Jahrgang 
1 (1867)
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735 Kleines Roman⸗Magazin. 736

Kaufherrn, ſein Herz der Tochter Schickſal. Mit der vöäterlichen Liebe kämpfte ſein Stolz. Ueber Alles liebte Simeon ſeine Vater⸗ ſtadt Nowgorod, weshalb ihm auch Roman unbedeutend erſchien, da der ſonſt verdienſtvolle Jüngling ſich durch eine große That vor ſeinen Mitbürgern noch nicht hervorgethan hatte und vom Glücke noch nicht begünſtigt war. Außerdem hatte vor einiger Zeit Ro⸗ man in der öffentlichen Volksverſammlung ſich kräftig einer Mei⸗ nung Simeon's widerſetzt, wovon in der Bruſt des Letzteren ein bitterer Groll zurückgeblieben war. Freilich hatte er damals bald die Unſtatthaftigkeit ſeiner Meinung eingeſehen, allein ſelten wird Widerſpruch jüngerer Leute von ältern Männern verziehen, ſo auch hier. Seine Gefühle waren zwar in kaufmänniſchen Berechnungen nicht erſtickt, allein dennoch beſtimmte ihn Eitelkeit für ſeine Toch⸗ ter, einen vornehmen, reichen Freier zu erwählen, und ſomit war Roman's Schickſal entſchieden. Simeon wiederholte nicht gern, was er einmal geſagt.Bruder Juri wird grollen, dachte er,ſich aber nachher beſinnen. Olga's Liebe iſt Eis im Frühling; ſie wird vor Gram ein wenig weinen, ein reicher Bräutigam trocknet aber leicht ſolche Thränen mit dem Aermel ſeines koſtbaren Pelzes.

Erbleichend hörte Roman ſein Urtheil aus ſeines Freiwerbers Munde. Juri, der ihm ein zweiter Vater war, gab ſich Mühe, die Weigerung ſeines Bruders durch milde Worte zu lindern, indem er ihn tröſtend auf die Zukunft verwies, dennoch ließ ſich der Un⸗ glückliche nicht täuſchen. Das Herz eines Liebenden iſt weich, ſeine Blicke ſehen ſcharf, darum las Roman ſein Unkheil ſchon von ferne

aus dem Geſichte ſeines Wohlthäters. Stumm, verzweifelnd, das Auge ſtarr auf den Boden geheftet, ſo ſaß er lange auf der eichenen Bank. Bittere Seufßzer ſchwellten ſeine Bruſt und drohten, ihn zu

erſticken; endlich gewann die Natur den Sieg. Große Thränen netzten ſeine Wangen und ſchluchzend ſank er an Juri's Bruſt.

In jenen guten alten Zeiten ſchämten ſich gute Menſchen nicht zu weinen, ſie verbargen ihr Herz nicht unter erkünſteltem Lächeln, offen war ihre Freundſchaft, offen ihre Feindſchaft. Juri Wojes⸗

law's Thränen miſchten ſich mit denen Roman's; die Seele des

Jünglings fühlte ſich durch dieſen Himmelsthau des Troſtes erho⸗ ben und erquickt.

II.

Die ſchöne Olga, Simeon's Tochter, hatte von dem Vorgefal⸗ lenen Nichts erfahren. Sorglos ſaß ſie in dem lindenbeſchatteten Erker des väterlichen Hauſes, umgeben von der Wärterin und den dienenden Mägden, einen ſeidenen Teppich ſtickend. Während die zarte Hand mit der Nadel liebliche Blumen der Natur nachbildete, gaukelte die Phantaſie ihr holde Träume der Zukunſt vor. Ein ſanftes Roth, gleich dem der Roſe, überflog ihre Wangen, wenn ſie dachte, daß ſie vielleicht als Braut mit dem Geliebten ihres Herzens dieſen Teppich betreten ſollte. Sie erinnerte ſich an ihr erſtes Zu ſammentreffen mit dem ſchönen Roman, wie er, verwirrt durch ihre Lieblichkeit, durch den Zauber ihrer Schönheit, ſogar vergaß, ſie zu grüßen. Sie erinnerte ſich des Lenzes, als ihr Herz ſich dem Hauche der erſten Liebe, wie die Blumenknospe dem ſäuſelnden Zephyr, erſchloß; jenes herrlichen Maifeſtes, als zum erſten Male ihre Hand in der Roman's bebte, als ſie im heitern, ländlichen Spiele floh und dann abſichtlich zaudernd, von ihm in ſeine Arme geſchloſſen wurde, als ſie mit ihm Kränze von Birkenzweigen flocht und dieſe den Wellen des Wolchow preisgab, um aus dieſem Spiele, und auch wohl mehr aus des Jünglings Augen ihr künftiges Schickſal zu leſen. Ihre Gedanken kehrten auf alle Plätze zurück, wo die Liebenden ſich ſahen; ſie gedachte der heimlichen Worte, des Ganges, der Kleidung des Geliebten. Seufzend ließ ſie die Nadel ſinken und ihre Phantaſie gaukelte ihr Roman's Bild vor; ſie ſah ihn vor ſich ſtehen in dem blauen Kaftan mit ſilbernen Haken, der ſeine kräftige, aber dennoch ſchlanke Geſtalt umſchloß, in den grünen, goldgeſtickten Stiefeln. Sie ſah ihn mit gewohnter Freundlichkeit grüßen, die goldenen Locken ſchütteln, die befranzten Handſchuhe in den Schamachanskiſchen Gürtel ſtecken, ſie hörte im ſäuſelnden Luft⸗ zuge ſeine Stimme. Wie aufmerkſam lauſchte ſie auf Roman's Erzählungen von den Feldzügen der Nowgoroder am fernen Meeres⸗

ſtrande und in den Gebirgen; von den Kämpfen mit den eiſen⸗ gepanzerten Schwerdtrittern, den Schweden, den grimmen Polowzern und Litthauern.

Olga's Herz bebte krampfhaſt vor den Schreckniſſen, die über Roman's Haupt während ſeiner Gefangenſchaft ſchwebten und ihn auf ſeiner Flucht von den Ufern des Schwarzen Meeres nach der Heimath begleiteten. Des Mannes Muth erhöht die Achtung in der Jungfrau Buſen für ihn. Theilnahme verbindet und beſreundet uns den Leidenden, und leiſe hauchend, wie der Zephir im Lenze, zieht die Liebe in das Herz.

Olga fühlte ſich begeiſtert von Roman's Heldenſagen, ent⸗ zückt, wenn er zur liegenden Harfe ein wehmuthklingendes Lied ſang. In ſeinen klagenden Tönen klang der Widerhall ihrer geheimſten Gefühle und ihre Seele fühlte innig den Inhalt ſeiner Liebeslieder; noch lange, wenn er ſchon geſchieden, tönte ſeine ſüße Stimme ihrem Ohr, ſah ihr Auge des Sängers feurige Blicke. Da ſragte dann Olga ihre alte Wärterin:

Liegt Wahrheit wohl in den Worten des Liedes?

Und dieſe antwortete bekräftigend:

Im Märchen die Phantaſie, doch Wahrheit im Geſange.

Dann ſummte die Alte Olga's Lieblingsgeſang, zu denen Ro⸗ man die Melodie erfunden, und die ſorgloſe Jungfrau ſchwelgte in unheilbringender Leidenſchaft und hörte ſo gern zu, wenn ihr Herz in leiſen, ſüßen Tönen ſprach:

Ich liebe Roman! Armes Mädchen! halbverſtändliche Wünſche, Seufzer, Träume, die Dir ſein Bild vorgaukeln, beglei⸗ ten Dich, doch nicht ahneſt Du, wie bald ſich Alles ändert! Süßer Täuſchung gab ſie ſich hin, denn in der Neujahrsnacht er⸗ ſchien Roman ihr ja im Spiegel, führte ſie im Traume am heili⸗ gen Weihnach tsabend, in dem alten, hergebrachten Spiele, über die hochzeitliche Brücke. Und wenn alle dieſe Anzeichen ſie betrogen haben ſollten, ihr Herz würde ſie doch nicht täuſchen?

So ſchmeichelte Olga ihren Wünſchen, doch anders hatte das Schickſal es beſchloſſen.

Im Weſten ſank die Sonne des freundlichen Tages des Rjuen, wie man im Altruſſiſchen den Septembermonat nannte. In Ge⸗ danken verſunken, ſaß Olga unter dem breitäſtigen Apfelbaum des ſchattigen Gartens, der ſich hinter dem vöäterlichen Hauſe hinzog. Ein Geräuſch auf der andern Seite der Gartenmauer ſchreckte ſie aus ihrem Sinnen auf, Jemand kletterte herüber, nahte ſich durch das Gebüſch und Roman ſtand vor ihr. Erſchrocken wollte das Mädchen fliehen.

Bleib' und zürne mir nicht, Geliebte! bat der Jüngling, ſtürmiſch ihre Hand ergreifend.Höre mich, denn dieſer Augenblick beſtimmt über mein Leben!

Vergebens ſuchte ſich Olga ſeiner Hand zu entwinden;fliehe! ſprach die Vernunft,bleibe! das Herz.Was werden die Leute ſprechen? fragte die Vernunft,wie betrübſt Du den Geliebten, wenn Du fliehſt! zürnte das Herz. Der Kampf beider war noch nicht beendigt, als Olga ſchon, ohne zu wiſſen, wie das eigentlich geſchehen, Hand in Hand mit Roman auf der Raſenbank ſaß und den theuern Schmeichler mit ſüßem Liebesvorwurf beſchuldigte, ſo unüberlegt gehandelt zu haben.

Keine frohe Botſchaft bringe ich Dir, meine theure Olga! ſprach nun Roman.Meiner Werbung um Deine Hand ward eine abſchlägige Antwort. Leben kann und mag ich nicht ohne Dich, darum, wenn Deine Liebe nicht leerer Wortklang war, ſo mußt Du mit mir fliehen. Beim guten Fürſten Wladimir finden wir Schutz und unſere Herzen eine glückliche Zukunft.

Im düſteren Schweigen ſaß Olga, beſtürzt, vernichtet durch des Geliebten Worte. Dahin iſt Alles! zertrümmert die glänzenden Bilder der Phantaſie, die frohen Träume, die das Herz gehegt. Geſunken auf ewig iſt die Hoffnung, gleich dem Sterne, der ſich vom heimathlichen Firmamente losreißt und zur dunklen Erde niederſinkt. Und alles, ohne es zu ahnen! Lange durchſtürmten, gleich wogendem Meere, Leidenſchaften die jungfräuliche Bruſt; lange trübte der Gifthauch der Verzweiflung den klaren Spiegel

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