Jahrgang 
4 (1867)
Einzelbild herunterladen

779 Chandos.

Roman von Ouida. 780

erſcheint und erwartet, daß ein ſo merkwürdiger Beifall mich berauſchen wird, erwiderte Chandos mit ſeinem melodiſchen Lachen, das hell und harmlos war, wie das einer Frau. Der Ruhm hatte ihn ſo früh überraſcht, es koſtete ihn ſo wenig Anſtrengung, den Weihrauch der Welt zu gewinnen, daß er beides mit einem gewiſſen, nachläſſigen Spott betrachtete.

Allerdings! Wenn ein Atom von Erfolg die Menſchen um ihren Verſtand bringt, iſt es ſehr unhöflich von Ihnen, bei ſo unerhörtem Beifall kühl zu bleiben. Welch' einen Tadel gegen Andere drückt ein ſolches Verhalten aus! Wo⸗ hin blicken Sie, Ernſt?

Wohin? fragte er mit einem Lächeln, indem er ſeine Augen voll auf ſie heftete. Es wäre nicht rathſam geweſen der Gräfin zu geſtehen, daß er kaum auf ihre Worte achtete, weil ein anderes Geſicht in der gewählten Menge ſeine Auf⸗ merkſamkeit feſſelte.

Madame antwortete durch ein bedeutungsvolles, jedoch ſchwaches Runzeln ihrer zarten Augenbrauen.Sie iſt höchſt reizend, mein Freund, allein keine Schönheit für Sie.

Weshalb?

Seine Stimme verrieth einigen Eifer und das unbewußte Zugeſtändniß, daß die Gräfin ſeine Gedanken durchſchaut hatte.

Weil der Weg zu ihr ein furchtbarer iſt, erwiderte Madame de la Vivarol, indem die duftenden echten Spitzen ihres Gewandes in zitternde Bewegung geriethen. Zornig biß ſie unter ihren roſigen, lächelnden Lippen die Zähne zu⸗ ſammen, allein ſie verſtand es, den heitern, harmloſen Scherz ohne ein Zeichen von Eiferſucht, fortzuſetzen.

Ein furchtbarer! Sie reizen meine Neugier. Ich habe indeß keine Neigung für Ungewitter in meinen Liebesange⸗ gelegenheiten.

En amour si rien n'est amer

Qu' on est sot de ne pas aimer! Si tout est au dégré suprème Quand est sot alors que l'on aime!

In wiefern iſt der Weg ein furchtbarer?

Weil er durch die Pforte der Ehe führt! ſagte La Vi⸗ varol mit einem ſilberhellen Lachen.

Auch Chandos ſtimmte ein, indem er ſich über ihren Stuhl neigte.

Dann iſt er allerdings entſetzlich. Selbſt für eine He⸗ lena wäre der Preis ein zu hoher. Sie haben mich augen⸗ blicklich entzaubert, daher ſagen Sie mir, wer ſie iſt.

Nein! Ich bin kein Ceremonienmeiſter. Er bemerkte unter ihren ſeidenen, langen Wimpern ein gewiſſes, zorniges Blitzen, das ihm wohlbekannt war.

Ich ſtehe heute ein wenig in Ungnade bei Ihnen, Hé⸗ loiſe, ſagte Chandos beluſtigt. Ein vorübergehender Sturm der Eiferſucht einer Geliebten war das ſchwerſte Unwetter, welches den wolkenloſen, heitern Himmel ſeines Lebens bis⸗ her bedroht hatte.Mein Verbrechen iſt mir bekannt. Ich fehlte geſtern Abend unter Ihren Gäſten.

Wirklich? fragte La Vivarol mit der vollendetſten Miene gleichgültiger Ueberraſchung.Ich kann nicht ſagen, wer zugegen war oder ausblieb. Wie zuwider iſt mir Euer engliſches Gedränge!

Nichtsdeſtoweniger bin ich jener Sünde ſchuldig, er⸗ widerte Chandos lachend.Und womit ſoll ich mich recht⸗ fertigen? Wenn ich Ihnen ſagte, ich hätte ein Sonnet auf Ihren Namen geſchrieben, würden Sie mir antworten: daß wir Männer uns in anderer Art zu tröſten wiſſen. Wollte ich behaupten, ich ſei aus Furcht vor meinen tauſend Neben⸗ buhlern nicht erſchienen, ſo würden Sie mir dies ebenſo wenig glauben. Mir bleibt alſo nichts übrig, als die Wahrheit zu geſtehen.

Wohlan, ſo bekennen Sie dieſelbe.

Ma belle, ich war zu Alvarina's début inRigoletto und ſpeiſte nach der Oper mit ihr und Rahel zu Abend.

Alvarina! die braune, hagere Römerin? Und Sie wollen behaupten, wähleriſch zu ſein, Ernſt? rief die Frau Gräfin. 3

Alvarina, eine braune, hagere Römerin!. Die ſchönſte Sängerin, welche jemals über die Alpen kam! So weit geht das Vorurtheil der Frauen, dachte Chandos, allein er kannte das Geſchlecht zu genau, um ſeine Gedanken laut werden zu

laſſen. Hätte er dieſelben offenbart, ſo würde man ihm nicht verziehen haben, trotzdem er ſeinganzes bezauberndes Weſen entfaltete, während er zögernd auf die Muſik lauſchte, mit hundert verſchiedenen Perſonen Worte wechſelte, Perſonen, welche ſich um die Auszeichnung ſtritten, von dem Helden des Tages eine Silbe zu erhaſchen, ſich von Madame de la Vivarol, der Herzogin von Argentine und zwanzig andern betitelten Schönheiten losmachte, die ihm vor allen andern Männern der Geſellſchaft den Vorzug ſchenkten bis er endlich das Gitterthor erreichte, wo ſein Wagen ihn er⸗ wartete.

Pygmalion war nichts im Vergleich mit Ihnen, Chandos, ſagte Trevenna, indem er mit der Leichtigkeit eines Schulknaben, der ſich auf einen Baum ſchwingt, auf den Sitz des Lang⸗ wagens hüpfte, während Träger der erſten Grafenkronen Europas die übrigen Plätze einnahmen. Er, der blutarme Mann des Volkes beſaß die ſchätzenswerthe Eigenſchaft, ſich niemals vor Höherſtehenden zu bücken; Pair oder Arbeiter, beiden erwies er nur die gebührende Aufmerkſamkeit.Pyg⸗ malion hauchte einer Statue Leben ein, Sie beleben das Herz einer Weltdame ein viel ſchwierigeres Ding! Die Frau Gräſin iſt entſchieden eiferſüchtig. Ich glaube, ſie ahnt, daß wir demi-monde bei uns zu Mittag haben werden!

Chandos lachte, während er ſeine Pferde, muthige junge Rothſchimmel von edelſter Race, ausgreifen ließ. Seine feinen Hände wußten das wildeſte Geſpann zu zügeln.

Nicht doch! Sie würde mir eine ſolche Ehre nicht an⸗ thun. Doch jede Frau, ſelbſt die böſeſte, hat ein Herz, was wir zuweilen vergeſſen, bis wir es gebrochen haben.

Gebrochen? Poetiſch⸗ empfindſamer Verfaſſer derLu⸗ cretia! Herzen brechen niemals, ausgenommen, wenn es in ihren Kram paßt, wie zum Beiſpiel, ein Bildhauer irgend ein Glied ſeiner Statue zerſchlägt, um deren klaſſiſche Aecht⸗ heit zu beweiſen. Jede musette ſchwört, daß unſere Untreue ihr Tod ſei, ſingt aber bei dem Tone des Cancans auf dem Opernball nichtsdeſtoweniger wieder ihrresurgam.

Ein Glück für ſie, denn wir geben ihr keinde pro-

fundis. Dennoch finden ſich Ausnahmen von der Regel. Ich entſinne mich

Beunruhigen Sie ſich nicht mit Erinnerungen, Ernſt. Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf, daß man bald einen Erſatz für Sie fand.

Mein, guter Junge, ſie ſtarb.

Doch nicht aus Liebe zu Ihnen! Sie hatte eine Puls⸗ adergeſchwulſt, eine Herzkrankheit oder ſaß im Zuge und er⸗ kältete ſich, wenn ſie nicht nach Tiſche zu viel Kirſchen ge⸗ geſſen hatte. Statt Ihrer romantiſchen Vorausſetzung beizu⸗ pflichten, wette ich, daß der Sache irgend ein körperliches Leiden zu Grunde lag.

Gottloſer Burſche! Giebt es in dem Buche Ihres Lebens kein ſchwarzes Blatt?

Ich führe kein Tagebuch, nicht einmal in Gedanken. Erinnerungen hegen, iſt höchſt unweiſe und unpraktiſch; angenehme machen uns mit der Gegenwart, unangenehme mit der Ver⸗ gangenheit unzufrieden. Man weettet fünf gegen drei auf Ihr kaſtantenPaunes Pferd. Ich wüßte nicht, wie es Ihnen zu Ascot fehlen könnte. Man flüſtert indeß allerlei über die Lotusblume; ſie wird unter Verſchluß gehalten.

In Whiteworth betreibt man die Pferdezucht ſtets ge⸗ heim und bringt ſelten etwas Gutes zum Vorſchein. Sir Galahad läßt in Anſehung ſeines Schrittes, Temperaments und ſeiner Kraft ſämmtliche Renner des Ascotfeldes hinter ſich zurück; verlaſſen Sie ſich darauf, Chandos; ſagte der Herzog von Ardennes, ein heiterer, lebhafter Jüngling, der bei Pferderennen und Jagden wohlbekannt war.

Die Feenkönigin iſt das einzige Roß, das es mit Ga⸗ lahad etwa aufnehmen könnte, wandte der Herzog von Luil⸗ hières ein;ſie hat das Blut zweier edler Racen in ihren Adern, ihre Bruſt iſt ſchön 4

Sie hat krumme Beine, rief Trevenna in gering⸗ ſchätzigem Ton;keine beſonders guten Rippen, nichts Aechtes. Häuptling, ihr Vater, that ſein Lebtag' nichts Bemerkens⸗ werthes, als daß er beim Rennen bei Beacon eines ſeiner Blutgefäße ſprengte. Die Sportsmänner wiſſen am beſten, wie die Sachen ſtehen und ſie ſtimmen alle für das Pferd von Clarencieux.

781 Ge niß dazu reiten; w iſtt auf d Trevenna Erſt mit zarten A er ſich ge Niemand ekocht iſ buus leb Die Geg theilenden Segnung Lippen d Wälchen ihm läch begeiſtern dem Tage einführte Ne gefangen machen, nachhaltie für die jenige ſei Duuthahl Schlacht hoch ode brannt, der Erfi fürchten. zugleich ihn zu die Bef würdige lung bereiten. 1E dos lach in Rich Das 9 Mittags zauberhe miden d auf Wa licſſten de hin

und S hätte ei