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Kleines Roman⸗Magazin.
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eiſernen Kette an einen Pfahl befeſtigt; fünf bis ſechs Bauern mit langen Haken verſehen, ſtehen um ihn herum. Plötzlich wird eine Thür geöffnet, eine Meute Hunde jagt klaffend und wüthend auf das gefeſſelte Thier. Der Bär richtet ſich auf, der Kampf beginnt, die Hunde ſuchen den Bären am Hals oder an den Ohren zu faſſen; doch gelingt dies in der Regel erſt, wenn der Bär durch die Ueberzahl der Hunde ſchon ſehr ermüdet iſt. Der Bär wehrt ſich verzweifelt mit ſeinen Tatzen, eine entſetzliche Wuth ſprüht aus den kleinen Augen; gelingt es ihm, eine der Doggen feſtzuhalten, ſo iſt der Tod des Hundes auch gewiß. Wüthend preßt er ihn an ſich, erdrückt ihn und zerfleiſcht ihn mit ſeinen Krallen.— Iſt der Bär ſchon zu ſehr abgehetzt, ſo kommt ein neuer, ungeſchwächter auf den Kampfplatz, ſo daß oft drei bis vier an einem Tage dieſe Qualen ausſtehen müſſen. Selten wird einer getödtet, dies ſuchen die Bauern mit den langen Stäben zu verhindern; aber Hunde gehen in der Regel mehr verloren; ein ſchrecklicher Anblick, dieſe winſelnden, ent⸗ ſetzlich zugerichteten Thiere!— Sind die eingefangenen Bären alle auf dem Kampfplatz geweſen, oder iſt wohl gar einer getödtet, ſo ſchließt dieſe ruſſiſche Volksbeluſtigung, und Alles kehrt, zufrieden mit der Aufregung, die man gehabt, unter lebhaften Discurſen über das Geſehene, unter Lachen und Treiben zurück in die alte Creml⸗ ſtadt, das weiße Moskau.
Die Kirgiſen. Die orenburgiſchen, faſt eine Million Köpfe zählenden Kirgiſen wandern nomadiſch von Ort zu Ort, verweilen den Sommer über in den gebirgigen Theilen und in der Tiefe der Steppe, wo ſie reichliche Weiden finden, und ziehen ſich im Winter näher an die Ufer der Flliſſe heran, die reich mit Schilf beſtanden ſind. Die Aermern unter den Kirgiſen d. h. ſolche, welche keine Heerden beſitzen, vermiethen ſich zum Theil als Hirten an die Reicheren; meiſtens aber geben ſie das Nomadenleben auf und wenden ſich dem Aberbau zu. Jedes Stück Acker⸗ und Gartenland wird künſtlich bewäſſert. Die Berieſelungsanſtalten der Kirgiſen ſind wahrhaft erſtaunlich, ihnen verdanken ſie, zumal da ſie faſt keinen Begriff von landwirthſchaftlichen Geräthen, vom Pfluge z. B. haben und das Land mit der Hacke bearbeiten, den reichlichen Ertrag ihrer Felder. So gewinnen ſie in der Regel beim Weizen das 70ſte, von der Gerſte das 100ſte, von der Hirſe das 500ſte Korn und die übrigen Produkte im gleichen Verhältniſſe.
Der populärſte ruſſiſche Ciederdichter. In dem Gebiet der ruſſiſchen Poeſie, wo der Quell des Volksgemüths in ſeiner ächten Eigenthümlichkeit aufſprudelt, zeichnet ſich ein neuerer Dichter, Kol⸗ zow, beſonders aus. In den volksmäßigen Liedern Kolzow's zeich⸗ net ſich in ſpiegelgetreuer Wiedergabe das Gemüth des ruſſiſchen Volks im engeren Sinne(d. h. der eigentlichen Landbevölker ung) mit all denjenigen inneren Zuſtänden und Erregungen, welche die hiſtoriſche Vergangenheit und die ſocialen Verhältniſſe in ihm hervorru⸗ fen mußten. Und dieſer Eigenthümlichkeit verdanken die Lieder auch ihre ungemeine Popularität; denn ſie gehören zu den geſungenſten und beliebteſten nicht nur im niedern Volke, ſondern in allen Schich⸗ ten der Geſellſchaft. Man vernimmt ſie von den friſchen Stimmen junger Landmädchen und Dorfburſchen, wie von der Eſtrade der Concertſäle. Und eben, weil der Hauch des ächten Volksgeiſtes in ihnen weht, dürften ſie geeigneter ſein, den Ausländer in das Ge⸗ heimniß der Nationalität des ruſſiſchen Volkes einzuweihen, als die Poeſien von Puſchkin, Lermontow u. A., die doch immer nur von dem exeluſiveren Geiſt einer dichteriſchen Individnalität beſeelt ſind.
Amerika.
Brücken über den Straßen. In New⸗York fängt man an, da, wo ſich mehrere Straßen kreuzen und großer Andrang von Menſchen und Wagen iſt, Brücken für die Fußgänger zu erbauen und ſomit manches Menſchenleben zu retten, welches ſonſt alljährlich in Verluſt geräth. Eine ſolche Brücke iſt im Broadway, der Haupt⸗ ſtraße New⸗York's nächſt Fulton⸗Street, mit dem Koſtenaufwand von 4000 Pfund gebaut worden. Sie hat eine Tragfähigkeit von 101 Tonnen, und bei der Probe trampelten 100 Perſonen gleichzeitig darauf herum, ohne eine merkliche Vibration hervorbringen zu kön⸗ nen. Sie iſt 17 Schuh 8 Zoll über dem Straßenpflaſter erhaben;
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von vier Seiten gelangt man mittelſt je 34 Stufen hinauf, die in drei Abſätze vertheilt ſind. In der nächſten Zeit wird man in Lon⸗ don dieſes Beiſpiel nachahmen.
Der Schwindel auf dem Höhepunkt. Eine amerikaniſche Zeitung brachte kürzlich folgendes Inſerat:„Der transparente Menſch! Das große Geheimniß iſt heraus, Dr. Allinhead hat's entdeckt. Der berühmte Arzt hat Tropfen componirt, welche aus den Säften der geheimnißvollſten Kräuter des tropiſchen Klima's zuſam⸗ mengeſetzt, eine der Welt bis jetzt unbekannte Eigenſchaft beſitzen; ſie machen nämlich den ganzen Menſchen durchſichtig. Fünf von dieſen Tropfen eingenommen und das Individuum bekommt ein leiſes Fröſteln und verfällt in einen ſanften Schlaf, in welchem es gelinde transpirirt. Schon nach einigen Minuten beginnt der Körper eine eigenthümliche Leuchtkraft anzunehmen, und nach weniger als einer Viertelſtunde iſt der ganz feſt ſchlafende Menſch vollkommen durchſichtig. Man ſieht jetzt hinein in alle Geheimniſſe des Lebens, etwaige Krankheitskeime oder organiſche Fehler erkennt man ſofort und es wird möglich, ein vollkommen pathologiſches und therapeu⸗ tiſches Verfahren auf dieſe Beobachtungen zu baſiren. Die Durch⸗ ſichtigkeit des Cadavers hält nicht lange an und es iſt daher nöthig, daß ein raſch beobachtender Arzt zugegen iſt, als welchen ſich der Erfinder der Diamanttropfen, wie er ſie nennt, deingend empfiehlt. Jeder kann ſich ihrer Wirkung unbedingt überlaſſen, er wird nach dem Transparentgewordenſein nichts fühlen, als eine kleine Er⸗ ſchöpfung. Dr. Allinhead aber wird ganz genau wiſſen, wie der Menſch künftig zu leben, welchen Arzt und welche Arzneien er zu gebrauchen hat. Die fünf Tropfen, welche transparent machen, ko⸗ ſten 20 Dollars, wobei die ärztlichen Rathſchläge für die Zukunft nicht mit einbegriffen ſind.“
Die Stadt Milwauſtee. Milwaukee, die bedeutendſte See⸗ und Handelsſtadt Wisconſins, liegt unmittelbar an den ſteilen Ufern des Michigan⸗Sees, von welchen ſich die ſchöngebaute Stadt an den anmuthigen Ufern des Milwaukee⸗Rivers verbreitet. Ge⸗ genwärtig iſt die Stadt von mehr als 50,000 Menſchen bewohnt, von welchen die Hälfte Fremde und von dieſen die Meiſten Deut⸗ ſchen ſind. Die Straßen der tieferliegenden Stadttheile ſind gerade und eben, nur auf den Anhöhen ſieht man noch feſtungswerkartige thurmähnliche Reſte des alten Naturbodens. Die älteſten Häuſer der Stadt haben ein Alter von etwa 30 Jahren; an anſehnlichen öffentlichen Gebäuden, großartigen Fabriken, Waarenhäuſern fehlt es jedoch nicht. Die meiſten der ſchönen, den verſchiedenen Confeſ⸗ ſionen angehörigen Kirchen ſtehen auf den beiden einander gegen⸗ überliegenden Anhöhen, wo auch bereits wie am Seeufer, ganze Reihen von eleganten, theilweiſe ländlichen, in gefälligem Style er⸗ bauten Gebänden liegen, was zu dem ſtattlichen Ausſehen der amphi⸗ theatraliſch gelegenen Stadt nicht wenig beiträgt. Milwaukee gilt für die deutſcheſte Stadt im ganzen Nordweſten, und die dortigen Amerikaner, die kaum ein Drittel der Einwohnerſchaft ausmachen, ſprechen mit Anerkennung und Beifall von der deutſchen Geſellſchaft in Milwaukee, von ihren muſikaliſchen Leiſtungen und Concerten. Es iſt von berühmten auswärtigen Muſikern gerühmt worden, daß ſie ſelten vollkommneren mnſikaliſchen Leiſtungen beigewohnt, als den Aufführungen dortiger Muſikfreunde. Auch bei der zerſtreuten länd⸗ lichen Bevölkerung iſt der Eifer für dieſe liebliche Kunſt ſo groß, daß mancher einſam wohnende Farmer oft Sonntags ſein Pferd ſchirrt und meilenweit durch Wälder und Prairien fährt, um in Milwaukee den Uebungen ſeines Geſangvereins beizuwohnen.
Am erikaniſche Schlittſchuhparks. Der erſte dieſer Parks wurde im Jahre 1865 in der Stadt Chicago angelegt und beſteht aus einer großen, von Holz aufgeführten Halle, die im Innern mit geheizten Vorzimmern, Balcons, Muſikpavillons, Buffets, Alles in eleganteſter Weiſe, eingerichtet iſt, und bei der einbrechenden Dun⸗ kelheit der langen Winterabende mit vielen hundert Lampen glän⸗ zend erleuchtet wird. In dieſen Parks, wo volle Muſikchöre die be⸗ liebteſten Weiſen aufſpielen, und die Fahrenden vor dem draußen wehenden eiſigen Winde und Flockenwirbel geſchützt ſind, ergötzt ſich beſonders zur Abendzeit eine zahlreiche Geſellſchaft von Herren und Damen am Schlittſchuhlaufen und findet nach der Anſtrengung den


