Jahrgang 
1 (1867)
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747 Kleines Roman⸗Magazin. 748

Nie? fragte Simeon.Nun, wir wollen ſehen! Schau Dich um! Gefällt Dir der Bräutigam wirklich nicht?

Das Mädchen blickte um ſich, vor ihr ſtand Roman Jaſſenski.

Umarmt Euch, Kinder! ſprach der Vater, die Hände der Liebenden ineinander legend.Seid glücklich und erzählt Euren Kindern, daß treue Liebe, wenn auch ſpät, dennoch von, Gokt be⸗ lohnt wird!

Viel Ermahnendes ſprach noch der Alte, wenig hörten aber die beiden jungen Brautleute.

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Bei der Hochzeit war großer Jubel in der ganzen Stadt, da ſich die Nowogroder durch mehrere Siege ihre alten Freiheiten und Rechte erkämpft hatten. Als Olga unter der Brautkrone mit Roman zum Traualtare ging, flüſterten die Männer:Wie ſchön iſt die Braut! Die Weiber und Mädchen aber:Wie ſchmuck iſt der Bräutigam!

Die jungen Eheleute lebten glücklich. Der gute alte Iuri hatte große Freude an dem Glücke ſeines Roman's, und fragte öfter ſei⸗ nen Bruder:Hatte ich nicht Recht, Simeon?

Gewiß! antwortete der dann.Mein war die Schuld, Gott aber hat es gut gefügt!

Der ſchwediſche Dichter K. J. L. Almgbiſt.

Vor wenigen Monaten ſtarb, fern von ſeiner Heimat, in Bremen dieſer ebenſo geniale als unglückliche Schriftſteller. Almgviſt war im Jahre 1793 zu Stockholm geboren. Er kam 1808 auf die Univerſität Upſala und wurde 1815 Magiſter. Dann verweilte er mehrere Jahre in Stockholm, an der Kanzlei beſchäftigt. Der Leichtſinn und die Ober⸗ flächlichkeit, welche damals die gebildeten Kreiſe Stockholms kenn⸗ zeichneten, erregten ſeinen Abſchen. In Upſala hatten die ſogenann⸗ tenGothen ihren Sitz und beherrſchten von da aus die Literatur. Dieſe Leute verwarfen Alles, was dem Ausland entſtammte, im Leben wie in der Schriftſtellerei, wollten reine Nationalität herſtel⸗ len und ſchwärmten nur für alte ſkandinaviſche Zuſtände, kühne Wikinger, gewaltige Grundherren u. ſ. w. Eine große Anzahl jun⸗ ger Männer, zu denen auch Almgviſt gehörte, wollten dieſe Ideen verwirklichen, und verzogen zu dieſem Ende in's Innere Werm⸗ lands, wo ſie ländliche Koloniſten wurden. Das Landleben ſchien aber der jugendlichen Phantaſie poetiſcher, als es in der That war; dem glühenden Eifer entſprachen ihre Kräfte nicht und Einer nach dem Anderen bekam die Idyllen der Wälder bald ſatt und eilte wieder nach Stockholm oder Upſala. Obſchon dieſes ganze Streben etwas Kindiſches hatte, ſo that es doch der literariſchen Entwicke⸗ lung Almgviſt's großen Vorſchub, denn er lernte das ſchwediſche Volksleben und die in armen Hütten ſich bergenden poetiſchen Schätze kennen, welche Schätze er in zwei ſchönen Novellen: dieKapelle und Die Kolonie Grimſtahamm ausbeutete. Aus Wermland nach Stock⸗ holm zurückgekehrt, verſuchte es Almgviſt mit pädagogiſcher Thätig⸗ keit, zuerſt als Lehrer an der Kriegsakademie von Karlsberg, dann (1829) als Rektor der neuen Elementarſchule zu Stockholm. In dieſem Berufe, ſchrieb er hiſtoriſche, mathematiſche und grammatiſche Lehrbücher, die wenigſtens von der Vielſeitigkeit ſeiner Kenntniſſe Zeugniß gaben. Am meiſten widmete er ſich jedoch der Poeſie und ſchönen Literatur. Bereits in Upſala hatte er der romanti⸗ ſchen Schule ſich angeſchloſſen und in Almanachen allerlei poetiſche Verſuche an's Licht geſtellt, aber erſt in den dreißiger Jahren unſe⸗ res Jahrhunderts erregten ſeine Schöpfungen die Aufmerkſamkeit des großen Publikums, beſonders die in der SammlungWilde Roſen(Törnrosens bok) enthaltenen lyriſchen, dramatiſchen und epiſchen Stücke. Ganz Schweden bewunderte die reiche Phantaſie, plaſtiſche Kraft und Farbenpracht dieſer Dichtungen, und man war nahe daran, Almaviſt für den größten ſchwediſchen Dichter zu er⸗ klären. Aber dieſe Ehre befriedigte ſeinen unruhigen Geiſt nicht; er wollte nicht blos die Poeſie, ſondern auch das ſociale Leben refor⸗ miren. Er ſchrieb ſeine berühmte Novelle Det gar an, in welcher er die Rechte derfreien Liebe gegen kirchliches Ehehündniß in

Schutz nimmt, und übernahm die Redaction desAbendblattes (Aftonbladet), welches Blatt die Freidenker damaliger Zeit zu einer wahren herrſchenden Macht erhoben hatten. Aeußerlich war Alm⸗ gviſt's literariſcher Standpunkt nicht ein glänzender: ſeine literari⸗ ſchen Freunde bildeten eine große Partei, und ſeine ſocialiſtiſchen Beſtrebungen entzückten Viele; als Redacteur desAbendblattes beherrſchte er die Literatur. Aber auf der anderen Seite hatte ſein Streben auch den Haß angeregt; ſocialiſtiſche Widerſacher verbün⸗ deten ſich mit ſeinen poetiſchen Feinden; ſie denuncirten die Gefähr⸗ lichkeit ſeiner Lehren, beſchuldigten ſeine Werke der Unchriſtlichkeit und Unſittlichkeit, und Mancher wollte des Verfaſſers eigene Mora⸗ lität verdächtigen. Leider gab ihnen Almaviſt ſelber beklagenswerthe Veranlaſſung zur Schadenfreude; denn es wurde ihm die Urheber⸗ ſchaft einer Wechſelfälſchung nachgewieſen, ja, er kam ſogar in drin⸗ genden Verdacht einer Vergiftung. Um gazichtlicher Strafe zu ent⸗ gehen, floh er(1851) heimlich nach Amerika, wo er bis 1865, als dem Jahre ſeiner Ueberſiedelung nach Bremen, verweilte. Genaue Kunde von dem Leben, das er in dieſem Zeitraum geführt, hat man nicht erhalten.

Almaviſt iſt eine ähnliche Natur wie Byron, Heine, George Sand, gehört alſo zu den unerfreulichen Erſcheinungen unſeres Jahr⸗ hunderts, die, nur ſelten mit Gott und ſich ſelber in Frieden lebend, gewöhnlich zwiſchen Uebermuth und Verzweiflung, Begeiſterung für eine Idee und Verhöhnung derſelben, phantaſtiſchem Spiritualismus und Materialismus hin und her ſchwanken. Sie ſind große Gei⸗ ſter, und doch kann man ihre Namen nicht mit reiner Freude aus⸗ ſprechen, ſie ſind große Dichter, und doch wird nur der kleinſte Theil ihrer Schöpfungen auf die Nachwelt übergehen, denn es gebrach den Schöpfern wie ihren Werken eine der erſten Bedingungen des Lebens wie der Poeſie die Vollendung.

Die Schweſtern Carlotta und Adeline Patti.

Beide ſind Weltbürgerinnen im eigentlichen Sinne des Wortes, von der Wiege an ſtellt ſich ihr Leben als eine ununterbrochene Wande⸗ rung dar. Nach dem Ort ihrer Geburt Spanierinnen, vermöge der Nationalität ihrer Eltern Italienerinnen, wurden ſie in Newyork erzo⸗ gen. Nachdem ſie innerhalb der Vereinigten Staaten den Grund zu ihrer Berühmtheit gelegt, kehrten ſie nach Europa zurück, und zur Zeit gibt es in England, Frankreich und Deutſchland kaum eine Stadt von einiger Bedeutung, deren Concertſäle und Theater nicht von ihrem Geſang und dem ihnen geſpendeten Beifall wiederhallten. Zwiſchen den Schweſtern, deren jede ihren gewandten Impreſario zur Wahrung der geſchäftlichen Intereſſen ſtets zur Seite hat, ſoll das Uebereinkommen beſtehen, daß ſie nie gleichzeitig an einem und demſelben Ort ſich hören laſſen. Carlotta Patti, die Heldin der reiſenden Virtuoſengeſellſchaft, die unter der Führung des Ame⸗ rikaners Ullmann während der letzten Winter unſer Deutſchland nach allen Richtungen durchzogen, iſt ausſchließlich Concertſängerin. Trotz der ſonſt vortheilhaften äußern Erſcheinung, des ſtattlichen Wuchſes und des edel geformten Geſichts blieb ihr, wegen eines körperlichen Ge⸗ brechens, der Lähmung eines Kniee's, die Bühne unzugänglich. Drei Eigenſchaften ſind es, die ihr eine hervorragende Rolle im Bravourgeſang der Gegenwart anweiſen: Die beiſpielloſe Entwicke⸗ lung des höchſten Regiſters, das perlende Paſſagenſpiel und die la⸗ chende Anmuth des Vortrags. Die Stimme hat ihrer Herrſchaft ein Gebiet unterworfen, an welches die meiſten Soprane kaum hinan⸗ ſtreifen. Gerade ihre üppigſten Sproſſen und Blüthen treibt ſie in einer Tonregion, die bei anderen ewiger Schnee deckt. Die Schwe⸗ ſter Adeline Patti, obgleich ſie keine 24 Jahre zählt, blickt ebenfalls

gangenheit zurück. In einem Alter, in dem die meiſten Mädchen noch mit der Puppe ſpielen, hatte ſie ſchon Lorbeeren im Concert⸗ ſaal gepflückt. Ihren Siegeszug über die engliſchen, franzöſiſchen und deutſchen Geſangsbühnen begann ſie als 18 jährige Primadonna des Coventgardentheaters. In der heiteren Gattung hat die Sän⸗

gerin ihre künſtleriſche Heimath. Durch Alles, was wir vernehmen,

bereits auf eine lange, an den mannigfaltigſten Ehren reiche Ver⸗