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Chandos.
Roman von Ouida.
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dieſer ſtete, durch die Beweglichkeit ſeines Temperaments her⸗ vorgerufene Wechſel bewirkte, daß ſein Leben von keinem leiſen Schatten des Ueberdruſſes und der Ermüdung ge⸗ trübt ward.
Den Arm auf den Sims des offenen Fenſters geſtützt, lauſchte er und ſah in den Garten hinab, der, obgleich in der Stadt gelegen, den Duft des Frühlings auf ſeinen Linden und Akazien trug und Vögel hegte, die den Morgen mit Liedern begrüßten. Die Töne der Orgel aber wogten in dem Rythmus der Kathedralen feierlich in die ſtille Luft hinaus.
Ein hülfloſer Krüppel, ſchwach wie ein Rohr, unwiſſend in Allem, was außerhalb ſeiner Kunſt lag, beſaß Guido Lulli, ſobald er vor ſeiner Orgel ſaß, ſobald die Begeiſterung ihn hob, die Größe eines Herrſchers, die Kraft und Allmacht eines Königs. Er herrſchte mit höchſter Obergewalt in ſei⸗ nem Reiche und oft verließ Chandos ſeine betitelten Ge⸗ noſſen und die leichten Luſtbarkeiten, um wie jetzt, den Melodien
in dem ſtillen, klöſterlichen Zimmer ſeines Schützlings zu
lauſchen.
Den Kopf gegen die vfäſian des Fenſters gelehnt, ließ er ſeine Gedanken träumeriſch auf den Schwingen der Töne in die Weite ſchweifen, während ſich die Erinnerung an den Schimmer der lächelnden Augen und den Glanz der
ſbühlihen Schönheit, welche ſeit Kurzem ſeine Phantaſie
feſſelte, in alle ſeine Vorſtellungen miſchte. Mit den Gebil⸗ den ſeiner eigenen Dichtung verwebt, erſchien ſie ihm in dem ſanften, peinloſen, traumartigen Wehen einer anbrechenden Liebe— einer Liebe, die nur ein augenblicklicher, leidenſchaft⸗ licher Impuls war und vielleicht nie zu etwas Größerem heranreifte. Die beſänftigende Morgenfille, der Rythmus der Muſik, welche ohne Pauſe in die Oratorien Mozart's und Mendelſohn’s überging, übte nach den Stunden des vergan⸗ genen Tages und der auf ihn folgenden Nacht eine wohl⸗ thuend⸗milde Wirkung. Als die Stimmen der erwachenden Vögel ſich mit hellem Schall in die klingenden Accorde miſchten, ſchweifte ſeine Erinnerung in Folge eines unbeachteten Gedankenganges bis zu dem heißen Herbſtabend in Claren⸗ cieux zurück, wo er beim Sonnenuntergang über der Ge⸗ ſchichte Arthurs kindiſchen Träumen und ritterlichen Phanta⸗ ſien nachhing und ſeinem Vater erklärte, was er einſt wer⸗ den wolle.
„Habe ich mein Wort gehalten?“ fragte er ſinnend und ſtützte ſeine Arme auf die Fenſterbrüſtung, während das Licht des frühen Morgens auf dem Gold und den Edelſteinen ſei⸗ nes Plantagenetcoſtüms ſpielte.
„Habe ich mein Wort gehalten?“ dachte er und eine Anwandlung von Traurigkeit kam über ihn.„Ich be⸗ herrſche die Welt des Vergnügens, doch damals meinte ich eine größere als dieſe. Man folgt mir, weil ich Tonan⸗ geber der vornehmen Kreiſe bin, ami beſten zu unterhalten weiß und weil die Menſchen einige Bedeutung erlangen, in⸗ dem ſie ihre Röcke und Manchetten nach dem Schnitt der meinigen tragen. Aber nicht dieſer Ruhm war es, wel⸗ chen ich damals im Sinn hatte. Man ſpricht von mir, ahmt mir nach, führt meine Worte an, wirbt um meinen Beifall und bewundert meine Geiſtesproducte, aber bin ich trotz alledem viel mehr als ein bloßer Müßiggänger?“
Dies war nicht die volle Wahrheit, noch volle Gerech⸗ tigkeit gegen ſeine eigene Perſon. Die Selbſtſucht ſpielte eine geringe Rolle in ſeinem Leben. Weichheit und der Abgötterei eines Griechen dem Vergnügen und der Schönheit huldigte und nach Art des Epicuräers allen Schmerz vermied und alles Harte und Rauhe verab⸗ ſcheute, kam er den Nöthen anderer im weiteſten Sinne zu Hülfe und in den Wohlthätigkeitsliſten verzeichnete Niemand ſo großmüthige Gaben als er. Er genoß, ohne zu vergeſſen, daß es Leidende gab, und liebte er Gemächlichkeit, Schönheit und Heiterkeit, ſo that er ſein Aeußerſtes, um auch Andere dieſer Freuden theilhaftig zu machen.
„Ich genieße!“ dachte er, während er ſich in den Mor⸗ genſonnenſchein hinauslehnte.„Es iſt die höchſte Lebens⸗ weisheit und dies erkennen, ißt mit der beſten Gabe der Götter geſegnet ſein. Die Griechen hatten Recht und die heutige Zeit beherzigt jene Wahrheit zu wenig. Bonaparte ſagte:
Doch obgleich er mit der
„ich habe Kairo, Mailand und erobert und wenn ich morgen ſtürbe, würde man mir in irgend
einem bioaraphiſchen Wörterbuch nur eine halbe Seite ein⸗ räumen. Es gibt indeß Menſchen, die, um in der Sterbe⸗ liſte nur eine Zeile oder ſelbſt nur eine Anmerkung über ſich zu erhalten, ein Leben hinwegarbeiten und ihre Jahre in un⸗ dankbarer, aufreibender, unabläſſiger Thätigkeit verbringen. Geſegneter Optimismus der Eitelkeit! Die Aufeinanderfolge der Nationen gleicht einem Fackelzug. Wie thöricht iſt es, die Flammen einer einzelnen Fackel— einen Funken, welcher flackert und erliſcht— zu nähren, damit er eine Secunde leuchtet!
Ddieſe Gedanken zogen unbeſtimmt und leicht dur ſeine Seele, während die Orgeltöne fortſtrömten. Es iſt wahr, er genoß und begehrte nichts anderes vom Leben.
Chandos war nicht nur berühmt, begabt und bis an die
Lippen in feine, ſinnliche Freuden verſenft— nein, mehr als dies alles— er fühlte ſich glücklich.
Wie viele Menſchen können daſſelbe von ſich ſagen? Ddie Muſik erloſch plötzlich in ihren reichſten, feſtlichſten Harmonien, wie eine Lerche inmitten der Fülle ihres Geſanges
unvermuthet in das Gras ſinkt und ſchweigt. Chandos zer⸗ riß den nutzloſen Faden ſeiner Träumerei, indem er ſich um⸗ wandte und ſeine Hand auf die Schulter des Muſikers legte.
„Theurer Lulli, bei Ihrer Muſik wird man nach Avillion verſetzt. Nennen Sie mir alles, was Sie ſich wünſchen. Gibt es nichts, das Ihnen ein neues Vergnügen gewähren könnte?“ 3
Guido Lulli ſchüttelte den Kopf und ſchlug ſeine glän⸗ zenden, ſüdländiſchen Augen— die Augen der Provence— mit dem Ausdruck jener Treue und Dankbarkeit auf, die
allein mit der ihm innewohnenden Empfindung für ſeine Kunſt im Wettſtreit waren.
„Ich wäre deſſen, was ich Ihnen ſchulde, unwürdig,
fände ich einen Mangel, dem Sie nicht ſchon abgeholfen
hätten.“
„Schulden! Sie ſchulden mir nichts. Weſſen Muſik würde mir ſein, was die Ihrige mir iſt? Nicht Jeder hat das Glück, einen Mozart in ſeinem Hauſe zu beherbergen. Ich wünſchte nur, Ihnen in der Angelegenheit, die Ihrem Herzen am nächſten liegt, beſſer dienen zu können. Wir haben alles gethan, was in unſern Kräften ſtand, Guido.“
Er ſprach dieſe Worte in ſehr mildem Tone und mit einem gewiſſen Zögern, denn er berührte einen Gegenſtand, der für ſeinen Fuhörer die Bitterkeit des Schmerzes und der Schande hatte. Chandos, der den Wünſchen eines Fürſten mit unbekümmerter Geringſchätzung begegnen mochte, achtete beſorgt auf den geringſten Mißton, welcher das Zartgefühl des von ihm abhängigen Mannes hätte verletzen können.
Lulli's Kopf ſenkte ſich und ein finſterer Schatten der Schaam und des Zornes zog über ſein Geſicht. Dieſe Em⸗ pfindungen äußerten ſich ſo heftig und leidenſchaftlich, wie ſie nur jemals in einem Gemüthe emporloderten, das viſionerfüllt und von einem namenlos tiefen Gram eingenommen war, von einem Gram, der den größeſten Haß an Schärfe hinter ſich zurückließ, und dennoch eine, an frauenhafte Schwäche gren⸗ zende Weichheit beſaß.
„Es iſt genug,“ ſagte er mit gedämpftem, bitterm Tone, „uns bleibt kein Iweifel an ihrer Schande.“
„Doch fehlt die Gewißheit,“ erwiederte Chandos mitleid⸗ voll, während ſeine Hand auf der Schulter des Muſikers zö⸗ gerte.„Wo noch Zweifel herrſchen, bleibt Hoffnung und wir ſollten kein Richterurtheil fällen, ehe alles klar am Tage liegt. Seien Sie nicht hart gegen ſie,— ſelbſt in Gedan— ken nicht.“
„Hart? bin ich es?“
Lulli's Kopf ſenkte ſich, bis er auf ſeinen Händen ruhte, während der Ton jener Worte einen unſäglichen Schmerz und einen Selbſtvorwurf ausdrückte, der in ſeiner Zerknir⸗ ſchung Mitleid erregte.
„Im Herzen ſind Sie es niemals, das weiß ich!“ ſagte Chandos mit jener faſt liebkoſenden Zartheit der Theilnahme, welche er ſtets für dieſen unerfahrenen, kindiſchen Träumer
fühlte, der ſo leidenſchaftliche Empfindungen hegte und ſich auf ein ſo ſchwaches Maß des Handelns angewieſen ſah.
Paris in weniger als zwei Jahren
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