Jahrgang 
4 (1867)
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791

Chandos.

Roman von Ouida.

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Die Papiere welche daſſelbe enthielt, erſetzten dem Letzte⸗ ren die ſeinem Hammelfleiſch mangelnde Sauce. Während

ſeine Blicke über die Seiten liefen, ſpielte hin und wieder

ein ſtilles Lächeln um ſeine Lippen und ſeine hellblauen, kühnen Augen funkelten vor unterdrücktem Vergnügen. Chittendon habe am vergangenen Donnerſtag im Stern mit ihm zu Mittag geſpeiſt; wir wollen Dir dieſe Mahlzeiten ſehr bald abſchneiden, mein Junge! Bertin Bra⸗ bazon ohl! er ſteht im Begriff ſich mit der Erbin von R. zu verheirathen; gut, er mag ungeſchoren bleiben! Grey Graeme wer hätte gedacht, daß er ſich jemals in Quer⸗ Street ſehen laſſen würde! Jemmy Haugſton kleines Bürſchchen, Rechtsgelehrter hat einen Bäſchf zum Onkel Biſchof muß bluten die Kirche haßt anſtößige Geſchichten, beſonders wenn Weiber mit im Spiel ſind. Talbot O'Moore Belminſter: gut ſehr gut! murmelte Tre⸗ venna. Er widmete dem Notizbuch einige erfreuliche Mi⸗ nuten, die ihn ſein grobes Frühſtück vergeſſen machten, ſchob

dann ſeine Taſſe bei Seite, und ging ohne Säumen an die

Arbeit, unterzog ſich derſelben aber nicht etwa mit ernſter Miene oder unbedingter Hingebung, ſondern in ſeiner heitern, lebhaften, verſtändigen Weiſe, die er etwa im Rauchzimmer eines Herzogs beobachtet haben würde. Ignatius Mathias wußte indeß, daß der Mann, welcher ihm, eine Pfeife von Roſenholz im Munde und den Ellenbogen auf das Kamingeſims geſtützt, ſorglos zuhörte, bereit war, mit der Schnelligkeit des Blitzes über Denjenigen herzufallen, welcher den leiſeſten Verſuch wagte ihn zu hintergehen, der ſchlauer war als der ſchlauſte Iſraelit.

Es ſtimmt vollkommen, ſagte Trevenna, als Mathias nach Abſchluß der Rechnung ſein Buch zuſammenklappte und auf Befehle wartete.Ihr ſeid doch bemüht, Tindall u. Co. in Verborgenheit zu erhalten? Wie?

Sehr bemüht, Sir.

Und beſtärkt die Leute durch die Art und Weiſe Eures

Läugnens, durch Eure unbeugſame Strenge und Hindeutungen

auf Euren Principal, Euch ſelber für Tindall u. Co. zu halten? Je mehr Ihr Euch auf ihn bezieht, je feſter werden ſie überzeugt ſein, daß er gar nicht in der Welt iſt. Jeder⸗ mann betrachtet es als ſelbſtverſtändlich, daß ein Jude lügt.

Die Worte wurden in einem ſo heitern, gemüthlichen Tone geſprochen, als enthielten ſie die angenehmſte Schmeichelei, allein gerade dies ließ den Ausſpruch um ſo härter und ver⸗ letzender erſcheinen. Er enthielt eine ſo unbekümmert⸗glückliche Gleichgültigkeit. Ein Anhauch von Roth zeigte ſich auf den braunen, hageren Wangen des Iſraeliten und er ließ das Haupt ſinken.

Ich vollziehe alle Ihre Befehle, Sir. 4

Ohne Zweifel thut Ihr's, erwiederte Trevenna gleich⸗ gültig. Sobald Ihr einen derſelben übertretet, wird die Po⸗ lizei auf den jungenHoffnungsvollen Jagd machen. Sagt ihm, daß es mit dem Verſteck nichts iſt. Ich weiß, daß er ſich augenblicklich in jenem elenden Dorf des Schwarzwaldes aufhält. Er thäte ebenſo gut, in der Nähe Londons umher⸗ zuſtreifen. Wenn ich ihn brauche, werde ich meine Hand nach ihm ausſtrecken und ihn finden und ſollte er ſich in inan rhliriſſchen Urwald vergraben haben. Ihr wißt es wohl!

Die unbewegliche, ruhige Geſtalt des Caſtilianers erlitt eine Veränderung. Er bebte von Fuß bis Kopf wie ein im Winde zitterndes Rohr; die ſchwache Farbe, welche ſein dunkles, mageres Geſicht belebte, erloſch, und ein Ausdruck namenloſer gehetzter Qual trat in ſeine Augen. In der Fähigkeit leiden⸗ der Geduld, wie ſie ſeinem Geſchlecht eigen iſt, entfuhr ihm kein Ausruf des Zorns oder Flehens, ſondern mit trockenen Lippen murmelte er leiſe:Sir, Barmherzigkeit! Ich diene Ihnen treu; ich will meinen Leib Tag und Nacht Ihrem Nutzen opfern, um die Sünde des Knaben zu ſühnen!

Trevenna lachte leichthin, indem er eine Wolke von Rauch aus ſeiner kleinen Pfeife blies, doch ſein Blick haftete bedeu⸗ tungsvoll und durchbohrend auf dem Juden.

Ihr kennt unſern Vertrag. Haltet ihn und ich werde den Jungen nicht anrühren, ſagte er kurz.

Sie ſind ſehr gütig, Sir.!

Jetzt dürft Ihr Euch entfernen, Mathias, begann Tre⸗

venna mit einem Kopfnicken,Ihr wißt, was Ihr in allen Fällen zu thun habt. Das nächſte Mal kommt etwas früher, etwa um ſieben Uhr; ich werde Euch im Bette empfangen. S'iſt bedenklich, wenn die Menſchen ſchon um den Weg ſind: man könnte Wind von Euren Beſuchen bekonunen. Meine Leute die feinen Herrchen ſtehen freilich erſt gegen Mittag auf, allein ihre Diener dürften bei der Hand ſein. Jedenfalls iſt Vorſicht zu allen Dingen nütze. Man könnte wohl gar darauf kommen, daß ich Geld von Euch borgte, und dies würde meinem Rufe ſchaden.

Er lachte vergnügt über ſeine Bemerkung, während der Jude ſich ehrerbietig verneigte, ſeine Papiere ordnete und das Zimmer verließ.

Bis zu zwölf Uhr bin ich für alle Herzöge der Welt nicht zu Hauſe, meine Liebe, ſagte er zu ſeiner? ufwärterin, als ſie kam, um den Frühſtückstiſch abzuräumen. Er hielt keine männliche Bedienung, ausgenommen einen kleinen, katzen⸗ artigen Burſchen, der den Beruf hatte, bei ſeinen Fahr⸗ ten hinter ihm auf ſeinem Tilbury zu ſtehen. Als er ſich allein ſah, ſetzte er ſich an einen mit Büchern beladenen Tiſch, um zu arbeiten. Die vor ihm liegenden Werke, als: Schrif⸗ ten über politiſche Oekonomie, Steuern und das Regierungs⸗ weſen Englands, Frankreichs, Deutſchlands und Amerikas dienten ſämmtlich ein und demſelben Zweig der Wiſſenſchaft. Trevenna grübelte keinenfalls über der Statiſtik fremder Na⸗ tionen, um ſeine Geſchäfte mit Ignatius Mathias, ſo ver⸗ wickelt dieſelben auch waren, tüchtig führen zu können; auch erfreute er ſich bereits einer wiſſenſchaftlichen Bildung erſten Ranges. Allein er gehörte zu den weiſen Menſchen, welche bedenken, daß ein Gelehrter, und lebte er noch ſo lange, im⸗ mer noch bis zu ſeinem letzten Athemzuge zu lernen nöthig hat, und überdies lag das Ziel ſeines Strebens in einer Arena, wo nicht der Stärkſte, ſondern der Geſchickteſte und Fähigſte den Preis erringt, in einer Arena, die Abenteurer ebenſo ſtrenge ausſchließt, wie man Ausländer, ſelbſt fürſt⸗ liche, bei den Spielen von Elis ausſchloß. Drei und eine halbe Stunde vertiefte ſich Trevenna, der müßige, ſchwatzende Flaneur, den die Stadt Chandos' Hofnarren nannte, in die Wiſſenſchaft der Staatskunde, in die feine Logik des Finanz⸗ weſens, vertiefte ſich in ihre Räthſel mit einem Verſtand, der um ſo lichter wurde, je ſchwieriger die zu löſende Aufgabe, je tiefer der Grund war, den er ſondirte.

Es ſchlug zwölf Uhr. Er ſtand auf, kleidete ſich um, klingelte und beſtellte ſein Tilbury, ein ſo feines Geſährt, wie es nur je im Park geſehen ward. Das braune Pferd war von edelſter Rage. Chandos, welcher ſehr wohl wußte, daß ein Mann, mag er in irgend einer beliebigen Höhle wohnen, doch in einem ſchönen Wagen fahren muß, wenn die Welt ihn nicht augenblicklich fallen laſſen ſoll, hatte Trevenna beides geſchenkt.Ehe ich nach Parklane gehe, will ich ſehen, wie es im Corner mit Sir Galahad's Ausſichten ſteht, dachte dieſer.

Das Rennen von Ascot ſollte im Laufe des Monats ſtattfinden, weshalb es bei den Wetten hitzig herging. Die ganze unſaubere Zunft mit ihrer haarſcharfen Schlauheit, ih⸗ ren Kunſtausdrücken, ihrer eigenen Sprache und Literatur, war verſammelt; jene Erſcheinungen, die in der alles aus⸗ gleichenden Luft der Rennbahn von Grafen und Baronen mit eifriger Vertraulichkeit gehandelt wurden und von denſelben höchſtens ein herablaſſendes, froſtiges Kopfnicken erhielten, wenn ſie ihnen in Piccadilly begegneten. Es herrſchte ein entſetzliches Durcheinander von lauten Stimmen, ein Babel von Verwirrung, doch Trevenna durchdrang es mit Erfolg

mit Erfolg, den er ſich überall verſchaffte.

Sir Galahad ſtand höher als je in der öffentlichen Gunſt. Selbſt die verſchnittzteſten 3 fürchteten gegen ihn zu wetten. Die Pferdeſtälle von Clarencieux ſtanden ſeit den Zeiten der Regentſchaft in hohem Rufe. Trevenna wettete in der Regel nicht hoch und man wußte, daß er we⸗ nig Geld zu wagen hatte, allein jeder ſuchte ſeine Anſicht über den in Frage ſtehenden Lieblingsrenner zu erfahren. Niemand wußte die beſonderen Eigenſchaften, ſowie die Stärke und den Schritt des in ſeiner Blüthe leenden Roſſes von Clarencieux ſo genau anzugeben, wie er. reinuüthig äußerte er ſeine Meinung. Sir Galahad war das edelſte der dies⸗

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