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Kleines Roman⸗Magazin.
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koſtete, war er froh und zuvorkommend und machte ſich Manchen von den Großen des Hofes zum Freuude. So wurden ihm die Geſinnungen des Großfürſten bekannt, die leider! nicht günſtig für Nowgorod waren. Mehr gewandt als Herrſcher, wie der Vater einſt geweſen, war der junge Waſſili, doch hatte er vom Helden des Don's nicht Biederkeit, nicht den ritterlichen, perſönlichen Muth ge⸗ erbt. Wenn er auch die Rathſchläge ſeiner Großen anhörte, ſo war er doch kein Werkzeug ihrer Hand, ſondern handelte nach ſeinem Willen. Darum auch ſandte er den Nowgorodern den Abſagebrief, der ihnen den Krieg erklärte. Vorher aber hatte ſchon Roman, der dies verkündete, die Nowgoroder Kaufleute davon benachrichtigt; dieſe waren auf ihrer Hut und keiner von ihnen, nichts von ihren Waaren fiel in die Hände des feindlichen Großfürſten. Die Nowgoroder jubelten, der Großfürſt ſchäumte vor Zorn— Roman harrte indeß mit heimlicher Ungeduld auf einen Boten aus der Heimath, der ihm weitere Befehle der Volksverſammlung bringen ſollte. So verſtrich der Winter.
Des Unglücks letzter Freund, der Schlaf, hatte ſich auf Romans Lager geſenkt. Süße Träume verſcheuchten die Qual der Trennung, die düſtere Zukunft und trugen ihn hin zur Geliebten, die ihn mit holdem Kuſſe empfing. Da plötzlich knarrt die Thür ſeines Schlaf⸗ gemachs, Waffen klirren, man faßt ſeine Hände. Vergebens will er ſich emporrichten, man feſſelt ihn und mit verhülltem Angeſicht führt man ihn zum Wagen, der ihn in einen unterirdiſchen Kerker bringt. Die ſchwer⸗ eiſenbeſchlagene Thür ſchließt ſich hinter ihm; Verzweif⸗ lung ergreift ſein Herz, denn Alles iſt verloren, er iſt erkannt, und ein entehrender Tod erwartet ihn.
Schon verkündete Glockengeläut den Anbruch der großen Faſten; Roman ſchien in ſeinem dumpfen Kerker vergeſſen, als eines Tages bei ihm der Bojar Jewſtaſia Shüta, früher großfürſtlicher Statt⸗ halter in Nowgorod, erſchien.
„Du biſt es?“ rief dieſer aus, als er den Gefangenen erkannte, „ſprich, Roman! was brachte Dich hierher?“
Der Jüngling erzählte, daß man ihn als Feind von Moskau gefangen halte.
„Ich bedaure Dich herzlich!“ ſprach Jewſtaſti,„mich ſandte der Großfürſt in die Gefängniſſe, um, nach altem Brauch der Faſten, hier Almoſen und Gnade zu ertheilen. Bevor er heute das Abend⸗ mahl empfängt, kann ich für Dich um Gnade bitten. Doch ſetze ich Dir eine Bedingung: bleibe hier, für immer! Ich weiß, wieviel Du werth biſt, wie wenig Nowgorod Deinen Werth anerkennt. Hier ſoll es Dir beſſer gehen; der Großfürſt wird Dich mit ſeiner Gnade überhäufen, ich aber liebe Dich ſo, daß ich Dir meine Tochter zur Gattin geben will. Du gefällſt ihr und auch ſie war Dir, glaube ich, früher nicht ganz gleichgültig. Drum ſchlage ein, Freund Roman!“
„Nicht für alle Schätze der Erde,“ antwortete Roman mit kalter Ruhe,“ verkaufe ich meine Heimath. Nicht in meinen Händen, ſondern an meinen Händen klirrt das Eiſen, darum unterhandle ich nicht mit den Feinden Nowgorods! Ein Verräther wäre ich, ginge ich als freier Mann in Deinen Vorſchlag ein— eine nichtswürdige Memme, thäte ich es jetzt als Gefangener. Jetzt harrt nur eine Braut meiner, das iſt der Tod; den mag der Großfürſt mir geben!“
„Dir ſoll geſchehen, wie Du begehrſt, Starrkopf!“ zürnte Shüta, die Thür hinter ſich klirrend zuwerfend.
Roman war ſtolz, für ſein Vaterland, für ſeine Liebe das Leben zum Opfer zu bringen.
VIII.
Längſt war der Winter dahin, der Sommer verſchwunden wie die Morgendämmerung, und ein neuer Winter mit ſeinen Schnee⸗ ſtürmen erſchienen, aber Roman wurde vergebens von Olga erwartet. Des Ilmen⸗See's blauer Eisſpiegel war vergangen vor dem Blick der Frühlingsſonne und eilfertige Schwalben küßten ſpielend die klaren Wellen des Wolchow; auflebende Freude überall, nur nicht für Olga! Durch Thränen erſcheint der Tag nicht hell, Qual des Herzens macht aus kurzer Nacht eine Ewigkeit! Des Mädchens
Schönheit verſchwand wie der Regenbogen nach dem Regen, bleich ward das liebliche Antlitz. Wohl ſchenkt der Vater ſeiner trauernden Tochter koſtbare Zobel von Jakutſk, Perlen, Spangen und diaman⸗ tenen Schmuck, wohl gaukeln vor Olga ihre Freundinnen in mun⸗ tern Spielen nach dem Klang des Liedes; doch Olga flieht und das Schloß ihrer Zimmerthür frißt der Roſt. Vom Morgen bis zum Abend ſchaut ſie vom Fenſter des Erkers nach Dem, den ſie zu ſehen nicht mehr hoffen, deſſen Namen ſie nicht nennen darf. Wohl zürnte ſie manchmal, daß Roman ohne Abſchied, ohne zu ſagen, wohin und warum, von ihr gegangen ſei, Eiferſucht ſchlug manch⸗ mal die verletzenden Krallen in ihr Herz; doch die Liebe beruhigte wieder den Sturm des Innern und ſie ſprach dann wohl für ſich: „Roman iſt mir nicht ungetreu, denn zu ſehr habe ich ihn geliebt. Wer der Liebe nicht Vertrauen ſchenkt, iſt nicht der Liebe werth. O wäre ich ein Vöglein, ich würde durch die Welt fliegen, ihn zu ſuchen, und fänd ich ihn todt, würd' ich auf ſeinem Grabe ſterben!“
An der theilnehmenden Mutterbruſt weinte Olga bittere Thränen; ſelten tauchte ein Lächeln auf dem trüben, lieblichen Angeſichte auf, wie ein Irrlicht auf dem Todtenfelde.
Oft ſprach Simeon grollend zu ihr:„Laß das Trauern! Thränen füllen kein Meer; Thorheit iſt's, wenn der Lebende ſich um den Todten grämt, und Roman iſt auf immer verloren. Erfülle meine Bitte, und erfreue mich, indem Du Dich vermählſt, damit das geweihte Licht über dem Grabe Deſſen, der ſeinen Namen aus⸗
ſterben ſieht, nicht verlöſcht wird. Du haſt die Wahl unter vielen ſchmucken Freiern!“
Thränen waren Olga's Antwort.
„Es wird ſich ändern!“ dachte ärgerlich Simeon, und irrte ſich darin, wie vorher.
Ueber Nowgorod brach das Ungewitter los. Andrei Alberdow, der Anführer von Waſſili's Heer, brach in das Dwina⸗Gebiet ein, unterwarf die Einwohner, und verführte den Nowgorodiſchen Bo⸗ jaren Joann, der in jenem Gebiete befehligte, zum Verrath am Vaterlande.
Als dieſe Nachricht in Nowgorod ankam, fragten die Häupter der Stadt in der Verſammlung:„Was werden wir beginnen?“
„Friedensvorſchläge nach Moskau ſenden, und uns zum Kriege rüſten!“ war die Antwort des Volkes. Der Poſſadnik Bogdan ging nach Moskau und kehrte ohne Troſt zurück, denn Waſſili hätte ihn nicht hören wollen.
„Gottes Zorn treffe den Schuldigen!“ ſagten die Nowgo roder, reichten ſich brüderlich die Hände, empfingen den Segen des Erz⸗ biſchofs und ſchwuren, zu ſiegen oder zu ſterben. Die vornehmſten Bürger ritten in die fünf Gebiete, die zu Nowgorod gehörten, um Alles zu entflammen und zu den Waffen zu rufen. Simeon wollte in das Derewski'ſche Gebiet abgehen, das zunächſt an Moskaus Grenze lag, und ſo der drohendſten Gefahr ausgeſetzt war.
Abſchied zu nehmen von Weib und Kind, trat Simeon ge⸗ wappnet ein.„Lebt wohl!“ ſprach er,„im Dienſt des Vaterlandes ziehe ich aus; was mir beſtimmt, das wird geſchehen! Führt Gott mich ſchützend heim, dann, Olga, feiern wir Deine Vermählung mit Michael Wolotei, mit dem treuen Diener des Vaterlandes, der nicht allein jung und ſchön, ſondern auch reich— ſehr reich iſt! Er hat meinen Beifall und ich hoffe auf den Deinen. Drum bereite Dich zur Hochzeit!“
Simeon hatte beim letzten Theil ſeiner Rede ſeitwärts geſchant, als könne er Olga's Schmerzensblick nicht ertragen. Ihr Auge umdunkelte die Nacht der Verzweiflung, ſie ſah nicht, wie der Prieſter den Vater mit dem geweihten Waſſer ſegnete, wie beim Abſchied⸗ nehmen, nach ruſſiſcher Sitte, ſich Alle auf einige Minuten ſtumm im Kreiſe niederſetzen,— hörte nicht, wie der Vater ſie ſegnete. Armes Mädchen! welch' Schickſal erwartet Dich?“
IX.
„Sei mir gegrüßt, freundliche Lerche, Bote des Frühlings! Freundlich ſingſt Du Dein Lied auf die Flur herab, die jetzt vom
Leichentuche des Winters befreit iſt. Wanderer der Lüfte! Du weißt


