Jahrgang 
1 (1867)
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men, werfen die Mönche plötzlich alle Düſterheit von ſich, und kaum iſt ein Paar nach dem andern in langſamem Schrltte unter dem hohen Portale des Kloſters durchgegangen, ſo beginnen ſie eine leichte und fröhliche Unterhaltung, von Lächeln und freundlichen Blicken begleitet. Es müßte ein würdiger Gegenſtand für einen Maler ſein, befähigt, den wechſelnden Geſichtsausdruck wiederzu⸗ geben, wenn er dieſe Geſtalten darſtellen wollte, die nur für ein paar Stunden ſich ungezwungen ihrem Menſchenthum überlaſſen, ohne fürchten zu müſſen, daß ſie mit jedem Lächeln oder Scherz eine Todſünde gegen die ſtrengen Kloſterregeln begehen. Da erblickt man den ſiebzigjährigen Greis neben dem Jüngling, den Mann von gelehrten Gewohnheiten neben dem, der ein ſtürmiſches Leben hinter ſich hat Alle aber ſcheinen heiter und befriedigt.

Die deutſche Oper in Frankreich. Ohne Mozart, bekennt die Pariſer Kritik einſtimmig, hätten die dortigen drei großen Opern⸗ bühnen in dem verfloſſenen Jahre nicht beſtehen können, denn Don Juan, Figaro und Zauberflöte bildeten die Hauptanziehungskraft für das große Publikum, deſſen Geſchmack nur für dieſe alten Meiſterwerke noch immer im Wachſen begriffen iſt. Neue Werke ſind in der großen Oper gar nicht erſchienen und diejenigen, die in der italieniſchen und komiſchen Oper in Scene gegangen, haben keine ſonderliche Lebensfähigkeit gezeigt. Die noch lebenden älteren Com⸗ poniſten von Bedeutung haben kein neues Werk geſchaffen. Die Meyerbeerſche Afrikanerin hat für die große Oper zwar das Ihrige gethan, indem ſie bis jetzt im Ganzen 1,300,500 Fraftes einbrachte, aber dieſes hätte bei Weitem nicht ausgereicht, um das koſtſpielige Inſtitut zu erhalten. Der Freiſchütz in ſeiner jetzigen unverſtüm⸗ melten Geſtalt hat im lyriſchen Theater zu Paris eine beiſpielloſe Zugkraft, ſchon 14 Tage vor der jedesmaligen Vorſtellung ſind alle Plätze verkauft.

Großbritannien.

Ein Schleppkleid-Abtretungs-Werein. Ein ſolcher hat ſich in London gebildet. Selbſt im weiblichen Geſchlecht ſogar regt ſich ein revolutionärer Geiſt nicht nur Jegen die Schlepp⸗, ſondern die langen Kleider überhaupt, die nach dem Beweiſe des erſten weib⸗ lichen praktiſchen Arztes, Dr. Mary Walker, nicht nur unſchön, ſondern auch der Geſundheit nachtheilig ſeien. Sie führte den Be⸗ weis in ihrer berüthmt gewoddenen Vorleſung zu London vor einem dichtgedrängten Publikum beiderlei Geſchlechts(Entrée von 2 ½ Thlr. bis herab zu 1 Thlr.), anfangs zwar unter vielem Widerſpruch, aber zuletzt überzeugend und mit Beifall auch von vielen Damen, nicht nur vom äſthetiſchen und geſundheitlichen Standpunkte aus, ſondern auch perſönlich durch ihre eigene Tracht und Kleidung. Dieſe beſtand aus einer Acksvon beinahe millitäriſchem, aber einfär⸗ bigen, dunklen, kittelartigen Waffenrock, der ſich der natürlichen Taille anſchloß und bloß bis an die Knie reichte. Von da aus bis zu den Knöcheln kamen ein Paar Inexpreſſibles zum Vorſchein, die wie bei den Orientalinnen über den Schuhen zugebunden waren, und etwas überhingen. Ueber dem kleinen Kragen oben lag glatt ein weißer Leinenkragen, wie ihn früher Studenten und Gym⸗ naſiaſten häufig trugen. Das blonde Haar war ſorgfältig aus dem Geſicht zurückgekämmt und auf eine einfache Weiſe am Hinterkopfe befeſtigt. Ein Paar weiße Handſchuhe vollendeten den revolutio⸗ nären Anzug des von Perſon zarten, beinahe knabenhaften, aber energiſchen und verdienten erſten weiblichen practiſchen Arztes. Ihr Anzug erinnerte weſentlich an das vor einigen Jahren in Amerika auftauchende Bloomer⸗Coſtüm, das auch nach London verpflanzt, aber dort auf ziemlich brutale Weiſe ſo arg verſpottet worden, daß es nach kurzer Zeit wieder verſchwand.

Der Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit der Frauen in Nancheſter. Nach dem Vorgange von London und Dubliu hat ſich nun auch in Mancheſter ein Verein aus Männern und Frauen gebildet, der, wie es in ſeinen Statuten heißt, ſich die Aufgabe geſtellt hat,die Einführung der Frauen in für ſie paſſende Berufszweige und Beſchäftigungen zu befördern und zu erleichtern.

Nach den bereits durch den Londoner Verein gemachten Erfah⸗

rungen, hat es ſich nicht als praktiſch erwieſen, den jungen Mädchen

Kleines Roman⸗Magazin. 756

die Unterweiſung in den verſchiedenen Gewerben, für welche ſie ſich entſchieden, in beſonderen Schulen ertheilen zu laſſen, einmal, weil die Anzahl der für Frauen ſich eignenden Gewerbe zu groß iſt, um die für die gründliche Erlernung jedes Einzelnen nöthigen Anſtalten treffen zu können, dann aber auch weil es ſchwer hält, Gewerbe⸗ treibende zu finden, die ſich willig zeigen, in einer ſolchen Schule zu unterrichten, während viele bereit ſind, in ihrem eigenen Eta⸗ bliſſement die gewünſchte Anleitung zu geben. Außerdem fällt noch der Umſtand ins Gewicht, daß die jungen Mädchen in dem Hauſe, wo ſie gelernt haben, auch ſpäter gewöhnlich dauernde Beſchäftigung erhalten. Der Verein in Mancheſter wird nun auf die Ausmitte⸗ lung ſolcher Lehrgelegenheiten für Mädchen der mittleren und höhe⸗ ren Stände bedacht ſein und zugleich einen Theil ſeiner Mittel dazu verwenden, um für Waiſen oder Töchter von Wittwen das Lehrgeld ganz oder theilweiſe zu bezahlen.

Bei der Vermittelung zwiſchen Arbeitgebern und Arbeitnehme⸗ rinnen wird der Verein bemüht ſein, die Beſitzer von Fabriken, welche Arbeiterinnen aus den niederen Klaſſen beſchäftigen, zu ver⸗ mögen, Frauen aus den beſſeren Ständen als Aufſeherinnen und in ähnlichen Aemtern anzuſtellen. Die ſich hieraus ergebenden Re⸗ ſultate dürften höchſt intereſſant und nicht nur für England, ſondern auch für Deutſchland von maßgebenden Folgen ſein.

Anabhängigkeit der engliſchen Gerichte. In einer ſchö⸗ nen und ruhigen Julinacht des vorigen Jahres ereignete ſich im Canal ein unheilvoller Zuſammenſtoß von zwei Schiffen, dem Kriegs⸗ dampferAmazone und dem der Corker Dampſſchifffahrts⸗Geſell⸗ ſchaft angehörigen SchraubenſchiffeOsprey; der Osprey ſank faſt unmittelbar und zehn Menſchen kamen mit ihm um; wenige Stunden nachher ging auch die Amazone zu Grunde. Die Corker Geſellſchaft machte eine Klage gegen die Krone anhängig, weil von Seiten jenes Kriegsſchiffes die üblichen Vorſichtsmaßregeln nicht

beobachtet worden ſeien, und es entſpann ſich ein langer, äußerſt

verwickelter Proceß, welcher kürzlich vor dem Admiralitäts⸗Gerichts⸗ hofe zur Entſcheidung gelangt iſt. Trotz der glänzendſten Verthei⸗ digungsreden fiel das Urtheil ungünſtig für das Kriegsſchiff aus. Der Richter führte an, daß gegen das Verhalten des Osprey kein Vorwurf zu erheben ſei; die Amazone allein treffe die ganze Schuld und im Einklang mit dem Gutachten der Masters of Trinity house (der alten Corporation, welcher die Pflege des Sicherheitsweſens zur See obliegt und deren Präſident ſeit Lord Palmerſtons Tode, wenn wir nicht irren, der Prinz von Wales iſt) könne der Gerichtshof ſeine Entſcheidung nicht abgeben, ohne ſein Erſtaunen darüber auszu⸗ drücken, daß ein Königliches Kriegsſchiff einem kaum zwanzigjährigen, unerfahrenen Lieutenant anvertraut geweſen ſei. Von den Vertretern der Krone wurde Berufung angekündigt und die Sache wird dem⸗ nach vor das richterliche Comité des geheimen Staatsrathes ge⸗ langen. Beſtätigt dies, wie zu erwarten ſteht, das erſte Verdict, ſo

wird die Regierung ſchließlich eine erhebliche Entſchädigungsſumme

zu zahlen haben. Schon aus dem bisherigen Verlaufe des Pro⸗ ceſſes leuchtet in rühmlichſter Weiſe das freie Urtheil und die Un⸗ abhängigkeit des engliſchen Gerichtshofes hervor, wie andrerſeits von der Regierung auch nicht der leiſeſte Verſuch gemacht wird, dieſer Unabhängigkeit um eigenen Vortheils willen Abbruch zu thun. Eine Eiſenbahn im Schottiſchen Hochlande. Unvergeßlich bleibt dem Reiſenden die Fahrt durch das von den eingebornen und fremden Dichtern ſo viel beſungene ſchottiſche Hochland; unvergeßlich Dem, der im Sommer, vom Süden nach dem Norden Schottland auf der Eiſenbahn durchreiſend, das Thor der Hochlande, den Gürtel des Grampians hinter ſich läßt und nun eintritt in das nackte, kahle, graue, wilde Hochland. Felſen und Berge, ſo weit das Auge zu dringen vermag, ſind die einzigen Gegenſtände, das Donnern der Gewäſſer, welche von den Bergen in die Thäler ſtür⸗ zen, die einzigen Töne, die zu unterſcheiden ſind, endloſes Grau iſt die Farbe, in welche ſich Himmel und Erde hüllen. Und dennoch iſt dieſe Einſamkeit weit entfernt davon, einförmig zu ſein, denn ihr iſt der Stempel der Majeſtät aufgedrückt, den Menſchen beſchleicht ein beengendes Gefühl von ſeiner Kleinheit und Nichtigkeit, dazwiſchen klingen ihm die Geſänge der Hochlandsdichter an Ohr und Herz,