile hinab gelaſſen werden, und— doch mein Verwalter wird die nöthigen Maßregeln treffen.“
Gleich darauf ſetzte er jedoch ſchnell aufblickend hinzu:„Allein es wäre doch wohl beſſer, wenn ich dabei wäre.“
„Folgen Sie meinem Rathe und thun Sie es nicht,“ entgeg⸗ nete der Advokat langſam.„Sie können volles Vertrauen in mich ſetzen. Ich werde Alles mit ebenſo viel Sorgfalt und Rückſicht ausführen, wie Sie es ſelbſt nur thun könnten.— Sie dürfen mir volles Vertrauen ſchenken!“ fügte er noch leiſer und mit einem viel⸗ ſagenden Drucke hinzu und ging.
„Ich hätte dem Menſchen nicht ſo viel Gefühl zugetraut,“ äußerte Einer der Anweſenden. d
„Ich auch nicht,“ ſagte ein Anderer.
Der ſchreckliche Tag, an dem die Nachſuchung ſtatt fand, ſchien für Lorenz kein Ende nehmen zu wollen. Er wußte, welches ent⸗ ſetzliche Geheimniß aus der Tiefe jenes Sumpfes an das Licht ge⸗ zogen werden würde; er kannte die bleichen, nach oben gekehrten Züge, das verworrene Haar und die mit Schlamm bedeckten Kleider; er wußte, daß die weit offenen Augen ihn wieder anſtarren würden, wie ſie im Leben gethan, und daß dieſes gräßliche Weſen zu ihm in das Haus gebracht werden und vor ihm liegen würde, den ſtie⸗ ren Blick unverwandt auf ihn gerichtet.
Er fühlte das Schreckliche dieſer Stunden und wußte genau, was oben auf den Klippen am„ſchwarzen Moor“ geſchah. Er hörte die rauhen Stimmen der Arbeiter einander zurufen, die ſchwe⸗ ren Fußtritte, das langſame knarrende Hinablaſſen des Seiles, das Aufrühren des ſumpfigen Waſſers und das ſchaudernde Murmeln der Leute, als der Leichnam gehoben und auf die Klippen gelegt wurde. Ihm war als wenn nur ſein Körper ſich im Hauſe befände, ſeine Seele aber und alle geiſtigen Fähigkeiten oben auf den Klippen bei der ſchrecklichen Arbeit tbätig wären.
So ſaß er manche lange Stunde, bis der kurze Wintertag ſich neigte und die Nacht hereinbrach. Ohne Licht und Feuer ſaß er in dem dunkeln Zimmer, während ſein bleiches Geſicht horchend nach dem Fenſter gerichtet war.
Endlich vernahm er deutlich den regelmäßigen Tritt vieler Füße, ſah die glühenden Fackeln und hörte die fernen Stimmen der Leute, welche ſich langſam dem Hauſe näherten und den Leichnam brachten.
Durch den Hausflur ging ihr Weg, die Treppe hinauf, wo das tröpfelnde Haar bei jedem Schritt Spuren hinterließ, die ſich im röthlichen Scheine des Fackellichtes wie Blut ausnahmen,— durch die Gänge des Gebäudes nach Anna's Zimmer, in welchem ihre Kleidungsſtücke und Schmuckſachen noch umher lagen, als wenn ſie eben erſt das Gemach verlaſſen hätte,— und dann legten rauhe Hände ſie ſanft auf das Bett, und die Näſſe der langen, verworrenen Haare floß tropfenweiſe auf den Fußboden.
Lorenz ſtand dicht neben dem Körper. Jetzt durfte er nicht
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beben. Die ſchwarze That, welche im Augenblicke der Leidenſchaft begangen worden war, durfte er durch Schwäche nicht verrathen. Er beſland die ſchwere Probe mit Feſtigkeit. Selbſt Jones, der ihn ſcharf beobachtete, was Lorenz nicht entging, konnte keine Muskel an ihm zucken ſehen. Er heuchelte keinen Kummer und ließ keine Klage hören, ſondern ſtand ruhig am Bett und betrachtete ſchwei⸗ gend den Leichnam.
„Gut gemacht!“ ſagte Jones, wie mit ſich ſelbſt redend, worauf die Arbeiter, welche die Aeußerung auf ſich bezogen, antworteten: „Ja, wir haben auch keine Mühe geſpart!“
Die Leichenſchau fand ſtatt, aber nichts ließ ſich erweiſen. Nie⸗ mand war der Frau begegnet, Niemand hatte ſie geſehen, und ihr Geiſteszuſtand war notoriſch ſo geſtört geweſen, daß ein Selbſtmord ſehr nahe lag. Der Wahrſpruch der Geſchworenen lautete deshalb: „Ertrunken!“ und Lorenz verließ das Gerichtszimmer ohne den Schatten eines Verdachtes auf ſeinem Namen. Er beſtattete ſie mit paſſendem Glanze, und der Advokat Jones wurde zum Begräbniſſe eingeladen und ſpielte eine Hauptrolle dabei.
Die alte Mrs. Grantley kehrte in das Haus zurück. Seitdem ſie von der hartnäckigen Schwiegertochter zu jenem ſchmachvollen Rückzuge genöthigt worden war, hatte ſie im Städtchen allein ge⸗ wohnt; aber jetzt erſchien ſie wieder mit dem früheren Stolze und nahm die Zügel der Herrſchaft ſo ſelbſtverſtändlich in die Hand, als wenn nie ein Interregnum ſtattgefunden hätte.
Lorenz ließ das Teſtament öffnen und nahm das hinterlaſſene Vermögen ſeiner Frau in Beſitz.
Als der Notar, welcher das ſpätere geheime Teſtament auf⸗ geſetzt hatte, in Eile anlangte, um Einſprache zu thun, empfing er ihn mit der größten Höklichkeit, zeigte ihm Anna's Papiere, öffnete ihre geheimen Fächer, ließ ihn alle Behältniſſe ſelbſt unterſuchen und erbot ſich ſogar, ihm Einſicht in ſeine eigenen Gewahrſame zu geſtatten, um Alles gehörig erforſcht zu haben.
Da ſich natürlich kein zweites Teſtament fand, nicht einmal ein Blättchen Papier mit dem Ausdrucke letzter Wünſche, da ferner die Erblaſſerin todt war und dem Notar keine ferneren Aufträge ertheilen konnte, Lorenz Grantley aber lebte und ſein Einkommen zu erhöhen vermochte, ſo erklärte ſich der Notar zufrieden geſtellt und kehrte nach London zurück.
So ging Alles gut von ſtatten. Die Beſitzungen wurden all⸗ mählig entlaſtet, alte Schulden bezahlt, und die Sonne leuchtete wieder hell über Grantly⸗Hall, und das Glück ſchien Lorenz wieder zu lächeln. Er trug ſeine Trauerkleidung mit Anſtand, aber ohne Oſtentation, während die alte Mrs. Grantley mit ihrem Krepp ſo verſchwenderiſch umging, als die Mode es nur erlaubte.
In dem Dorfe Eagly wurde Jane Gilbert aus dem Armen⸗ hauſe genommen, in eine bequeme Wohnung geſetzt, und erhielt eine ſchwarze Kleidung mit der Weiſung, ſie zu tragen, ohne daß Jemand erfuhr, wer dieſe wohlthätige Hand war, und um wen die Alte trauerte.
Sie ſelbſt hatte keine Ahnung davon, daß Anna ihr Kind ge⸗ weſen war, nur Jones und Lorenz wußten um das Geheimniß. Die Mutter des Advokaten war Anna's Amme und Wärterin ge⸗ weſen und hatte erſt auf dem Sterbebette ihrem Sohne mitgetheilt, daß die Erbin von Sir Thomas Gibſon, welche allgemein für die Tochter ſeiner in Italien geſtorbenen Frau gehalten wurde, nur das außereheliche Kind der im Armenhauſe zu Eagly wohnenden ehe⸗ maligen Dienſtmagd Jane Gilbert ſei, welche, während ſie Kammer⸗ mädchen bei Lady Gibſon geweſen, von Sir Thomas verführt wor⸗ den war. Das Kind war der Mutter genommen und einer Pflegerin Namens Brown, übergeben worden. Letztere hatte es lange Zeit behalten und immer Verſchwiegenheit bewahrt, ſelbſt dann noch, als Sir Thomas es zurückgenommen und für das Kind ſeiner verſtor⸗ benen Gemahlin ausgegeben hatte, auf das er ſpäter ſein ſämmt⸗ liches Vermögen vererbte. Sir Thomas ſtarb, als Anna achtzehn Jahre alt war, worauf die kleine Penſion aufhörte, welche Jane Gilbert bis zu ſeinem Tode bezogen hatte. In Folge deſſen verſank ſie in tiefe Armuth und mußte endlich ihre Zuflucht zum Armen⸗ hauſe nehmen..


