Kleines Roman⸗Magazin. 1460
wie jenen Jones zu meinem vertrauten Freunde gemacht,— ich vorübergehend und ohne, wie ſonſt immer, mehr mit ihm zu hege keine geheimen Pläne, um Dich für wahnſinnig erklären und ſprechen.
in ein Irrenhaus ſtecken zu taſſen, und biete nicht alles Mögliche auf, um aus reiner Eitelkeit das Lebeusglück eines Menſchen zu vernichten. Alles das thue ich nicht, wie ein gewiſſer Anderer, den ich nennen könnte!“ ſagte ſie, verächtlich ſeine Wange mit der Finger⸗ ſpitze berührend.
„Nein,“ erwiderte Lorenz, ſie ſo heftig bei den Armen ergrei⸗ fend, daß ſie ſich wand und ſträubte,—„nein, aber ich will Dir ſagen, was Du thuſt! Du machſt Dein ganzes Leben zu einer höl⸗ liſchen Lüge, Du ſchleichſt Dich durch Liſt in eine anſtändige Familie ein, gehſt mit Schande und Falſchheit auf der Stirn durch die Welt und verbirgſt Deine ehrloſe Abkunft durch Meineid und Betrug!“
„Was meinſt Du?“ fragte Anna, vergebens bemitht, ihre Arme zu befreien.
„Ich meine, daß Du die Tochter einer unverheiratheten Dienſt⸗ magd biſt,— daß Du es weißt und wußteſt, als Du mich heira⸗ theteſt,— daß Du aus Furcht, es möchte Anderen bekannt werden, Deine Mutter dem Armenhauſe überlaſſen haſt, und daß Jone Gilbert, Deine Mutter, in dieſem Augenblicke die Kleidung des Armenhaufes trägt und das Brod deſſelben ißt!“
„So, weißt Du das?“ fragte Anna mit verächtlichem Lächeln. „Ich dachte es mir. Aber wenn ich auch alles das that, was dann?— Es waren zwei Diamanten, die einander ſchnitten, und der meinige war der härteſte. Dachteſt Du nur an Deinen Vortheil und vergaßeſt den meinigen gänzlich? War es keine Verſuchung für mich, als Tochter einer Ortsarmen die Fran des ſtolzeſten Man⸗ nes in der Grafſchaft zu werden? Du gedachteſt Geburt und Geld zu erhelrathen, aber haſt nichts bekommen; ich dagegen wußte, daß ich mich mit Geburt und Stand verband, und mein Handel war der beſte. Du wollteſt mich überliſten, aber es mißglückte; ich ver⸗ ſuchte Dich zu überliſten, und es gelang mir.“
„Weib, biſt Du verrückt, mich hier, an dieſem Orte, auf eine ſolche Weiſe zu reizen?“ ziſchte Lorenz, während er ihre Arme noch feſter packte und ſein Geſicht einen ſchrecklichen Ausdruck annahm.
„Nein, noch nicht verrückt genug für Deine Abſichten!“ entgeg⸗ nete Anna mit höhniſchem Lachen.„Nicht ſo verrückt, um ein Geld auf Dich zu vererben und Dir meinen Tod vortheilhaft werden zu laſſen! Wenn Du nach Hauſe gehſt, ſollſt Du erfahren, wer mein wahrer Erbe iſt, und wirſt mich dann vielleicht beſſer verſtehen ler⸗ nen. Nicht ſo verrückt, um mich der Welt wahnſinnig zeigen und dann in ein Irrenhaus ſperren zu laſſen,— nein, nicht ſo verrückt, um Deinem Glücke als Fußſchemel zu dienen und bei Seite ge⸗ ſtoßen zu werden, wenn Du meiner müde biſt!— Ich bin die außereheliche Tochter einer Ortsarmen,“ fuhr ſie mit ſteigendem Hohne fort,„und Du biſt Mr. Grantley von Grantley⸗Hall! Ich trieb Deine Mutter aus dem Hauſe, ich machte vom erſten Augen⸗
blicke an alle Deine Pläne zu Schanden, und bin noch nicht mit Dir fertig! Höre mich! Verſuchſt Du einen Finger an mich zu legen, ſo ſoll die ganze Welt die Wahrheit erfahren, ſo wie Du ſie jetzt weißt, und der gemeinſte Wicht im Orte ſoll lachen, wenn die Geſchichte von Mr. Grantley's reicher Frau und ihrer vornehmen Geburt erzählt wird, und wie hübſch er hinter's Licht geführt wor⸗ den iſt!“
Was war geſchehen? Welche Veränderung der Scene war eingetreten? Die bleigrauen Wolken hingen noch tief und ſchwer wie zuvor, am düſteren Horizont, und die wilden Vögel ſlogen noch ſchreiend über das Thal; aber an den Klippen hatten ſich einige Steine gelöſt, wie von einem widerſtrebenden Fuße, und auf dem ſchwarzen Waſſer des Pfuhles breiteten ſich ſchnell weite Ringe aus.
Lorenz ſtand am Rande des Abgrundes und ſchaute einige Augenblicke hinab. Länger wagte er nicht zu bleiben, denn ihm ſchwindelte; er wandte ſich ab und ging.
Als er in das kleine, dicht hinter den Klippen belegene Gehölz trat, begegnete ihm der Advokat Jones.
„Guten Morgen, Mr. Grantley!“ ſagte derſelbe, ſchnell an ihm
VI.
Mrs. Grantley war verſchwunden. Die ganze Umgegend wurde durchſucht, aber keine Spur von ihr fand ſich. Von den Gäſten, welche eingeladen geweſen waren, kam am folgenden Tage Niemand, um einen Beſuch zu machen.
Das Kammermädchen hatte die junge Fran zu einem Spazier⸗ gange angekleidet und ſie den Garten durch eine Seitenthür ver⸗ laſſen ſehen, und der Hausverwalter war ihr wenige Schritte von der Pforte begegnet; aber von hier an hörte jede weitere Spur auf.
Die Begebenheit verurſachte in der ganzen Umgehend große Aufregung, wie es immer der Fall iſt, wenn ſich etwas Geheimniß⸗ volles zugetragen hat. Alle Welt bedauerte den Gatten ſowohl wie die Frau; man erinnerte ſich ihrer guten Eigenſchaften, vergrößerte ſie und vergaß die ſchlechten.
Grantley-Hall war der Gegenſtand allgemeiner Theilnahme, allein das Geheimniß blieb nnaufgeklärt. Man wußte nicht, was aus der Frau geworden war.
Lorenz blieb viel zu Hanſe, ſprach wenig und ſchien ſehr nieder⸗ gebeugt zu ſein, und die Nachbaren wunderten ſich, daß er von dieſem Unglück ſo tief ergriffen wurde, da Jedermann wußte, daß ſeine Ehe nicht glücklich geweſen war. Die näheren Freunde kamen täglich zu ihm, um ihre Theilnahme auszudrücken und Rath zu er⸗ theilen, aber kein Plan, kein Mittel hatte Erfolg. Der Körper wurde nicht gefunden, und ebenſo wenig eine Spur von Flucht ent⸗ deckt. Es war ein höchſt trauriges Verhältniß, und ein Jeder hegte die Meinung, daß die ſchrecklichſte Gewißheit erträglicher als dieſe qualvolle Spannung und Ungewißheit ſein würde.
Eines Tages hatte ſich eine ungewöhnlich große Verſammlung bei Lorenz eingefunden. Doktor Downs, der Ortsgeiſtliche und noch einige andere Herren waren gekommen, um mit ihm die geeigneten Mittel zur Aufklärung des Geheimniſſes zu berathen, als ſich der Hufſchlag eines Pferdes vernehmen ließ und der Advokat Jones vor das Haus galoppirt kam.
Sobald Lorenz ſeine Stimme vernahm, ſtand er auf und ver⸗ ließ eiligſt das Zimmer.
Der Arzt bemerkte es, wie bleih er plötzlich wurde, und einer der anderen Herren, ein glücklicher Gatte, ſeufzte:„Armer Mann!“ Jones trat ein und verbeugte ſich mit plumper Dreiſtigkeit
„Ein ſchöner Tag,“ ſagte er, ſeinen Ueberrock öffnend.
Dann trat eine Pauſe ein.
Jones war bei den vornehmeren Klaſſen nicht gern geſehen. Man hielt ihn für gemein und anmaßend und wußte, daß er ſich ſtets unberufen in die Privatangelegenheiten Anderer miſchte und ſich gern in Cirkel eindrängte, zu denen er nicht gehörte.
Die Anweſenden empfingen ihn deshalb mit kalten Blicken und wunderten ſich im Stillen, daß ein ſo ſtolzer Mann, wie Lorenz Grantley war, ihm den Eintritt in ſein Haus geſtattete. Selbſt der Geiſtliche, der vermöge ſeines Berufes chriſtliche Liebe und Dul⸗ dung üben ſollte, würde ihm nicht erlaubt haben, ſein Beſuchszim⸗ mer zu betreten. Dennoch war er da, war ein Gaſt bei dem gro⸗ ßen Balle geweſen, und war jetzt am eifrigſten bemüht, ſeine Theil⸗ nahme auszudrücken und ſeinen Rath zu ertheilen.
Die Pauſe fing bereits an peinlich zu werden, als Lorenz zu⸗ rückkam. Sein Geſicht trug jetzt nicht mehr die Todtenbläſſe, er hatte ſich geſammelt; allein es lag etwas Gezwungenes in ſeinem Weſen, wie wenn er ſich Gewalt anthun müßte.
Er empfing Jones mit Herzlichkeit, reichte ihm die Hand, ſprach freundlich mit ihm, lud ihn zum Sitzen ein und ſtellte ihn denjeni⸗ gen Herren vor, denen er nicht bekannt war.
Die Gäſte wechſelten zwar einige Blicke mit einander, aber gingen endlich auf den Ton des Wirthes ein. Die unſichtbare Schranke war gefallen, und Jones hatte ſeinen Platz unter ihnen.
Das Geſpräch war ziemlich allgemein geworden, als der Ad⸗ vokat ſich zu Lorenz neigte und mit leiſer, aber deutlicher Stimme ſagte:


