Jahrgang 
4 (1867)
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Chandos. Roman von Ouida.

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Fünftes Capitel. Die vielen Leidensjahre, welche mich meine Kunſt lehrten.

Als ſeine Gäſte ihn endlich verlaſſen hatten und er die Corridore durchſchritt, um in ſeinem Schlafzimmer einige Stunden Ruhe zu genießen, traf das tiefe, volle melancho⸗ liſche Wogen von Orgelklängen, durch geſchloſſene Thüren gedämpft, ſein Ohr. Von Kindesbeinen an hatte er die Muſik mit Leidenſchaft geliebt und ſein Reichthum ſetzte ihn in Stand, dieſem Hange auf's Vollſte Genüge zu thun. Die Töne zogen ihn nach dem Ort, woher ſie kamen.

Lulli beginnt einen neuen Tag, während wir zur Ruhe gehen, dachte er, während er einen kurzen Seitengang durch⸗ ſchritt und die Thüre öffnete, hinter welcher die Muſik ihren Urſprung hatte. Das milde, reine Tageslicht in dem Zimmer bildete einen ſeltſamen Gegenſatz zu dem Glanz der tauſend Gasflammen und Wachslerjen, der ihn noch ſoeben umgeben hatte, und einen ſeltſamen? nblick gewährte ſeine Geſtalt in dem Sammet, den Spitzen, der Seide und den funkelnden Diamanten von Clarencieux auf der Schwelle des ruhigen, alterthümlichen Gemaches, das inmitten des prächtigen, palaſt⸗ artigen Gebäudes mit ſeinem Menſchengewühl, knen Zer⸗

ſtreuungen und endloſen fröhlichen Feſten faſt den Eindruck

einer Betkapelle machte. Es war von länglicher Form und erhielt ſein Licht durch zwei Fenſter, welche jetzt die Strahlen der Sonne einließen. Die alterthümlichen Wallnußmöbles, die Muſik⸗ und Leſepulte von Ebenholz, das elfenbeinerne geſchnitzte Chriſtusbild über einem Tiſch in einer Niſche, und beſonders eine Orgel, deren vergoldete Pfeifen am äußerſten Ende des Zimmers aus dem dunkeln Holz ihrer Faſſung hervorglänzten, verliehen ihm den Charakter einer kirchlichen Zufluchtsſtätte.

Der Muſiker, unter deſſen Händen die Töne der großen Abendmahlshymne erbrauſten, war ein Mann von fünf⸗ oder ſechsundzwanzig Jahren. Sein Kopf beſaß die geiſtige Schön⸗ heit eines Shelley, ſeine Geſichtsformen waren edel und zart bis zur Durchſichtigkeit, die Augen Proß dunkel und glanz⸗ voll, Ausdruck und Bildung des Mundes vollendet. Aus dem ganzen Geſicht ſprach eine ſeltſame Geduld und Begei⸗ ſterung. Die geſenkten Schultern zeigten eine, wenn auch nicht auffällige, doch beſtimmte Mißgeſtaltung, während die Beine, verkrüppelt und leicht gelähmt, ihre ienſte nicht er⸗ füllten. Muſik, groß wie ein Beethoven ſie träumte oder eine Paſta ſie ſang, war das Erzeugniß ſeines Genius, aber von der Weiſe der Welt wußte er ſo wenig wie ein ungeſchultes Kind, und den Arbeiten des Altagslebens ſtand er ſo hülflos gegen⸗ über, wie ein Vogel mit zerbrochenen Flügeln. ie Menſchen der Gegenwart würden ihn einen halbgeſtörten Narren ge⸗ nannt haben; in den Tagen Alcuin's oder Hildebrand's hätten ſie ihn als einen Heiligen betrachtet. Alles in Allem geſagt, war er nichts als ein Krüppel, den die Natur grauſam ge⸗ mißhandelt und den der Genius göttlich entſchädigt hatte.

Bei dem Oeffnen der Thüre wandte er ſich um und wie ein plötzlicher Sonnenſchein erhellte ein Freudenglanz ſein Geſicht, während ſeine Blicke den ſchönen Ausdruck der Liebe und Treue zeigten, welchen wir in den braunen, klaren Augen eines edlen Hundes funkeln ſehen.

Er bemühte ſich, aufzuſtehen, für ihn eine ſo ſchmerzliche und mühſame Anſtrengung! Doch ehe er es thun konnte, durcheilte Chandos leicht und ſchnell das Gemach und legte mit einer freundlichen, faſt liebkoſenden Geberde ſeine Hand auf die Schulter des Muſikers.

Ach, Lulli! munter und geſchäftig, ehe ich noch das Bett aufgeſucht habe! Sie und Ihre Fluth von Sonnenlicht beſchämen mich! Nein, ſtehen Sie nicht auf, noch laſſen Sie ſich in Ihrem Spiele ſtören. Ich werde dem tantum ergo lauſchen. Es iſt eine große Hymne zur Feier des neuen Tages.

Mit einem liebenden, ehrfurchtsvollen und dankbaren Blick ſah Lulli zu ihm empor.

Monſeigneur, was dem Durſtigen in der Wüſte das Rauſchen des Waſſers, iſt mir der Klang Ihrer Stimme, ſagte er in weichem, melodiſchem, ſüdlichem Franzöſiſch. Er ſeinem Wirth und Herrn in tiefſter Verehrung jenen

itel, den Trevenna demſelben oft im Scherz beilegte.

Und daſſelbe iſt mir Ihre Muſik. ander alſo nichts. Fahren Sie fort.

Chandos lächelte ihn mit einem hellen, gütigen, einem ſranenzafteinnften Ausdruck an.

Mein Leben iſt eine Wohlthat, die ich Ihnen ſchulde. Gott wird ſie Ihnen lohnen. Ich vermag es nicht!

Die Worte kamen aus dem Grunde ſeines Herzens und ſeine immer noch aufwärts gerichteten Augen waren noch be⸗ redter als ſein Mund. Einen ſtärkeren Gegenſatz als dieſe beiden Männer bildeten, hätte man ſchwerlich in der weiten Welt finden können. Der ſchwache Krüppel mit gelähmten Gliedern, gebeugten Schultern und ſeinem ganzen Körper⸗ leiden, das ihm alle Kraft und die Freude am Leben raubte und ihn wie einen Gefangenen in Banden hielt, neben dem Mann, deſſen phyſiſche Stärke zu groß war, als daß ge⸗ ſellige Zerſtreuungen ſie auch nur im Mindeſten erſchüttern konnten, während ſeine glänzende Schönheit aus Genüſſen jeder Art mit neuer Friſche hervorging! Ein ſchärferer und für den einen Theil herberer Gegenſatz konnte nicht gedacht werden. Und doch kein Neid! Keine Spur von Eiferſucht miſchte ſich befleckend in die treue Dankbarkeit Lulli's, um ihm in der gütigen Gegenwart des Mannes, dem er mehr als ſein Leben verdankte, ein Gefühl zu erwecken, das nicht Freude und Liebe geweſen wäre. Er hätte ſeinen Wohlthäter ebenſo wenig beneiden können, wie er im Stande geweſen wäre, ein Meſſer zu ergreifen und ihn zu tödten.

Als Chandos vor ſechs Jahren durch das ſüdliche Spa⸗ nien reiſte, ſah er ſich durch einen Schaden, den ſein Wagen erlitt, zur Einkehr in ein Wirthshaus genöthigt, das an der Straße lag. Um die Langeweile, welche hehe Verzögerung ihm bereitete, zu verkürzen, zeichnete er eine alte mauriſche Brücke, die zwiſchen zwei Felſen ſchwebend, einen Strom überſpannte, als ſein Ohr durch ein ſchönes Geigenſpiel ge⸗ feſſelt ward. Er fragte nach dem Muſiker und eine hübſche Gitana, ihren Korb Melonen auf dem Kopfe, ſtand ihm fröhlich Rede.Der Geigenſpieler ſei ein fremder, ſehr armer Jüngling aus einem benachbarten Schloß ein Todtkranker, wie ſie glaube. Er lebe dort ganz einſam und allein, ſagte ſie. Dieſe Worte genügten, um Chandos zu feſſeln. Er beſuchte das Schloß und fand darin auf einer Strohmatte den Muſiker nahe am Sterben. Verſchlungene Weinranken, welche über die Hüttenthür herabhingen, degen die unter⸗ gehende Sonne durchleuchten und die großen, brennenden Augen in ihre Gluth verſenkt, entlockte der Jüngling den Saiten immer noch die wilden und klagenden Töne, um deret⸗ willen allein das Leben in ihm zu zögern ſchien. Er war erſt zwanzig Jahre alt und ein Krüppel. Chandos überlegte nur, wie er ihm helfen könne. Nahrung und der Klang einer Menſchenſtimme, die hoffnungbringend, ſanfte und mit⸗ leidige Worte zu ihm ſprach, belebte die erlöſchenden Kräfte des ſterbenden Knaben. Er ward gerettet und der Mann, welcher ihn in den ſpaniſchen Gebirgen an der Grenze des Todes fand, ſchützte fortan ſein Daſein.

Ohne jemals an ſeine abhängige Stellung erinnert zu werden, lebte Guido Lulli, zu Chandos' Hausſtand gehörig, bald in der Stadt, bald zu Clarencieux, umgeben von Allem, was ſein Unglück erleichtern, oder ihn daſſelbe vergeſſen machen konnte. Aus eigener Wahl zog er ſich von der Welt zurück und wohnte in einer Einſamkeit, die man eine klöſter⸗ liche nennen durfte. Seine ganzen Tage und Abende widmete er ſeiner Orgel und ſeinen Partituren und hatte keinen ſchwereren Aufgaben obzuliegen, als die Muſik für die Con⸗ certe und Opern, welche ſein Herr auf dem Privattheater zu Clarencieux geben ließ ſie machten ſeine Feſte berühmt zu leiten und auszuwählen.

Dem ausgeſprochenen Wunſche gehorſam, ließ er die Melodie der katholiſchen Hymne durch die Stille des Mor gens erbrauſen, ein ſeltſamer Gegenſatz zu dem Gelächter, der rauſchenden Luſtbarkeit und dem Hazardſpiel der eben verfloſſenen Minuten. In einer Folge von Wechſelungen wie dieſe, verlief Chandos, Leben und eng verwoben und einander drängend, gingen der Reiz von Kune enuß und Studium Hand in Hand mit den Vergnügungen der Geſelligkeit. Er hätte von den berauſchenden Luſtbarkeiten eines Alcibiades zu dem einſamen Denken eines Auguſtinus übergehen können und

Wir ſchulden ein⸗