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751 Kleines Roman⸗ Magazin. 752
morwerke und könnten vermuthen laſſen, die Sonne ſcheine in Paris wie in Athen. Junge Bäume erſetzen die an Altersſchwäche oder an Stlckgas erſtorbenen; überall neue Steine, blanke Dinge, friſche
Töne. Die ausgefahrenen Gaſſen wurden umgepflaſtert; koloſſale
Dampfwalzen, die Freude der Gaffer und der Schrecken der⸗Pferde, zermalmten die auf die Kiesſtraßen geſchütteten Steine und bildeten in einem Tage ebene Fahrwege; das Asphalt kocht und brodelt in
großen Keſſeln auf Einſpännern, die hinfahren, wo Fußwege aus⸗
zubeſſern ſind. Die Gewölbe verſchönerten ihre Außenſeiten, ver⸗ goldeten friſch ihre Ladenſeiten und Auſſchriften, polirten ihre kupfer⸗
nen Thürbeſchläge, putzten ihre Spiegelſcheiben und erſannen für
das Auskramen und⸗Ausſtellen ihrer Waaren noch gar nie vorge⸗ kommene Anordnungen und wunderbare Ausſichten. Kurz, Alles gewann ein bürgerlich ordentliches, heiter gefälliges, möglichſt rein⸗ liches Anſehen.
Die Rückſicht auf die Ausſtellung überwog, ſcheint es, die Rück⸗ ſicht auf den Winter, der ſonſt hier die Arbeiten einzuſtellen oder wenigſtens zu mäßigen pflegte, ſie aber diesmal in ihrem energiſchen Gange nur ein paar Schnee⸗ und Froſttage aufgehalten hat. Allent⸗ halben, in der Cité, im Quartier latin, in der Vorſtadt St.⸗Ger⸗ main, im Centrum, in der Chauſſée d'Antin, Fan den entlegenſten Innenſeiten der Stadt wurde im großen Maßſtabe gelichtet und gebaut. Der Bau der neuen Oper und Polizeipräfectur, die Er⸗ richtung neuer Kaſernen, Kirchen, Spitäler und Markthallen, die Wiederherſtellung alter Baudenkmäler, die Anlage freier Plätze und Spaziergänge, alles das ging beiſammen und kann natürlich nicht in den nächſten Monaten zu Standen kommen, iſt aber ſo weit vor⸗
geſchritten, daß die Fremden, welche die Ausſtellung beſuchen, nicht
blos von dem, was bereits für die Umgeſtaltung der kaiſerlichen Reſidenz und Reichshauptſtadt gethan worden, ſondern auch von dem, was ferner noch dafür beabſichtigt iſt, eine hohe Meinung
mmiitnehmen.
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Den Umfang und Eifer dieſes Abbrechens und Aufbauens kann
man ſich durchaus nicht vorſtellen. Plätze, Straßen, Gebäude ver⸗ ſchwanden mit unglaublicher Schnelligkeit; in zehn Minuten hatte ein Haus, vor dem wir eben ſtanden, um ein Stockwerk abgenom⸗ men; ein Erdbeben oder Bombardement könnte nicht raſcher ver⸗ fahren. Die Einreißer trieben ihre Sache hitzig und ſchwangen die Hacke mit fieberhafter Rührigkeit. Lawinen von Balken, Bruch⸗ ſteinen und Kalkklumpen ſtürzten herab und Tauſende von Karren reichten kaum hin für das Aufräumen des Schuttes. Wo Hügel abzutragen waren, wie im Trocadéro, am Park Monceaux, da wurden unten in gewiſſen Abſtänden bewölbte Gänge hineingegra⸗ ben, alsdann oben Pfähle eingerammt und ſo ganze Strecken Ter⸗ rain auf einmal abgebrochen; für das Aufladen der Erde ſtanden Züge von Karren bereit, die eine Locomotive auf einem Schienen⸗ wege nach aufzuhöhenden niederen Stellen hinbrachte. Waren Ham⸗ mer und Brecheiſen mit ihrer Arbeit fertig, ſo begannen Kelle und Richtſcheit die ihrige und vollbrachten ſie eben ſo erſtaunlich ge⸗ ſchwind. An den neuen Straßen ſetzten ſich die Häuſer hin wie Couliſſen bei Verwandlungen auf der Bühne. Ein Volk von Ar⸗ beitern war geſchäftig, Mörtel anzurühren, Steine zu behauen und Werkſtücke zu ſchichten; von Dampfmaſchinen bedient und durch ungeheure, über den Bauplatz geſpannte Segeltücher gegen die un⸗ holdeſten Anfälle des Wetters geſchützt, arbeiteten die einen am Tage und wurden von andern abgelöſt, die im Dunkel bei electri⸗ ſchem Lichte fortarbeiteten. Wer, auf ſeinem Heimwege verſpätet, ſie im Vorübergehen von jenem magiſchen Schein beleuchtet ſah, der ſtaunte und glaubte, je nachdem ihm ſeine Erinnerungen aus der klaſſiſchen Mythologie in den Sinn kamen, Angenzeuge nächt⸗ licher Arbeiten der Daktylen und Telchinen oder der Wichte und Kobolde zu ſein, die aus abgedankten Göttern Pariſer Maurer ge⸗ worden.
Bei einer ſo unerhörten, fabelhaften Bauthätigkeit darf es nicht verwundern, wenn das Ausſehen der Oertlichkeit an manchen Stellen ſich ſo ſchnell veränderte, daß der Fußgänger, der genau Beſcheid zu wiſſen meint, ſtutzt und ſeinen Weg ſucht zwiſchen Häuſern, die ihm nicht bekannt ſind und in die Luft ragen, wo geſtern nichts
X ſtand oder nichts als große Schutthaufen lagen. Es ſcheint, als
erlebe man hier zugleich einen Baukatalysmus, wobei ganze Ord⸗ nungen und Gattungenvon Gebäuden, die ſich künftig nur noch in
den Klaſſen der architeckoniſchen Foſſilien vorfinden ſollen, zu Grunde
gehen und eine wunderbare Schöpfung von der Art, wie ſie in Feenmärchen vorkommen, in der wirklichen Welt aber bisher noch nicht dageweſen. 4
Das Durchſtechen neuer und breiter Straßen durch das alte Paris, das Anlegen neuer Plätze in der alten Häuſermaſſe und das häufige Abändern der alten Bodenhöhe, lauter für den Verkehr, die allgemeine Geſundheit und Annehnlichkeit höchſt nützliche Dinge, konnten natürlich nicht geſchehen, ohne eine Menge früherer kleiner Proſpecte zu ſtören und auf ehrwürdige Zeugen der franzöſiſchen National⸗ oder Pariſer Localgeſchichte zu ſtoßen. Die Freunde des Alten und Alterthümlichen finden in den ſymmetriſchen und admi⸗ niſtrativ zweckmäßigen Neubauten keinen genügenden Erſatz für das Verſchwinden ſo mancher Bruchſtücke von kunſthiſtoriſchem oder blos maleriſchem Intereſſe; in den meiſten Fällen aber ſind die Klagen ungerecht. Merkwürdige Privatgebäude des Mittelalters und der Renaiſſance⸗Epoche ſind längſt nicht mehr übrig; die großen Her⸗ renhäuſer des franzöſiſchen Adels aus den Zeiten von Ludwig XIII. bis Ludwig XVI. wurden in der erſten Revolution größtentheils verwüſſtet und ſeitdem zu induſtriellen Zwecken benutzt. Die jetzigen Abbrüche werfen daher nur bedeutungsloſes Mauerwerk um, wobei der Künſtler nichts zu bedauern hat; und übrigens wenn ſie auf ihrem Wege ein altes Monument antreffen, wie den Pfarrthum von St. Jacques de la Boucherie, die Trümmer des Badepalaſtes Julians und das Hotel Cluny, ſo halten ſie ein, biegen ab oder umgeben es mit einer freundlichen Gartenanlage, die ſeine Wichtig⸗ keit und Wirkung erhöht. Auch hat die ſtädtiſche Verwaltung un⸗ längſt ein altes Herrenhaus im Marais, das Hotel Carnavalet, an⸗ gekauft, das zu einem Muſeum eingerichtet werden und alle inter⸗ eſſanten Ueberbleibſel, die man nicht an ihrer urſprünglichen Stelle laſſen konnte, aufnehmen ſoll. Dem Archäologen iſt auch das frei⸗ lich nicht genug und nur weiterer Anlaß zu Litaneien und Vanda⸗ lismus; aber der Aedil kehrt ſich nicht daran und hat Recht. Um leben zu können, ſind die großen Städte leider oft geaöthigt, ihren hiſtoriſchen Staub wie den Gaſſenkoth auszufegen. Todte Zeiten, die man unbegraben läßt, haben ihre ſchädlichen Ausdünſtungen wie Leichen und verpeſten die Nachwelt, die eigenſinnig mit ihnen unter Einem Dache hauſen will.
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Luxemburg.
In dem neuen Entwickelungsdrama Deutſchlands iſt das Groß⸗ herzogthum Luxemburg augenblicklich in den Vordergrund gerückt, ſo daß es unſere Leſer intereſſiren wird, etwas Näheres über dieſes Ländchen zu erfahren.— Das Ländchen iſt in gewiſſer Bezlehung das freieſte und die wenigſten Abgaben zahlende Deutſchlands und ſelbſt Europas. Es will in ſeiner lockeren Beziehung zum König⸗ Großherzog von Holland verbleiben, nicht preußiſch, nicht belgiſch, aber auch, und hauptſächlich, nicht franzöſiſch werden. Sein Wunſch iſt der Refrain ſeines Volksliedes:„Wir wollen bleiben, was wir ſind, wir wollen Lutzelburger bleiben!“ Ihre Sprache iſt das „Luxemburger⸗Deutſch,“ d. h. ein Deutſch, mit dem Walloniſchen und dem Franzö ſiſchen gemiſcht. Die Gebildeten haben eine beſon⸗ dere Vorliebe für die franzöſiſche Sprache; hochdeutſch wird faſt von allen Bewohnern verſtanden, aber weniger geſprochen. Die Confeſſion iſt allgemein die katholiſche. Seit 1815 als holländiſche Provinz betrachtet, bildet das Großherzogthum jedoch ſeit 1841 einen ſelbſtſtändigen Staat mit eigener Verfaſſung und Verwaltung. Es iſt in 5 Diſtricte getheilt: Stadt Luxemburg, Landkreis Luxem⸗ burg, Diekrich, Grevemacher und Merſch, wodurch zugleich die Hauptortſchaften nachgewieſen ſind, wenn man noch das durch ſeine ſonderbare Spring⸗Proceſſion bekannte Echternach, ſowie Remich, Vianden und Wilz dazu nennt. Die Verfaſſung iſt eine eingeſchränkt monarchiſche, die Krone iſt erblich in dem Mannesſtamm des Hau⸗
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