739 Kleines Roman⸗Magazin. 740
Leidenſchaft, ſtärker ihre Reue. Sie glaubte eine Stimme zu hören, die alſo ſprach:„Ungehorſames Kind, nirgend wird dir die Ruhe, denn es fehlt dir der Segen der von dir zum Tode betrübten Eltern! Des Vaters Fluch, Gewiſſensbiſſe, die Verachtung der Welt folgen dir durch das Leben und verſchließen dir das Thor des Himmels! In Thränen wirſt du vergehen, verwelken in des Man⸗ nes Armen! Fremde Erde wird deine Augen verſchütten und dein Name zu den ſchlechten gezählt werden!“—
Inbrünſtiger wurde Olga's Gebet, ein ſegenvoller Strahl vom Höchſten geſendet, ſank auf ſie hernieder.
„Meine Flucht ſoll meine Eltern nicht betrüben, nicht entehren,“ ſprach ſie feſt zu ſich ſelbſt;„die Liebe hat Roman verblendet, doch wird er meinem Rathe folgen: meine Bitten werden die Eltern rühren, oder ich muß den Geliebten beweinen. Mag ich dem Un⸗ glück anheimfallen, doch nicht der Schuld!“—
Sie hatte geſiegt über ſich ſelbſt; der Engel des Schlafs brei⸗ tete wohlthuend ſeine Flügel über die Erſchöpfte.— Sanfter Schlummer ſei dir, reine Jungfrau! Noch manche Nacht wird dich wohl der Schlaf fliehen, noch oft wirſt du dein Lager mit Thränen benetzen, die nicht wie der Thau von der Sonne vergehen werden, die nicht der zärtliche Kuß der Mutter, ſelbſt nicht die Zeit trocknet. Noch lange tönen deine Klagen, noch lange harreſt du des Ge⸗ liebten.
V
Begünſtigt von der finſtern Nacht ſchlich Roman durch das Sophien⸗Thor aus Nowgorod und jagte dann auf ſeinem Rappen den Weg nach Moskau, als ob er dem nachgeſendeten Pfeile des Verräthers entfliehen wollte. Ein kalter, ſchwerer Nebel hatte ſich auf die Gegend gelagert, aber ſchwerer laſtete der Kummer auf ſei⸗ nem Herzen. Der Sturm fuhr durch ſein lockiges Haupthaar, der weite Mantel flatterte ihm über den Tartariſchen Sattel und der krumme Säbel klirrte an den breiten Steigbügeln. Dumpfe Glocken⸗ töne vom grauen Thurme des Chutünskiſchen Kloſters läuteten zum Nachtgebet und weckten Roman ans ſeinem Hinbrüten. Er blickte hinüber auf die dunklen Kuppeln, auf deren Spitzen im Mondſchein die goldenen Kreuze leuchteten und gedachte, daß er bei der ſchnellen Abreiſe vergeſſen hatte, ſich mit dem heiligen Kreuze zu bezeichnen. Er hielt das ſchweißtriefende Roß an, nahm die Mütze vom Haupt und ſich dreimal neigend, betete er:„Hilf, heilige Jungfrau!“ Dann dachte er kummervoll:„Im Augenblicke, wo der Verlobnngskranz unſerer harrte, die Geliebte in Gram und Zweifeln zu verlaſſen, iſt ſchwer; doch Gott wollte kein geheimes, ſegenentbehrendes Bünd⸗ niß,— ſein Wille geſchehe!“— In tiefes Nachdenken verſunken, ritt er weiter. Eindringlicher ſpricht das Gewiſſen, wenn ſelbſt Entſchloſſenheit nicht half, eine ſchlechte That zu vollführen;— ſo ging es Roman. Gleich dem Geier nagte der Kummer an ſeinem Herzen.— Der Mond beleuchtete durch zerriſſene Wolken den öden Waldweg, kein Blatt regte ſich, nur ſelten ſchwierte ein Nachtvogel durch die Bäume und nur das Echo wiederholte den Hufſchlag des Roſſes und das Geräuſch der vom Tritt des Thieres zerbrochenen ſpröden Baumwurzeln. Mitternacht, die Stunde des Unheimlichen, nahte, doch machtlos iſt die Hölle der Unſchuld gegenüber und wird von ihr verſcheucht, wie von dem Hahnenſchrei. Roman beſchützt der lebendige Glaube,— nichts iſt für ihn zu fürchten.—
Im raſchen Roſſeslauf jagte der Jüngling längs dem hohen Ufer der Wiſchera, der Brücke zu, die ihn auf die andere Seite bringen ſollte— da erſchallte ein helles Pfeifen, ein zweites ant⸗ wortete in dem Dickicht des Waldes. Das Pſerd ſchnob, die Nüſtern emporhebend, ein kalter Schauer durchrieſelte den Reiter. Vor ihm die ſchwache, ſchmale Brücke, hinter ihm der düſtre, undurchdring⸗ liche Wald, deſſen hohe, ſchwankende Tannen keinen Mondſtrahl auf das Waſſer fallen ließen. Unter der Brücke, zwiſchen den großen, im Flußbette liegenden Steinen wurde ein leiſes Rauſchen hörbar.
Behutſam zog Roman den Säbel aus der Scheide und ritt langſam auf die Brücke; das Roß ſtutzte, als ſähe es ein Geſpenſt, denn Alles war wieder ſtill und nichts zu erblicken.—
„Halt, oder Du biſt des Todes!“ rief eine unbekannte Stimme
——
und fünf fremde Geſtalten, die plötzlich unter der Brücke hervor⸗
ſprangen, umringten ihn.
„Zurück, Elende!“ entgegnete Roman furchtlos und hieb den, der ſeinem Pferde in den Zügel gefallen, zu Boden.
„Schlagt ihn nieder!“ brüllten die Räuber, und eiſerne Ku⸗ geln am langen Riemen befeſtigt, ſchwirrten um den Jüngling, der ſich muthig vertheidigte und ſich durchzuſchlagen verſuchte;— doch plötzlich ſcheute ſich ſein Roß und mit einem Seitenſprunge ſtürzte es von der Brücke. Unter der Schwere des Roſſes lag bewußtlos der Reiter in dem ſeichten Waſſer des Baches.
Der Tag dammerte, als Roman aus ſeiner Betäubung erwachte und ſich ihm ein wildes Schauſpiel darbot. Um ein Feuer, das dem Erlöſchen nahe war, ſchliefen die, mit langen Meſſern und Schieß⸗ gewehren bewaffneten Räuber. Pfeilgefüllte Köcher und Riemen⸗ kugeln hingen an den Bäumen. Einige Noſſe, unter ihnen Roman's Rappe, thaten ſich in aufgehäufter Gerſte gütlich.
Der Wächter war, ein kleines Pfeiſchen in der Hand haltend, auf vollen Mantelſäcken eingeſchlummert, unbeſchadet der Sicherheit der Bande, deren Hauptmann auf einem Bärenfelle, mit verbunde⸗ nem Kopfe, in einem Papiere leſend, dalag.— Roman konnte ſich Anfangs nicht beſinnen, wo er war, nur dunkel erinnerte er ſich der vorgehabten Flucht mit Olga, der großen Volksverſammlung, ſeiner Liebe zu dem Mädchen, die er der Liebe zum Vaterlande zum Opfer brachte, dann ſeiner Reiſe. Bei dieſem letzten Gedanken faßte er nach ſeiner Bruſt, wo er ſeine Aufträge, ſein Geld verwahrt hatte; beides fehlte. Der Schreck beraubte ihn auf's Neue der Beſinnung, indeſſen der Räuberhauptmann laut das dem Jünglinge entriſſene Papier durchlas:
„Der Tauſendmann und die Poſſadniks von Nowgorod an den Bojarenſohn Roman Jaſſenski.“
„Deine Rechtlichkeit iſt bekannt, überzeugt ſind wir von Deiner Treue, darum ſei Dir ein Geheimniß vertraut. Du biſt freilich noch jung, allein der Bart macht nicht den Verſtand und wir brau⸗ chen einen Erfahrenen, aber keinen Greis.— Der Großfürſt droht uns mit Krieg. Obgleich wir den nicht fürchten, wollen wir doch nicht Chriſtenblut vergießen, wenn wir es vermeiden können,— vielleicht hilft dazu Gold!— Die Moskowiſchen Bojaren, jetzt ver⸗ bunden mit den Baskaken, den tartariſchen Steuer⸗Einnehmern be⸗ reichern ſich gern mit dem Vermögen des Volkes. Doppelt treiben ſie die Steuern ein, handeln mit dem Recht und betrügen Fürſt und Volk. Begib Dich eilig nach Moskau, lebe dort als ein Fremd⸗ ling und ſuche insgeheim die fürſtlichen Kronbeamten für uns zu gewinnen, indem Du weder ſchöne Worte noch Gold ſparſt. Zeige ihnen die Ungerechtigkeit ihrer Anforderungen, das wechſelnde Schlachtenglück, die Macht Nowgorod's, und die eiſerne Feſtigkeit der Nowgoroder; die Habſucht der Bojaren und ihre Abneigung gegen die Beſchwerden eines Feldzuges werden Dir zu Hülfe kom⸗ men, und ſo dürfte, von jenen überredet, der Zorn des jungen Fürſten ſich leicht in Gnade verwandeln.— Doch ſei behutſam und traue nicht zu ſehr auf die ſchmeichelnden Verſprechungen der Herren vom Hofe, ſei freundſchaftlich mit ihnen, doch ſtütze Dich auf Dei⸗ nen Säbel. Schlafe ſcheinbar, in der Wirklichkeit ſei aber wach, damit der Fürſt uns nicht überfalle, nicht komme, wie der Schnee auf unſer Haupt. Folge unſerm Rath und ſei vorſichtig; die übri⸗ gen Befehle dictire Dein Verſtand.— Beherzige unſere gerechte Sache, alsdann wird Dich die heilige Sophia ſchützen und Nowgo⸗ rod nicht vergeſſen!— Gott ſei mit Dir!“—
Nachdem der Hauptmann dies geleſen, nahte er ſich beſorgt dem noch immer bewußtloſen Roman, wuſch ihm die Stirne mit kaltem Waſſer und bemühte ſich ihm Wein in die erſtarrten Lippen⸗ zu flößen. Lange waren ſeine Bemühungen vergebens, endlich wich der todtenähnliche Schlaf von dem Jünglinge und eine fllüchtige Röthe, gleich dem aufdämmernden Morgenroth, kehrte auf die bleichen Wangen zurück; er ſchlug die Augen auf und Erſtaunen malte ſich in ſeinen Geſichtszügen, als er den Räuber knieend über, ſich gebeugt erblickte. 3.
„Sei gegrüßt, Landsmann!“ ſprach erfreut der Hauptmann.
Roman, noch glaubend, Alles ſei ein Traum, richtete ſich halb
Himn e Bmute geſt. ahnte, wahr: wider mein rathen 9 geführ lenden
„ berauſ
1 „mein meine das junge eine Meer zu er
. die t
bis z
Rome Pflich derz: Heil nun
Dicki
auf ei laſt. Volk erhöh
Juri
ſern Herre
in un
vom
Krieg wir mit inden beſtär dem


