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Ausl
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andes.
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Chandos.
Roman von
3 OQuida.
Frei aus dem Engliſchen von Marie Gieſe.
Einleitung.
Zwei Gelübde.
Es war eine ſpäte, ſchwüle Abendſtunde im Hochſommer. Der Tumult des Geſchäftsverkehrs herrſchte neben dem Lichtglanz der Mitternacht im Herzen Londons. Die ſchmalen Straßen, welche in der Gegend von Weſtminſter lagen und nach der winkligen engen City und den Ufern des Fluſſes führten, waren voll von Menſchen, die in eiligem Treiben an einander rannten. Die grellen Gasflammen der Buden flacker⸗ ten frei in der ſtillen Luft; die kreiſchenden Stimmen der Balladenſänger übertönten das endloſe Geräuſch der Wagen⸗ räder; Krämer, Schlächter, Auſtern⸗ und Fiſchhändler miſchten ihet Rufe in das allgemeine Getöſe, während der Qualm heißer etränke und der üble Geruch verdorbener Gemüſe ſich mit dem Rauch vereinigten, den die Hitze und die drückende Nacht⸗ luft emporzuſteigen verhinderten. Der junge goldene Neumond verlieh dem Horizonte wenig Licht, doch dann und wann ſah man auf den ſchmalen Himmelsſtreifen zwiſchen hohen Dächern, ragenden Thürmen und erdrückenden Mauern eine Stern⸗ ſchnuppe ſchießen— ein flüchtiges Erinnerungszeichen an die herrliche Welt der Forſten, Seen und Ströme, der Waldes⸗ ründe voller hoher Farrnkräuter, der laubigen, kühlen zuheplätze im Gebirgsſchatten, der Meereswogen, die ſich an feuchtem, braunem Felsgeſtein brechen. Eine ferne Welt, die man im Gedränge des Geſchäftslebens, unter der Wucht der Arbeit, im Kampf um die Exiſtenz— oder im Zuſammen⸗ 3 fluß des Reichthums der Nationen vergaß! 1. Wenig Blicke folgten in dieſer Nacht dem fallenden Stern auf ſeiner feurigen Bahn über die gaserleuchteten, dumpfen ungeſunden Straßen. Kaum, daß hin und wieder ein junger Träumer in Pndenſcheinigenn Rock— ein Träumer mit thörich⸗ tem aber Aönen treben nach unerreichbaren Dingen, zu ihm aufſah. Vielleicht richtete auij eine hagere, geſchminkte, halb⸗ berauſchte Dirne ihre brennenden, ſchmerzenden Augen zu ihm empor und ließ die müden, trägen Gedanken in die längſt verſchollene Kindheit zurückirren, wo ſie über dem Moor, das ihre Heimathhütte umgab, die Sterne ſtehen ſah. Mit kind⸗ licher Verwunderung hatte ſie damals durch die kleinen Rau⸗ ten des Gitterfenſters beobachtet, wie die glänzenden Lichter über dem ſchwarzen Rande der Heuſchober heraufſtiegen, bis ſie bei ihrem Schimmer und dem heitern Spinnſled der Mutter in einen unſchuldsvollen glücklichen Schlaf ſank, den kein Schreckbild ſtörte. Sonſt kümmerte ſich niemand um die Sternſchnuppe, welche in der Wildniß zackiger Dächer ver⸗ ſchwand. Die Menſchenmenge richtete ihre Aufmerkſamkeit
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Roman⸗Magazin des Auslandes. 1867. Lief. 4.— 1.
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des
nach einer andern Richtung— dem erleuchteten Gungan ſener
Tenenrdneionhanſee Die Miniſter waren nach geſchlo Sitzung im Begriff heimzukehren.
Man wußte, daß heftige bedeutungsvolle Debatten über eine Frage von ungewöhnlicher, nationaler Bedeutuug ſtattge⸗ funden atten. Es handelte ſich um eine wichtige Kriſis, deren Ausgang von größter Wichtigkeit war. Eine übereilte Kriegspolitik, zu der die Verhältniſſe das Miniſterium ge⸗ drängt hatten, brachte das Land gewiſſermaßen in Gefahr und man fürchtete, dieſelbe nur durch Maaßregeln, welche die Oppoſitionspartei ergriffen wiſſen wollte, vermeiden zu können. Doch der Geiſt eines einzigen, großen Mannes half über die ſchiefe Stellung hinweg; die Regierung behauptete ihren Stand⸗ punkt und errang durch die ſeltenen Fähigkeiten ihres Hauptes einen Sieg über die Feinde. Die Beſtrebungen dieſes Manues hatten glänzendere Erfolge als ſelbſt Pitt ſie errang und wie letzteren pflegte man auch ihn in ſeiner Heimath und im Aus⸗ lande„den großen Volksvertreter“ zu nennen.
Streng genommen eignete dieſer Titel ſich nicht für ihn, denn er war bis in's innerſte Mark ſeines Herzens ein Ariſto⸗ krat— ein Ariſtokrat ſeinem Namen, Shande, Herkommen und Stolze nach, obgleich er es verſchmähte eine Krone im 5* Wappen zu führen. Niemand konnte ihn herabſetzen oder erhöhen. Er war einfach ein großer Mann und zugleich der Hochamühigſte aller Patrizier, in deſſen Adern zu viel Blut der Bourbonen und Plantagenets floß, als daß er ſich hätte bücken mögen, um ein Papier aufzuheben, das ſeine Ernen⸗ nung zu einem Grafen oder Marquis enthielt. 4*
Das Herandrängen der Menſchenmaſſe mehrte ſich, während. ſeine Collegen der Reihe nach ihre Wagen beſtiegen und ſein 3 Name ging in athemloſem Geflüſter von Lippe zu Lippe. 3 Man vertraute ihm, ehrte ihn, war ſtolz auf ſeinen Beſitz, denn trotz der Freiſinnigkeit ſeiner Anſchauungen dem inner⸗ ſten Weſen nach ſtreng conſervativ, iſt das engliſche Volk ſtolz auf ſeine ariſtokratiſchen Führer. Es ſtand bereit ihn im Augenblick ſeines Erſcheinens mit einem Lebehoch zu be⸗ grüßen und zwar heute mehr als je, denn er hatte einen weſentlichen Sieg errungen und wann würde der Pöbel es unterlaſſen, dem Erfolg ſeinen Weihrauch zu ſtreuen! End⸗ lich trat er aus dem Hauſe; ein hochgewachſener, ſchöner, fünfzigjähriger Mann mit ſtolzer, königlicher Palbeng In ſeinen Zügen las Un die Gewohnheit und Fähigkeit des Herrſchens. Bis zum Ueberdruß durch öffentlichen Beifall ge⸗ ſättigt, erwiederte er die lauten Grüße der Menge dennoch mit einer freundlich⸗nachläſſigen Höflichkeit— der Höflichkeit eines grand seigneur. Neben ihm im Wagen s ſein ein⸗ ziger Sohn, ein ſiebenjähriges Kind, das auf's Engſte mit dem Herzen des Vaters verwachſen war. Ein gutmüthiger Pair hatte den Knaben mit ſich in d us genommen, un
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