Jahrgang 
4 (1867)
Einzelbild herunterladen

771 Chandos.

Roman von Ouida.

772

Gelegenheit zu geben, ſeinen Vater zum erſten Mal öffentlich ſprechen zu hören. Mit funkelnden Angen und klopfendem Herzen, gehoben von leidenſchaftlichem Triumph und begei⸗ ſterter Liebe⸗ die weit über ſeine Jahre hinausgingen, lauſchte der Knabe. Er hörte den Vater und legte im Stillen das

Gelübde ab ihm nachzueifern, wenn er die Mannesjahre er⸗

reicht hätte.

Der Knabe wird ein großer Mann werden, falls er nicht zuviel Genie beſitzt, ſagte der alte Pair, welcher die ſtrahlenden Blicke und athemloſen Lippen des Kleinen beob⸗ achtete und als weltkluger Mann ſehr wohl wußte, daß des Prometheus Geſchick ſich in allen Zeitläuften wiederholt, wäh⸗ rend die Mittelmäßigkeit faſt immer zur unverdienten Geltung

elangt.

3 Die Schönheit des Kindes war eine eigenthümliche.

Seit Jahrhunderten hatte ſie das Geſchlecht des großen Miniſters ausgezeichnet. Das Lächeln, mit dem der Kleine zu dem ernſten Antlitz des Staatsmannes aufſah, war zwar ein glückliches, heiteres, doch lag in ſeinen Augen, als ſie über die Menge ſchweiften, ein gemiſchter Ausdruck von ſtrahlendem Leben, Eifer, Sehnſucht und Träumerei, ein Ausdruck, der an einem Kinde befremden mußte. Sein gewählter Anzug aus Sammet und Spitzen ließ neben modiſchen Liebhabereien die zarte Fürſorge einer Frau erkennen und ſein goldenes Haar fiel in langen, dichten Locken glänzend über ſeine

chultern, als er ſein Mützchen mit der Adlerfeder lüftete, um die Grüße des Volkes zu erwiedern, wie er den Vater thun ſah.

1 d ſtolze, höfliche Anmuth des Letzteren ließ ſich bereits in dem zufriedenen, lebhaften und fröhlichen Weſen des Kin⸗ des wiedererkennen und das Herz der Menge, vorzugsweiſe der Frauen, ſchlug ihm ſeiner Schönheit und zarten Jugend halber entgegen. Man brachte auch i ein Lebehoch und zwar ein innigeres, für das er, nach rechts und links grüßend, mit dem Anſtand eines jungen Prinzen dankte.

Mitten in dem dichten Gewühl, das ſich um die Wagen der Abgeordneten angeſammelt hatte, ſtand eine Frau. Sie trug düſtere, ſchwerfällige Trauerkleider und hatte ihr Geſicht mit einem dichten, ſchwarzen Schleier verhüllt. Ihre Haltung und Formen ließen faſt errathen, daß ſie vor nicht langer Zeit ſchön geweſen ſein mußte, während Härte oder wohl gar Gemeinheit jetzt ihre hervorſtechenden Eigenſchaften waren.

Nan konnte ihre Geſichtszüge nicht genau unterſcheiden, allein die Augen funkelten durch den Schleier und hefteten ſich feſt auf den großen Staatsmann, als er, den Kleinen an der Hand, aus der Thür des Hauſes der Gemeinen trat. Ihre Rechte ruhte auf der Schulter eines Knaben, der nur wenig

Jahre älter als der erſtgenannte ſein mochte und von kräf⸗ tigem, unterſetztem Bau war. Er hatte ein Geſicht von jenem echt engliſchen Charakter, den man gemeinhin den ſächſiſchen zu nennen pflegt. Seine Haut war ſtark gebräunt; ſeine Hände, breit wie die Tatzen eines jungen Löwen, ſpielten ebenfalls in's Braune und ſeine blauen Augen blickten mit einem Ausdruck unerſchöpflichen Humors frei und frank unter dem tief in die Stirne gedrückten Strohhut hervor. Jetzt hafteten ſie auf dem glänzend-hellen Haar und den feinen Kleidern des jungen Ariſtokraten, allein mit einem Blick wie ihn Manon Philippon einſt auf die hei⸗ tern, glänzenden Gruppen in Verſailles und auf die junge Königin warf, welche ſpäter von ihr auf das Schaffot ge⸗ ſchlepht ward.

Die Frau drückte ihre Hand feſter auf die Schulter des Knaben und beugte den Kopf hinunter, bis ihre Lippen ſeine Wange berührten.

Dein Feind!

Dort iſt Stimme.

Der Knabe nickte ſchweigend, wähnend der kühne Trotz ſeines Mundes und der unverſtellte Haß ſeiner Augen einem Ausdruck der größeſten Bitterkeit und Mitleidsloſigkeit wichen, einem Ausdruck, welcher unbeirwoller war, als der heftigſte Ausbruch vorübergehender Wuth, denn derjenige, welcher ihn offenbarte, ſtand in ſeiner erſten Jugend. Er betrat erſt die Schwelle des Lebens und ſchon hatte ein angeborener Trieb

ihn haſſen gelehrt.

flüſterte ſie mit heiſerer

Mutter und Sohn ſtanden unmittelbar am Rande eines ſchmalen Durchganges, den die Menſchenmaſſe für den Miniſter und ſeinen Sohn eigelaſſen hatte. So geſchah es, daß der kleine Ariſtokrat ganz nahe an dem Knaben vorüberkam, der ihn mit Abſcheu und finſterer Eiferſucht anblickte. Seine eigenen großen, ſtrahlenden Augen fielen mit Verwunderung auf das einzige Geſicht, welches ihm, der in einer Welt des Ueberfluſſes und der Liebe lebte, jemals finſter entgegenge⸗ treten war. Eine angeborene Großmuth und Freundlichkeit trieben ihn unbewußt zur Verſöhnlichkeit und liebevollen Theil⸗ nahme. Der fremde Knabe war ihm völlig unbekannt und doch gab er ſeinem natürlichen Gefühl nach, indem er denſel⸗ ben der zornigen Stimmung, die ihn allein unter ſo viel fro⸗ hen Menſchen lrherrſchte⸗ zu entreißen ſuchte. Er berührte ihn, lächelte ihn liebevoll und heiter an und reichte ihm das Einzige, was er augenblicklich zu verſchenken hatte.

Du biſt geärgert und gelangweilt nimm dies! Schnell ſteckte er ein Päckchen franzöſiſcher Bonbons, ein Ge ſchenk der Damen auf der Gallerie, in die Hand des Ange⸗ redeten und ſchwang ſich mit einer ſchnellen, heiteren Bewe⸗ ung in den Wagen neben ſeinen Vater. Die Diener warfen lingend den Schlag zu und den mitternächtigen Lärm der geſchäftigen Straßen vermehrend, rollten die Räder laut raſſelnd davon.

Der Knabe ſtand ſtumm inmitten des Gedränges und betrachtete das zierliche, koſtbare Päckchen Pariſer Bonbons und kandirter Früchte. Dann warf er es ſtumm und mit wilder Geberde zu Boden und ſtampfte es mit Füßen, bis das bunte und ſilberne Papier nebſt den ſaftigen Confitüren mit dem Schmutz des Straßenpflaſters eins geworden waren.

Die Handlung konnte nicht bezeichnender und beredter ſein. Er war Kind genug, um an einem ſo auserleſenen Naſchwerk, wie es nur ſelten über ſeine Lippen kam, Ver⸗ gnügen zu finden und doch warf er die Gabe in den Koth, als wäre ſie eine Hand voller Sand.

Während der Wagen durch die Straßen rollte, legte der große Staatsmann ſeine Rechte leicht auf die hellen Locken feines Sohnes, der ihm in ſo hohem Grade ähnlich war und ſo viel von ſeiner eigenen Begabung geerbt hatte, daß er ihn als den künftigen Prä er der dauernden Macht und des Glanzes ſeiner Pramilt heracren durfte.

Du wirſt danach ſtreben, einſt von der Nation geehrt zu werden, Ernſt? fragte er milde, während er ſeine von canf dem weichen, glänzenden Haar des Kleinen ruhen ließ.

Mit thränenfeuchten Augen und einem edlen, ver⸗ ſtändnißreichen Ausdruck ſah das Kind zu ſeinem Vater empor.

Ich will es, wenn ich lebe!

Mutter und Sohn ließen ſich langſam von der drän⸗ genden Menge durch die heißen Straßen vorwärts treiben. Obgleich Fußgänger, gehörten ſie nicht zu der Zahl der Armen. Des Knaben Anzug war zwar beſchmutzt und zer⸗ riſſen, allein nur in Folge ſeiner eingewurzelten Gewohnheit, ſich unaufhörlich in irgend einer Weiſe abzuarbeiten und un⸗ gezogene Dinge zu treiben, und man ſah, daß kein Mangel h und ſeine Mutter niederdrückte. Und doch folgte ſein

lick den Wagen oder ſchweifte durch die Auffahrten zu den Häuſern der Reichen, um mit dem ungeduldigen, verlangenden Ausdruck eines verhungernden Rouſſeau oder Gilbert, Männer, die durch Mangel an einem Sou in den Socialis⸗ mus hineingehetzt wurden auf jeder glänzenden oder vor⸗ nehmen Erſcheinung zu haften.

Ein ſeltſamer und frühreifer Blick für ein ſo junges Weſen, deſſen Mienen viel natürliche Heiterkeit und gute Laune ausdrückten!

Die Mutter beobachtete ihren Sohn und legte ihre Hand auf ſeine Schulter.

Du wirſt Dich eines Tages an ihm rächen?

Der Knabe fletſchte die Zähne wie ein junger Bullen⸗ beißer und erwiederte in ungezogenem, grollendem Tone und mit bedeutungsvoller Schärfe:

Das verſteht ſich von ſelbſt!

Die gefült. Zahl ger die Verle vergangen hatten ii davonget ten, bewe Nuhmes ſiole H bargen l Bande, konnten, Schmerze Dieſe ma ten Saiſo Velt beg Höflichken Beglückw ſchulten Es war Das We der öſtli endigte.

Er zendſten ten ihre denklichen wie ſie Roſen b man ihn ſam und in Park⸗ zu Zeit rener S erleſenen Arbeit, einer in deſſen g eines Ka alter M Wänden Couſtou ein Ken Studid vor den und zie ſerbend

Kopf a