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men traten und ſehr bald von nichts Anderem ſprachen, als daß die junge Mrs. Grantley geiſtesirre ſei, und daß Doktor Downs den Ball nur als ein Heilmittel für ſie angeordnet habe, um ihrem geſtörten Gemüthe dadurch eine gewaltſame Anregung zu geben.
Doktor Downus hielt ſich den größten Theil des Abends in Anna's Nähe auf, um eine Art von natürlicher Aufſicht über ſie zu führen, und ließ ſich natürlich durch ihre Ungezogenheit darin nicht ſtören. Nur zuweilen entfernte er ſich von ſeinem Poſten, um den anweſenden Freunden und Bekannten zuzuraunen, daß die arme junge Frau ſich gerade an dieſem Abende in einem viel ſchlimmeren Zuſtande als gewöhnlich befinde, und daß der unglückliche Gatte ſehr zu beklagen ſei.
Das war er allerdings, und er möchte vielleicht ſogar wahn⸗ ſinnig geworden ſein, wenn nicht die Hoffnung auf baldige Erlöſung ihn aufrecht erhalten hätte. Jetzt müſſe die öffentliche Meinung auf ſeiner Seite ſein, dachte er, jetzt könne Niemand mehr Zweifel darüber hegen, daß der paſſendſte Aufenthalt für ſeine Frau eine Irrenanſtalt ſei.
Das Gerücht von Anna's Geiſtesſtörung gelangte auch zu Marie Sefton's Ohren, in deren Nähe der Advokat Jones ſtand. Dieſer Herr hatte ſich an jenem Abende häufig in ihre Nähe zu drängen gewußt, und Lorenz, deſſen Blicke die junge Dame ſelten verließen, bemerkte mit Ingrimm, daß der niedrige Menſch ſeine Bewunderung für ſie auszudrücken wagte,— eine Dreiſtigkeit, deren Letzterer ſich ſchwerlich ſchuldig gemacht hätte, wenn er nicht geglaubt, auf Mr. Grantley's Gönnerſchaft rechnen zu dürfen.
„Wie ſchrecklich das für Mr. Grantley iſt! Ach, wie ſehr er mir leid thut!“ ſagte Marie, ihre Augen mit inniger Theilnahme auf ihn richtend.
„Er hat mindeſtens den Troſt, verſetzte Jones mit beſonderer Wärme,„von der ſchönſten Dame unſerer Geſellſchaft bemitleidet zu werden.“
„Mein Herr!“ rief Marie mit einem Blicke unausſprechlicher Verachtung.
„Ich habe ſie doch nicht beleidigt?“ verſetzte Jones.„Ich ſagte nur, was ich empfinde; ehrliche Herzen haben freie Zungen.“
Marie wandte ihm die Kehrſeite ihrer hübſchen weißen Schulter zu, und in demſelben Momente kam Lorenz, welcher den auf ihn gerichteten mitleidigen Blick geſehen und verſtanden hatte, eiligſt herbei und forderte ſie zum Walzer auf.
„Gott ſegne Sie, meine liebe Miß Sefton,“ flüſterte er,„Gott ſegne Sie für die Theilnahme, die Sie einem tiefgebeugten Manne ſchenken!“
Marie wollte nichts Unrechtes thun und glaubte, nur freundlich und theilnehmend gegen ihn zu ſein, aber ihr ganzes Weſen drückte leidenſchaftliches Gefühl aus. Sie ſchaute in ſein Geſicht, und Thrä⸗ nen ſchwammen in ihren Augen. Dann ſagte ſie in ſanftem, ſchweſterlichen Tone:
„Armer Mr. Grantley, Sie thun mir recht leid!“
Lorenz führte ſie zum Tanze und preßte ſie zärtlich an ſich, während er im Kreiie mit ihr dahin flog und ſein bleiches Geſicht auf ſie hinab ſchaute. Nach der erſten Tour trat er wieder ab und führte ſie zu ihrer Mutter zurück.
Miß Seſton iſt meiner müde,“ ſagte er mit erzwungenem Scherze und ging lächelnd fort, während Marie verwirrt und tief beſchämt zurück blieb.
„Ich will zu Mrs. Grantley gehen,“ äußerte ſie, ſich ſchnell faſſend.„Die arme Anna bedarf auch des Troſtes.“
Indem ſie hierauf den Arm eines der vielen Cavaliere annahm, welche ſtets zu ihrem Dienſte bereit waren, ſchritt ſie durch den Saal und ging zu ihr.
Anna ſaß allein und ſprach mit Niemand, als mit denen, welche zu ihr kamen, und dann nur kurz und unfreundlich. Als Wirthin zeigte ſie ſich in keiner Beziehung und ſchenkte weder den Gäſten noch dem ganzen Feſte die geringſte Aufmerkſamkelt. Nie war ſie unliebenswürdiger geweſen, nie hatte ihr Geſicht einen ein⸗ fältigeren, widerwärtigeren Ausdruck getragen, als an dieſem Abende. Sie trug ein blaßgraues Kleid, ähnlich ihrer Hautfarbe, mit gelben
Roman⸗Magazin des Auslandes. 1867. Lieſ. 6.— 14.
Kleines Roman⸗Magazin.
NRoſen, der Farbe ihres Haares, während Marie, in ihrem wallen⸗ den blauen Gewande, neben ihr ausſah, wie ein Engel an der Seite eines Leichnams.
„Sie thäten beſſer, wieder mit Mr. Grantley zu tanzen,“ erwiderte Anna, ohne aufzublicken, auf Mariens freundliche Anſprache.
„Ich will mich lieber mit Ihnen unterhalten,“ verſetzte Letztere lächelnd.„Wir haben ſo lange nicht mit einander geſprochen, und Sie haben mir noch nichts von Ihren Reiſen erzählt.“
„Ich mag nicht ſprechen,“ entgegnete Anna.„Warum gehen Sie nicht und tanzen wieder mit Mr. Grantley?“
Wenn Anna einmal begann, ihre Worte zu wiederholen, ſo war es vergebliche Mühe, ſie zu etwas Anderem bewegen zu wollen, an ihrem Starrſinn prallte dann Alles ab. Das erfuhr Marie, welche ſich endlich nach einem unaufhörlichen Strome kaltblütiger Beleidigungen genöthigt ſah, ſie zu verlaſſen.
Der langweilige Abend ging allmählig zu Ende, und die Gäſte verließen das Haus mit der Ueberzeugung, daß die junge Mrs. Grantley wahnſinnig und zu allem fähig ſei,— ihren Gatten zu ermorden, ſich ſelbſt umzubringen, und dergleichen mehr,— und daß ſie deshalb unter ſtrenge Aufſicht geſtellt werden müſſe.
Der folgende Tag brachte trübes, unfreundliches Wetter, und ſtarker Regen fiel. Gegen Mittag hörte er zwar auf, aber dunkle Wolken blieben am Horizonte hängen, und auf den Schluchten und Klüften der umliegenden Berge lagerte dichter Nebel. Es war einer von jenen unbeſchreiblich düſtern, traurig ſtimmenden Tagen, an denen die Erde wie geſtorben, und der ſchwere graue Himmel wie ein ungeheures Leichentuch erſcheint.
Lorenz mochte ſeine Frau an dieſem Tage nicht ſehen. Er frühſtückte allein in ſeinem Zimmer, ſchrieb mehrere Briefe,— darunter einen an Doktor Downs, worin er ihn bat, das erforder⸗ liche Certifikat zur Aufnahme ſeiner Frau in eine Irrenanſtalt aus⸗ zuſtellen,— und ging dann aus und ſchlug wieder die Richtung nach dem„ſchwarzen Moor“ ein, ſeinem Lieblingsaufenthalte in trüber Stimmung.
In einer tiefen Bergſpalte, wohin nie ein Sonnenſtrahl fiel, in der keine Spur von Leben und Vegetation zu finden war, und deren Klippenwände ſo ſchroff und ſteil hinab liefen, daß ſelbſt das Bergſchaf nicht daran fußen konnte, lag das„ſchwarze Moor“ wie ein See der Todten, oder nach dem Ausdrucke des in der Umge⸗ gegend wohnenden Landvolkes, wie der Eingang zum hölliſchen Ab⸗ grunde. Allerhand Traditionen erzählte man ſich von dieſem Orte. Sagen von Ermordungen in früheren geſetzloſen Zeiten, von Un⸗ glücksfällen durch Ausgleiten am Rande der ſchroffen Klippen, vom Untergange junger Liebender und lachender Kinder, und von Selbſt⸗ morden aus Schuld oder Verzweiflung,— viele ſolche Erinnerungen umſchwebten wie ruheloſe Geſpenſter den ſchwarzen Pfuhl.
Lorenz ſaß am Rande der ſteilen Klippen und warf Steine in das tief unter ihm liegende dunkle Waſſer, während er mit wilder Leidenſchaft in der Bruſt an die Schmach und das Elend ſeines jetzigen Lebens, nicht aber an ſeine eigenen Sünden dachte, deren Folge jenes war.
„Du haſt Dir eine recht geiſtreiche Beſchäftigung gewählt,“ ließ Anna's Stimme ſich plötzlich mit ihrem tonloſen Ausdrucke ver⸗ nehmen.
Lorenz ſprang auf.
„Bin ich denn nirgend ſicher vor Dir?“ rief er.
„Du biſt ſehr höflich, Lorenz, wie ein ächter Gentleman,“ höhnte Anna, ihn mit ihren kalten Blicken betrachtend.
„Eine Frau, welche ihre Gäſte ſo empfängt, wie Du geſtern gethan, hat kein Recht, einem Andern Unhöflichkeit vorzuwerfen,“ entgegnete Lorenz heftig.
„Ich war mindeſtens ebenſo gut, wie meine Geſellſchaft, und jedenfalls beſſer als mein Gemahl,“ verſetzte Anna und ließ die Lippe hängen.
„Erdreiſte Dich nicht, Deinen Namen in einem Athemzuge mit dem meinigen zu nennen!“ rief er verächtlich.
„Nicht? Warum denn nicht?— Freilich ſtehen wir nicht auf ganz gleicher Stufe des Laſters. Ich habe nicht einen Menſchen
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