Jahrgang 
4 (1867)
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Chandos. Roman von Ouida.

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Nein, gegen ſie bin ich es nicht, gegen ſie nicht! murmelte der Arovononle, während ſein Geſicht noch immer auf ſeinen Händen lag;aber gegen ihn! Selbſt nicht ſeinen Namen zu kennen; nicht zu wiſſen, wo er wohnt ihren Aufenthalt nicht zu kennen und nicht im Stande zu ſein, ſie vor einem noch tiefern Sturz zu retten, wenn ſie verlaſſen und elend ſein ſollte!

Ein furchtbarer Schmerz erſchütterte und erſtickte ſeine Stimme. Chandos ſchwieg. Das Leid des Muſikers gehörte zu der Art, für die es keinen tröſtlichen Zuſpruch und keine Hoffnung gibt.

Ich habe alles Mögliche aufbieten laſſen, um eine Spur von ihr zu entdecken; allein zwei Jahre ſind verfloſſen ohne alle Aus icht auf etwaigen Erfolg. Jeder Schlüſſel ſcheint verloren zu ſein. Glauben Sie, daß ſie einen falſchen Na⸗ men geführt haben mag, als ihr Liebhaber, wer er auch ge⸗ weſen iſt, ihre Bekanntſchaft machte?

Es wäre möglich, Monſeigneur, doch kann ich es nicht verbürgen, erwiederte Lulli langſam und mit einem Ausdruck von Ermattung, der rührender war, als jede Klage.Wie dem auch ſei, für mich iſt ſie todt. Doch doch wenn wir ihn fänden ein hülfloſer Krüppel würde i, dennoch die Kraft gewinnen, mein und ihr Unrecht zu rächen.

Bei dieſen Worten richtete er ſich mit plötzlicher Kraft empor und ſeine ſchwache, gebeugte Geſtalt erzitterte, ſeine bleichen, hohlen Wangen glühten, ſeine Augen funkelten. Es war, als würden die Glieder eines Todten auf einen kur⸗ een Augenblick durch einen electriſchen Schlag von Leben

urchzuckt.

Chandos betrachtete ihn mit tiefem Mitgefühl. Er ſah Guido Lulli mit furchtbarer und brennender Qual eines jener Liebesverhältniſſe gedenken, welche in ſeiner eigenen Sphäre nur die Laune und Kurzweil müßiger Stunden, den Gegen⸗ ſtand eines heitern, unwichtigen Scherzes bildeten. Bis zu dieſem Augenblick hatte er nie bedacht, wie ſchwer die Rück⸗ wirkungen ſolcher unbedachter Spiele auf Andere fallen mochten.

Er legte ſeine Hand mit wärmerem Druck auf die Schul⸗ ter des Muſikers.

Ich wünſchte, Ihnen beſſer dienen zu können, Guido, doch ſo viel ich weiß, iſt nichts unverſucht geblieben. Stre⸗ ben Sie danach, jene Leiden zu vergeſſen; weder die Eine, noch der Andere iſt Ihres Schmerzes werth. Sie glauben mir indeß, daß ich jedes Mittel zur Entdeckung Ihres Auf⸗ enthalts verſucht habe, obgleich es erfolglos blieb?

Lulli blickte mit einem leichten Lächeln zu ihm auf, mit einem Lächeln, das einen leuchtenden Strahl über ſein ſchmerz⸗ lich erregtes Geſicht warf; es zeugte von unbedingtem, höch⸗ ſtem Vertrauen.

Ihnen glauben, Monſeigneur? Ja, ich glaube Ihnen, wie Gott.

Es war die einfache Wahrheit und ſie lohnte Chandos für ſeine eigne Liebe und ſeinen Glauben an die Menſchen. Jene treuherzigen Worte bewegten ihn.

Ich danke Ihnen und bin alſo Ihr Schuldner, Lulli, ſagte er milde.Doch ich muß, muß Sie jetzt verlaſſen oder ich komme vor hohem Tage nicht zum Schlafen. Im Laufe des Vormittags kehre ich jedoch zu Ihnen zurück. Wenn Sie ſich auf irgend etwas beſinnen können, das angewandt werden dürfte, um Valeria zu entdecken, ſo ſagen Sie es mir und ich will anordnen, daß man es ausführe.

Er verließ das Zimmer, und das Licht des neuen Tages länzte heiter auf ſeinen Juwelen und dem Blau ſeiner könig⸗ ichen Tracht. Lulli wandte den Kopf um und folgte ihm mit dem gedankenvollen Blick, der aus fernen Welten zu kommen ſchien, folgte ihm, wie die Augen eines Hundes dem Schatten ſeines Herrn folgen. 1

So großmüthig, ſo mitleidsvoll, liebreich und edel! Könnte ich leben, um ihm alles zu vergelten! murmelte er halblaut, als die Thüre ſich hinter der fürſtlichen Shünhei und Männlichkeit ſeines Erretters und einzigen Freundes ſchloß. So groß der Gegenſatz zwiſchen den beiden Männern war, berührte doch kein ſchmerzlicher Neid das ergebene Herz des ſiechen Muſikers..

Mit dem letzten Wiederhall der Fußtritte ſeines Herrn, ſank ſein Kopf wieder herab, und die träge, müde, leidende Antheilloſigkeit, welche ihn ſo peinlich niederhielt, wenn nicht ſeine Empfindung oder die Kunſt ihn zu neuem Leben anreg⸗ ten, nahm ihn wieder ein, während ſeine Finger bewegungs⸗ los auf den elfenbeinernen Taſten lagen. Glücklich, inſofern man dieſen Ausdruck auf ſein gebrochenes Leben anwenden konnte, glücklich in der Zurückgezogenheit, welche man ihm vergönnte und in künſtleriſchen Beſtrebungen, denen er ſich durch Chandos; Bermitlelung hingeben konnte, drückte ein Schmerz ihn ſchwerer zu Boden, als irgend eins ſeiner per⸗ ſönlichen Leiden.

Das einzige Weſen, welches ihn jemals geliebt hatte, war ſeine Couſine, eine arme Waiſe, wie er ſelber. Um dem ſchönen, zärtlichen Kinde es war einige Jahre jünger als er in Arles, ſeiner Femath. ein erträgliches Leben zu ſichern, hatte ſich Lulli aller ſeiner geringen Mittel beraubt und ſtand aus Mangel an Speiſe am Rande des Grabes, als Chandos ihn im Vegagebirge auffand. Es verging einige Zeit, ehe er den Namen Valeria vor ſeinem Schutzpatron ausſprach, denn in dem Zartgefühl und der Scheu ſeines We⸗ ſens fürchtete er es, der Mildthätigkeit ſeines Herrn einen zweiten Hülfsbedürſtigen aufzudrängen. Alles, was er ent⸗ behren konnte(und Chandos ſetzte ihn in Stand, daß es nicht wenig war, ja dem einfachen Provengalen dünkte es ein unglaublicher Reichthum zu ſein) ſandte er ſeiner Valeria nach Arles. Sie lebte dort unter der Obhut einer alten Stiftsfrau, und als ſie heranwuchs, ſprach man von ihr als der vorzüglichſten Altiſtin des ganzen Mädchenchores im ſüd⸗ lichen Frankreich. Er ſah ſie nicht, denn ein Pflicht⸗ gefühl gegen den Mann, welchem er ſein Leben verdankte und ſeine Geſundheit, die, ſeit er dem Tode in's Auge ge⸗ ſehen hatte, faſt ganz gebrochen war, hinderten ihn in die Provence zurückzukehren. Allein er hörte von ihr, wußte, daß ſie unter ſicherem Schutz heranreifte und ſich durch ſeine Beihülfe einer glücklichen, wenngleich verborgenen Heimath erfreute. Dies genügte ihm.

An dieſem Morgen waren zwei Jahre verfloſſen, ſeit ein ſchwerer Schlag den Muſiker traf und alle liebevollen ſchwankenden Gedanken zerſchellte, mit denen er Valeria's Erblühen und den hereinbrechenden Erfolg ſeiner eigenen künſtleriſchen Beſtrebungen in Zuſammenhang brachte. Seit längerer Zeit fehlte es ihm an Nachricht aus Arles und mit unbezwingbarer Seelenangſt machte er ſich Vorwürfe, ſeinem einzigen Freunde nie Valeria's Namen genaant zu haben, da er ſelber ſich unfähig zu handeln fühlte. Chandos befand ſich gegenwärtig auf dem mittelländiſchen Meere und verlebte den Spätſommer und Herbſt im Morgenlande, den Winter in Paris. Guido Lulli bat die Stiftsfrau um Nachricht, erhielt jedoch keine. Als Chandos im Frühling zurückkehrte, eröff⸗ nete der Muſiker ihm die Angelegenheit und bat ihn, die Urſache des eingetretenen Schweigens erforſchen zu wollen. Bereitwillig verſprach Chandos ſeinen Wunſch zu erfüllen und ſandte ſeinen eigenen Courier nach Arles, um Erkundi⸗ gungen über die junge Couſine einzuziehen. Die ganze Ant⸗ wort, welche jener heimbrachte, beſtand darin, das die Stifts⸗ frau geſtorben und Valeria Lulli aus der Stadt verſchwun⸗ den ſei; wohin, wußten weder Prieſter noch Advocaten zu ſagen. Einer allgemeinen Annahme nach war ſie jedoch mit einem ſchönen engliſchen Lord entflohen. Dieſer hatte ſie in der Domkirche ſingen hören, ihre Wohnung erfragt und ſie während des Sommers oft beſucht. Auch er war aus Arles verſchwunden, ohne daß Jemand ſeinen Namen erfahren hatte. Die Gervatterinnen der alten, feierlichen Römerſtadt wollten ihn zur Vesperzeit oft in Valeria's Geſellſchaft in ihrer epheu⸗ umrankten Fenſterniſche in der kleinen Thurmwohnung der Stiftsfrau geſehen haben.

So lautete der Bericht. Kurz, wie er war, enthielt er eine Welt. Dem Muſiker blieb weder Zweifel noch Hoff⸗ nung; ſein Herz war zerriſſen; die Scham um die verletzte Ehre ſeiner Familie, welche, obgleich in Armuth verſunken, von ihm abſtammte, deſſen Himmelsharmonien einſt durch die Kirchenflügel zu Verſailles wogten, die leidenſchaftliche Bitter⸗ keit gegen den unbekannten Räuber, der Gram um den Ver⸗ luſt und die Schmach der Einzigen, welche er von Kindes⸗